Beobachtung und Reflexion von Modernisierungsprozessen 2 @ragnarh @oetting @praxsozi

von Kusanowsky

zurück / Fortsetzung: Will man sich dem Gedanken anschließen, dass Modernisierung eine alte Sache ist, dann müsste die Gesellschaft mit dem aktuellen Modernisierungsschub gut zurecht kommen, weil mindestens eines allseits bekannt ist: vorhersehbare, gewollte und gewünschte Entwicklungen kommen etwa mit der gleichen Wahrscheinlichkeit zustande wie all das, was keiner bestellt, keiner gekauft, keiner bezahlt hat und was keiner gebrauchen kann oder wissen will. Will man also über Digitalisierung nachdenken – und darum geht es bei dem gegenwärtig ablaufenden Modernisierungsprozess – dann dürfte, wenn auch die erwünschten Folgewirkungen größtenteils noch unerfüllt sind und die unerwünschten Wirkungen ohnehin nicht ausbleiben werden, eines mindestens klar sein: über die vorsehbare Zukunft ist alles Entscheidende bereits gesagt, wenn auch noch nicht von allen. Entsprechend könnte man annehmen, dass es keinen sehr trifftigen Grund gibt, sich um diese Dinge viele Gedanken zu machen. Irgendwann ist jedes Thema tot gelabert.

Modernisierungsprozesse sind gesellschaftliche Krisen. Krisen sind sozial arrangierte Lernsituationen, die eine Bewährungsprüfung herstellen. Gelingt es oder gelingt es nicht, ein erwartbares Scheitern abzuwenden? Die bislang eingeübte Antwort lautet: es gelingt immer, entweder so oder anders. Zum Vorteil oder Nachteil der einen oder anderen. Denn auch das Scheitern hat niemals einen Neuversuch verhindert. Im Gegenteil. Keine Wand hat sich als so undurchdringlich erwiesen, dass sie dauerhaft einem Widerstand gewachsen wäre.

Was wäre nun aber, und das ist der Grund für mein Nachdenken über diese Angelegenheit, wenn es diesmal anders käme? Was wäre, wenn durch einen weiteren Modernisierungsprozess die Bedingungen für das Zustandekommen und für die Entwicklung solcher Prozesse selbst, wenn nicht zerstört, so doch blockiert oder wenigstens erschwert und verzögert würden? Wenn die bislang entwickelten und bekannten Bedingungen für Modernisierung sich nicht mehr als modernisierungsfähig erweisen? Denn Modernisierung funktioniert nicht auf bliebige und voraussetzungslose Weise, sondern durch spezifische Selbstanpassungsleistungen der Gesellschaft, die ihre eigene Stabilität herausbilden und erfordern, damit Modernisierung gelingt. Was aber, wenn diese Stabilität nicht mehr vollständig oder ausreichend garantiert werden könnte? Wenn also die bekannten und eingeübten Routinen der Krisenbewältigung, also die Art und Weise wie gelernt wird, selbst in eine Krise kämen? Wenn das sozial-ökologische Gefüge der Gesellschaft aus den Fugen geriete?

Das ist ein komplizierter Gedanke, der nicht so einfach angefangen und ausgeführt werden kann, um so weniger und schwieriger, da in einer komplizierten Welt nichts zu schwer zu ertragen ist wie komplizierte Überlegungen über diese Welt. Es müsste einfacher gehen, schneller, unkomplizierter, kostengünstiger, effizienter, aber eben dies strukturiert das Problem, weil ja die Erfahrung besagt, dass es auch ganz anders gehen könnte. Aber: anders geht es nur, wer man auch etwas anderes anfangen kann. Doch wie soll das gehen? Wer sollte so etwas versuchen?

Mit alldem ist gemeint: ein Selbstbeobachtungsprozess der Gesellschaft hat eine beinahe unüberwindbare Hürde zu nehmen. Wie soll man aus dem Schlamassel klug werden können, wenn die Bedingungen einerseits bekannt, eingeübt, erprobt, akzeptiert und aufgrund ihrer jederzeitigen Kommunikabilität alternativlos sind, sich andererseits aber als unbrauchbar erweisen?

Die kostengünstige Alternative wäre, sich dieser Sichtweise zu widersetzen, solche Überlegungen zu leugnen und stattdessen mit dem weiter zu machen, was man schon weiß und was jeder kennt.

Fortsetzung