Selbstdarstellung

von Kusanowsky

zurück / Fortsetzung: Auch die Praxis der Selbstdarstellung in sozialen Netzwerken bildet einen Faktor für das Zustandekommen hoch erratischer Erwartungsenttäuschungen  der Kommunikation, die kein Beispiel und Vorbild durch andere Formen der Kommunikation haben. Denn wo Kommunikation eine Identität von Personen, eine Validität von Adressen, eine Reliabilität der Beziehung und eine Integrität der Struktur dieser Komponenten erwartbar macht, ist Selbstdarstellung als ein sozial eingeschlossener und implizierter Anstoß für Erwartungsbildung eigentlich gar nicht möglich. Das hängt in diesem Kontext einerseits mit dem schon behandelten Referenzzirkel zusammen und führt andererseits zu der Einsicht, dass jede Selbstdarstellung, als Spezialfall von Selbstbeschreibung, immer nur als Differenz zu einer Fremddarstellung beobachtbar wird und darum für Individuen unverfügbar ist. Das sei kurz erläutert:

Eine bekannte, nicht nur von Feministinnen und Rassisten bevorzugte Unterscheidung, ist die Unterscheidung von natürlichen und sozialen Personenmerkmalen.  Diese Unterscheidung wird so behandelt, dass natürliche Merkmale einer Person keine eigenwillige Wahl derselben Person wären, wie z.B. Geschlecht und Hautfarbe, soziale Personenmerkmal wären dagegen sehr wohl eine eigenwillige Wahl. Mit sozialen Personenmerkmalen ist zunächst jede Art der expressiven Habitualsierung gemeint, Kleidung, Frisur, jede Selbststilisierung, die sich bis in den Bereich der Körperhaltung, Körperpflege, der Mimik und Gestik erstrecken mag, aber auch alles andere, was die Gestaltung von Lebensraum und Lebenszeit betrifft: Wohnung, Wohgegend, Lebenslauf, Wahl eines Netzwerks von Freund- und Bekanntschafen.
Die Unterscheidung von natürlichen und sozialen Personenmerkmalen will sagen: erstere wären für die Person unverfügbar, also: objektiv gegeben und insofern sei das Subjekt diesen unterlegen, weil es sie nicht wählen, also nicht ändern könnte; soziale Personenmerkmale sprächen dagegen von der Autonomie des Subjekt, weil sie wählbar und darum immer auch abwählbar, also veränderbar wären. Daraus ergeben sich dann Ansprüche und Forderungen auf Rücksichtnahme: keine Rücksichnahme gegen Wählbares, in dieser Hinsicht sei Kritik, Geringschätzung und Diskriminierung zulässig oder jedenfalls nicht zu verhindern, was darum weniger schlimm sei, weil man ja wählen könnte, was im Fall natürlicher Personenmerkmale nicht ginge, weshalb hier Kritik, Geringschätzung oder Diskriminierung immer eine unhaltbare Zumutung für die betroffenen Personen wäre.

Die Folgen solcher Diskussionsverläufe dürften allseits bekannt sein und führen immer wieder in die gleiche aussichtslose Falle. Worin besteht diese Falle?

Die Falle ist die Unterscheidung von natürlichen und sozialen Personenmerkmalen. Denn es kommt gar nicht darauf an, was für das Individuuum wählbar oder nicht wählbar ist, sondern darauf, was es in jedem Fall nicht wählen kann, nämlich: die Wahl, die Meinung, die Mitteilung, das Verhalten, die Handlung der anderen, egal worauf sich das alles beziehen mag. Denn mag sich die Meinung auf die Hautfarbe oder Kleidung beziehen, in beiden Fällen kann das beobachtete Indviduum nicht wählen, was ein anderer in bezug auf es selbst gewählt hat. Die Wahl des Anderen ist für den Anderen unverfügbar und das gilt für jeden Anderen auch. Das heißt: es gibt nur soziale Personenmerkmale, die sich allerdings nicht dadurch verstehen, dass sie wählbar sind, sondern dadurch, dass sei durch eine unverfügbare kommuniktive Differenz von Selbstsdarstellung und Fremddarstellung beobachtbar werden. Diese Differenz ensteht kommunkativ und nicht schon durch Wahrnehmung in sozialen Kontexten und spielt für gesellschaftliche Belange nur in sozialen Kontexten eine Rolle, was immer die Individuen auch sonst noch wahrnehmen mögen: Wahrnehmung ist keine soziale Realität und ist mit sozialer Realität nicht eindeutig verknüpft. Wahrnehmung ist eine Bedingung für Kommunikation, aber keine Ursache. Und insofern lässt Kommunikation auch keine eindeutige Zuordnung zur Wahrnehmung zu, soviel irgendwer behaupten möchte, er habe dieses oder jenes eindeutig gesehen, gehört oder sonst wie wahrgenommen: ohne eine Differenz wüsste niemand worum es geht.

