Differentia

Monat: August, 2014

Beobachtung und Reflexion von Modernisierungsprozessen 3

zurück / Fortsetzung: Seitdem das Web 2.0 die Runde macht ist das Klagen und Stöhnen über diese trottelige Bloggerei und über die Debattenkultur des Netzes zu vernehmen. Man kann ständig etwas über diese obszöne Selbstdarstellung von Besserwissern, Neunmalklugen und Amateuren lesen. Es ist von Uninformiertheit die Rede, von mangelnder Professionalität, von Stümperei, von Inkompetenz und dergleichen. Dabei handelt es sich um eine Meinung, die, je häufiger sie wiederholt wird, nicht etwa überzeugender wirkt, sondern nur den Zweifel an der Gegenposition provoziert, die nämlich besagt, dass es dringlich auf die Bedeutung eines Qualitätsjournalismus, auf Professionalität, auf bezahlte Dienstleistungen, auf Steigerung der Medienkompetenz ankäme. Dieser Zweifel schlägt sich dann ebenfalls in einer Meinung nieder, die genauso oft wiederholt wird und darum genauso wenig überzeugen kann.

So kommt es zur fortwährenden Wiederholung dessen, was jeder kennt: Meinung trifft auf Gegenmeinung, woraus sich ergibt, dass keiner daran etwas ändern kann oder will, weil überall nur ungenügende Erfahrungen darüber vorhanden sind, wie man das Web 2.0 publizistisch nutzen kann. Beide Meinungen verbreiten sich in tausend verschiedenen Varianten auf dem selben Wege, durch den diese Dinge überhaupt auffällig werden: durch Internet.

Dieses Wechselspiel von Meinung und Gegenmeinung läuft schon seit einigen Jahren; und es ist bis heute nicht absehbar, dass dieser Zirkus beendet werden könnte, weil es bislang nichts gibt, keine Erfahrungen, Routinen oder Verfahren, durch die der Streit, bei dem es eigentlich um eine neue Form der Publizität geht, entschieden werden könnte. Und bislang gibt es nur wenig Bereitschaft, mit dem Lernen anzufangen.

Die Normalerfahrung moderner Publizität besteht darin, dass jede Meinung eine Gegenmeinung möglich macht, aber unter der Bedingung, dass bislang nicht jeder die gleiche Chancen hatte, Meinung zu äußern und zu verbreiten. Was aber wäre, wenn sich nun heraus stellte, dass diese Chancenungleichheit nicht länger normal bleiben kann, weil sich etwas Entscheidendes im medienökologischen Gefüge der Gesellschaft ändert?
Der Grund für die Lernschwierigkeiten scheint mir sein, dass eine neue Form der Publizität sich nicht länger damit begnügen kann, Meinung zu verbreiten. Doch wird gerade dies bei Projekten wie Sobooks und Krautreporter um ein weiteres Mal versucht. Qualität gibt es angeblich dann, wenn man damit Geld verdienen kann, so die Meinung der Macher. Man müsse doch die Bereitschaft haben ihnen für ihre Meinung Geld zu geben.
Eine neue Form der Publizität kann jedoch nicht gefunden werden, wenn man an alten Gewohnheiten naiv und halsstarrig festhalten will.

Meinung zu finden, Meinung zu bilden, zu formulieren, zu verbreiten, zu verkaufen, zu berurteilen und zu kritisieren ist dann eine aussichtsreiche Sache, wenn eine Meinung selten und nur schwer zustande kommen kann. Ist dies aber nicht mehr der Fall, ja ist das Gegenteil der alltägliche Normalfall, dann wird das Beharren auf besserer Meinung, auf besserer Recherche, auf besserer Berichterstattung, auf besserer Prosa, das Beharren auf ein besonderes Expertentum eine aussichtslose Sache, wenn die Gegenbeharrung den selben Verbreitungsweg findet. Eben dies geschieht durch das Web 2.0.

Es symmetrisiert eine Form der massenmedialen Kommunikation, die sich im Laufe ihrer Entwicklung auf Asymmetrie angepasst hat und nur durch Asymmetrie erwartbar funktioniert.
Fällt dies aber weg, dann stellt man fest, dass nicht nur – wie früher – Leser Briefe an Journalisten schreiben, sondern auch an andere Leser. Und es kommt hinzu, dass jetzt auch Journalisten Leserbriefe an ihre Leser schreiben. Durch Web 2.0 werden nur noch Leserbriefe geschrieben werden. Entsprechend hat man es mit einem Chaos zu tun, das gelegentlich schwer zu ertragen ist.

