Differentia

Monat: Dezember, 2014

Lernen und forschen ohne Bürokratie?

In der bekannten Streitschrift von Ivan IllichEntschulung der Gesellschaft„, die zu Beginn der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts erschienen ist, habe ich eine Textstelle gefunden, die aus der Zukunft stammen könnte:

In Schulen und Universitäten werden die meisten Mittel darauf verwendet, die Zeit und die Motivation einer begrenzten Zahl von Leuten zu kaufen, um sie vorab festgelegte Probleme in einem rituell bestimmten Rahmen aufgreifen zu lassen. Die radikalste Alternative zur Schule wäre ein Netzwerk oder ein Service, der jedermann die gleiche Gelegenheit bietet, seine jeweiligen Anliegen mit anderen zu teilen, welche die selben Anliegen haben.
Als Beispiel möchte ich anführen, wie man in New York City solche Kontakte zwischen Gleichgesinnten herstellen könnte. Es ließe sich einrichten, daß jeder zu beliebiger Zeit und mit minimalem Kostenaufwand über einen Computer seine Adresse und Telefonnummer angeben könnte sowie das Buch, den Aufsatz, den Film oder die Schallplatte, über die er mit einem Partner diskutieren möchte. Binnen weniger Tage könnte er durch die Post eine Liste von anderen Personen erhalten, die in letzter Zeit die gleiche Initiative ergriffen haben. Diese Liste würde es ihm ermöglichen, telefonisch eine Zusammenkunft mit Leuten zu verabreden, von denen er zunächst nur wüßte, daß sie ein Gespräch über den gleichen Gegenstand wünschen.

gefunden in: Illich, Ivan: Die Entschulung der Gesellschaft. 6. Auflage München 2013, S. 40 (Original: Deschooling Society 1971, 1972)

Was hier als Vorschlag im Jahr 1971 formuliert wurde, kennen wir schon, ohne es für Forschen und Lernen gegenwärtig nutzen zu können: Blogs, Twitter, social media usw. Das Interessante an diesem Vorschlag ist nicht sein prophetischer Gehalt. Wo Utopien diskutiert werden dürfen, kommen eine Vielzahl von Vorschlägen zustande, so dass es nicht weiter wundert, wenn der eine oder andere Vorschlag an realisierte Möglichkeiten erinnert. Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn. Das eigentlich Interessante daran ist etwas anderes.

Die Schrift von Illich versucht die These zu begründen, dass organisiertes Lernen durch Schule und Universität Menschen zu Konsumenten abrichtet und nicht zu gebildeten und schöpferischen Menschen erzieht. Das stimmt einerseits, aber andererseits liefert Illich zugleich eine Selbstwiderlegung.
Er erklärt zutreffend, dass das meiste, was Menschen lernen, nicht in der Schule durch Lehrer und Professoren gelernt wird, sondern sie lernen es selbst, durch Eigeninitiative, durch Eigenkreativität, durch eigenes Bemühungen und durch eigene Fantasie. (Bei Luhmann in „Die Erziehung der Gesellschaft“ taucht dieser Gedanke mit der Unterscheidung von Erziehung und Sozialisation auf.)

Illich schreibt zurecht, dass nichts so wenig manipulationsbedürftig sei wie die Bereitschaft zum Lernen, weil eben diese Bereitschaft sowohl Kinder als auch Erwachsene jederzeit genügend mitbringen. Und doch werde mit ungeheurem Aufwand Manipulation durch Lehrpersonal betrieben, was – wie Illich schreibt – dazu führe, dass der Widerstand dagegen von Schülern oder Studenten wächst und in eine Eskalation der ständigen Aufwandssteigerung münde. Mehr Manipulation der Schüler, höherer Widerstand der Schüler dagegen, noch mehr Manipulation, noch mehr Widerstand usw.
Den Schluss, den Illich nicht daraus zieht ist, dass eben dies auch für die Abrichtung zum Konsumieren gilt, obgleich dies das Erziehungsziel von Schulen sei. Wenn dies so ist, dann müsste gelten: Wenn die Abrichtung, der Drill zum Konsum funktioniert, dann wird das meiste dazu nicht in der Schule gelernt. Und wo durch Lehrpersonal entsprechende Zudringlichkeiten an Schüler und Studenten gerichtet werden, steigert sich der Widerstand dagegen.
Ich vermute, dass eben dies tatsächlich so oder so ähnlich beschreibbar ist. Organisiertes Lernen durch konzessioniertes Lehrpersonal (Lehrer, Professoren, Experten), das festgelegte Lehrstoffe von bürokratisch festgelegten Fächern vermittelt, muss enormen Aufwand erbringen, um den Widerstand der Lernenden zu brechen, bzw. um aus dem Widerstand der Lernenden Rückschlüsse auf die Verfeinerung der Manipulationsmethoden ziehen zu können; Manipulationen, die man genauso gut unterlassen könnte, weil die Lernbereitschaft auch ohne Manipulationsbemühungen genügend groß ist.
Durch Unterlassung dieser Unterlassung werden die Lernenden als Konsumenten aufgefasst, die Fertigkeiten nur auf der Basis von immer schon Gefertigtem erwerben, dessen Herkunft und dessen Herstellungsweisen sie nicht kennen und in Erfahrung bringen können, was übrigens auch für den Fall gilt, dass Forschungsmethoden unterrichtet werden. (Aus einer ähnlichen Überlegung heraus verfasste Paul Feyerabend die Schrift: „Wider den Methodenzwang“.)

