Die Inkommunikabilität von Wissenschaftlichkeit @christorpheus @strippel
von Kusanowsky
Der folgende Text ist ein Kommentar zu dem Artikel Wissenschaft, Wahrheit, Ideologien und Politik von @christorpheus. Es geht in diesem Artikel um ein Lieblingsproblem von Wissenschaftlichkeit, die sich selbst gern beschreibt als eine soziale Form der Aufgeklärtheit, der Fähigkeit Komplexität zu verstehen und zu behandeln, die sich beschreibt als die Produktion entnaivisierter Wirklichkeitsauffassungen, die sich vom Alltagsverstand und lebensweltlicher Betrachtungen unterscheiden. Alle Wissenschaftlichkeit wäre eine, dem Alltagsvermögen des Durchschnittsmenschen nur schwer zugängliche Wissensprodkution, die gleichsam von einer höheren Warte, von einem übergeordneten Standpunkt, von einer exklusiven Position aus die Welt sieht, beschreibt und erklärt und sich angeblich schwer damit tut, ihre Funktion zu rechfertigen in einer Welt, die scheinbar nur das Gegenteil zu leisten vermag: einfache Sätze, einfache Texte, einfache Wahrheiten, einfache Beschreibungen, einfache Argumente, einfache Erklärungen. Welch ein Schicksal muss diese Art von Wissenschaftlichkeit ertragen, dass sie eine Zwangsabgabe in Form von Steuern durch den Staat für sich in Anspruch nimmt und dann der Undankbarkeit des unverständigen Publikums begegnen muss, obgleich dem Wissenschaftler nichts so sehr am Herzen liegt wie der Nutzen der Wissenschaft für die ganze Gesellschaft. Nicht wahr? Zum Glück wird in der Wissenschaft nicht geheuchelt, denn sonst könnte man glauben, dass Wissenschaftler ganz unverschuldet ein schweres Los trifft.
Ein Wissenschaftsbeamtentum hat sich die Exklusivität eines lebenslangen Studienstipendiums gesichert, eine Exklusivität, die von einem machtvollen Staat zuverlässig sanktioniert wird, und muss ständig mit Empfindlichkeit registrieren, dass diese Vorzüglichkeit keine Selbstverständlichkeit hat, nicht von Gott geschickt und gegeben wurde, sondern immer auch in ihrer Kontingenz beobachtbar bleiben muss. Eine Wisssenschaft, die einen machtvollen Staat braucht, um ihre Exklusivität sanktioniert zu wissen, muss auf diese Kontingenz mit einer selbstgewählten Ignorantia reagieren, die den Namen trägt: „Freiheit der Wissenschaft“.
Freiheit der Wissenschaft heißt, dass der Staat mit seiner Exekutivgewalt garantiert, dass Wissenschaft selbst darüber bestimmt, welche Gegenstände, welche Methoden, welche Verfahren der Prüfung von Aussagen, welche Probleme, welche Themen sie wählt und welche nicht. Freiheit der Wissenschaft heißt: der Staat garantiert, dass er keine Einspruchrechte gegen die eigene Wahl der Wissenschaft hat. Man könnte auch sagen: der Staat garantiert mit seinem exklusiven Gewaltmonopol das Recht der Wissenschaft, sich nur auf sich selbst zu beziehen. Keine andere Berufsgruppe, kein anderer gesellschaftlicher Bereich, nicht einmal Politker selbst können sich bei der Durchsetzung einer Exklusivposition auf die Sanktion einer Staatsgewalt verlassen: jeder Politiker kann abgewählt werden, jeder Unternehmer kann sein Kapital auf dem Markt verlieren, keine Organisation – mit Ausnahme von Geheimdiensten, deren exklusives Recht darin besteht, sich gegebenenfalls nicht an Gesetze halten zu müssen – kann dauerhaft damit rechnen, durch den Staat vollständig alimentiert zu werden.
