Differentia

Podcasts: Radio ohne Professionalitäts-Magie 2

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Gewöhnliche Radiosendungen, was für Fernsehsendungen in ähnlicher Weise gilt, haben den Charakter einer unerreichbaren, weil unverfügbaren Realität des Erlebens von entfernten Geschehnissen, deren Distanziertheit nicht einfach nur eine räumliche Separierung ist, sondern vermittelt wird durch ein massenmediales Dispositiv, das es zuwege bringt, dass Menschen, die man nicht kennt und nicht einfach kennen lernen kann, über Dinge sprechen, von denen man nie zuvor gehört hat und für die man sich nicht interessieren würde, wenn diese Distanziertheit nicht irritabel wäre.1

Will man ein Gespräch mit den Nachbarn zu führen wäre es sehr hinderlich, erst ein Gerät einzuschalten um dann festzustellen, dass es auch ohne Gerät geht. So ist es erst die Einschaltung des Geräts, gemeint ist der Empfangsapparat, die einen darüber informiert, dass nunmehr Dinge erlebbar werden, von deren Überprüfbarkeit und Beeinflussbarkeit man aufgrund der Einschaltung des Geräts ausgeschaltet ist. Der Empfänger schaltet sich für den Sender aus, sobald er sein Gerät einschaltet – und bleibt solange ausgeschaltet, solange der Sender sein Gerät, seinen Sendeapparat, eingeschaltet lässt. Sender und Empfänger bleiben füreinander ausgeschaltet, sobald sie das ihnen zugewiesene Gerät einschalten. Erkennbar wird dies daran, was im selben Augenblick für beide Seite nicht mehr wissbar ist, sobald die Kommunikation gelingt. Das, was anschließend nicht gewusst wird, schlägt sich nieder in Fragen, die über die jeweils andere Seite gestellt werden.

Dieses Nichtwissen hat nun Konsequenzen für das, was beiderseits beobachtbar wird.

Eine Konsequenz ist, dass beide Seiten, ohne, dass sie selbst etwas dazu beitragen können, auf ihre gegenseitige Erreichbarkeit nur vertrauen können: die Erreichbarkeit von Empfängern und von Sendern muss durch etwas ganz anderes sichergestellt werden als durch Senden und Empfangen, denn durch Senden und Empfangen schalten sich beide Seiten für einander aus.

Sowohl Hans-Magnus Enzensberger2 als auch Bertolt Brecht3 haben diesen Punkt in ihren radiotheoretischen Überlegungen bemerkt, konnten aber nur mit Forderung, Wunsch und einer Utopie darauf reagieren, indem sie diese gegenseitige Ausschaltung als Obszönität disqualifizierten. Diese Disqualifikation ist aber völlig unangemessenen, denn gerade die gegenseitige Ausschaltung ist die sozial provokative Operation zur Herstellung massenmedialer Kommunikation4 und ist damit auch geeignet, den Problemerfahrungsprozess in Sachen Kommunikation zu befördern, wenn sie auch gleichwohl nicht dazu geeignet ist, Wahnvorstellungen schöngeistiger Literaten zu besänftigen. Denn das, was sich Literaten unter Kommunikation vorstellen möchten, ist selten identisch mit dem, was geschieht, wenn Kommunikation geschieht. In diesem Fall gilt nämlich, dass die gegenseitige Ausschaltung Konsequenzen hat, die insbesondere auch die Professionalitäts-Magie von Literaten befördern. Jedenfalls hat die Obszönität der Ausschaltung aufgrund von Einschaltung niemals die Karrieren aufrichtiger Menschenfreunde behindert.

Denn: eine weitere Konsequenz ist, dass beide Seiten, Sender und Empfänger, für einander als Geheimnis, als Rätsel, als gewusstes Ungewusstes, als paranoische Fiktion in Erscheinung treten. Sie wissen nichts mehr von einander, weil sie nur über einander informiert sein können. Von einander können sie nichts wissen, weil sie für einander ausgeschaltet sind, was sie aber über einander noch wissen können, haben sie nicht selbst in Erfahrung gebracht, sondern besteht wiederum nur aus Erfahrungswerten anderer, also dritter Beteiligter, was wiederum bedeutet, dass sie ganz schlecht darüber informiert sind, wie die massenmediale Kommunikation die Kluft zwischen den Ausgeschalteten überbrückt, denn sie liefert umstandslos immer nur nur weitere Anlässe, um die gegenseitige Ausschaltung zu wiederholen, was schließlich dazu führt, sich für die Fortsetzung massenmedialer Kommunikation weiter zu engagieren.

