Differentia

Monat: Dezember, 2014

Kommunikation zwischen Unbekannten: Meinungsfreiheit @LiteraturFrey @mkarbacher

Kommunikation zwischen Unbekannten: Der Referenzzirkel / Das Risiko des Gelingens / Selbstdarstellung / Irrtum und Chaos / Abwesenheit und Immersion

Meinungsfreiheit wird für Menschen in Deutschland, was für weite Teile Europas ebenso gilt, als Selbstverständlichkeit in Erfahrung gebracht. Diese Selbstverständlichkeit erkennt man daran, dass jeder jederzeit von dieser Freiheit ganz ungeniert Gebrauch machen kann. Dass vielleicht auch etwas Zurückhaltung, etwas Vorsicht, ja vielleicht sogar Bedenken hinsichtlich der jederzeitigen Möglichkeit der Meinungsäußerung sinnvoll sein könnte, wird gerade da nicht akzeptiert, wo inflationär von „Zensur“ die Rede ist. Man beschwert sich immer noch darüber (das heißt: man gibt die Meinung kund), dass man nicht überall seine Meinung kund geben könnte, nicht bemerkend, dass man genau daran nirgends und von niemandem gehindert wird.

Daraus folgt die Überlegung, dass Meinungsfreiheit, die ehedem eine furchterregende Sache gewesen war, die nicht so einfach dazu führte, Meinung zu äußern oder Meinungsfreiheit zu fordern, nach Wegfall aller Hinderungsgründe, sich nunmehr zu einem Recht auf Indifferenz gewandelt hat. Ein Recht auf Indifferenz meint, dass es für einen Sprecher oder Schreiber gar nicht mehr auf das „Was“ seiner Meinung ankommt.

Das kann man bei Twitter beispielsweise testen, indem  man, nachdem jemand, der ungebeten seine Meinung mit Anführungszeichen großer Wichtigkeit geäußert hat, statt wiederum selbst eine eigene Meinung zu äußern, einfach nachfragt, von welcher Wichtigkeit die eben mitgeteilte Meinung denn sei. In der Regel kommt dann immer nur die Antwort: „Ist halt meine Meinung!“ – womit zugleich ihre Irrelevanz zugegeben oder das besondere Merkmal ihrer Wichtigkeit für andere mindestens anheim gestellt wird. Das zeigt: Es geht nur um den Vollzug von Meinungsäußerung und nicht etwa darum, Wichtigkeiten, Besonderheiten, Dringlichkeiten mitzuteilen oder gar „kritische Urteilsbildung“ zu üben. Die Übung der Kritik funktioniert nicht mehr, jedenfalls nicht mehr unter den Bedingungen, wie sie durch social media bereit gestellt werden. Das „Was“ der Meinung tritt hinter der Beobachtbarkeit des Vollzugs ihrer Äußerung zurück. Die „Dassheit“ des Geschehens wird nun verstärkt irritabel, die „Washeit“ der Dinge wird zusehends schwieriger kommunikabel, eben weil sie ganz leicht und jederzeit in ihrer Kontingenz zutage treten kann und damit ihre Besonderheit verliert.

Da nun aber die Lernbereitschaft nicht sehr groß ist, weil die Anstrengungen zur Herstellung von Meinung so gering sind, dass man sich um die bekannten Bedingung der Möglichkeit von Meinung nicht zu irritieren braucht, weil dies als irgendeine Art von Selbstverständlichkeit erfahrbar wird, kann nun nicht so einfach auffallen, dass ein neuer Lernbedarf, eine neue Übungsnotwendigkeit entsteht, um diese unbekannten Bedingungen der Möglichkeit von Urteilsbildung in Erfahrung zu bringen. Was nicht so einfach verstehbar gemacht werden kann ist, dass, nachdem nun die Übung der Kritik  keine weiteren Lernerfolge mehr ermöglicht, etwas anderes zu lernen wäre, was deshalb so schwer zu erklären ist, weil niemand so einfach sagen kann was das sei. Der Schwierigkeit kann ganz einfach aus dem Wege gegangen werden, indem man einfach wiederum nur eine andere Meinung äußert.

Das Recht auf Indifferenz führt zu der Einsicht, dass Naivität Trumpf ist. Eben dies scheint mir eine sehr starke Bewährungshürde für die Findung intelligenter Möglichkeiten der Internetkommunikation zu sein. Meinungsäußerung, Meinungsausstausch, Meinungskampf sind dumm und primitiv geworden. Diese Internettrollerei ist deshalb Bewährungskommunikation. Sie provoziert Ordnungsfindung für neue Übungsverfahren auf dem Wege der beständigen Sabotage einer alt und trivial gewordenen kritischen Disziplin.

