Differentia

Monat: August, 2014

Beobachtung und Reflexion von Modernisierungsprozessen 2 @ragnarh @oetting @praxsozi

zurück / Fortsetzung: Will man sich dem Gedanken anschließen, dass Modernisierung eine alte Sache ist, dann müsste die Gesellschaft mit dem aktuellen Modernisierungsschub gut zurecht kommen, weil mindestens eines allseits bekannt ist: vorhersehbare, gewollte und gewünschte Entwicklungen kommen etwa mit der gleichen Wahrscheinlichkeit zustande wie all das, was keiner bestellt, keiner gekauft, keiner bezahlt hat und was keiner gebrauchen kann oder wissen will. Will man also über Digitalisierung nachdenken – und darum geht es bei dem gegenwärtig ablaufenden Modernisierungsprozess – dann dürfte, wenn auch die erwünschten Folgewirkungen größtenteils noch unerfüllt sind und die unerwünschten Wirkungen ohnehin nicht ausbleiben werden, eines mindestens klar sein: über die vorsehbare Zukunft ist alles Entscheidende bereits gesagt, wenn auch noch nicht von allen. Entsprechend könnte man annehmen, dass es keinen sehr trifftigen Grund gibt, sich um diese Dinge viele Gedanken zu machen. Irgendwann ist jedes Thema tot gelabert.

Modernisierungsprozesse sind gesellschaftliche Krisen. Krisen sind sozial arrangierte Lernsituationen, die eine Bewährungsprüfung herstellen. Gelingt es oder gelingt es nicht, ein erwartbares Scheitern abzuwenden? Die bislang eingeübte Antwort lautet: es gelingt immer, entweder so oder anders. Zum Vorteil oder Nachteil der einen oder anderen. Denn auch das Scheitern hat niemals einen Neuversuch verhindert. Im Gegenteil. Keine Wand hat sich als so undurchdringlich erwiesen, dass sie dauerhaft einem Widerstand gewachsen wäre.

Was wäre nun aber, und das ist der Grund für mein Nachdenken über diese Angelegenheit, wenn es diesmal anders käme? Was wäre, wenn durch einen weiteren Modernisierungsprozess die Bedingungen für das Zustandekommen und für die Entwicklung solcher Prozesse selbst, wenn nicht zerstört, so doch blockiert oder wenigstens erschwert und verzögert würden? Wenn die bislang entwickelten und bekannten Bedingungen für Modernisierung sich nicht mehr als modernisierungsfähig erweisen? Denn Modernisierung funktioniert nicht auf bliebige und voraussetzungslose Weise, sondern durch spezifische Selbstanpassungsleistungen der Gesellschaft, die ihre eigene Stabilität herausbilden und erfordern, damit Modernisierung gelingt. Was aber, wenn diese Stabilität nicht mehr vollständig oder ausreichend garantiert werden könnte? Wenn also die bekannten und eingeübten Routinen der Krisenbewältigung, also die Art und Weise wie gelernt wird, selbst in eine Krise kämen? Wenn das sozial-ökologische Gefüge der Gesellschaft aus den Fugen geriete?

Das ist ein komplizierter Gedanke, der nicht so einfach angefangen und ausgeführt werden kann, um so weniger und schwieriger, da in einer komplizierten Welt nichts zu schwer zu ertragen ist wie komplizierte Überlegungen über diese Welt. Es müsste einfacher gehen, schneller, unkomplizierter, kostengünstiger, effizienter, aber eben dies strukturiert das Problem, weil ja die Erfahrung besagt, dass es auch ganz anders gehen könnte. Aber: anders geht es nur, wer man auch etwas anderes anfangen kann. Doch wie soll das gehen? Wer sollte so etwas versuchen?

Mit alldem ist gemeint: ein Selbstbeobachtungsprozess der Gesellschaft hat eine beinahe unüberwindbare Hürde zu nehmen. Wie soll man aus dem Schlamassel klug werden können, wenn die Bedingungen einerseits bekannt, eingeübt, erprobt, akzeptiert und aufgrund ihrer jederzeitigen Kommunikabilität alternativlos sind, sich andererseits aber als unbrauchbar erweisen?

Die kostengünstige Alternative wäre, sich dieser Sichtweise zu widersetzen, solche Überlegungen zu leugnen und stattdessen mit dem weiter zu machen, was man schon weiß und was jeder kennt.

Fortsetzung

Beobachtung und Reflexion von Modernisierungsprozessen 1 @ragnarh @ChristophKappes

Modernisierungsprozesse sind Erneuerungsprozesse und sind für die moderne Gesellschaft ein alter Hut. Spätestens seit der Industrialisierung können überall auf der Welt die unvorhersehbaren Folgewirkungen von vorhersehbaren Zukunftsinvestitionen festgestellt werden.

