Differentia

Monat: Januar, 2015

“Meinungspornografie” 3 @VicoBeauregard @latent_de (Forts. folgt)

zurück / Fortsetzung: Die Frage, was Erotik, was Pornografie ist oder was das eine vom anderen definitorisch unterscheidet, überlasse ich denen, die sich um ihre Langweile keine Sorgen machen müssen, weil sie sie genießen können.
Eine ganz andere Frage lautet: was macht die Unterscheidung von Erotik und Pornografie beobachtbar? Die gewöhnliche Antwort lautet „Sexualität“. Ohne diese Antwort zu bestreiten, würde ich weiter fragen wollen: Was noch? Könnte mit dieser Unterscheidung auch Rationalität beobachtbar werden? Wie auch immer die Antwort lauten mag, wenigstens könnte schon die Frage überraschen. Und wenn diese Frage überrascht, dann könnte man noch mal zurückfragen: warum sollte es weniger überraschend sein, wenn mit dieser Unterscheidung hauptsächlich Sexualität beobachtbar wird? Wie kommt es, dass man das für normal halten möchte?

Nun ist natürlich die Beobachtung und Beurteilung von Rationalität eine komplizierte Angelegenheit. Aber wenn man fragt, warum die moderne Gesellschaft Rationalität als besonderes Problem entdecken konnte, dann wird man es nicht einfach dabei belassen können, dass die Gesellschaft selbst rational geordnet und strukturiert ist. Rationalität scheint mir deshalb als besonderes Problem entstanden zu sein, weil die moderne Gesellschaft die Beobachtung von Handlung entnaivisiert hat. Entnaivisierung heißt, dass aus etwas, das sich sonst immer von selbst verstand, weil es ohnehin unverzichtbar war und darum problemlos beobachtet wurde, ein Problem ergab, das zu seiner Lösung die Differenzierung der Gesellschaft vollzog.  Handlung (gemeint ist natürlich Handlung als Beobachtungsproblem)  konnte in dem Augenblick problematisiert werden, indem die epistemologische Folgenlosigkeit von Erkenntnis und Wissen in Erfahrung gebracht wurde: Erkenntnis und Wissen macht zwar Unterschiede, aber für wen? Und in dem Augenblick bricht die existenzphilosophische Frage auf, dass man das ist, was man tut.
Handlung als Problem und damit auch als Problem ihrer Rationalisierung entsteht, sobald aus der Tatsache, dass gehandelt wird, die Frage ins Auge springt was dann geschieht, wenn Handlung geschieht. Voraussetzung dafür war die moderne Gesellschaft selbst, die keine Autorität, keine Tradition und keine absolute Wahrheit mehr garantierte. Wo sich die Standesgrenzen auflösten, wo einer Gehorsamspflicht das Recht auf Widerstand entgegen gestellt wurde, wo allgemein ein Vetrauensfindungsprozess in Menschenvermögen sozial strukturell relevant geworden war, wurde folglich auch Handlung als Problem erkennbar. Eine spätere Folge dieses Problems schlägt sich nieder in einer Kommunikationstheorie.

Fortsetzung folgt

„Meinungspornografie“ 2

zurück /Fortsetzung: Erotik und Pornografie verhalten sich dieser Überlegung nach zueinander komplementär, weil sie durch die Unterscheidung aufeinander beziehbar sind und infolgedessen für einander erkennbar werden. Daher kommt auch die ständige Verwechselung von Erotik und Pornografie. Es reicht nicht, die Veränderung von Geschmacksfragen dafür verantwortlich zu machen, weil ja bei aller unleugbaren Veränderung von Geschmacksfragen die Verwechselung von Erotik und Pornografie nicht nachlässt. Denn bei aller gestiegenen Freizügigkeit, was die Visualisierung von Erotik und Pornografie angeht, ist die Unterscheidung bislang nicht überflüssig geworden. Was auch immer man sehen kann und wie immer man Geschmacksfragen beantworten will: die Unterscheidung ist nicht so leicht aus der Welt zu schaffen wie eine Beharrung auf irgendwelche Definitionen.
Das führt zu der Überlegung, dass es nicht allein darauf ankommen kann, was Erotik und was Pornografie ist, sondern wie man die Verwechselung und Vertauschung erklären kann. Und es mag in diesem Zusammenhang vielleicht der Gedanke hilfreich sein, dass die Unterscheidung von Erotik und Pornografie nicht zuerst und allein auf Sexualität beziehbar ist. Man müsste sich stattdessen fragen, warum Sexualität durch Verwendung dieser Unterscheidung prominent vorkommt. Der Grund könnte sein, weil zwar nicht nur Sexualität, aber spätestens Sexualität daran erinnert, dass es etwas gibt, das durch Kommunikation zivilisatorisch nicht konditionierbar ist. Sexualität ist nicht zivilisierbar, lässt sich nicht in das zivilisatorische Programm der Gesellschaft einsortieren

Die Unterscheidung von Erotik und Pornografie ist, weil sie in kein Schema der Rationalität einzusortieren ist, virulent erratisch.

Fortsetzung