Findet Kommunikation statt? Über soziale und parasoziale Beobachtung 8

von Kusanowsky

zurück / Fortsetzung: Neues kann niemand so einfach beobachten, denn alles, was man beobachten kann, ist, wenn es beobachtet wurde, schon nichts Neues mehr. In der Soziologie wird, und nicht nur dort, auf die paradoxe Anweisung, etwas Neues zu erforschen, das man schon kennen muss, damit man es als etwas Neues erkennen kann, so reagiert, indem man nichts Neues versucht und testet, ob sich trotzdem etwas ergibt, mit dem keiner gerechnet hat. Diese Praxis schlägt sich nieder in Texten, in denen zum tausendsten Mal zitiert wurde, was schon tausendmal zitiert wurde. Dabei handelt es sich um beständige Permutationen, die fast immer nur eine Belastungs- und Ermüdungsroutine sind. Wenn das, was jeder schon kennt und was schon tausendmal gelesen wurde, irgendwann als Unterforderung auffällt, könnte es vielleicht wahrscheinlich werden, dass der Versuch zur Überforderung wieder attraktiv wird. Dies geschieht durch sprachliche Verkomplizierungen des Kommentierens von Zitaten, womit allerdings keineswegs etwas Neues in die Welt kommt, sondern nur Entropie gesteigert wird. Wie kann das kommen?
Das kommt daher, dass Soziologen zwar ihre Sprachfähigkeit steigern und mit dieser Steigerung ganz andere Texte schreiben können, aber das ändert nichts an den sozialen Bedingungen des Zustandekommens von Texten und ihrer Kommunikabilität. Denn die Kommunikabilität von Texten, das gilt für alle anderen Dokumente auch und nicht nur in der Wissenschaft, ist immer auf einen bestimmten Typus der Formatierung von Anschlusshandeln angewiesen. Ein anderer, unter Soziologen gebräuchlicher Begriff dafür ist die Form der Vergesellschaftung, also die Art und Weise, wie Menschen in Gesellschaft verwickelt werden und wie durch die sozialen Verfahren der Verwicklung Erwartungen über Anschlussmöglichkeiten geordnet werden. Dieses Strukturen werden dann auch in den Texten beschrieben und entsprechen in etwa den Strukturen, durch die sie möglich werden. Die sinnhafte Kontingenz der Texte entspricht dem kontingenten Sinn derjenigen sozialen Verhältnisse, durch die diese Texte sozial produzierbar sind.
Soviel zu der Frage, ob sich Soziologen über Gesellschaft irren können. Die Antwort lautet: selbstverständlich sind Soziologien irrtumsfähig, dass aber die sozialen Strukturen über sich selbst Irrtümer produzieren, kann kein Soziologe nachweisen. Und andere Metaphysiker auch nicht.

Für alle, die dagegen Einwände haben: natürlich ist unter den Bedingungen einer fest etablierten und zuverlässig funktionierenden Wissenschaftsbürokratie auch Kommunikation über die Irrtümer der Soziologie möglich. Aber diese Kommunikationen liegen nicht außerhalb oder jenseits derjenigen Strukturen, die Kommunikation über die Wahrheiten der Soziologie zulässig machen. Ob Kommunikation über Irrtum oder über Wahrheit, ob über Lüge oder Vernunft, ob über Sachzwänge oder über Schwachsinn; in allen Fällen greift die sinnhafte Kontingenz der Formen des Vergesellschaftetseins der Beobachter, welche auch durch ihre Beobachtung nicht verfügbar gemacht werden können und welche damit der willkürlichen Veränderbarkeit entzogen bleiben. So etwas nenne ich, frei nach Michel Foucault, Macht.
Sowenig wie irgendjemand die Gesellschaft herstellen kann, so wenig kann sie irgendjemand ändern, was auch für die Strukturen der Vergesellschaftung von Wissenschaftlern und ihren Dokumenten gilt. Das heißt nicht, dass Gesellschaft nicht veränderbar wäre, sondern nur: Veränderung ist, wenn auch ein soziales, so innerhalb des Raums der Möglichkeiten aller Sozialität nur ein Zufallsprodukt; Veränderung ist nur ein soziales Produkt, das auf Zufälle angwiesen ist, die sich der Synchronisierbarkeit sozialer Prozesse entziehen. Und genauso wie Foucault ziehe ich daraus den Schluss, dass man, wenn man etwas Neues versuchen will, eigentlich keine Chance hat, es sei denn, man ergreift sie, mit allen Konsequenzen, die damit verbunden sind. Die schreckliste ist: keiner oder kaum einer merkt’s.

Fortsetzung

 

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