Die selbstreproduktive Fortsetzung der Kommunikation wird zuerst durch defizitäre Informiertheit angestoßen und dann durch die Vermehrung von Informationsdefiziten fortgesetzt.5

Der Sende- und Empfangsapparat arrangiert als Dispositiv also eine Nichtinformiertheit über die Bedingungen des Zustandekommens der Kommunikation. Soll sie also weiter gehen, resultieren daraus Schwierigkeiten, die, wenn sie von der Gesellschaft bewältigt werden, eine ganze Welterfahrung, eine spezifische Empirizität von Realität standardisieren.

“Alles, was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien”. Dieser viel zitierte, aber wenig relevante Satz von Niklas Luhmann ist wunderbar geeignet eben jener Frage nach der spezifischen Empirizität der Welt, die so erfahrbar wird, aus dem Wege zu gehen. Denn die Frage, was wir über die Welt wissen, ist relativ uninteressant im Verhältnis zu der Frage nach der Art des Wissens. Was ein Schamane beispielsweise über die Welt der Geister weiß ist weniger ein Rätsel als die Frage, wie die Verständigung über das “Was” der Kommunikation Plausibilität erzeugt. Oder, die gleiche Frage andersherum gestellt: wie kann es kommen, dass Verständigung über mangelnde Plausibilität entsteht?

Das “Wie” der Kommunikation setzt sich offensichtlich durch in einer Ordnung des symbolischen Wissens, eine Ordnung, die ihre Gegenstände nicht zuerst ob ihrer “Washeit” qualifiziert, sondern bereits aufgrund der bloßen Modalität der “Dassheit” der Kommunikation, die dann von dieser abstrahiert, absieht, wegsieht und stattdessen lediglich die Empirie des Dispositivs zurück lässt.

So möchte man glauben können, dass Kommunikation ein Verhältnis zwischen Sendern und Empfängern ist, was empirisch dadurch überprüfbar wird, wenn und weil sich beide Seiten für einander ausschalten, diese Ausschaltung als Einschaltung der Kommunikation ankündigen und bei erfolgreicher Kommunikation dieser Ankündigung das Sender-Empfänger-Modell als das Wesen der Kommunikation apostrophieren.6

Tatsächlich aber stellt man fest, dass diese Empirie lediglich das Sinnprodukt eines geeigneten Dispositivs ist, das nur diese und keine andere Empirie zulässig macht, sich selbst als ausschließlich einsetzt und diese Ausschließlichkeit durch Ausschluss anderer empirischer Möglichkeiten verifiziert. Erst dann kann man über die Welt das wissen, was man durch Massenmedien über sie wissen kann. Und dann weiß man immer noch nicht viel über die Welt, sondern nur etwas darüber, wie sie massenmedial kommunikabel wird. Alles andere scheint dann nicht empirisch zu, weil einfach nicht mehr erklärt werden kann wie es anders sein könnte, erst recht, wenn sich diese Ausschließlichkeit imperial durchsetzt bis zu einem Punkt, an dem diese imperiale Durchsetzungsfähigkeit brüchig wird.

Um diesen Punkt soll es nachfolgend gehen.

Fortsetzung

1 Marßolek, Inge: Radio und Alltag in Deutschland und den USA. In: Hampf, Michaela und Ursula Lehmkuhl (Hg.): Radio Welten: politische, soziale und kulturelle Aspekte atlantischer Mediengeschichte vor und während des Zweiten Weltkrieges. Berlin 2006, S. 16 – 42, S.19, interessant dort besonders Fn. 6 über die Einführung des Dispositiv-Begriffs in die Medienwissenschaft.

