„Meinungspornografie“ 2
von Kusanowsky
zurück /Fortsetzung: Erotik und Pornografie verhalten sich dieser Überlegung nach zueinander komplementär, weil sie durch die Unterscheidung aufeinander beziehbar sind und infolgedessen für einander erkennbar werden. Daher kommt auch die ständige Verwechselung von Erotik und Pornografie. Es reicht nicht, die Veränderung von Geschmacksfragen dafür verantwortlich zu machen, weil ja bei aller unleugbaren Veränderung von Geschmacksfragen die Verwechselung von Erotik und Pornografie nicht nachlässt. Denn bei aller gestiegenen Freizügigkeit, was die Visualisierung von Erotik und Pornografie angeht, ist die Unterscheidung bislang nicht überflüssig geworden. Was auch immer man sehen kann und wie immer man Geschmacksfragen beantworten will: die Unterscheidung ist nicht so leicht aus der Welt zu schaffen wie eine Beharrung auf irgendwelche Definitionen.
Das führt zu der Überlegung, dass es nicht allein darauf ankommen kann, was Erotik und was Pornografie ist, sondern wie man die Verwechselung und Vertauschung erklären kann. Und es mag in diesem Zusammenhang vielleicht der Gedanke hilfreich sein, dass die Unterscheidung von Erotik und Pornografie nicht zuerst und allein auf Sexualität beziehbar ist. Man müsste sich stattdessen fragen, warum Sexualität durch Verwendung dieser Unterscheidung prominent vorkommt. Der Grund könnte sein, weil zwar nicht nur Sexualität, aber spätestens Sexualität daran erinnert, dass es etwas gibt, das durch Kommunikation zivilisatorisch nicht konditionierbar ist. Sexualität ist nicht zivilisierbar, lässt sich nicht in das zivilisatorische Programm der Gesellschaft einsortieren
Die Unterscheidung von Erotik und Pornografie ist, weil sie in kein Schema der Rationalität einzusortieren ist, virulent erratisch.
Ich glaube, Dir unterläuft ein begriffliche Ungenauigkeit. Worauf Du bezug nimmst, ist die als treffbar behauptete Unterscheidung zwischen erotisch und pornografisch. Adjektivistisch geht das.
Erotik und Pornografie sind jedoch wie Impressionismus und ein Kunstverein, kategorial ein ganz anderes Paar Schuhe. Das eine ist ein Begriff für eine substantivierte Eigenschaft bzw. ihre Idee-ialisierung, das andere einer für die Darstellung von Sex oder was auch immer. Dementsprechend ist „die Visualisierung von Erotik und Pornografie“ im letzteren Fall ein weißer Schimmel.
@Stephan :“Ich glaube, Dir unterläuft ein begriffliche Ungenauigkeit.“
„Die Unterscheidung von Erotik und Pornografie ist, weil sie in kein Schema der Rationalität einzusortieren ist, virulent erratisch.“
LG Dorotyna
@Stephan @Dorotyna Spieka Die Erratik dieser Unterscheidung von Erotik und Pornografie kann man studieren, wenn man bei Google die Suchwörter „Unterschied Erotik Pornografie“ eingibt. Ich erhalte 12.500 deutschsprachige Treffer. Wenn man allein 10 Links öffnet wird man bald feststellen, dass Recht, Kunst, Psychologie und Psychiatrie, Pädagogik, Theologie und Sexual- und Medienwissenschaft keine intergrierbare Definitionen formulieren können. Begriffliche Genauigkeiten sind nicht an die Wahl grammatischer Grundsätze geknüpft, sondern an Unterscheidungen und daran, was mit ihnen ein- und ausgeschlossen wird.
Ist diese Gegenüberstellung überhaupt noch zweckdienlich? Wirksamer erscheint mir die Dichotomie von Verführung und Pornographie, wie Jean Baudrillard sie angezettelt hat. Demnach stellt der pornographische Diskurs in erster Linie den Exzess der Zeichen des Erotischen bzw. der Verführung dar. Durch Überfluss und Übersteigerung werden diese Zeichen ihrer Referenz beraubt und wandeln sich zu Simulakren, denen jedes Moment der semiotischen Offenheit fehlt: d.h. ein freies ‚Spiel der Zeichen‘ steht der Verdichtung von Zeichen in der Simulation („hyper-representation“) gegenüber. Mit Hilfe der Unterscheidung ließen sich auch andere Formen des Pornographischen gut erfassen, wie z.B. ‚torture porn‘ und ‚time porn‘ (exzessive Verschwendung von Zeit in bestimmten Fernsehsendungen). Ist aber nur so eine Idee.
„Ist aber nur so eine Idee.“ Warum auch nicht? Zumal diese Überlegung durchaus zu dem passt, worum es mir geht. Mir geht es darum, dass mit der Unterscheidung gewöhnlicherweise Sexualität beobachtet wird. Aber irgendwie hat man doch den Eindruck, das Sexualität, sofern man Zeichen der Lust, des Begehrens, der Triebhaftigkeit oder Gier lediglich auf Sexualität bezieht, nicht das einzige ist, was mit der Unterscheidung von Erotik und Pornographie beobachtbar ist. Eher würde ich sagen, alle Zeichen der Lust, des Begehrens, der Triebhaftigkeit oder Gier können mit dieser Unterscheidung unterschieden werden, was dazu führt, dass man Metaphern bilden kann wie zum Beispiel die der „Meinungspornografie“. Meinung, Meinungsäußerung, Meinungsstreit, Meinungskampf werden in der Regel in ein Rationalitätschema eingepasst, weil entsprechende Semantiken aufeinander verweisen: Meinung – Entscheidung – Kritik – Planung – Regelung – Maßnahme – Vernunft – Meinung und so weiter. So kommen wir zu der selbstverständlichen Annahme, Meinungen in Hinsicht auf ihre Rationalität zu betrachten. Aber wenn diese Selbstverständlichkeit keine Selbstverständlichkeit hat, dann könnte man auf die Idee kommen, dass durch die Wahl eines Dispositivs „Meinung“ nicht hinsichtlich der Zeichen ihrer Rationalität, sondern ihrer Nichtzivilisierbarkeit zu erfassen. Es müsste ein Dispositiv sein, das dazu geeignet ist, die Rationalitätsemantik durch hyperbolisierte („Überfluss und Übersteigerung“) Zeichenverwendung zu sabotieren, zu unterlaufen. Entsprechend wäre Meinungspornografie nicht nur eine Metapher, sondern das Beobachtungskonstrukt, das sich durch ein zugeordnetes Dispositiv ergibt.