Lernen und forschen ohne Bürokratie?
von Kusanowsky
In der bekannten Streitschrift von Ivan Illich „Entschulung der Gesellschaft„, die zu Beginn der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts erschienen ist, habe ich eine Textstelle gefunden, die aus der Zukunft stammen könnte:
In Schulen und Universitäten werden die meisten Mittel darauf verwendet, die Zeit und die Motivation einer begrenzten Zahl von Leuten zu kaufen, um sie vorab festgelegte Probleme in einem rituell bestimmten Rahmen aufgreifen zu lassen. Die radikalste Alternative zur Schule wäre ein Netzwerk oder ein Service, der jedermann die gleiche Gelegenheit bietet, seine jeweiligen Anliegen mit anderen zu teilen, welche die selben Anliegen haben.
Als Beispiel möchte ich anführen, wie man in New York City solche Kontakte zwischen Gleichgesinnten herstellen könnte. Es ließe sich einrichten, daß jeder zu beliebiger Zeit und mit minimalem Kostenaufwand über einen Computer seine Adresse und Telefonnummer angeben könnte sowie das Buch, den Aufsatz, den Film oder die Schallplatte, über die er mit einem Partner diskutieren möchte. Binnen weniger Tage könnte er durch die Post eine Liste von anderen Personen erhalten, die in letzter Zeit die gleiche Initiative ergriffen haben. Diese Liste würde es ihm ermöglichen, telefonisch eine Zusammenkunft mit Leuten zu verabreden, von denen er zunächst nur wüßte, daß sie ein Gespräch über den gleichen Gegenstand wünschen.
gefunden in: Illich, Ivan: Die Entschulung der Gesellschaft. 6. Auflage München 2013, S. 40 (Original: Deschooling Society 1971, 1972)
Was hier als Vorschlag im Jahr 1971 formuliert wurde, kennen wir schon, ohne es für Forschen und Lernen gegenwärtig nutzen zu können: Blogs, Twitter, social media usw. Das Interessante an diesem Vorschlag ist nicht sein prophetischer Gehalt. Wo Utopien diskutiert werden dürfen, kommen eine Vielzahl von Vorschlägen zustande, so dass es nicht weiter wundert, wenn der eine oder andere Vorschlag an realisierte Möglichkeiten erinnert. Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn. Das eigentlich Interessante daran ist etwas anderes.
Die Schrift von Illich versucht die These zu begründen, dass organisiertes Lernen durch Schule und Universität Menschen zu Konsumenten abrichtet und nicht zu gebildeten und schöpferischen Menschen erzieht. Das stimmt einerseits, aber andererseits liefert Illich zugleich eine Selbstwiderlegung.
Er erklärt zutreffend, dass das meiste, was Menschen lernen, nicht in der Schule durch Lehrer und Professoren gelernt wird, sondern sie lernen es selbst, durch Eigeninitiative, durch Eigenkreativität, durch eigenes Bemühungen und durch eigene Fantasie. (Bei Luhmann in „Die Erziehung der Gesellschaft“ taucht dieser Gedanke mit der Unterscheidung von Erziehung und Sozialisation auf.)
Illich schreibt zurecht, dass nichts so wenig manipulationsbedürftig sei wie die Bereitschaft zum Lernen, weil eben diese Bereitschaft sowohl Kinder als auch Erwachsene jederzeit genügend mitbringen. Und doch werde mit ungeheurem Aufwand Manipulation durch Lehrpersonal betrieben, was – wie Illich schreibt – dazu führe, dass der Widerstand dagegen von Schülern oder Studenten wächst und in eine Eskalation der ständigen Aufwandssteigerung münde. Mehr Manipulation der Schüler, höherer Widerstand der Schüler dagegen, noch mehr Manipulation, noch mehr Widerstand usw.
Den Schluss, den Illich nicht daraus zieht ist, dass eben dies auch für die Abrichtung zum Konsumieren gilt, obgleich dies das Erziehungsziel von Schulen sei. Wenn dies so ist, dann müsste gelten: Wenn die Abrichtung, der Drill zum Konsum funktioniert, dann wird das meiste dazu nicht in der Schule gelernt. Und wo durch Lehrpersonal entsprechende Zudringlichkeiten an Schüler und Studenten gerichtet werden, steigert sich der Widerstand dagegen.
Ich vermute, dass eben dies tatsächlich so oder so ähnlich beschreibbar ist. Organisiertes Lernen durch konzessioniertes Lehrpersonal (Lehrer, Professoren, Experten), das festgelegte Lehrstoffe von bürokratisch festgelegten Fächern vermittelt, muss enormen Aufwand erbringen, um den Widerstand der Lernenden zu brechen, bzw. um aus dem Widerstand der Lernenden Rückschlüsse auf die Verfeinerung der Manipulationsmethoden ziehen zu können; Manipulationen, die man genauso gut unterlassen könnte, weil die Lernbereitschaft auch ohne Manipulationsbemühungen genügend groß ist.
