„Ein Kilo Porno bitte!“

von Kusanowsky

In den 1980er Jahren gab es die Comedy-Serie „Sketchup“ mit Diether Krebs. Ein Sketch, der leider bei Youtube nicht zu finden ist, ging so: Es kommt ein Kunde an einen Zeitungskiosk. „Ein Kilo Porno bitte!“ Die Verkäuferin wiegt mehrere Pornohefte ab und fragt: „Darf’s ein bißchen mehr sein?“ „Nein“, antwortet der Kunde, „genau ein Kilo.“ Deshalb zerreisst die Verkäuferin einige Hefte und überreicht sie dem Kunden, der aus Verlegenheit noch um eine Tüte bittet. Die Verkäuferin stopft die Hefte in eine Tüte und überreicht sie dem Kunden. Der Kunde bezahlt und geht zufrieden weiter. Auf der Tüte steht groß für die Passanten sichtbar geschrieben: „PORNO“

An diesen Sketch musste ich denken als die aktuelle Berichterstattung über den Edathy-Prozess gelesen hatte. Es handelt sich bei diesem Skandal um ein interessantes Inkommunikabilitätsproblem, das ich folgendermaßen analysieren möchte.

Wer immer behauptet, der Angeklagte habe irgendetwas Ungesetzliches getan, habe irgendetwas zu verantworten, er habe vielleicht sogar keine Gesetze gebrochen, sondern habe nur etwas Unmoralisches getan oder vielleicht auch nur die Unmoral absichtlich oder versehentlich befördert, wer immer also meint, über etwas Bestimmtes urteilen zu können, sollte nicht nur einmal in die Tüte hinein gucken, auf der Porno drauf steht, sondern sollte den Inhalt einmal zur Ansicht verbreiten, damit man sehen kann, was man sehen könnte, wenn man sieht, was man sehen müsste um zu wissen, was man beurteilt, wenn man urteilt. Aber das geht nicht, weil jeder, der es versuchen würde, Angst davor haben müsste, den gleichen Verdacht auf sich zu ziehen.  Es wäre ja, wenn nicht ungesetzlich, aber mindestens enorm unmoralisch in diese Tüte hinein gucken. Und den Inhalt zur Ansicht verbreiten geht schon gar nicht. Und außerdem ist der Inhalt dieser Tüten längst unauffindbar. Und von Edathy selbst zu verlangen, er möge in Worte fassen, was er auf diesen Bildern gesehen hat, heißt nur, er möge selbst neue Anlässe formulieren, um das Verdachtsgeschehen weiter zu befördern, heißt: er solle sich gefälligst selbst belasten, weil niemand in die Tüte gucken kann oder will. Den polizeilichen Ermittlern geht es in dieser Sache genauso wie der Öffentlichkeit. Jeder weiß nur, dass da eine Tüte ist, auf der Porno drauf steht, von welcher man einigermaßen sicher sagen kann, dass sie der Kunde zufrieden nach Hause getragen hat.

Aber was heißt das schon, wenn es darum ginge, jemanden zu verurteilen? Womit man es zu tun hat ist ein sich selbst verstärkender Zirkel der Inkommunikabilität: Weil der Verdacht in der Welt ist und nun mit keinem Mittel aus der Welt geschafft werden kann, gibt es nur noch die Möglichkeit, die Konsequenzen der Bereinigung dieser Affäre so zu interpretieren, dass jeder bekommt, was er haben will. Die einen bekommen bestätigt, dass der Angeklagte schuldig ist, die Ermittlungsbehörden werden das Problem auf diese Weise los, weil sie auf andere Weise Chance haben, es abzuschaffen. Denn dass die Polizei Fehler gemacht hat, kann sie nicht zugeben.  Die Zeitungen und die Öffentlichkeit bekommen ebenfalls, was sie haben wollen, nämlich unterschiedliche Meinungen darüber, wie man das eigene, bereits fest stehende Urteil bestätigen kann. Und der Angeklagte zahlt einen Geldbetrag, um das Problem, das anders ohnehin nicht zu lösen ist, abzuschütteln. Damit ist eigentlich alles klar, weil sich niemand mehr vorstellen kann, wie die Dinge anders zu beurteilen sind, weil das Verdachtsgeschehen und seine Folgen völlig ausreichte um die Verwicklung so zu  verdicken, dass anschließend nur die Verwicklung selbst das Problem ist und nicht die Tüte mit der Aufschrift „Porno“.

Das Gerichtsurteil ist eine Art umgekehrtes Orkel. Es spricht nicht über den Willen eines Gottes, was die Zukunft betrifft, sondern darüber, wie man hätte urteilen können, wenn nicht gekommen wäre, was dadurch gekommen ist, dass niemand sagen kann, was das Orakel eigentlich besagt.

 

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