Seduktion und Persuasion @JayRachel
von Kusanowsky
Dies Video gibt einen kurzen Einblick in die Arbeitsweise von Tilo Jung.
Es wird immer mal wieder die Frage aufgeworfen, ob Tilo Jung genauso jung und naiv ist wie sein Format. Die Antwort, die für konventionelle Journalisten nicht so einfach zu verstehen ist, weil sie sich gegen die Bedingung der Möglichkeit ihres Geschäfts relativ naiv verhalten dürfen, lautet: es kann sein, dass sein Konzept seinem Konzept entspricht. Es kann aber auch sein, dass das ein Irrtum ist. Aus diesem Grunde können sie den Erfolg des Formats nicht gut erklären. Es lässt sich nur schwer mit Konzepten persuasiver Kommunikation der Massenmedien vereinbaren.
Das liegt daran, dass sie selbst in die Strukturen massenmedialer Kommunikation von Persuasion verwickelt sind, die es erforderlich machen, dass Journalisten von ihrer Kompetenz dadurch überzeugen, indem sie den Zuschauer eben von dieser Komptenz ablenken (nämlich durch Professionalitätsmagie), was gelingt, solange sie sich relativ sicher sein können, dass der Zuschauer sich auch ablenken lässt, solange er für Journalisten zuverlässig ausgeschaltet bleibt.
Die Ausschaltung des Zuschauers geschieht durch einen Riesenaufwand an arbeitsteilig und kapitalintensiv organisierter Professionalität, deren Undurchschaubarkeit zwar sehr wohl kritisierbar, aber genauso zwecklos ist, weil Sendeanstalten und Verlage zuverlässig funktionierende Machtapparate (soziologisch: Organisationssysteme) sind, deren interne Konkurrenzverhältnisse es jedem Journalisten zur Aufgabe machen, von seiner Kompetenz dadurch zu überzeugen, dass er die Konkurrenzfähigkeit der jeweiligen Organisation befördert. Deshalb sprechen Journalisten mit Politikern nicht über Politik, weil das Gespräch über Politik selten jener Rationalität folgt, denen das Geschäft des Journalismus folgen muss. Die Zwecklosigkeit jeder Kritik ergibt sich dadurch, dass diese Machtapparate selbst zwecklos funktionieren. Denn haben sie die Zwecke erreicht, derenwegen sie zustande gekommen sind, dann fangen sie wieder von vorne. Zwecke werden also nicht erreicht, um sie abzuschaffen, sondern um sie wiederherzustellen (Autopoiesis). Das Ergebnis ist Zwecklosigkeit des Geschäfts, woran auch jede Kritik nichts ändern kann, um so weniger, da jede Kritik wiederum nur geeignet ist, genau diese Zwecklosigkeit zu befördern.
Das Geschäft von Journalisten besteht nicht darin, über Politik zu berichten, sondern darin, Auflage und Einschaltquote zu erreichen, Aufmerksamkeit zu steigern, also: marktfähig zu bleiben. Diese Rationalität – wie immer sie bestellt sein mag – ist gänzlich verschieden von derjenigen Rationalität, die Politiker berücksichtigen müssen. Denn auch Politiker unterliegen einem internen Konkurrenzdruck ihres jeweiligen Machtapparates, der sich aus der strukturellen Überschneidung von Staatsbürokratie und Partei ergibt. Das führt bei unvermeidlicher Verwicklung dazu, dass die persuasive Kommunikation der Politik ganz andere Rücksichten nehmen muss als dies bei Journalisten üblich ist. Politiker müssen den Gefälligkeitsstrukturen ihrer Organisation gerecht werden, nicht der Meinung des Publikums. Denn die Meinung des Publikums ist eine Sache der Journalisten, die, wenn sie anfangen, darüber zu berichten, nur von sich selbst überzeugen, nicht von der Meinung des Publikums.