2 Enzensberger, Hans Magnus: Baukasten zu einer Theorie der Medien. In: Kursbuch, Jg. 5, 1970, S.159 – 186. Und ders.: Baukasten zu einer Theorie der Medien. Kritische Diskurse zur Pressefreiheit. München 1997.

3 Bertolt Brecht: Der Rundfunk als Kommunikationsapparat. Rede über die Funktion des Rundfunks. In: ders, Schriften zur Literatur und Kunst 1920 – 1932. Frankfurt/Main 1967.

4 Diese Schwierigkeit ist in der Sprechakttheorie von Lacan bemerkt worden, sie konnte sich aber nicht von der Vorstellung einer Linearität des Gelingens von Kommunikation lösen: „Die Funktion der Sprache besteht ja hier nicht darin zu informieren, sondern zu evozieren. Was ich im Sprechen suche, ist die Antwort des Anderen. Was mich als Subjekt konstituiert ist meine Frage. … Die menschliche Sprache bildet also eine Kommunikation, bei der der Sender vom Empfänger seine eigene Botschaft in umgekehrter Form wieder empfängt.“ Lacan, Jacques: Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache in der Psychoanalyse. In, ders: Schriften I. 2. Aufl. Weinheim, Berlin 1986, S. 143.

5 Über den Zusammenhang von Autopoiesis und Nichtwissen: Luhmann, Niklas: Ökologie des Nichtwissens. In ders.: Beobachtungen der Moderne, Opladen 1992, S. 149 – 220. Und ders.: Die Realität der Massenmedien, Opladen 1996, S. 209.

6 Eine übersichtliche Darstellung des Shannon/Weaver-Modells findet man hier: http://www.mediamanual.at/mediamanual/workshop/kommunikation/bedeutung/modell01.php

 

 

Podcasts: Radio ohne Professionalitäts-Magie 1

Dies ist ein längerer, soziologischer, radiotheoretischer, etwas komplizierter und mehrteiliger Text über den Unterschied von Radiosendungen und Podcasts. Der Unterschied wird dadurch erklärt, dass Podcasts den Verzicht auf eine Professionalitäts-Magie leisten. Dieser Verzicht verweist auf einen Differenzierungsgewinn der Gesellschaft, in der es nicht mehr darauf ankommt,  die Standardisierungsleistungen und die damit verbundene Welterfahrung von konventionellen Massenmedien zu gewährleisten.


Am Ende des letzten Teils ist wird Audio-Datei verlinkt, in der der Text vorgelesen wird.

Es gibt im deutschsprachigen Raum ein nicht zu heilendes Leiden: immer, wenn es darauf ankommt, über etwas, das alle hinreichend kennen, anders als auf gewohnte Weise zu sprechen oder zu schreiben, scheint die Sache, um die es geht, mit einen Anglizismus bezeichnet werden zu müssen. Warum das geschieht und wie es dazu kommt weiß keiner,1 aber mindestens wird so eine Differenz eingeführt. Jedoch wird das Zudifferenzierende auf diese Weise merkwürdig indifferent behandelt. Es wird sprachlich ein Unterschied markiert, den einerseits jeder bemerkt, ohne dass andererseits zugleich eine Reflexion über den Unterschied unterscheidbar wird. Man ist damit der Notwendigkeit enthoben zu erklären, was das Andere oder Neue ist, über das auf neue oder andere Weise kommuniziert wird. Stattdessen werden die Anglizismen einfach weiter verwendet, womit anheim gestellt wird, dass alle anderen schon wüssten, was gemeint sei, ohne, dass dies explizit gesagt oder erklärt werden müsse: Radiosendungen heißen jetzt Podcasts. Warum? Egal, keiner weiß es; und man redet oder schreibt einfach weiter, weil das – soweit ist der Volksmund kommunikationstheoretisch auf der richtigen Seite – auch keiner wissen muss.

