Trolle füttern und digitale Demenz vermeiden
von Kusanowsky
Dieses Video ist die Aufzeichnung des Vortrags „Der Troll als Ordnungshüter“, den ich am 18. Mai 2015 in Bonn beim Webmontag gehalten habe.
kurze Zusammenfassung des Vortrags: bei der Internetrollerei handelt es sich um einen Schwarmüberfall von unerwünschten Meinungen, die genauso überflüssig sind wie die fortwährende Beschwerde über diese Trollerei. Dieser Überfluss steht im Zusammenhang mit der Funktion des Internets im Ganzen, das außer der Trollerei auch noch viele andere, scheinbar pathologische Phänomene hervorbringt, die genauso überflüssig sind. Das hängt damit zusammen, dass das Internet im ganzen überflüssig ist. Gerade darin besteht das innovative Potenzial des Internets, weil das Internet und seine Auswirkungen durch die „AGBs der Gesellschaft“ nicht gedeckt sind.
Das ganze Redemanuskript findet man hier. Zum selben Thema hatte ich bereits einen Vortrag bei der Webcon14 in Aachen gehalten, der allerdings etwas ausführlicher ausgefallen ist. Den Text dazu findet man hier.
Die Ordnung, die die Trolle erhalten, ist gar keine. Jedenfalls nicht im Sinne einer statischen Regelung. Das Internet funktioniert wie ein Verstärker. Es verstärkt einfach alles, aber ohne Begrenzung und ohne Ausnahme.
Die Hoffnung der Menschen ruht auf Regelkreisen, die die Dinge (die Temperatur, die Gesundheit, die Wirtschaft, die Gesellschaft) innerhalb definierter Grenzen einpegeln und stabilisieren. Das Prinzip nennt man negatives Feedback. Das ist ebenfalls die theoretische Idee hinter einem Markt, in dem sich Angebot und Nachfrage gegenseitig regulieren und so ein Gleichgewicht bilden.
Dieses Gleichgewicht ist meiner Beobachtung nach aber eben nur eine theoretische Wunschvorstellung. Eine Idee, die stimmen muss, einfach weil sie so schön und logisch ist und sich so schön ausrechen lässt und sich Maschinen bauen lassen, die diese mathematische Stabilität verheißen.
Was tatsächlich bei all den Bestrebungen nach Homöostase herauskommt, ist aber positives Feedback. Wie ein Mikrofon, dass man vor einen Lautsprecher hält, mit dem es verbunden ist. Das ist die Situation, in der sich die Gesellschaft unter Verstärkung des Internet befindet. In so einem System gibt es immer nur eine Richtung, wie es auch in der Wirtschaft nur eine Richtung gibt, nämlich nach oben – bis zu dem Punkt, wo dann der ‚Markt überhitzt‘ oder die ‚Blase geplatzt‘ ist.
Bleibt zu hoffen, dass wir das Internet in den Griff kriegen, bevor die Blase platzt. Historisch betrachtet stirbt die Hoffnung immer zuletzt.
Angst und Hoffnung sind die schlechtesten Ratgeber und Lehrer, die es gibt.
Aber das Problem bleibt doch, dass das Schema, es ginge darum, ein Defizit von menschlichem Verhalten zu erkennen und durch vernünftige Ratschläge an seiner blinden Fortsetzung zu hindern, als Impetus Deiner Interventionen, fortbesteht. Kusanowsky sagt: Ihr, die überwiegende Mehrheit der Menschen, übt zwar, aber ihr übt falsch, ohne zu lernen (denn ich als Beobachter habe im Laufe der Zeit gelernt, dass ihr nichts lernt). Und ihr müsst euer defizitäres Verhalten ändern, damit alles besser wird. Warum kannst Du, Kusanowsky, nicht einfach abwarten, was passiert, ohne das Bedürfnis, das was du als fortgesetzte unangemessene Verhinderungsstrategie betrachtest verhindern zu müssen?
„Kusanowsky sagt: Ihr, die überwiegende Mehrheit der Menschen, übt zwar, aber ihr übt falsch, ohne zu lernen (denn ich als Beobachter habe im Laufe der Zeit gelernt, dass ihr nichts lernt).“
Wer mag dieser Kusanowsky sein, der sowas sagt? Ich bin’s nicht. Vielleicht liegt eine Selbstverwechselung vor?