Aber, anders als Illich ausführt, müsste dies dazu führen, dass das organisierte Lernen seine Ziele verfehlt. Das meiste, was zum Konsumverhalten führt, wird außerhalb der Schule gelernt und innerhalb der Schule wird ein steigender Widerstand dagegen beobachtbar. Aber: Wie? Unter welcher Bedingung?

Eben dies fällt in der eingangs zitierten prophetischen Notiz unter den Tisch. Denn das Zitat zeigt, dass eine damals unbekannte Bedingung eingeführt werden muss, damit sowas sozial beobachtbar wird, nämlich: die Einsparung von Transaktionskosten durch vernetzten Datentransfer; das ist die Einsparung derjenigen Kosten, die man aufbringen muss, um schwere Sachen (Objekte oder Menschen) zu bewegen und in den Verkehr zu bringen. Erst dann können weder der Widerstand gegen gesteigerte Manipulationsversuche, noch weitere Manipulationsversuche gesteigert werden, weil jetzt alle Beteiligen durch social media jederzeit und überall (auch im Klasssenraum oder im Hörsaal) für einander erreichbar sind oder unerreichbar bleiben können. Erst jetzt wird erkennbar, dass Lernbereitschaft sich immer ihre eigenen Wege, Kanäle, Gegenstände, Verfahrensweisen, Fertigkeiten, Techniken, Themen, Methoden, Theorien, Sachverhalte oder Beobachtung sucht, und zwar unabhängig vom Aufenthaltsort von Maschinen oder Menschen.

Was in der prophetischen Notiz nicht berücksichtigt wird, ist die notwendige Vergesellschaftungswirkung von Lernorganisationen, aber was sie andeutet ist etwas Kommendes: Selbstorganisation von Lernen und Forschen, sofern dies auch eine Vergesellschaftungswirkung, also Inklusion entfalten kann.

Folge dem Führer? Angst, Vertrauen und Sicherheit

Ein selbsternannter Führer, ein Lotse fordert im Straßenverkehr ihm unbekannte Menschen, die mit ihm vor einer roten Fußgängerampel stehen, dazu auf, ihm über die Straße zu folgen. „Come on, follow me!“ Das Video zeigt einen Zusammenschnitt von Fällen, in denen die Leute dieser Aufforderung folge leisten. (Andere, abweichende Fälle sind beim Schneiden nicht mit berücksichtigt worden.)

Dieses Video ist eine sehr hübsche empirische Miniaturstudie, die zeigt, wie stark die moderne Gesellschaft ein Vertrauen in Menschenvermögen ausgebildet hat und wie sehr es fraglich wird, dass ein Misstrauen gegen Menschenunvermögen die zivilisatorische Zuverlässigkeit steigern könnte.

Für die Teilnahme am Straßenverkehr gilt zunächst ganz allgemein, dass er gar nicht funktionieren könnte, wenn nicht alle Beteiligten sehr viel Vertrauen sowohl in ihre eigene Leistungsfähigkeit hätten als auch in die Zuverlässigkeit aller anderen. Die Zuverlässigkeit ergibt sich dadurch, dass man die Verkehrsregeln kennt, dass man schnell entscheiden kann und muss, wann und wo sie gelten, dass man sich auch tatsächlich in jedem Augenblick an die Regeln hält und dass all dies jeder von jedem erwarten kann. Auch ergibt sich die Zuverlässigkeit nicht allein dadurch, dass man weiß, dass das Nichtbeachten von Verkehrsregeln bestraft wird. Die Angst vor Strafe allein erzeugt kein solches Vertrauen, sondern würde eher die Angst steigern und entmutigend wirken.
Die hochkomplexen Abläufe im Straßenverkehr sind durch Vertrauen bedingt, nicht durch Angst. Dem widerspricht kein Verhalten der Vorsicht, denn Vorsicht ist ja der Ausdruck von Vertrauen in die eigene Leistungs- und Zurechnungsfähigkeit. Entsprechend müsste man zeigen, dass auch der Verzicht auf Vorsicht eine Vertrauensleistung ist, die man sowohl gegen sich selbst als auch gegen andere erbringt.