Die Wissenschaft hat das Recht, sich gegen diese Bedingung ihrer Möglichkeit naiv zu verhalten. Sie hat in dieser Hinsicht ein Recht auf Ignorantia, und es fällt ihr nicht schwer, dieses Recht durchzusetzen und zwar deshalb, weil über Wissenschaftlichkeit, was immer dazu noch zu sagen wäre, immer schon entschieden ist, weshalb sie selbst über ihre Wissenschaftlichkeit nur etwas sagen kann, das immer schon wissenschaftlich ist. Und da in dieser Hinsicht alles schon denkbare bereits bereits publiziert und mehrfach diskutiert wurde, gibt in Sachen der Wissenschaftlichkeit von Wissenschaftlichkeit nichts mehr zu sagen. Es sei denn, man wiederholt einfach nur, was ohnehin schon tausendmal wiederholt wurde. Eben dies kann man in dem oben verlinkten Artikel von @christorpheus wiederfinden: Es ist alles schon mal gesagt worden und jetzt auch von @christorpheus.
Man kann in der Wissenschaft nicht mehr über Wissenschaftlichkeit kommunizieren. Denn entweder wird das Urteil der Unwissenschafltichkeit von Aussagen, Verfahren, Methoden und Ergebnissen als Geringschätzung von Personen und damit als Androhung einer Blockade von Karrieren aufgefasst – dann ist das unwissenschaftliche Gerangel um Beförderung und Mittelzuwendung dasjenige, das die Kommunikation weiter bestimmt; oder: es wird einfach mit wissenschaftlichen Argumenten und Verfahrensweisen widersprochen. In beiden Fällen, gleichviel ob unwissenschaftliche oder wissenschaftliche Forsetzung von Kommunikation, ist über die Folgen schon entschieden. Die Wissenschaft geht so weiter wie bisher. Die Wissenschaft produziert vorhersehbar ihre eigene Folgenlosigkeit. Die Wissenschaft ist autopoietisch mit sich selbst befasst und hat darum allen Grund, weil alles Recht, sich gegen die Bedingung ihrer Möglickeit indifferent zu verhalten. Wissenschaft wäre demgemäß eine abgechlossene Schöpfung, weil es anders nicht geht.
Und wenn das so ist, muss es auch so bleiben. Stimmt’s? Es gibt keine andere Möglichkeit und man kann auch keine andere finden, weil die Wissenschaft das Recht hat, jede Alternative ihrer Kontingenz zu ignorieren.
Die alte Theologie kannte den Grundsatz: Was Gott gewollt hat, dürfen Menschen nicht ändern. Die moderne Wissenschaft kennt den Grundsatz: hat die Wissenschaft ihre eigenen gesellschaftlichen Voraussetzungen erforscht, entwickelt, verbreitet und in Routinen überführt, so hat sie keine andere Möglichkeit mehr, als sich gegen ihre eigenen, selbsterzeugten Voraussetzungen naiv zu verhalten. Und wo immer ihre Kontingenz Risse zeigt, Gebrechlichkeiten, Fragwürdigkeiten, Unhaltbarkeiten, so hat sie, was eine unglaubliche Leistung ist, auch noch ihren Strukturschutz verwissenschaftlicht.
Deshalb bleibt der Wissenschaft nur einzige Furcht: mit der Finanzierbarkeit des Staates steht und fällt die Finanzierbarkeit der Wissenschaft. Und die Wissenschaft hat nach Maßgabe ihrer funktionsfähigen Eigenlogik keine Möglichkeit, die Finanzierbarkeit durch ihre Erforschung zu garantieren. Wissenschaft kann alles erforschen, thematisieren, behandeln, prüfen, aber nicht das, was ihren Fortbestand garantiert, solange sie an Staatsgewalt gekoppelt ist. Für sie ist eine funktionsfähige Staatsgewalt die einzig verbliebene Bedingungen ihrer Möglichkeit. Dass Wissenschaft selbst aber die entscheidende Bedingung ihrer Möglichkeit ist, kann nicht geprüft werden, weil alle Prüfung immer schon Wissenschaftlichkeit impliziert. Ergo: Die Wissenschaft hat sich selbst zum blinden Fleck. Ihr Schicksal, durch das sie ihre Leistungsfähigkeit einbüßt, könnte eben darin bestehen: die Freiheit der Wissenschaft, genutzt als Selbstanwendung zu einer naiven und folgenlose Rechtfertigung für wissenschaftliches Nichtwissen.
