Shitstorm und massenmediale Persuasion

von Kusanowsky

Unter der Überschrift „Aufräumen nach dem Shitstorm“ wird der Shitstorm kommentiert, der über die Autorin Luise Pusch hereingebrochen ist, nachdem im Zusammenhang mit dem Absturz des Germanwingsflugzeug bei der Frauenzeitschrift Emma ein Artikel von ihr erschienen ist, in dem Geschlechtlichkeit als Selektionskriterium für die Qualifikation von Piloten vorgeschlagen wurde. Hier dürfte gelten, was auch im Sport gilt: nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Der Unterschied ist nur, dass man, was massenmediale Kommunikation durch Internet betrifft, noch nicht wissen kann, wen es als nächstes trifft. Es ist ein Roulettespiel, die Kugel rollt und jeder kann das Pech haben, seine Wahrnehmung von einem Shitstorm überfordert zu finden.

Nun, wo gehobelt wird, da fallen Späne. Da bislang in der Gesellschaft keinerlei ausreichende Bereitschaft entwickelt ist, das Zustandekommen von solchen Shitstorms auf das soziale Medium der Kommunikation selbst zuzurechnen, ergibt sich für die beteiligten Menschen nur ein parasozialer Erklärungszusammenhang. Das Unwissen, die Unvernunft, die Dummheit, die Bösartigkeit, die moralische Verkommenheit oder sonstigen charakterlichen Defizite wie Männlichkeit oder Weiblichkeit der anderen sind die Ursache für dieses Geschehen. Plausibel macht sich das durch das Beobachtungsschema, das diese Kommunikation strukturiert. Hier ein Beispiel, das Luise Pusch zitiert und das durch Zitierung kommuniziert wird:

Am 30. März bekam ich von einem Herrn D.D. folgende Mail:  Was fällt dir alten Schlampe eigentlich ein so eine SCHEISSE zu schreiben???????????????? Du dreckige Fotze hast noch weniger Gehirn als der Dreck unterm Fingernagel… Wenn ich dich sehen sollte würde ich dir sofort in deine hässliche Fresse treten und dich mit dem Kopf auf den Bordstein schlagen du Missgeburt. Hoffe du krepierst elendig vor dich hin oder wirst von einem LKW überfahren du Arschgeburt. Du bist es nicht wert in unserer Gesellschaft zu leben. (Herkunft)

Das parasoziale Beobachtungsschema, das diese Beobachtung auswirft, lässt sich wie folgt analysieren:

1. Kommunikation ist das, was mitgeteilt wurde, unabhängig davon, dass die Mitteilung dieser Meinung erst durch die anschließende Meinung über diese Mitteilung zur Kommunikation gelangt. Hier wird zwischen Mitteilung und Mitteilungssabsicht unterschieden und angenommen, ohne, dass dafür ausreichende Informationen vorliegen, dass die Mitteilungsabsicht aus der Mitteilung selbst hervor ginge. Die Mitteilung sei gleichsam selbstverständlich verstehbar; es gäbe kein ausreichend großes Informationsdefizit, das Anlass liefern könnte, die Mitteilungsabsicht der Mitteilung zu bezweifeln. Dass gerade die Übertreibung dieser Beschimpfung Grund liefern könnte, ihrer Überzeugtheit zu misstrauen, kommt entsprechend gar nicht erst in Frage. Dass gerade die Übertreibung das Zeichen eines enormen Informationsdefizits ist, wird einfach und kostenlos ignoriert.

2. Die Mitteilungsabsicht sei zurechenbar auf irgendeinen unbekannten Herrn D.D. und nicht etwa auf einen bekannten Beobachter, der diese Zurechnung kommuniziert. Da im Gesamtzusammenhang dieser Kommunikation die Zurechnung auf Geschlechtlichkeit nicht einmal ein lässliche Sünde ist, sondern eine selbstverständliche und nicht anders denkbare Routine, weiß man nun, was man von Männern halten soll, die sowas schreiben – und nicht etwa von Frauen, die so was zitieren.

3. Wichtig ist auch die Unterscheidung von Schuld und Unschuld, die zwar längst ihre Haltbarkeit eingebüßt hat, aber um den parasozialen Erklärungszusammenhang aufrecht zu erhalten, ist sie immer noch sehr gut geeignet. Jedoch wird diese Unterscheidung komplizierter behandelt als es den Anschein hat. Die Verteilung Schuldlasten als Erklärungsgrund für Ursachen wird sehr widersprüchlich aufgefasst: Schuld ist zunächst wer sich mitteilt und nicht wer nur liest und wahrnimmt. Wer aber dann seine Wahrnehmung des Mitgeteilten wiederum mitteilt, kann immer noch seine Unschuld behaupten, weil man auf Zurückliegendes verweisen kann, das als Ursache genommen wird. So kann sich, wenn Kommunikation nur als Handlung zur Mitteilung von Bedeutung aufgefasst wird, jeder Handelnde unschuldig nennen, auch dann, wenn die mitgeteilte Bedeutung extrem übertrieben ist, denn auch die Übertreibung bezieht sich auf Zurückliegendes, das als Ursache genommen wird. Folglich ist die Unterscheidung von Shit und Shitback zu Analyse von Shitstorms nicht geignet: ein Shitstorm ist nur eine massenmediale Shitback-Schleife.

4. Das parasoziale Beobachtungsschema macht vor allen Dingen die Rechtfertigung von Handlung beobachtbar, wobei jede Handlung sich dadurch rechtfertigt, dass eine andere es nicht ist. Da das für jede Handlung gilt, könnte man zu dem Ergebnis kommen, dass Rechtfertigung von Handlung nicht geeignet ist, das Zustandekommen von Shitstorms zu erklären, weil keine Handlung gerechtfertigt ist. Stattdessen wird die Shitback-Schleife nur weiter voran getrieben.

Diese Shitstorms können folglich nicht als eine fortlaufend scheiternde Kommunikation von massenmedialer Persuasion aufgefasst werden. Stattdessen werden erfolglose Versuche der Persuasion einfach fortgesetzt. Das soziale Medium, das diese Art der Kommunikation freisetzt, gestattet allen Beteiligen ein Recht auf Indifferenz. Und infolge dieser Gestattung macht sich das Medium für die Menschen unsichtbar, neutral oder irrelevant und stülpt auf der andern Seite seiner Möglichkeiten sichtbare, ansprechbare und erreichbare (odeer auch manipulierbare) Menschen aus, die nicht wissen müssen, wie ihnen geschieht, schon allein deshalb nicht, weil ihnen ein parasozialer Erklärungszusammenhang völlig ausreicht, um sich trotz allen Schadens schadlos zu halten, womit genügend unbestimmte Indifferenz programmiert bleibt, die dafür sorgt, dass es so weiter gehen wird.