Differentia

Monat: Oktober, 2014

Regieanweisungen, Beobachtungsprobleme

(Ein Stückeschreiber schreibt Theaterstücke mit Regieanweisungen, die von der Regie exakt befolgt werden müssen. Andernfalls drohen empfindliche Strafen.)

Die Bühne ist nicht zu sehen.

Ein Zuschauer kann die Bühne sehen, der Zuschauer kann das nicht.

Die Bühne ist ein Zuschauer

Es gibt keinen Vorhang, den man nicht sehen kann.

Auf der Bühne ist alles zu sehen, was man sehen kann.

Alles, was man auf der Bühne sehen kann, ist nicht real.

Alles, was man auf der Bühne sehen kann, ist bedeutungslos.

Auf der Bühne ist etwas Normales zu sehen, das ungewöhnlich aussieht.

Auf der Bühne sind verschiedene Dinge zu sehen, von denen manche gleich aussehen.

Die Bühne ist eine Fiktion.

Die Bühne ist weder hell noch dunkel.

Alles, was man auf der Bühne sehen kann, kann man genau sehen.

Einige Dinge, die man auf der Bühne sehen kann, sind undeutlich zu sehen, die meisten davon sind eindeutig rot.

Die Bühne ist sichtbar, hat aber keine Bedeutung.

Alles, was auf der Bühne geschieht, geschieht selbstverständlich.

 

Ein Mensch betritt die Bühne.

Ein Mensch betritt die Bühne ohne, dass etwas geschieht.

Ein normaler Mensch betritt die Bühne.

Kein normaler Mensch betritt die Bühne. Er hat sich wie ein normaler Mensch zu verhalten.

Kein Mensch betritt die Bühne. Keiner soll das bemerken.

Ein Mensch betritt die Bühne, der ein Schauspieler ist.

Ein Schauspieler betritt die Bühne, der kein Mensch ist.

Ein schlechter Schauspieler betritt die Bühne. Er soll einen guten Schauspieler spielen.

Ein Mensch betritt die Bühne und täuscht schauspielerisches Talent vor.

Kein Schauspieler betritt die Bühne.

Zwei Menschen betreten die Bühne. Einer von beiden ist ein Schauspieler.

Zwei normale Menschen betreten die Bühne. Einer von beiden hat seinen Kopf oben, der andere hat einen Kopf.

Zwei Menschen betreten die Bühne. Der eine ist bedeutungsvoll, der andere ist ein bedeutungsloser Schauspieler, der sehr gut spielen kann.

Zwei Menschen betreten die Bühne. Einer ist sichtbar, der andere ist nicht unsichtbar.

Zwei Menschen betreten die Bühne. Einer trägt Kleidung, der andere ist verkleidet.

Ein Mensch, der sich als Mensch verkleidet hat, betritt die Bühne.

Ein Mensch, der sprechen kann, betritt die Bühne. Niemand soll das bemerken.

Ein Mensch, der nicht sprechen kann, betritt die Bühne. Niemand soll das bemerken.

Kein Mensch betritt die Bühne. Jemand soll das bemerken.

Ein Schauspieler, der diese Regieanweisung nicht versteht, betritt die Bühne.

Zwei Menschen betreten die Bühne. Einer ist als normaler, der andere ist als seltsamer Mensch verkleidet.

Drei Menschen betreten die Bühne. Sie glauben, dass sie zu viert sind; sie reden darüber nicht.

Vier Menschen, die nur bis drei zählen können, betreten die Bühne.

 

Die Bedeutung der Szene kann nur ein Zuschauer verstehen.

Die Bedeutungslosigkeit der Szene können fast alle Zuschauer verstehen.

Die Zuschauer sind auf der Bühne zu sehen.

Die Zuschauer wissen nicht wo die Bühne ist.

Die Zuschauer können den Zuschauer nicht sehen.

Ein Zuschauer kann den Zuschauer sehen.

Der Zuschauer kann sich nicht sehen.

Ein Zuschauer, der ein Mensch ist, lacht.

Ein anderer Zuschauer ist kein Mensch, der nicht sprechen kann.

 

Das Theaterstück muss erfolgreich sein.

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Die Überwachung kann man nicht beenden #rp15

Die Überwachung kann man nicht beenden. Wie soll das gehen? Jeder erinnert sich an die Blödelei von Ronald Pofalla, der mit der Aussage auffällig wurde, dass die Überwachungsaffäre beendet sei. Logisch, auf dem Wege einer anschlussfähigen Mitteilung kann man eine Sache nicht beenden, erst recht nicht, wenn sich die Anschlussfähigkeit durch eine Struktur ergibt, die auf die Relevanz der Sache aufmerksam macht. Niemand kann eine Diskussion durch ihre Fortsetzung beenden. (Und niemand kann ein Gerücht dadurch aus der Welt schaffen, dass es dementiert wird. Denn durch das Dementi wird es wiederholt.)

Interessant ist deshalb der beobachtbare Fall, dass dies dennoch versucht wird. Wie ist das möglich? Aber lassen wir diesen Punkt beiseite.

Nicht nur die Überwachungsaffäre kann niemand beenden, auch die Überwachung kann von niemandem beendet werden. Denn was geschieht, wenn irgendwer, ein Regierungschef, ein Minister, ein Pressesprecher, ein Geheimdienstchef oder wer auch immer die Überwachung für beendet erklären sollte? Wird man jubeln? Werden die Kämpfer gegen die Überwachung in Siegestaumel ausbrechen? Werden die Kämpfer ihre bekämpften Gegner milde behandeln? Wer wäre zufrieden, wenn die Überwachung von wem und wann auch immer für beendet erklärt werden würde? Ich vermute, man würde das selbe Gelächter und selben Spott hören, der nach der Pofalla-Blödelei zu vernehmen war. Wer soll das denn glauben? Das Gelächter und der Spott informieren darüber, dass die Angst vor der Überwachung so groß nicht ist. Denn ich jedenfalls habe noch nie Freude über fortgesetzte Angst empfunden. Vielleicht bin ich, was diesen Punkt angeht, ganz anders als alle anderen. Dass die Mehrheit sich über ihre Angst freuen könnte, habe ich noch niemals genauer betrachtet.

Daraus folgt: Mit der Überwachung ist es wie mit Radioaktivität. Ist die Paranoia erst einmal freigesetzt, kann sie mit keinem Mittel wieder eingefangen werden, weil niemand verlässliche Beweise für das Ende der Überwachung vorlegen kann; erst recht nicht, weil durch die zuständigen Stellen jedes Vertrauen in ihre Zuverlässigkeit zerstört wurde.

Aber die aufrichtigen Bekämpfer der Überwachung können sich von der Unmöglickeit der Beendung der Überwachung nicht beeindrucken lassen. Sie machen einfach weiter. Der Grund ist ihre Indifferenz gegen die Bedingung der Möglichkeit, die Überwachung zu beenden. Das bedeutet, dass auch die Bekämpfer der Überwachung von selben Paranoia infiziert sind. Die Infektion spricht sich gerade in ihrer Indifferenz aus. Ihnen ist egal, worin sie in der Haltung mit den Überwachungsorgansationen übereinstimmen. Denn auch die Überwacher werden immer weiter machen, weil sie gleichermaßen von der Paranoia eingefangen sind.

Bei Interesse: Die Paranoia ist freigesetzt und: Wie das Internet unsere Paranoia verändert

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