Eben dies zeigt dieses Video. Zunächst könnte man annehmen, diese Miniaturstudie zeige, wie leicht Menschen zur eigenen Willenlosigkeit bereit sind, indem sie sich von einem Fremden führen lassen, ja sich sogar dazu verführen lassen, die Regeln zu brechen. Dieses Video macht aber nicht Menschenwillen sichtbar, sondern soziale Strukturen der Interaktion im Straßenverkehr, die für die Beteiligten nicht vollständig durchschaubar sind.

Eine wichtiges Strukturmerkmal des Interaktionsgeschehens im Straßenverkehr ist Hast und Eile. Der Grund, weshalb man an einer roten Fußgängerampel wartet besteht nicht darin ein Verbot einzuhalten, sondern darin, ein Vorsichtssignal zu beachten. Außerdem weiß man, dass die Autofahrer damit rechnen, dass die Fußgänger dies tatsächlich tun, weil sie selbst grün haben.
Und weil man aus Erfahrung weiß, dass man die ganze Verkehrssituation nicht überschauen kann, ist es trotz Eile ratsam auf grün zu warten.  Dies gilt auch, wenn mehrere Leute nebeneinander warten. Zwischen ihnen findet keine Interaktion statt. Das ändert sich plötzlich, wenn ein selbsternannter Verkehrspolizist auftaucht und die Aufforderung auspricht, ihm zu folgen. Jetzt findet Interaktion statt und damit Koordination von Handlung und Verhalten. Und welchen Grund gäbe es jetzt, dem Begehren nach Eile nicht nachzugeben? Warum noch länger ein Vorsichtssignal beachten, wenn jetzt durch Kommunikation die Wahrscheinlichkeit erhöht wird, dass man gefahrlos überqueren kann, zumal ja auch die Folger ihre eigene Wahrnehmung und ihr Vorischtsverhalten beim Folgen gar nicht ausschalten?
Welchen Grund hätte man zu der Annahme, dass der selbsternannte Verkehrspolizist nicht die gleiche Vorsicht zeigen wollte, wenn durch eigene Wahrnehmung schon eine relative Gefahrlosigkeit der Situation ermittelt wurde? So erscheint die Aufforderng zum Folgen nur eine Bestätigung für die eigene Wahrnehmung zu sein, die ohne Kommunikation eher dazu führt, dass man wartet. Kommunikation erzeugt Vertrauen, also Handlung ohne Gewissheit, ohne vollständige Durchschaubarkeit der Situation. Wahrnehmung ohne Kommunikation könnte das nicht leisten, weil ein Vorsichtsverhalten eher zum Vermeiden eines Regelübertritts motivieren würde.

Was man mit diesem Video also gar nicht zeigen kann ist, dass Menschen sich einem Führer anvertrauen. Sie vertrauen der Kommunikation, wodurch die prinzipelle Undurchschaubarkeit der sozialen Situation akzeptiert wird, ohne sich über die eigene Wahrnehmung ungebührlich zu irritieren, da aufgrund der strukturierten Hast und Eile im Straßenverkehr eine konzentrierte Irritation über Wahrnehmung, also ein Vorsichtsverhalten, ohnehin immer schon geschieht.

Und die Vermutung, dass Menschen so leicht bereit wären, manipulative Anweisungen anderer zu beachten, ist reichlich albern. Man könnte ein zweites Experiment machen, indem der Führer bei rot über die Ampel und den Wartenden zuruft, ihm nicht zu folgen. Was wäre, wenn gar kein Führer beobachtbar wäre, wenn also einer allein ohne eigenen Sprechakt bei rot geht. In dem Fall dürfte man zweierlei beobachten, dass nämlich die einen folgen und die andern nicht.

Das Unvermögen, um das es hier geht, ist das menschliche Unvermögen die ganze Kommunikation zu durchschauen. Diese Undurchschaubarkeit ist aber gar nicht das Problem, sondern die Lösung, die allerdings nur schwer verstehbar gemacht werden kann, wenn Vorbehalte und Misstrauen die Beobachtung dirigieren.