Soziale Personenmerkmale sind individuell unverfügbar. Das heißt nicht, dass das Individuum aus diesem Grunde für soziale Systeme ein Subjekt wäre, das dieser sozialen Realtiät immer nur unterliege und ihr rat- und hilflos ausgesetzt wäre. Vielmehr hat das Indviduuum sehr wohl die Möglichkeit, die Bedingungen der Kommunikation zu verändern, nämlich: durch eigenwillige Wahl, was aber nicht heißt, die Kommunikation zu führen, sondern nur, sie zu ermöglichen; oder auch: sie fortsetzen, bzw. ihre Fortsetzung zu suchen, zu testen, zu provozieren oder ihr, was auch eine Wahl ist, aus dem Wege zu gehen.

Die eigenwillige Wahl des Indviduums, die Wahl von Meinung, Handlung, Verhalten oder Habitualisierung ist keine Kommunikation, führt nicht notwendig zur Wiederherstellung sozialer Realität. All das sind nur mehr oder weniger aufdringliche Versuche, sich der Wahrnehmung anderer auszusetzen oder sich dieser zu entziehen und Kommunikation zu versuchen. Dass daraus Ordnung entsteht, obwohl ihre Bedingungen für Individuen gänzlich unverfügbar sind, hängt damit zusammen, dass die Unverfügbarkeit der Wahl der anderen für jeden anderen auch gilt, weshalb so etwas wie Meinungsmacht oder Diskursmacht nur paranoische Phänomene sind, die nur aufgrund von Reflexionsschwierigkeiten standardisierbar sind. Stanardisiert wird damit gleichsam nur der Verzicht auf Reflexion. So etwas wie Meinungs- und Diskursmacht sind erratische Phänomene ohne eigenen Ordnungswert.

Für die Selbstdarstellung in digalten Datennetzen und den durch sie entstehen Netzwerken zeigt sich nun, wie gering die Möglichkeit ist, über die eigene Wahl, das eigene Bild, die eigenen Daten, über die Preisgabe selbstbezogener Wahrnehmgungsangebote zu verfügen. Das ist nichts Neues. Die Unverfügbarkeit der Wahl der anderen war schon immer gegeben, aber jetzt fällt etwas Entscheidendes weg. Es fallen nämlich aufgrund hoch erratischer Möglichkeiten zur Forsetzung der Kommunikation die Zuordnungsbegrenzen weg, die sonst anfallen, wenn eine Wahl auf eine andere Wahl trifft. Der Wegfall der Zuordnungsbegrenzung offenbart nun, wie aussichtslos es ist, über Selbstdarstellung zu verfügen. Und da dieses Aussichtslosigkeit selbst wiederum sozial verteilt ist, strukturiert sie ein gewises Maß an Indifferenz, was dann in den Praktiken der Selbstdarstellung als Peinlichkeit, als Obszönität, als Zumutung auffällt, weil die Differenz zwischen Selbst- und Fremddarstellung wegfällt. Das könnte man auch so formulieren: Wo die Selbstdarstellung zur eigenen Wahl wird und nur als solche kommuniziert wird, strukturiert sie sich die Kommunikation entweder primitiv und trivial und führt zu Emprörung oder Geringschätzung, oder liefert aus diesem Grund wiederum einen Reflexionswert für Selbststilisierung und Selbstthematisierung. Ein schönes Beispiel für letzteres ist wenigstens ansatzweise bei der journalistischen Arbeit von Tilo Jung zu erkennen.