„Keine andere Berufsgruppe, kein anderer gesellschaftlicher Bereich, nicht einmal Politker selbst können sich bei der Durchsetzung einer Exklusivposition auf die Sanktion einer Staatsgewalt verlassen: … “
BITTE DIE KUNST NICHT VERGESSEN!
Wissenschaft ist also an Staatlichkeit gebunden? Eine Funktion von Staatlichkeit? Historisch lässt sich das ziemlich gut argumentieren, scheint mir.
Für Kunst gilt das aber nicht. Das Kunstsystem bestimmmt zwar das, was Kunst ist, hat sich aber von der Alimentation durch Staatlichkeit längst emanzipiert.
@dongowski
Dass die Kunst von der Alimentation durch Staatlichkeit längst emanzipiert sein soll, ist mir neu. Ohne staatliche Fördertöpfe wäre Kunst in der Breite nicht lebensfähig. Viele Kunstprojekte sind ohne staatliche Unterstützung nicht möglich. Der von Staatlichkeit emanzipierte Teil des „Kunstsystems“ ist nur die Spitze des Eisbergs und hat überdies die Abhängigkeit vom Staat nur eingetauscht mit der Abhängigkeit von Marktzwängen.
Auch um das Risiko, dass Du meinem Standpunkt (mind indirekt), wieder genau die naivität zuschreibst, die Du schon erwähntest:
Mein Eindruck ist: Lieber mal nicht spezifische Formen von Kommunikation mit den auf diese spezialisierten Insitutionen, bzw. Organsiationen verwechseln.
Wenn man Wissenschaft selbst als eine bestimmte Art von Kommunikation begreift (Und ich neige dazu, besonders in dem oben genannten Post von mir) und in diesem Sinne wiederum die Form von Wissenschaft beschreibt als eine Kommunikation, die auf bestimmte Zuschreibungsverhältnisse abstellt, dann geht man vielleicht einen Schritt zu weit, wenn man die Funktionssysteme, bzw. die Organisationen, die wissenschaftliche Kommunikation tragen und forcieren, mit wissenschaftlicher Kommunikation gleichsetzt.
Universitäten, Firmen, Verwaltung, pipapo, als Organisationen, wie andere soziale Systeme auch, fussen auf (mind.) 4 grundlegend verschiedenen Arten von Kommunikation (Im Sinne von Interaktionen, die Information, Mitteilung und Verstehen reproduzieren), die sich aus 4 unterscheidbaren Konstellationen von Zuschreibungsverhältnissen ihre Dynamik entwickeln.
(Siehe Kreuztabelle in: Luhmann, N. (1974) Einführende Bemerkungen zu einer Theorie symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien http://www.zfs-online.org/index.php/zfs/article/viewFile/2241/1778)
Auf jeden Fall, muss man so unterstellen, dass Organisationen, als Adresse für die verschiedensten Operationen zuständig sind, nicht aus Geldscheinen, Schreibtischen, Menschen, Beamten oder gar Gebäuden, Finanznöten, Planstellen oder was auch immer besteht. Ohne deren Wichtigkeit kleinzureden, wissenschaftliche Kommunikation ist natürlich nicht abhängig von all dem. Auch wenn konkret der einzelne Beamte auf seiner Planstelle sich und all seine Nöte als Mitglied einer Organisation, die sich der Wissenschaft verschrieben hat gern mit der Wissenschaft selbst verwechselt und entsprechend vorgibt ein Teil der Wissenschaft zu sein. Er ist es natürlich nicht, so wenig wie das Gebäude mit dem Schreibtisch an dem er sitzt. Er ist keine Kommunikation, sondern psychisches System, das kommuniziert.
Zunächst – wie allgemein bekannt – nehmen Alter und Ego sich in dem Sinne wahr, dass sie Selektionsprozesse, die auf Umwelt zugerechtnet werden Erleben nennen und solche die auf Systeme zugerechnet werden Handeln. Angenommen die Kommunizierenden verwickeln sich nun in Zuschreibungsverhältnisse in denen Alter und Ego es wechselseitig darauf anlegen, das Alter erlebt, was Ego erlebt. Sie möchten z.B. darüber kommunizieren was ohne ihr zutun der Fall ist oder was nicht der Fall ist. Für einen solchen Fall hat sich bis heute ja eine (teilweise kakophone) vielfältige Wahrheitssymbolik entwickelt.