Allein, es geht um den Unterschied. Aber was macht den Unterschied aus? Eben dies kann dann nicht mehr so einfach kommunikabel werden, weil der Unterschied ohnehin schon irgendwie eingeschmuggelt worden ist, sofern die Kommunikation den Anglizismus nur weiter verwendet. Die Veränderung geht vor sich, aber was ist das Verändernde, das die Veränderung des Erlebens bewirkt?2 Warum hören die Leute Podcasts und nicht Radiosendungen, wenn doch das Erleben von Radiosendungen viel mehr Vertrautheit verspricht? Und wie erklärt man die Veränderung, die Bereitschaft, sich auf Veränderung einzulassen, zumal, wenn sie mit Zumutungen verbunden ist? Denn Gewohnheiten ändern heißt: Zumutungen bewältigen, und das kostet immer etwas. Warum also Kosten, Aufwand, Anstrengung, Konzentration übernehmen, wenn man noch nicht weiß, was die Veränderung bringen wird, wenn man die Folgen nicht kennt? Wenn man noch nicht weiß, wofür es sich lohnt?

Mit der Wahl des Anglizismus wird etwas Bekanntes und Vertrautes auf andere und neue Weise erlebbar, keine Frage – und es spricht tatsächlich nichts dagegen, Gewohnheiten zu ändern. Aber hat diese Inflation von Anglizismen nicht auch etwas Kreuzdämliches an sich? Ist das nicht eine Art von besinnungsloser Geschwätzigkeit? – Ich will das zwar glauben, aber nicht weiter kommentieren, um mich nicht mit paranoiden Liebhabern der deutschen Sprache verwechselbar zu machen. Denn es geht ja nicht um Sprachliebhaberei, sondern um die Kommunikation eines Unterschieds.

Was unterscheidet eine Radiosendung von einem Podcast?3 – Wenn wir zugeben, dass beides eigentlich dasselbe ist, das nunmehr auf andere und unvertraute Weise erlebbar wird.

Nun, es ist klar, dass der Unterschied nicht in der Wahl des sprachlichen Ausdrucks liegt, sondern in der Feststellung: das eine ist eine Radiosendung genauso wie der Podcast eine ist. Aber das andere, der Podcast wird auffällig durch den den Verzicht auf eine vertraute Professionalitäts-Magie, ein Verzicht, der einen komplexeren Folgenreichtum aufweist als eine Radiosendung, was daher kommt, dass die konventionelle Radiosendung angepasst ist auf Strukturen, die es vermeiden, die entscheidende Bedingung erfolgreicher Kommunikation beobachtbar zu machen.
Der Verlust oder der Verzicht auf eine solche Struktur macht nun einen Unterschied erkennbar. Dieser Unterschied wird bemerkt und scheint mir wirksam zu sein, aber er ist schwer zu beschreiben und in seiner Relevanz zu erklären, was vielleicht auch daher kommt, dass gerade der Anglizismus die Beschreibung des Unterschieds behindert und zugleich dafür sorgt, dass der Unterschied wenig relevant bleibt.

Also versuchen wir trotzdem eine Beschreibung des Unterschieds.

Fortsetzung

1 Die empirische Forschung kann zwar zählen und bewerten, aber wie der Prozess der Differenzbildung durch Übernahme von Anglizismen abläuft wird ihr immer ein Geheimnis bleiben. Siehe dazu: Schiemichen, Susanne: Das ‚fremde Bekannte‘. Über die Verwendung von Fremdsprachen in Werbeanzeigen deutschsprachiger Publikumszeitschriften. Norderstedt 2005.

2 Theologisch gesehen handelt es sich dabei um die Unterscheidung von potentia ordinata und potentia absoluta. Siehe dazu: Schröcker, Hubert: Das Verhältnis der Allmacht Gottes zum Kontradiktionsprinzip nach Wilhelm von Ockahm. Berlin 2003, S. 47 – 49.

3 Teuflischerweise leistet die Wahl eines Anglizismus der empirischen Forschung einen Bärendienst, indem durch die Differenz dafür gesorgt wird, dass man etwas Neues auf alte Weise behandeln kann. Siehe dazu: Lauber, Achim; Ulrike Wagner und Helga Theunert: Internetradio und Podcasts – neue Medien zwischen Radio und Internet. Eine explorative Studie zur Aneignung neuer Audioangebote im Auftrag der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM). München 2007. http://www.jugendkunstschule.jff.de/dateien/Endbericht_Internetradio_Podcasts1.pdf

 

 

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