Sinn, Evidenz, Zufall und Faszination
von Kusanowsky
Selbstverständlich ist alles in der Welt ganz naturlichbzu erklären, aber das gehtbnicht ohne Hokuspokus. Hokuspokus (Faszination, Hexerei, Zauberei) funktioniert wirklich. Die Frage ist nur, wie die Zauberei des Sinnverstehens auf eine Weise funktioniert, die mögliches Sinnververstehen als notwendiges Sinnverstehen in Erscheinung treten lässt. Und wenn man nicht an Notwendigkeit glauben will (wer will sich selbst Aberglauben zurechnen lassen?), glaubt man schließlich an Zufall. Denn an irgendetwas muss das kritische Subjekt am Ende glauben, wenn es feststellt, dass für das, was es versteht, kein bestimmter Grund zu finden ist.
Dass all dies gerade durch die Unbestimmtheit der Kommunikation zustande kommt, kann das kritische Subjekt deshalb nicht nachvollziehen, weil es sich selbst als ein Subjektiv beschreibt, das stets Bestimmtheit kommuniziert (wissend um die testbare Paradoxie der bestimmten Unbestimmtheit wie z.B. bei Ironie, durch die bestätigt wird, was man glauben will, dass man Bestimmtheit kommuniziere) und entsprechend von anderen glaubt, solches ebenfalls zu vermögen und folglich, sobald sich empirische Hinweise ergeben, dass daran irgendwas nicht stimmen kann, im Zufall seine Zuflucht sucht um die Selbstschreibung und Selbstzurechnung kommunikativer Handlungsfähigkeit zu retten. Diese Zurechnung ist dann nur die Ausrede für die Verlegenheit, in die man gerät, weil man gerade wieder nicht gemerkt hatt, wie man dem sozialen Apriori der Kommunikation auf den Leim gegangen ist; weil man schon nicht mehr nachvollziehen kann, wie sich Evidenz einstellen konnte.
Dass Geschwindigkeit des Sinnverstehens sehr wohl reine Hexerei ist will dem kritischen Subjekt deshalb nicht einleuchten, weil es glaubt, es sei das einzige, das sowas zu leisten imstande ist. Sinnverstehen sei allein eine psychische Eigenleistung und als soziale Leistung sei das Sinnverstehen nur insofern akzeptabel als es psychisch verursacht sei. Wenigstens geht man von irgend einem Realitätskontinuum zwischen psychischer und sozialer Realität aus. Dass aber das Sinnverstehen sozialer Realität die apriorische Realität ist, die dem psychischen Sinnverstehen voraus geht, dass sich also Diskontinuität zwischen psychischer und sozialer Realität ereignet, kann das kritische Subjekt deshalb nicht akzeptieren, weil es sowas nicht für empirisch hält. Ergo bleibt nur die Flucht in die Ablehnung, Bagatellisierung, das Herunterspielen oder Zurechnung auf Zufall und bestenfalls noch Verwunderung ob einer rätselhaften Welt.
Wollten wir das aufklären, könnte man anfangen mit dem Satz: Es besteht kein Zweifel daran, dass Zauberei und Hexerei (Faszination) wirklich funktioniert. Aber: wie geht das vor sich?
Die ursprüngliche Frage von Anne lautete: Wie kann das?
Zunächst gilt es zu konstatieren: ja, es kann. Es kann sein,dass die Zahl 114 eine magische Zahl ist. Was ist die Realität der Zahl 114? Kann es eine magische Realität geben?
Was ist an dem Wahrgenommenen (der arithmetischen Operation mit der Zahl 114) real? Ich bediene nich dabei einiger Argumente aus den „Elementen einer realistischen Philosophie“ von Jocelyn Benoist (stw2100).
Benoist baut auf dem Hintergrund der analytischen Philosophie und einer kritischen Auseinandersetzung mit der Phänomenologie eine Brücke für einen philosophisch sinnvollen Begriff der Realität. Der Untertitel seines Essays lautet: „Reflexionen über das, was man hat.“
Im dritten und vierten Kapitel (Der Kontext + Die Wahrnehmung) findet sich eine hoch interessante etymologische Betrachtung der „gegebenen“ Realität und der Wahr „genommenen“ Realität.
Was also wird wahrgenommen?
Die Operation 114 – 28 = 86 wird wahrgenommen von einer Person mit dem persönlichen Kontext: Es gibt 114 Suren + Ich bin 28 Jahre alt + Ich bin 1986 geboren). Subjektiv wird der Kontext zum Nexus.
Wie kann das?
Die Zahl 114 ist eben keine „gegebene“ Realität (»être-donné«) – sie ist nur Symbol: Semiotik ohne Semantik im Beifahrersitz. Es wurde nichts gegeben und nichts genommen. „Es“ hat sich (»il y a«) ergeben; 114 – 28 = 86.
Jenseits von Objekt und Subjekt hat „114 – 28 = 86“ eine intrinsische Realität. Dazu Benoist:
»Die intrinsische Realität des Wahrgenommenen zeigt an sich selbst keine Wahrheit der Wahrnehmung an.« (Benoist, p. 107).
Mit der wahrgenommenen Gleichung ist noch keinerlei Erkenntnis verbunden.
»Der klassische Fehler besteht darin zu glauben, dass die Wahrnehmung, damit sie so geartet ist, um uns mit der Realität zu konfrontieren, eine Erkenntnis (connaissance) sein müsse. Nun ist Wahrnehmung in dem ihr eigenen Sinn gewiss keine Erkenntnis, sondern eine – besonders – grundlegende Form der Verfügbarkeit dessen, was außerdem erkannt werden kann.« (Benoist, p. 104).
Wahrnehmung organisiert Verfügbarkeit, die erst im Kontext wahr oder falsch sein kann. Im Falschsein erfolgt aber keine Einbuße an Realität,
Wer also den Kontext arithmetischen Wissens ignoriert (also keine Repräsentation von „114 – 28 = 86“ in Form einer Gleichung „114 – x = y“ aktiviert), der konstituiert Magie.
Damit wäre die Frage „Wie kann das?“ beantwortet. Allerdings kann man sich nach Lektüre von Kapitel 6 („Die Realität des Gesellschaftlichen“) davon überzeugen, dass sich in der Interaktion mit anderen (hier: @frachtschaden) die Magie nicht halten lässt, da ein anderer Kontext aktiviert wird. (Oder wie Benoist sagt: Der Kontext bleibt still und auf eine Berührung hin bezogen, die von nicht-normativer Ordnung ist (p. 92)).
Das ist mir alles zu kompliziert. Heute in einem Jahr stimmt die Rechung nämlich nicht mehr. Dann bräuchte es 115 Suren. Am 1.1.2017 sogar 116 Suren etc.
@tomlevold du hast die Magie des Sinnverstehens entdeckt. Denn eine Erklärung für die Herkunft des Problems ist durch die gleiche Theorie erklärbar, die die Herkunft der Lösung erklärt. Wir brauchen eine Theorie der Faszination, nicht eine Theorie für bekannte (und beobachtbare) Sachverhalte.