Wenn man Kommunikation darauf anlegen möchte, dass sie Symbole der Wahrheit bearbeitet, dass sie also wissenschaftliche Kommunikation ist, dann ist der erste naheliegende Weg Methoden zu wählen, die die Kriterien Reliabilität, Objektivität, Validität (http://beliebig.blogspot.de/2011/11/wissenschaftliche-gutekriterien-und.html) erfüllen, d.H. im wesentlichen Methoden zu wählen, die die Handlungskomponente in gewisser Weise wegkürzen, wie Luhmann sagt:
„Natürlich kommt keine Wahrheit zustande, wenn man nicht forscht und da sind wieder Handlungen notwendig, aber diese Handlungen dürfen nicht auf das Ergebnis abfärben. Ein Experiment muss so gemacht werden, das es wiederholbar ist. Und ein Theorievorschlag muss so formuliert sein, das man davon ausgeht jeder würde dieselben Dinge sehen, wenn er dieselben Interessen hätte, wenn er dieselben Thematiken aufgreifen würde. Das Neutralisieren der Handlungskomponente ist ein klassisches methodologisches Postulat und lässt Erleben übrig und zwar auf beiden Seiten. Man kann natürlich über Handlungen forschen, das ist eine andere Frage, dann wird Handlung zum Thema. …“ (Luhmann, N. (1993) Theorie der Gesellschaft, Band 6b, ab 24:34 min.)
Als Pointe solcher Kommunikationen geht es ja in der Regel darum Abweichungen vom Üblichen, Abweichungen vom intuitiv verständlichen deutlich zu machen. Wie die Geschichte zeigt sind überraschende, hilfreiche und fantastische Konstrukte, sowie gefärliche Enten möglich, auch wenn sie dem zunächst erwarteten widersprechen. Wissenschaftliche Kommunikation ist eine Möglichkeit Symbole der Wahrheit zu bearbeiten, Religion z.B. ein andere. … Wie aich immer:
Ohne jetzt alle Zuschreibungsverhältnisse und ihre Dynamiken durchdeklinieren zu wollen (Das kann man hier besser nachlesen (Luhmann, N. (1974) Einführende Bemerkungen zu einer Theorie symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien http://www.zfs-online.org/index.php/zfs/article/viewFile/2241/1778), aber der Punkt ist hier, dass die Strukturen die Du (scheinbar leicht enttäuscht) beschreibst, sozusagen (ganz wertfrei) Parasiten wissenschaftlicher Kommunikation sind (nicht umgekehrt, denn diese Strukturen sind nicht Bedingung der Möglichkeit von wissenschaftlicher Kommunikation. Anderherum sehr wohl).
Letztlich sind z.B. Universität natürlich durchzogen von vielerlei Arten von Kommunikation gleichzeitig. Welche, die dem Funktionssystem der Wirtschaft zuzurechnen sind, welche die dem Funktionssystem der Wissenschaft zuzurechnen sind, solche, die der Politik zuzurechnen sind, man munkelt sogar, dass das Funktionssystem Liebe in der Wisseschaft nicht ganz unbeteiligt ist. Dass man eine Universität als wissenschaftliche Einrichtung beschreibt, das gründet ja nicht darauf, dass nur wissenschaftliche Kommunikation dort stattfindet, sondern mehr oder weniger darauf, mit der Bezeichnung zu markieren, dass ein intendierter Hauptzweck darin liegt mit Wahrheitssymbolen zu experimentieren. Dass das so oder so nie ohne Interferenzen durch andere Funktionssysteme geschieht, wie Du ja andeutest, das ist vielleicht der Grund für einen besonderen Schutz durch einen Staat, der im Prinzip bemüht ist eine gewisse Unvoreingenommenheit wissenschaftlicher Kommunikation zu fördern (Wie auch immer ihm das gelingt oder nicht gelingt). Einen besonderen Schutz genießen übrigens quasi alle Beamten, z.B. Richter, Lehrer, Polizisten, usw. Das sind alles Berufsgruppen, bei denen man mal (wie ich finde zu Recht) gesagt hat: OK, da wollen wir als Staat (neben der basalen, durch Selbstreferenz gesicherten Autonomie von Kommunikationssystemen) eine gewisse Unvoreingenommenheit gegenüber Interferenzen aus anderen Funktionssystemen sicherstellen.