Durch Unterlassung dieser Unterlassung werden die Lernenden als Konsumenten aufgefasst, die Fertigkeiten nur auf der Basis von immer schon Gefertigtem erwerben, dessen Herkunft und dessen Herstellungsweisen sie nicht kennen und in Erfahrung bringen können, was übrigens auch für den Fall gilt, dass Forschungsmethoden unterrichtet werden. (Aus einer ähnlichen Überlegung heraus verfasste Paul Feyerabend die Schrift: „Wider den Methodenzwang“.)
Aber, anders als Illich ausführt, müsste dies dazu führen, dass das organisierte Lernen seine Ziele verfehlt. Das meiste, was zum Konsumverhalten führt, wird außerhalb der Schule gelernt und innerhalb der Schule wird ein steigender Widerstand dagegen beobachtbar. Aber: Wie? Unter welcher Bedingung?
Eben dies fällt in der eingangs zitierten prophetischen Notiz unter den Tisch. Denn das Zitat zeigt, dass eine damals unbekannte Bedingung eingeführt werden muss, damit sowas sozial beobachtbar wird, nämlich: die Einsparung von Transaktionskosten durch vernetzten Datentransfer; das ist die Einsparung derjenigen Kosten, die man aufbringen muss, um schwere Sachen (Objekte oder Menschen) zu bewegen und in den Verkehr zu bringen. Erst dann können weder der Widerstand gegen gesteigerte Manipulationsversuche, noch weitere Manipulationsversuche gesteigert werden, weil jetzt alle Beteiligen durch social media jederzeit und überall (auch im Klasssenraum oder im Hörsaal) für einander erreichbar sind oder unerreichbar bleiben können. Erst jetzt wird erkennbar, dass Lernbereitschaft sich immer ihre eigenen Wege, Kanäle, Gegenstände, Verfahrensweisen, Fertigkeiten, Techniken, Themen, Methoden, Theorien, Sachverhalte oder Beobachtung sucht, und zwar unabhängig vom Aufenthaltsort von Maschinen oder Menschen.
Was in der prophetischen Notiz nicht berücksichtigt wird, ist die notwendige Vergesellschaftungswirkung von Lernorganisationen, aber was sie andeutet ist etwas Kommendes: Selbstorganisation von Lernen und Forschen, sofern dies auch eine Vergesellschaftungswirkung, also Inklusion entfalten kann.
Genau diese Dynamik der Eskalation wird in dem Film „Class of 1984“ illustriert.
Im Trailer wird ziemlich plump mit dem Finger auf das Böse gezeigt, das sich in den delinquenten Schülern manifestiert hat. Die Rechtschaffenen müssen sich verteidigen und das Böse bekämpfen:
Es handelt sich insgesamt um einen relativ ordentlich gemachten Teenie–High-School-Thriller, der die Erwartung an das Genre erfüllt, auch wenn die Story oberflächlich betrachtet eben nur oberflächlich wirkt und letztlich ganz im Stil der 1980er in eine satte, dumme Gewaltorgie mündet.
Den Film kann man auch auf Youtube in voller Länge sehen.
Muss man aber nicht unbedingt. 😉
Es geht im wesentlich um die Konfrontation zwischen einem jungen, ambitionierten Lehrer und einem begabten, aber schwer soziopathisch veranlagten Schüler, der durch sein manipulatives Talent eine Bande von gelangweilten, kleinkriminellen Halbstarken um sich schart.
Der Lehrer, Andrew Norris, reagiert auf die Störung seines Unterrichts und die mangelnde Teilnahmebereitschaft am Unterricht mit erhöhtem Druck.
Wiederholt versucht er dem renitenten, manipulativen und kriminellen Peter Stegman zur Rede zu stellen und zur Subordination zu zwingen.
Jeder versuch manipulativ und autoritär auf Stegman einzuwirken endet darin, dass Stegman sein manipulatives Talent noch drastischer ausspielt und seine kriminelle Energie und Macht in immer heftigeren Attacken zur Schau stellt.
Da andere Lehrkräfte mit der Weisung lehrzielorientiert zu unterrichten ähnlich überfordert sind,, werden die Kontrollen in der Lincoln High zunehmend verschärft und einzelne Lehrer erscheinen bewaffnet im Unterricht.
Eine wichtige Schlüsselszene ist diese:
Norris fühlt sich durch das renitente und aggressive Verhalten seines Schülers offenbar irritiert, beleidigt und in seiner Rolle und Position in Frage gestellt.
Daher schickt er Stegman und seine Gang aus dem Unterricht, mit den Worten:
„Maybe I’ll give you a shot, when you grow up, now get out!“
Hier verpasst Norris allerdings eine entscheidende Chance zur Auflösung der Eskalationsdynamik.