Abwesenheit und Immersion

zurück / Fortsetzung: Jeder hat schon mal beim Surfen solche oder ähnliche Formulierungen gelesen oder selbst schon einmal geäußert: „Menschen sind im Internet / halten sich im Internet auf / bewegen sich durch das Internet / leben, wohnen im Internet“ und dergleichen mehr. Wenn ich auch zugeben muss, über so etwas zu lachen, so reicht es nicht aus, anderen nur mangelnde Aufmerksamkeit, mangelnde Beobachtungsfähigkeit oder irgendein schrilles und schräges Realitätsverständnis zu unterstellen. Denn man wird sehr wohl von der Annahme ausgehen können, dass Kommentatoren sehr wohl wissen, dass man nicht „im Internet sein“ kann und trotzdem werden solche Formulierungen gewählt und hinterlassen. Wie ist das möglich? Wie kommt das zustande? Und warum ist es so schwer, die Verwicklungen, die aus solcher Art der Irrtumskommunikation entstehen, zu analysieren und zu erklären?
Aber damit nicht genug. Auch ist es sehr schwer zu erklären, dass Internetkommunikation im Ganzen betrachtet ständig die Informationssituation verschlechtert statt verbessert. Internetnutzer sind schlecht, unzureichend, sehr unvollständig informiert und nicht gut und zuverlässig. Warum ist es so schwer, dass akzetabel zu machen? Die Antwort lautet gewiss: das liegt an dieser Art der Kommunikation selbst. Denn wo Irrtum und Chaos wahrscheinlicher ist als alles andere, findet Aufklärung nicht so leicht Akzeptanz.
Ein Grund dafür ist, dass in der Regel alle Beteiligten für einander gleichzeitig abwesend sind und trotzdem kann sich Interaktion ergeben. Interaktion zwischen Abwesenden wäre etwas, das keine vergleichbare Qualität des Erlebens und Erfahrens kennt. Das Telefongespräch ist deshalb kein Vorbild, weil die soziale Bündelung von Wahrnehmungsgehalten zwar zwischen Abwesenden gelingt, aber keine Gleichzeitigkeit anderer  Wahrnehmungsgehalte für andere ermöglicht. In der Regel sind nur zwei Beteiligte für einander hörbar, während all das, was man sonst noch wahrnehmen kann, sofern es für ein ablaufendes Gespräch nicht von Bedeutung ist, auch nicht kommunizierbar ist, was einfach daran liegt, dass sonst kein anderer beteiligt ist oder sich jederzeit beteiligen könnte. Das gilt für Chats schon nicht mehr und schon gar nicht für Google-Hangout. Aber schon beim Tweetwechsel zeigt sich, dass Interaktion zwischen Abweseden eine ganze andere Qualität des Erlebens erzeugt.

Es handelt sich dabei um eine paranoische Beobachtungssituation, die unter dem Begriff der „Immersion“ bekannt ist. Immersion bezeichnet die wahrnehmbare und erlebbare Erfahrung, dass für das Bewusstsein ein weiterer Wahrnehmungsunterschied entsteht, der für die Kommunikation die Zuordnung von Information und Mitteilung beinahe blockiert. So etwas erzeugt parasoziale Beobachtungsverhältnisse. Das sei kurz erklärt:

Mit Immersion wird die Erfahrung bezeichnet, dass man zwischen dem eigenen Ort des Aufenthaltes und einem anderen, abwesenden Ort unterscheidet, an dem man sich zwar nicht aufhält, aber als jemand wahrgenommen wird, und sei es durch Selbstwahrnehmung, der sich dort aufhalten könnte. Eine andere Formulierung dafür ist: sich woanders anwesend zu wähnen. Damit entsteht deshalb ein weiterer Unterschied für das Bewusstsein, weil die Information über den tatsächlichen, besser gesagt: einen gleichzeitig anderen Aufenthaltsortes nicht verschwindet, sondern immer mitberücksichtigt wird, auch, dann wenn dies nicht expliziert wird. Das heißt: die Unterscheidung zwischen einen tatsächlichen und einem virtuellen Aufenthaltsort ist fraglich, weil man im Prinzip gleichzeitig an zwei verschiedenen Ort sein kann und dies allein deshalb, weil eine solche Beobachtung möglich ist. Das ist wichtig: Die Tatsächlichkeit eines Aufenthaltes ist nicht einfach nur da, ist nicht einfach nur gegeben, wenn zwar auch normal, so doch nicht ohne eine Beobachtung dieser Tatsächlichkeit, die gerade deshalb, weil es sich um Beobachtung handelt, ihre Kontingenz und damit ihre „Anders-Möglichkeit“ einschließt. Wer Tatsächlichkeit feststellt, gibt immer auch eine weitere, andere Möglichkeit der Beobachtung frei.

Das Wichtige ist nun, dass solche Erfahrungen über eine abwesende Anwesenheit vor der Internetnutzung zwar bekannt waren, aber in der Regel nur in Differenzen psycho-pathologischer Diagnosen behandelt wurden. Die Erfahrung abwesender Anwesenheit kennt man aus Krankheitsbildern der Schizophrenie oder von Symptomen des Drogengebrauchs. Entsprechend wurden solche Erlebnisse pathologisiert, medikalisiert oder auf irgendeine andere Weise rationalistischer Verfahrensweisen unterzogen. Die Immersionserfahrung der Interaktion zwischen Abwesen lässt so etwas nicht mehr zu, schon deshalb nicht, weil sowas auch gar nicht pathologisch ist. Aber die Gesellschaft kennt keine geeigneten Verfahrensweisen, weil das Erleben dieser Differenz noch weitgehend folgenlos ist oder, wenn doch Folgen entstehen, diese individualisiert werden. Das heißt: Alle Folgen können noch nicht als gesellschaftliche Folgen erkannt werden, weshalb es leichter fällt, wenn unvorhersehbare Folgen entstehen, anderen defizitäre Charaktermerkmale oder mangelnde Verstandesfähigkeit zu unterstellen, weil eben dies eine bekannte und gewohnte rationalistische Verfahrensweise ist, die hinlänglich geübt wurde und erprobt ist.

Tatsächlich ist die Interaktion zwischen Abwesenden und die Erfahrung der Immersion ein wichtiger Faktor um diese Trollerei zu erklären. Und auch dies gehört zu der Einsicht, dass das Medium das Problem ist und nicht die Wertschätzungen, Verstandesfähigkeiten und Charaktermerkmale von abwesenden und unerreichbaren Menschen.