Und natürlich werden Positionen, die sich aus wissenschaftlicher Kommunikation ergeben (z.B. Hypothesen), nicht durch Sanktionen der Staatsgewalt durchgesetzt, sondern durch Akzeptanz in der Community. Auch wenn der Staat durch bestimmte Maßnahmen (Beamtentum, Infrastruktur, Grundgesetz) eine gewisse Unvoreingenommenheit sichern möchte (http://de.wikipedia.org/wiki/Artikel_5_des_Grundgesetzes_f%C3%BCr_die_Bundesrepublik_Deutschland) heißt das wie wir wissen nicht, dass wissenschaftliche Kommunikation durch Staatsgewalt garantiert werden (wie es zum Beispiel bei Richtersprüchen, bzw. Gerichtsurteilen ist)
Ja, Wissenschaft ist in echt auch dieser seltsame Elfenbeinturm
Was wissenschaftliche Kommunikation betrifft sind Theorien heute sehr voraussetzungsreich, dass man schon sagen kann, dass es illusionär wäre sich zu wünschen die gesamte Gesellschaft auf ein Niveau wissenschaftlich-theoretischer Einsicht zu bringen (vgl. https://www.youtube.com/watch?v=qRSCKSPMuDc&feature=youtu.be&t=40m06s ). Das bedeutet aber nicht, dass Wissenschaft als solches einen exklusiven Zugang zur Welt in Anspruch nehmen kann (siehe wissenschaftliche Gütekriterien). An solchen Kommunikationen sinnvoll teilzunehmen kann allerdings schnell sehr sehr voraussetzungreich werden und sehr wenige halten durch. Keinem kann halt zugemutet werden Experte für alles sein oder zu werden, zumindest heute nicht mehr.
Es ist nicht der Staat, der die Selbstbezüglichkeit der Wissenschaft sicherstellt.
Die Autonomie der Wissenschaft im soziologischen Sinne, also bezogen auf die Kommunikation, leitet sich ab aus einem spezifischen Zuschreibungsverhältnis und den in Ihr üblichen Symbolen ab (wie oben erwähnt), das gewählt wird, um bestimmte Dinge zu bearbeiten.
Der Staat kann verschiedene Gründe haben den Einfluss anderer Kommunikationsmedien auf die Wissenchaft einzuschränken. Aber der Staat ist eben nicht Ursache der Kommunikation, er ist letztlich auch Parasit von Kommunikation (mal ganz wertfrei betrachtet). Das muss man auseinanderhaten, denke ich.
Im besten Fall, katalysiert der Staat durch bestimmte Maßnahmen sinnvolle wissenschaftliche Kommunikation, im schlechtesten nimmt er Einfluss auf die Thematik und beeinflusst die Ergebnisse. Allerdings, gilt tatsächlich, dass nichts so durchdringend ist, wie eine Idee deren Zeit gekommen ist und bestimmte Dinge einfach nicht verschwinden nur weil sie eine mehr oder weniger lange Zeit ignoriert werden und in diesem Sinne tut ein Staat auch vielleicht gut daran durch bestimmte Sicherungsmaßnahmen den Fokus bestimmter Bereiche (Wissenschaft, Recht, Verwaltung, usw.) nicht allzusehr durch einer Unvoreingenommenheit nicht dienlichen Verzerrung durch Partikularinteressen entgegen zu wirken.
Sowas ist alles möglich, aber eben auf der Ebene der Parasiten (Organisationen), nicht auf der Ebene der wissenschftlichen Kommunikation selbst. In diesem Bild: Man kann als Staat den Parasiten kontrollieren, aber nicht die wissenschaftliche Kommunikation.
Die Parasiten mögen Ihren Wirt überdecken, Parasiten mögen Ihren Wirt bis zur unkenntlichkeit verstümmeln, oder ihm auch nützlich sein. Aber man darf als Staat nicht aus dem Auge verlieren und sich von dem Parasiten erzählen lassen, dass er selbst die wissenschaftliche Kommunikation ist. Ein solche Verwechlung scheint mir eher das Problem zu erzeugen, dass Du andeutest. Dass Politik sich einreden lässt sie muss nur den Parasiten im Auge haben, dann klappt es automatisch auch mit der wissenschaftlichen Kommunikation. Was natürlich nicht der Fall ist, eher im Gegenteil.