Stegman demonstriert seinen Enthusiasmus und sein Talent für Musik, während er sich durch seine pathologisch narzisstische Haltung selber im Weg steht. Genau das hätte Norris erkennen können.
Zumindest hätte er seinen Enthusiasmus konstruktiv aufgreifen können.
Er hätte hier die Chance gehabt, Stegman aus seiner festgefahrenen Rolle als Rebell und Widersacher zu entlassen. Aber dazu hätte er über seinen verletzten Stolz hinwegsehen und seine Rolle als Autorität und Lehrkörper wenigstens vorübergehend aufgeben müssen. Vielleicht hätten einige ehrliche Gespräche auf Augenhöhe zur Deeskalation genügt…
Vielleicht hätte irgendjemand sich letztlich auf die Ebene einer ehrlichen Freundschaft mit Stegman einlassen müssen, um die Situation auf lange Sicht zu entschärfen und Stegman vom Weg der krankhaften emotionalen Abgrenzung und frustrierten Isolation abzubringen.
Die kritische Aufgabe war letztlich eben nicht, den aufsässigen Stegman durch Zurechtweisung unterzubuttern oder durch Umschmeichelung in das Unterrichtsgeschehen zu integrieren.
Wichtig war es in der Konfrontation mit Stegman, traditionelle Rollenbilder zu relativieren und ihn dadurch die Freiheit zu geben, seine Rolle als gefährlicher, aufsässiger Rebell und Widersacher aufzugeben.
Mit der Freiheit traditionell aufgesetzte Rollenbilder zu verlassen kommt letztlich die Verantwortung souverän, selbstkritisch aber selbstbestimmt eine neudefinierte Rolle zu finden oder zu erfinden, die eine positive/ gesunde, konstruktive & kreative Persönlichkeitsentwicklung möglich macht.
Sowohl Stegman als auch Norris sind eingeklemmt in Rollenbilder, die sie beide im Rahmen der erlebten Zwangs-Situation in einen eskalierende Konfrontation treibt.
Es gibt eine Menge andere Filme, die das Thema High-School-Terror, Konfrontation und Eskalation aufgreifen.
Die dümmsten und zugleich witzigsten Beipiele sind vielleicht die Filme „Class of 1999“ & „Class of 1999, Part II: The Substitute“.
Beide Filme sind vielleicht als bekloppte Antworten auf die kritischen gesellschaftlichen Fragen zu verstehen, die im Film „Class of 1984“ aufgegriffen werden.
Prophetisch ist auch die TV-Sendung „Child of the Future“, die 1966 mit dem Medientheoretiker Marshall McLuhan produziert wurde:
Was er über das Klassenzimmer der Zukunft zu sagen hat passt recht gut in den oben angeschnittenen Kontext.
„… Total Involvement..!.“
3:35 „… curiosity… answers… this is their reward… they don’t need gold stars or approbation… “
9:14 „… We’re moving… into a world of pattern recognition and discovery…“
14:49 „… encountering more inclusive kinds of technologies… integral forms of #learning …“
24:28 „… Television…“
26:28 „… TV class room…“
// über YOUTUBE:
51:14 „… in fact we have moved out of the mechanized world, into the electric world… people … are involved… loopings & feedback…“
// McLuhan schließt mit den Worten:
55:27 „The Child of the Future — [that] is a rather terrifying thought — it makes even science-fiction look rather tame… What is in effect happening is a kind of extension — not only of the learning process, but of consciousness itself into the outer environment… So that The Child of the Future is likely to be able to program #consciousness with the same ease with which we have previously programmed curricula… [55:52] But … I can’t be terrified by such prospects, really, because these are also Extensions of Man… They are means of becoming more oneself, rather than becoming alienated from oneself… [56:09] You can’t possibly imagine a technology (except the most specialist/ fragmented type) that could possibly alienate man from himself… They amplify our powers… They accelerate our powers… and they enrich our learning process enormously…“
Wir sitzen heute vor vernetzten, digitalen Lernmaschinen, die uns ständig aktiv in dynamische Lernprozesse einbinden.
Die Didaktik entwickelt sich spontan und dymaisch im Rahmen der Eindrücke, die uns in den Kreisen unserer vernetzung zugetragen werden… bedingt durch Verknüpfungsalgorithmen, Filterbubbles und die Ideen, Eindrücke, Ansichten und Gedanken, die Andere in den Knoten der Sozialen Vernetzung jeweils mit uns teilen…
Interessant finde ich auch diese Analyse von Stanley Kubricks „2001“:
Der MONOLITH als Metapher auf die Lernmaschine Bildschirm?
Der Bildschirm als Katalysator der sozialen Evolution..?
Siehe Info zum Video: // Veröffentlicht am 15.08.2014
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