Irrtum und Chaos
von Kusanowsky
zurück / Fortsetzung: Weil es für Internetkommunikation, sofern Unbekannte mit Unbekannten in Kontakt kommen, ohne, dass es eine Notwendigkeit gäbe, diese Anonymität zu beseitigen, kein Risiko des Gelingens von Kommunikation gibt entstehen hoch erratische Strukturen, die Kommunikationen, wenn überhaupt, nur als Irrtumsleistungen und Chaosgeschehen zustande bringen. Auf diese Weise wird aufgrund von Informationsüberfluss eine Informationsarmut erzeugt. Wenn sich jeder für jeden jederzeit und überall ansprechbar macht, entstehen große Informationsverluste, die an keiner Stelle geordnet, strukturiert, gebündelt und beseitigt werden könnten. Tatsächlich geschieht mit jedem Versuch, eine Informationssiutation zu verbessern, genau das Gegenteil: die Informationssituation verschlechtert sich ständig.
Das steht im Gegensatz zu bekannten und gewohnten Routinen der Behandlung von Information. Die bekannte Verfahrensweise gründet auf der Maxime: Bist du schlecht informiert, dann verbessere zunächst deine Informationssituation und sorge dafür, durch Rücksichtnahme gegen andere durch Selbstdisziplinierung, dass für andere Zuverlässigkeit und Genauigkeit entstehen kann, damit auch andere bessere Möglichkeiten haben, ihre Informationssituation zu verbessern. Dies, grob gesprochen, nenne ich den modernen, transzendentalen Vermeidungsirrtum. Landläufig kennt man dies auch als zivilisatorische Disziplin der Rücksichtnahme. Wo und wie Menschen immer aufeinander treffen: bei der Arbeit, in der Freizeit, im Straßenverkehr, beim Telefonieren oder Briefeschreiben, immer gilt: zeige Rücksicht, weil nur Rücksicht gegen andere deine eigene Informationssituation stabil hält.
Das Internet unterläuft solche Strukturen. Was stattdessen entsteht ist eine beinahe vollständige Rücksichtlslosigkeit, die sich da durch ergibt, dass, gerade weil jeder für jeden abwesend ist, niemand mehr weiß, worüber andere informiert sind oder nicht, weshalb eine Rücknahme gar nicht mehr funktioniert. Worauf soll man Rücksicht nehmen? Wenn man das nicht weiß und keine Möglichkeit hat, die Informationssituation zu verbessern, dann gibt es nicht nur keine oder schlechte Möglichkeiten, das zu ändern, sondern es ist auch gar nicht notwendig. Andersherum betrachtet: wäre das notwendig, dann ging es nicht weiter. Denn was sollte dann geschehen? Was sollte man dann noch sagen?
Eine Rücksichtnahme ist deshalb gar nicht notwendig, weil erstens jeder für jeden abwesend ist, und zweitens auch deshalb, weil jeder jederzeit die Kommunkation abbrechen kann. Rücksichtnahme, so viel man sich auch Bemühen wollte, läuft streng genomen genauso ins Leere wie Rücksichtslosigkeit. Der Beweis, dass es sich so verhält, ergibt sich aus den Immunreaktionen darauf, nämlich die Empörung darüber und Appelle, die etwas aussichtsloses vorschlagen. Die Behauptung, es sei doch klar, es sei doch selbstverständlich, dass Rücksichtnahme nötig wäre und worauf Rücksicht genommen werden müsste, wird mit jeder Empörung und mit jedem Appell widerlegt. Stattdessen wird durch Empörung und Apppell selbst nur Irrtum und Chaos vergrößert, weil nämlich auch Empörung und Appell genauso rücksichtlos kommuniziert werden wie alles andere auch.
Auch aus diesem Grund wird diese Trollerei auffällig. Das Medium erzeugt diese Trollerei, und nicht rücksichtslose Menschen.
Dieser Beobachtung unterstelle ich eine weitefasste Perspektive, der ich zwar logisch folgen kann, allerdings inhaltlich differenzierter sehe. Menschen die sich im Internet aufhalten, sind meist Teil einer Kultur, verschiedener Organisationen und kennen eine ganze Reihe sozialer Regeln. Natürlich gibt es immer eine gewisse Unschärfe in der Kommunikation, doch kommt im Austausch nur ein soziales System zustande, wenn sich Regeln etablieren. Chaos mag sein, hat aber kein Bestand. Es ist der notwendige Zustand vor Selbstorganisation. Den wir wissen: Je höher die Auswahlmöglichkeiten, desto stärker ist der Bedarf eine Auswahl zu treffen. Generalisierung und Abstraktion wird der Beschreibung komplexer Systeme nur modellartig gerecht. Ein offenes System wie das Internet hat sehr viel Fasetten.
Das ist mit Luhmann leicht zu erklären: Es werden ständig Kommunikationsanlässe produziert. Diese führen jedoch nicht zum Entstehen von Kommunikation. „Der Mensch kann nicht kommunizieren; nur die Kommunikation kann kommunizieren.“
Damit hat Luhmann das Problem der Selbstdarstellungswut definiert, ohne das es facebook zu seiner Lebenszeit gegeben hätte. 🙂