„Meinungspornografie“ 1

von Kusanowsky

In einem Artikel von @phwampfler findet man die Verwendung des Ausdrucks „Meinungspornografie“ im Zusammenhang mit einigen Erläuterungen über das Entstehen einer Debatten- und Kommentarkultur des Netzes. Wenn ich auch glaube, dass solche Artikel wie der von @phwampfler sehr wichtig sind, weil man nur auf einer zweiten Beobachtungsebene die Beobachtung von Meinungskommunikation des Netztes erklären kann, so liefert der verlinkte Artikel außerhalb bekannter Routinen des Unterscheidens keine weiteren und anderen Informationen als solche, die auch andernorts, wenn auch in einer anderen Variante, jederzeit mitgeteilt und verbreitet werden. Ein Beispiel dafür ist dieses kurze Video:

Die Gemeinsamkeit dieses Videos mit dem Artikel von @phwampfler besteht darin, dass nach Gründen für etwas Bekanntes gefahndet wird und erfolgreich welche gefunden werden, wobei selbstverständlich unterschlagen wird, dass es schwer ist Gründe für etwas zu finden, dass man nicht so einfach verstehen kann. Es geht eben nicht darum, das Seltsame zu erkennen, sondern das Normale, weshalb es nicht verwunderlich ist, dass Gründe sehr leicht und schnell formuliert werden können. Unter dieser Voraussetzung bleibt nur übrig, das zu Erklärende als normal und bekannt vorausszusetzen, wodurch das zu Erklärende um weiteres Mal unerkannt bleibt: „Das Bekannte überhaupt ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt“ (Hegel)
Die bekannte und erprobte Routine des Nachdenkens über solche Angelegenheiten lautet: Menschen seien die entscheidende Voraussetzung für das Gelingen von Kommunikation, woran sich nichts ändert, wenn sich alle anderen Bedingungen der Kommunikation ändern, z.B. die Einführung eines weiteren Kommunikationsmediums. Wenn sich auch sonst viel ändert: die Auffassung über die Normalität einer Menschenwirklichkeit und ihrer Wahrheit, welche übrigens selbst wiederum das Erfahrungsergebnis nach Einführung eines Kommunikationsmediums ist, bliebe davon unberührt und sei unverändert. Es ändere sich angeblich nichts, weil das Entscheidende immer schon bekannt sei. So kommt es also, dass das Bekannte wieder nicht erklärbar ist. Es verbleibt in der Naivität erprobter und hinreichend bekannter Routinen verkapselt; was auch daran liegt, dass es keine Notwendigkeit gibt, die Entnaivisierung bekannter und vertrauter Auffassungen zu versuchen.

Vielleicht könnte aber der Ausdruck „Meinungspornografie“ ein guter Vorschlag sein, um eine Veränderung dessen, was sich ändert, wenn sich etwas Entscheidendes ändert, beschreiben zu können. Das Schöne an diesem Audruck ist, dass er – wie eine Metapher – zwei Dinge miteinander kombiniert, die bislang immer nur getrennt von einander verwendet wurden. Deshalb könnte man versuchen, aus diesem Ausdruck einen Begriff zu bilden, indem man eine Unterscheidung wählt, um etwas Bekanntes und Vertrautes auf eine unbekannte und unvertraute Weise zu beobachten.

Ich wähle dazu die Unterscheidung von Erotik und Pornografie. Die Kommunikation von Erotik – zunächst gleichviel ob durch Text oder Bild und gleichviel, was solchermaßen sichtbar wird – ist der erfolgreiche Versuch, Unschuld kommunizierbar zu machen unter der Voraussetzung, dass Unschuld, egal worauf sie sich auch immer beziehen mag, niemals hinreichend bewiesen werden kann. Erotik ist der erfolgreiche Vorschlag, sich von dem, was anziehend wirken soll, anziehen zu lassen, ohne dass eine Rechtfertigung dafür rechtfertigungsbedürftig wäre. Erotik wäre entsprechend seduktive Akzeptanz von Unschuld ohne ausreichende Gründe.  Und Pornografie wäre der unschuldige, obwohl nicht rechtfertigungsfähige Versuch, diese Unschuldsauffassung zu sabotieren.

Fortsetzung

Siehe dazu eine andere Betrachtungsweise zum selben Thema: „Tastaturkotze