  •  Der Eisenbahnbau beschleunigte vorhersehbar die Verbreitung und den Umsatz von Waren und den Verkehr von Ideen, aber unvorhersehbar war, dass die Beschleunigung den Druck zur weiteren Beschleunigung erhöhte, so dass nicht die Verfügung über Waren und Ideen zum Zweck des Handelns wurde, sondern die Verfügung über Zeit, die plötzlich keiner mehr hatte.
  • Die Elektrifizierung bewirkte eine vorhersehbare Erleichterung alltäglicher Verrichtungen, aber unvorhersehbar waren die Risiken für Leib und Leben, sowohl bei der Erwerbsarbeit als auch im häuslichen Alltag, da mit der Elektrizität Kräfte frei gesetzt wurden, deren Kontrolle und Versicherung das alltägliche Leben verkomplizierten und erschwerten.
  • Der Ausweitung von Siedlungs- und Gewerbeflächen, der Ausbau von Straßen- und Kanalnetzen, die Bändigung der Wasserwege und später die Festlegung von Flugrouten bewirkte eine vorhersehbare Regulierung und Steuerung des öffentlichen Raumes, seine Nutzung und Gestaltung, aber gänzlich unvorhersehbar waren die Folgewirkungen für Land und Leute, für die Belastungen natürlicher Ressourcen, die Vergiftung und Verschmutzung genau derjenigen Ressourcen, die gebraucht wurden, um sie produktiv nutzen zu können.
  • Bücher, Zeitungen, Kino, Radio, Fernsehen, Massenmedien allgemein haben eine differenzierte Urteilsbildung versprochen, was für die Ausbildung einer kritischen Subjektivität und bewusster Selbstreflexivität erfolgreichermaßen von beachtlicher Bedeutung war. Aber mit steigendem Aufkommen an Informationen stieg auch die Unüberschaubarkeit der Verhältnisse. Massenmedien produzieren täglich ein gigantisches Informationschaos, das sie nach Maßgabe ihrer Eigenwirklichkeit zu vermeiden trachten, stattdessen das Chaos aber immer nur steigern können.
  • Auch die Kolonisation der außereuropäischen Kontinente des 19. Jahrhunderts war hier wie dort ein Modernisierungsprozess, der in seiner ganzen Widersprüchlichkeit nicht nur in fernen Ländern nachhaltige Problemverklumpungen bewirkte, sondern bis heute seine unvorhersehbaren Folgewirkungen auch für die europäischen Länder zeitigt.
  • Die moderne Gesellschaft konnte ein differenziertes Verständnis für Menschenrecht, Menschenwohl und Menschenwürde entwickeln. Auch das sind Ergebnisse von Modernisierungsprozessen, die nicht verhindern konnten, dass Kriege, Massenmord und Barbarei in unvorstellbarem Ausmaß überall auf der Welt zustande kommen. Auch das ist Teil der modernen Welt, so wenig das gefallen mag.
  • Die moderne Gesellschaft hat eine seltsame Leistungsfähigkeit entwickelt. Sie hat es geschafft, viele Millionen Menschen mit Schulen, Krankenhäusern, mit Büchern und Bildern, mit Wissenschaft und Kunst, mit Nachdenklichkeit und Unterhaltung zu versorgen. Niemals zuvor war es irgendwo auf der Welt gelungen, die individuelle Freiheit von Menschen derartig zu steigern. Niemals zuvor konnten Millionen Menschen lernen ohne Hunger und Krieg, ohne Gewalterfahrung und Rechtlosigkeit zu leben; und zugleich hat die Gesellschaft dafür gesorgt, dass all das um ein Vielfaches der Mehrheit aller Menschen einer globalen Gesellschaft hartnäckig verwehrt bleibt.

An alldem – gemeint sind weder die Träume noch die Alpträume, gemeint sind die Widersprüche, die Ungereimtheiten, die Paradoxien und Inkonsistenzen dessen, was alltäglich ertragen wird – an alldem ist die moderne Gesellschaft nicht zugrunde gegangen. Sie hat nämlich gelernt auf ihre Widersprüche zu reagieren, wenn auch nicht selten durch Reproduktion derjenigen Bedingungen, durch die diese Widersprüche entstanden waren. Die Gesellschaft hat sich auf diese Weise verbreitet, sie hat sich durch Wiederholung und Variation ihrer Widersprüchlichkeiten differenziert, sich durch Differenzierung in Erfahrung gebracht und entfaltet. Sie hatte in den letzen ca. 200 Jahren genügend Zeit ihr alternativloses „einerseits-und-andererseits“ gründlich zu üben und konnte deshalb nur schwer lernen, sich selbst als fremd, seltsam und unwahrscheinlich in Erfahrung zu bringen.

Und die Frage ist, ob das so bleiben kann.

Fortsetzung