Wenn unter diesen Bedingungen Politiker und Journalisten miteinander reden, wenn es zum Interview kommt, besteht das Ergebnis dieser Verkopplung in dem bekannten Ping-Pong-Spiel zwischen Journalisten und Politkern: für Journalisten sind Leser und Zuschauer genauso für die massenmediale Kommunikation ausgeschaltet wie Wähler und Bürger für die Politik ausgeschaltet sind. Denn in beiden Fällen sind sie durch die Machtapparate (Sendeanstalten und Parteien/Staat) exkludiert, können nicht mitreden, nicht eingreifen, nicht mitentscheiden. Das hat zur Folge, dass sowohl Journalisten und Politiker sich nur in Rücksicht auf ihre jeweilgen organisationalen Strukturen verhalten, was dazu führt, dass Journalisten nur solche Fragen stellen und Politiker nur solche Antworten geben, die die Funktionsweise ihrer jeweiligen Organisationen nicht beeinträchtigen. Und in dem Maße, wie diese Machtapparate stabil bleiben, bleiben auch die Formen der Kommunikation stabil. So kommt man zu dem Eindruck, dass man alles schon kennt, dass man alles schon weiß, wenn auch nicht hinsichtlich der Wahl des jeweiligen Themas, sondern hinschtlich der sozialen Struktur. Es ist immer das selbe, was um so besser gelingt, da die Arbeitsteilung eben jene Professionalität konditioniert, die schließlich die Kontingenz des Geschehens unsichtbar macht. So entsteht ein Normalitätseindruck, der zu Gewißheiten darüber führt, wie man richtigen Journalismus oder wie man richtige Politik macht.
In dem Gespräch des Videos oben gibt Tilo Jung nun Auskunft darüber, was er sich leisten, was er versuchen und ausprobieren kann, wenn er keine Rücksicht auf einen Machtapparat nehmen muss.
Ab Min 0:59 sagt er: „Ein Politiker kommt dann zum Reden, wenn eine von zwei Bedingungen erfüllt ist. Entweder sie haben das Gefühl, dass sie dir alles erzählen können, weil du ihnen alles abnimmst, weil du keine Ahnung hast, und sie das Gefühl haben, der glaubt alles, dem kann ich jetzt alles erzählen. Dann kommen sie automatisch in Fahrt. Oder du gibst ihnen das Gefühl, dass du eh ihrer Meinung bist – also: ja, ja, das sehe ich auch so. Dann kommen sie auch in Fahrt und lassen sich zu mehr hinreißen.“
Hier passiert etwas ganz anderes als das, was konventionelle Journalisten begreifen können. Tilo versucht gar nicht erst, seine Kompetenz zu beweisen. Das heißt, dass er sich jederzeit gegenüber seiner Inkompetenz inkompetent verhalten kann. Er kann, wie in diesem Video gezeigt, „geheimnisfrei“, unprofessionell, inkomptent über seine Inkompetenzinszenierung reden. Er könnte versuchen, seine besondere Kompetenz zu beweisen, er muss es aber nicht tun, weil für ihn der Zuschauer nicht prinzipiell ausgeschaltet ist. Denn jeder Internet-Zuschauer macht von den gleichen Möglichkeiten Gebrauch, von der auch Tilo Gebrauch macht, heißt: Beteiligung an der Kommunikation ohne Rücksicht auf organisationale Strukturen eines Machtapparates: Beteilung ohne, bwz. mit geringer und wenig aufwändiger Vorplanung, ohne Vorabstimmung, ohne Vorabsprachen, ohne Redaktionssitzungen, ohne Chefredakeuer, ohne Kapitalinteressen, ohne Rücksicht auf Verkaufserfolge, ohne Rücksicht auf die Rücksichten, die andere innerhalb des Machtapparates zu nehmen haben, weil es für die Beteiligung nicht darauf ankommt, in einen Machtapparat verwickelt zu sein. Ja, Tilo nimmt – wenn man seine Interviews anschaut – nicht einmal Rücksicht auf seine Zuschauer, was man daran erkennen kann, dass sie ewig lang und mit wenig Schneideaufwand zum Angucken bereit gestellt werden. Man könnte das in der Devise zusammen: Die Leute sollen gefälligst auf sich selbst Rücksicht nehmen. (Ein Rat, der bei Shitstorms gern unberücksichtigt bleibt.)
Es handelt sich um sozial geprägte und medial vermittelte Rücksichtslosigkeit, die man nicht nur hier, sondern überfall in der Interkommunikation findet. So kann Persuasion nicht mehr zuverlässig funktionieren, weshalb logisch das Frageverhalten von Tilo auf Seduktion umstellt. Seine Frage lautet nicht mehr: wie kann ich von mir in der Rolle eines Journalisten überzeugen, sondern: wie kann ich den Politiker verführen etwas zu äußern, das er unter anderen Bedingungen verschweigen wollte oder müsste? Wenn es klappt, dann könnte es sein, dass man jetzt etwas erfährt, das man mit Rücksicht auf organisationale Strukturen nicht hätte erfahren können, weil die Machtapparate ihre eigene Kommunikabilität streng limitieren. Und wenn es nicht klappt, ist der Journalist inkompetent.