Was aber könnte passieren, wenn man der Selbstdarstellerei von Amateuren nicht länger mit Geringschätzung und Ablehnung zu begegnet. Stattdessen könnte man sie einladen, so jedenfalls eine Überlegung, die keiner so einfach akzeptieren würde, ihre Kompetenz nach Maßgabe selbstdarstellerischer Mittel und Möglichkeiten unter Beweis zu stellen. Es könnte darum gehen, so jedenfalls meine Überlegung, die Blogger und Trolle mit den Mitteln der Selbstdarstellung einer Selbstoffenbarung zu zuführen? Eben dies geschieht mit dem Web 2.0, indem das Publikum selbst publiziert wird. Kann man schon darüber reden, dass es sich dabei um eine Fall handelt? Wohl nicht.

Aber ob Falle oder nicht, entscheidend ist, dass sich wenigstens andeutungsweise zeigt, dass ein Lernprozess längst überfällig ist.  Denn mag auch diese Selbstdarstellerei in mancher Hinsicht wenig überzeugend sein, so liegt das nicht zuerst daran, dass die Menschen unfähig oder inkompetent sind. Vielmehr gibt es eine große Unerfahrenheit, weil durch Web 2.0 die bekannten Regeln erwartbarer massenmedialer Kommunikation durch einander gewürfelt werden. Eine Möglichkeit geeignete Lernerfahrungen zu gewinnen besteht einfach darin, bekannte Blockaden aufzulösen und Wege frei zu machen, von denen noch nicht bekannt ist, wohin sie führen werden.
Das ist zwar auch nicht viel. Aber erstens kann sich das ändern und zweitens ist dies allemal besser als die sattsam beobachtbaren Routinen der Empörung, der Ablehnung und Geringschätzung stumpfsinnig zu wiederholen.

Fortsetzung

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soziale und parasoziale Beobachtung, eine Frage @frachtschaden

Meine Frage ist, ob es für folgendes Beobachtungsproblem ein quantentheoretische Experimentalproblem gibt.

Auf einer enorm weiten, ganz ebenen Fläche stehen sich zwei Beobachter frontal gegenüber und schauen sich gegenseitig an. Dabei handelt es sich, auch wenn sie sonst nichts anderes tun als sich anzuschauen, um ein soziales Interaktionssystem, das durch Kommunikation unter Anwesenden reproduziert wird. Es reicht allein die Anwesenheit, bzw. die Wahrnehmung der Anwesenheit des anderen, bzw. die Wahrnehmung, dass ein anderer den anderen als Wahrnehmenden beobachtet. Es reicht für diese sehr informationsarme Interaktion die gegenseitige Unterstellung von psychischer Selbstreferenz; und es reicht, dass gegenseitig unterstellbar ist, dass dies unterstellt wird, also: basale, soziale Selbstreferenz.
Nun entfernen sich die beiden Beobachter rückwärtslaufend von einander. Das heißt, sie vergrößern den Abstand zwischen sich, ohne sich dabei aus dem Blick zu verlieren. Der Unterschied zur Stillstandsituation ist nur, dass die Rückwärtsschritte von diesem Kommunikationssystem als Handlung beobachtbar gemacht wird, so dass die Rückwärtschritte eine doppelte kontingente Koordination von Handlung sind. Ansonsten verbleibt auch dieses System informationsarm.

Je größer nun der Abstand wird, um so schlechter funktioniert für beide die Wahrnehmung, das sie als Wahrnehmende wahrgenommen werden. Irgendwann ist der Abstand so groß, dass beide gar nicht mehr wissen können, ob sie vom anderen noch wahrgenommen werden oder nicht. Es gibt nun keinen eindeutig bestimmbaren oder messbaren Punkt, von dem aus erkennbar würde, dass keine Kommunikation mehr funktioniert; und es gibt auch keinen Punkt, der das Gegenteil erkennbar machen könnte. Es gibt beim Übergang von sozialer Beobachtung zum Zerfall des Kommunikationssystems nur irgendeine, nicht näher bestimmbare Phase der parasozialen Beoachtung, also irgendeine Phase, die durch den Unterschied von „noch-nicht“ und „nicht-mehr“ bestimmt ist, also irgendeine unbestimmbare Beobachtungssituation, die besagt, dass die Kommunikation noch nicht unterbrochen ist oder nicht mehr funktioniert. Dasselbe kann man sich natürlich auch vorstellen, wenn die Beobachter aus großer Entfernung auf einander zu gehen.

Siehe dazu auch: dämonischer Schreck

 

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