Beobachtung und Reflexion von Modernisierungsprozessen 1 @ragnarh @ChristophKappes

von Kusanowsky

Modernisierungsprozesse sind Erneuerungsprozesse und sind für die moderne Gesellschaft ein alter Hut. Spätestens seit der Industrialisierung können überall auf der Welt die unvorhersehbaren Folgewirkungen von vorhersehbaren Zukunftsinvestitionen festgestellt werden.

  •  Der Eisenbahnbau beschleunigte vorhersehbar die Verbreitung und den Umsatz von Waren und den Verkehr von Ideen, aber unvorhersehbar war, dass die Beschleunigung den Druck zur weiteren Beschleunigung erhöhte, so dass nicht die Verfügung über Waren und Ideen zum Zweck des Handelns wurde, sondern die Verfügung über Zeit, die plötzlich keiner mehr hatte.
  • Die Elektrifizierung bewirkte eine vorhersehbare Erleichterung alltäglicher Verrichtungen, aber unvorhersehbar waren die Risiken für Leib und Leben, sowohl bei der Erwerbsarbeit als auch im häuslichen Alltag, da mit der Elektrizität Kräfte frei gesetzt wurden, deren Kontrolle und Versicherung das alltägliche Leben verkomplizierten und erschwerten.
  • Der Ausweitung von Siedlungs- und Gewerbeflächen, der Ausbau von Straßen- und Kanalnetzen, die Bändigung der Wasserwege und später die Festlegung von Flugrouten bewirkte eine vorhersehbare Regulierung und Steuerung des öffentlichen Raumes, seine Nutzung und Gestaltung, aber gänzlich unvorhersehbar waren die Folgewirkungen für Land und Leute, für die Belastungen natürlicher Ressourcen, die Vergiftung und Verschmutzung genau derjenigen Ressourcen, die gebraucht wurden, um sie produktiv nutzen zu können.
  • Bücher, Zeitungen, Kino, Radio, Fernsehen, Massenmedien allgemein haben eine differenzierte Urteilsbildung versprochen, was für die Ausbildung einer kritischen Subjektivität und bewusster Selbstreflexivität erfolgreichermaßen von beachtlicher Bedeutung war. Aber mit steigendem Aufkommen an Informationen stieg auch die Unüberschaubarkeit der Verhältnisse. Massenmedien produzieren täglich ein gigantisches Informationschaos, das sie nach Maßgabe ihrer Eigenwirklichkeit zu vermeiden trachten, stattdessen das Chaos aber immer nur steigern können.
  • Auch die Kolonisation der außereuropäischen Kontinente des 19. Jahrhunderts war hier wie dort ein Modernisierungsprozess, der in seiner ganzen Widersprüchlichkeit nicht nur in fernen Ländern nachhaltige Problemverklumpungen bewirkte, sondern bis heute seine unvorhersehbaren Folgewirkungen auch für die europäischen Länder zeitigt.
  • Die moderne Gesellschaft konnte ein differenziertes Verständnis für Menschenrecht, Menschenwohl und Menschenwürde entwickeln. Auch das sind Ergebnisse von Modernisierungsprozessen, die nicht verhindern konnten, dass Kriege, Massenmord und Barbarei in unvorstellbarem Ausmaß überall auf der Welt zustande kommen. Auch das ist Teil der modernen Welt, so wenig das gefallen mag.
  • Die moderne Gesellschaft hat eine seltsame Leistungsfähigkeit entwickelt. Sie hat es geschafft, viele Millionen Menschen mit Schulen, Krankenhäusern, mit Büchern und Bildern, mit Wissenschaft und Kunst, mit Nachdenklichkeit und Unterhaltung zu versorgen. Niemals zuvor war es irgendwo auf der Welt gelungen, die individuelle Freiheit von Menschen derartig zu steigern. Niemals zuvor konnten Millionen Menschen lernen ohne Hunger und Krieg, ohne Gewalterfahrung und Rechtlosigkeit zu leben; und zugleich hat die Gesellschaft dafür gesorgt, dass all das um ein Vielfaches der Mehrheit aller Menschen einer globalen Gesellschaft hartnäckig verwehrt bleibt.

An alldem – gemeint sind weder die Träume noch die Alpträume, gemeint sind die Widersprüche, die Ungereimtheiten, die Paradoxien und Inkonsistenzen dessen, was alltäglich ertragen wird – an alldem ist die moderne Gesellschaft nicht zugrunde gegangen. Sie hat nämlich gelernt auf ihre Widersprüche zu reagieren, wenn auch nicht selten durch Reproduktion derjenigen Bedingungen, durch die diese Widersprüche entstanden waren. Die Gesellschaft hat sich auf diese Weise verbreitet, sie hat sich durch Wiederholung und Variation ihrer Widersprüchlichkeiten differenziert, sich durch Differenzierung in Erfahrung gebracht und entfaltet. Sie hatte in den letzen ca. 200 Jahren genügend Zeit ihr alternativloses „einerseits-und-andererseits“ gründlich zu üben und konnte deshalb nur schwer lernen, sich selbst als fremd, seltsam und unwahrscheinlich in Erfahrung zu bringen.

Und die Frage ist, ob das so bleiben kann.

Fortsetzung