Die Gesellschaft als Trainingsprogramm 4 @herr_monk @latent_de @mkarbacher (Fortsetzung folgt)

von Kusanowsky

zurück / Fortsetzung: Soziale Systeme erzeugen sich selbst, organisieren und reproduzieren sich selbst, entwickeln und entfalten sich selbst, entstehen und vergehen, nicht ohne in ihrer Umwelt irgendwelche Spuren (Ruinen, Denkmäler) zu hinterlassen, welche eine Ausgangsbedingung dafür sind, dass sich neue Systeme bilden können. Das gilt auch für Menschen, für Menschenkörper, für Fähigkeiten und Vermögen von Menschen, die in der Umwelt sozialer Systeme auftauchen, ein Leben verbringen und wieder verschwinden. Ob große Gehirne, die Abspreizung des Daumens, die Ausbildung eines Zungenbeins, das Verschwinden der Körperbehaarung, die Fähigkeit zu sprechen, die Differenzierung der Wahrnehmung, die Ausbildung einer Motorik, das Gestikulieren mit den Händen beim Sprechen, die Fähigkeit sich an jahrzehntelang zurückliegende Ereignisse zu erinnen und all das, was im Umkreis der Psychoanalyse unter dem Begriff der Veränderung der Triebstruktur beschrieben wurde – nichts davon hat eine Selbstverständlichkeit als Ursache eines natürlichen Menschenwesens. Menschen sind zuerst Gewordenes und nicht etwas Seiendes. Das gilt für Landschaften, für Tiere oder für Sonnensysteme, für alles, was als Umwelt von sozialen Systeme in Frage kommt.

Evolution ist nicht allein eine Sache der Entwicklung, sondern ein Vorgang des Werdens und Vergehens infolge von Entwicklung und Verwicklung. Konzentrieren möchte ich mich dabei auf die Frage, welche epistemischen Fähigkeiten durch soziale Systeme strukturiert und auf Dauer gestellt werden. Epistemische Fähigkeiten sind das, was in der strukturellen Koppelung von sozialen und psychischen Systemen dafür sorgt, dass Wissbares entsteht, dass Wissbares erkennbar wird, wodurch sich bestimmte Formen des Wissbaren strukurieren, die eine ganz spezifische Empirizität hervor bringen, welche ganz anderes, Andersartiges zunächst durch Vermeidung ausschließen, aber auf dem Wege des Scheiterns Voraussetzungen dafür schaffen, dass das Ausgeschlossene als Eingeschlossenes beobachtbar und anschlussfähig wird. Man könnte diesen Prozess beschreiben als einen Bremsvorgang, der infolge seiner immer vorausetzungsreicheren Durchführung nach und nach zur Beschleunigung führt.
Ich vermute, dass unter bestimmten Bedingungen bestimmte Vermeidungsstrukturen etabliert werden müssen, um epistemische Fähigkeiten unter der Bedingung ihrer schwachen Wirksamkeit (aufgrund schwacher Koppelung) heraus zu bilden. Vermeidungsstrukturen sorgen dafür, dass eine Kräftigung, eine feste Koppelung von Elementen zustande kommt, um eine Welt ist epistemologischer Hinsicht empirisch zu machen. Und sobald sich solche Formen in  der ganzen Kontingenz ihrer empirischen Möglichkeiten herausgebildet haben liefern selbst wiederum das mediale Substrat für eine Neuformung, wenn denn Bedingungen vorliegen, die soetwas erforderlich machen.

Um einen Anfangspunkt zu finden, um sich mit den Überlegungen vertraut zu machen, wähle ich als Beispiel die Frage, warum in der antiken Zeit kein Buchdruck verwendet wurde, warum keine Räderuhren? Warum gab es keine Versuche, Dampfdruck oder geschliffenes Glas für Teleskope  zu nutzen, oder Methoden der chemischen Analyse zu entwickeln? Warum wurde kein „stoffwertloses Geld“ verwendet? Warum gab es keine Experimente mit Drachenflügen um Auftrieb zu erforschen? Warum wurde Elektrizität nicht systematisch untersucht, obwohl die elektrostatische Eigenschaft von Bernstein bekannt war? Warum gab es keine allgemeinen Menschenrechte? All diese Frage können von keiner Forschung gut beantwortet werden. Warum eigentlich nicht? Auch wenn die Antwort banal wirken mag, so scheint sie doch bedeutender als man zunächst vermuten möchte. Die Befassung mit solchen Fragen wird größtenteils vermieden, weil? Nun ja, darum geht es.

Fortsetzung folgt.

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