„Lernen ist kein soziologischer Grundbegriff. Dies erscheint auf den ersten Blick nicht weiter verwunderlich, schließlich wird Lernen zuallererst mit Individuen assoziiert. Insofern erklärt es sich fast von selbst, dass dieser Begriff in der Soziologie eine eher randständige Rolle spielt. Er findet nur in spezifischen Diskursen überhaupt Verwendung, etwa wenn Individuen lernen, in und mit Gesellschaft zu leben, was gemeinhin die Sozialisationsforschung zu bearbeiten sucht. Eine weitere gewichtige Ausnahme ist die Organisationssoziologie. An Konzepten organisationalen Lernens herrscht kein Mangel. Dies ist womöglich wiederum damit zu erklären, dass man Organisationen zwar nicht mit Individuen verwechseln, aber viel eher als (lernende) Einheiten denken kann als schwieriger abgrenzbare Entitäten wie Gesellschaft, Schicht oder Klasse.
…
Ein integraler Bestandteil von Gesellschaftstheorie jedoch ist die Beschäftigung mit Lernen nur ausgesprochen selten. Dies ist auf den zweiten Blick dann doch überraschend. Schließlich ist es die große Frage der Soziologie, wie soziale Ordnung möglich ist. Diesem Rätsel sind gleich zwei Fragen inhärent: Wie stabilisiert sich soziale Ordnung? Und wie entsteht auf dieser Grundlage sozialer Wandel? An ebendieser Stelle muss die Diagnose überraschen, dass die gesellschaftstheoretische Beschäftigung mit Lernen ein Schattendasein führt. Warum wird sozialer Wandel so selten als Lernen beschrieben?“
gefunden in:
Marc Mölders: Die Äquilibration der kommunikativen Strukturen Theoretische und empirische Studien zu einem soziologischen Lernbegriff.
Klicke, um auf 978-3-938808-96-2.pdf zuzugreifen
Den Teil Kusanowskys, der trotzig abstreitet, Kusanowsky zu sein, meinte ich auch nicht. Ich richtete mich an den anderen, der (sich) eingesteht, es wohl oder übel immer auch ein wenig zu sein. Und der offen ist für meine Trollerei und die Ordnungshütung, die damit einher geht.
@Dorotyna Spieka
„Warum wird sozialer Wandel so selten als Lernen beschrieben?“
Das scheint mir eine sehr gute Frage zu sein. Diese Frage würde ich – analog zur Innovationsparadoxie – so fassen, dass nur gelernt werden kann, wenn schon gelernt wurde und dass jeder Begriff von Lernen und die Entwicklung entsprechender Lerntheorien sich nicht als Lernprozess beschreibt, sondern als Wissensprodukt aus zurückliegenden Lernerfahrungen, die sich gegen die Bedingungen ihrer Möglichkeit indifferent verhalten, damit sie beschreibbar werden. Eine andere Formulierung für den selben Sachverhalt wäre, dass für die moderne Gesellschaft jedes Konzept von Lernen immer eingepasst ist in organisationale Zwänge und dass unter diesen Bedingungen Lernbereitschaft nur dann anschlussfähig ist, wenn sie sich als Notwendigkeit zu erkennen gibt. Ohne eine solche Notwendigkeit ist Lernbereitschaft wenig attraktiv, weil es in einem solchen Fall schwer fällt, Adressen zu finden. Dass Lernende von Lernenden besser lernen könnten als von Lehrern, ist in Organisationszusammenhängen nicht vorgesehen. Insofern kann immer nur gelernt, geübt und gewusst werden, was immer schon gelernt, geübt und gewusst wurde. Organisationen können, weil sie keine zweckrationale Selbstauflösungserwartung kennen, keine Strukturalternative anbieten. Sie können nur ihre Autopoiesis fortsetzen. Daher wird Wissenschaft (wie alle anderen Funktionssysteme auch) relativ leicht als abgeschlossene Schöpfung beschrieben, das heißt: dass angeblich schon immer klar ist, was es ist und worum es geht.
„Und der offen ist für meine Trollerei und die Ordnungshütung“ – Ich lehne deine wie jede andere Trollerei grundsätzlich ab, indem ich sie einfach ignoriere.
Das heiße ich gut! Für Ablehnung in jeder Form bin ich sehr offen!
Hat dies auf Der blog fuhriello macht das Fuhrwerk bekannt rebloggt.