Aber das ist nicht länger sein Problem, sondern das Problem derjenigen, die diese Inkompetenz kritisieren. Denn jetzt erkennt man endlich, dass die Kritik zwecklos ist, weil sie auf bereits mitgeführte Selbstkritik stößt, oder sagen wir besser: auf Selbstrücksicht.
Hat dies auf Ich sag mal rebloggt.
https://twitter.com/kusanowsky/status/646293005859581953
Als Ergänzung zum dem Blog-Artikel sei vielleicht noch kurz erklärt, warum ich dieses Konzept von Tilo bemerkenswert finde.
Es bleibt nach Beurteilung seiner Selbstbeurteilung immer noch die Möglichkeit übrig, sein Konzept als jung und naiv zu disqualifizieren. Dagegen spricht sachlich nichts, einwenden würde ich nur, dass man diese Kritik zwar trefflich begründen können mag, ja, man mag mit inbrünstiger Gewissheit behaupten, dass die Ergebnisse eher dumm sind, aber man hat damit noch nichts Intelligentes gesagt.
Wer es stattdessen nur dabei belässt, seine eigene Kritik gut und richtig zu finden, landet im Gefängnis einer selbstgewählten Dummheit. Denn: Tilo immunisiert sich gegen jede Kritik dadurch, dass er sie zulässig macht, jede Kritik, auch die dümmste Schmäh-Kritik ist noch zulässig, wobei diese genau wie jede andere ihre eigene Folgenlosigkeit feststellen muss.
Folgenlosigkeit nenne ich jede Art von Folgewirkung, die schon bekannt ist, noch bevor sie eingetreten ist. Folgenlosigkeit ergibt sich, wenn die einzige Folgewirkung nur etwas ist, woran schon zuvor niemand einen Zweifel hat. In diesem Fall ist die Folgewirkung nur Kritik, die eine Meinung mitteilt, wissend und vorhersehend, dass anschließend ohnehin nur weitere und andere Meinungen mitgeteilt werden, welche allein darum schon zulässig sind. Das kann man vorher sehen. Es ist vorhersehbar, dass nicht nur jeder ein Recht auf eine Meinung – und natürlich jeder ein Recht auf eine andere Meinung – hat, sondern dass jeder auch die verbindliche Möglichkeit geliefert bekommt, sie mitzuteilen. Das geht per Kommentar hier, bei Twitter, bei Facebook, bei Youtube oder sonst wo. Man äußert Kritik, teilt eine Meinung mit und belässt es dabei, dass alle anderen das selbe tun. Was immer sie mitteilen mögen, die Kommunikation bleibt, weil alle ihre Folgen vorhersehbar sind, folgenlos. Sie dreht sich im Kreis, sie verbleibt in ihren Wirkungsweisen trivial, dumm und naiv. Sie verliert ihren persuasiven Charakter, weil alle immer schon von etwas überzeugt sind und keiner aus irgendeinem Grunde seine Überzeugungen fallen lässt.
Diesem Zirkel kann man entgehen, indem man sich auf ihn ohne Vorbehalte einlässt. So etwas macht Tilo. Er provoziert eine all-out-Kritik, die sich tot- und dummlaufen muss, wenn sie meint, es könnte genügen, sie einfach nur fortzusetzen. Und solange das geht, ist Tilo immer der Gewinner dieses idiotischen Spiels. Jede Kritik, jeder Shitstorm, jedes Buzz-Wording steigert die Aufmerksamkeit auf dieses leerlaufende Spiel; und es scheint mir, dass es nur eine Möglichkeit gibt, sich gegen diesen Leerlauf zu immunisieren, indem man versucht auf Versachlichung umustellen, heißt in dem Fall: Wenn jede Kritik mitteilbar und zulässig ist, dann könnte man vermuten, dass damit die Chance geliefert wird, etwas zu erforschen, etwas zu probieren, etwas zu testen und zu lernen, dass klüger ist als dieses primitive Spiel.
Das ist die Versachlichungsprovokation von Tilo Jung: Lerne besseres und anderes zu verstehen als den Quatsch, den zu sehen bekommst, wenn du siehst, was du siehst, weil und solange dir selbst nichts Klügeres mehr einfällt als Kritik zu äußern, die ohnehin keinen mehr interessiert.
Und was bitte kann dieses etwas, das klüger ist und dieses andere, das besser ist, sein?
Das wirst du nie heraus finden und von mir wirst du es nicht wissen wollen.