Auf jeden Fall gilt für Wissenschaft, wie für Politik und auch Wirtschaft, letztlich alle Funktionssysteme: Die Ursache der Autonomie der jeweiligen Kommunikation liegt nicht in der Staatsgewalt (Auch wenn ein jeweiliger Polizeibeamter, Richter, Politiker, Professor usw das so erleben und glaubhaft klarmachen kann, kommunikationstheoretisch ist dem natürlich nicht so) . Die Autonomie der Funktionssysteme der Gesellschaft liegt in Selbstreferenz der Kommunikation selbst begründet. Und wie Du ja auch weisst realisiert sich jede Umweltoffenheit eines autopoietischen Systems gerade auf der Basis des eigenen operational geschlossenen Betriebes: Weil es geschlossen ist und damit unterschieden von der Umwelt läuft, kann ein solches System überhaupt mit der Umwelt interferieren und in eigenen Operationen Unterschiede realisieren, die bestimmte Interferenzen mit der Umwelt mit sich bringen. Deswegen verstehe ich nicht so recht, warum Du in Deiner Antwort die Geschlossenheit und Selbstbezüglichkeit auf einer ganz anderen Ebene quasi als polemisches Argument einführst.
Nicht dass ich das Gefühl habe ich weiß nicht was Du meinst, aber Deine Argumentation scheint mir (leicht emotional irritiert 🙂 Ebenen zu vermischen, die man vielleicht besser unterscheidet, gerade wenn man die Parasiten wissenschaftlicher Kommunikation (hier also die Organisationen, Institutionen usw.) … sagen wir mal: in Frage stellen möchte, z.B. um sie im Verhältnis zur wissenschaftlichen Kommunikation in eine dienendere Form zu bekommen. …oder gar Ideen zu entwickeln, wie wissenschaftliche Kommunikation neue Parasiten finden kann.
@bernd gollas: In Deutschland (und in Frankreich) mag die staatliche ALimentation noch eine gewisse Rolle spielen, aber international doch eher nicht. Und natürlich gehört der Kunstmarkt zum System. Wie soll denn sonst der Wert von Kunst für alle anderen kommunizierbar gemacht werden?
@dongowski Sie spielt eine „gewisse“ große Rolle und ich habe nicht gesagt, dass der Kunstmarkt nicht zum System gehört, aber staatlich ist er sicher nicht.
Erstmal Entschuldigung für den falschen Vornamen @Tomas Gollas! Ich hatte deine Einwände vor dem Hintergrund der in Kunstszenenkritikkreisen beliebten Kritik am Markt und dessen Einfluss auf das, was als gute Kunst angesehen wird, gelesen – und darauf reagiere ich, weil ich diese Kritik total unterkomplex finde, schnell allergisch.
So richtig feste Meinungen und Ideen habe ich zu dem Thema Kunstsystem und Staat/lichkeit aber noch nicht. Da denkt es noch in mir herum und die Texte von @christopherus und @kusanowsky sind super Sprungbretter dafür.
@dongowski
Schlimm wird es, wenn der Markt bestimmt, welche Kunst gemacht wird, wenn also Künstler schon beim Ideen entwickeln auf mögliche Verwertung schielen und bei Realisierung auf entsprechende Vorlieben von möglichen Käufern eingehen (die übrigens tatsächlich in großem Umfang staatliche Institutionen sind). Dann wird Kunst zu Kitsch. Darauf hat schon Adorno zurecht hingewiesen und dabei bleibe auch ich, sorry, trotz deiner Allergie!
@dongowski Und jetzt sag ich dir noch auf was ich allergisch reagiere: Ich reagiere allergisch auf die kindliche Sehnsucht nach objektiven Bewertungskriterien in Sachen Kunst, da die einzig und allein auf materieller Wertsteigerungspekulation gründen. Es gibt keine objektiven Qualitätskriterien! Von wem sollen die den kommen? Über Kunst oder Nichtkunst oder „gute“ Kunst kann nur der Künstler urteilen.