Die Gesellschaft als Trainingsprogramm 1

von Kusanowsky

zurück / Fortsetzung: Unter der Überschrift „Genealogie als Kritik“ gibt es  im „Blog des toten Idioten“ eine, wenn auch skeptische, so doch brauchbare Betrachtung hinsichtlich des Lernpotenzials der modernen Gesellschaft; ein Artikel, den ich zur Lektüre empfehlen möchte und der manches enthält, das in der Sache etwas weiter hilft.

Da aber in diesem wie in jedem anderen Fall Einwände anfallen, die in der Regel in der Form der Übung von Kritik geäußert werden, fällt es sehr schwer etwas anderes als Kritik zu formulieren, weil mit normativen Erwarungen zu rechnen ist, die sich nicht für die Gründe interessieren, derentwegen sie entstehen, weshalb alles, was formuliert wird, als Kritik beobachtbar wird – egal, was und wie es unternommen wird.  Und da das so ist, kann man nur feststellen, dass es auch so bleiben muss, weil auf der Basis eines Beobachtungsschemas, das Einwände gegen Einwände vergleichbar macht, nur das passieren kann, was auf diese Weise nicht anders möglich ist.
Wenn man aber zugestehen möchte, dass solches nur beobachtbar wird, wenn alles auch anders möglich ist, weil man andernfalls nicht wüsste, wie unterschieden wurde, wenn also festgestellt wird, dass die Dinge, wenn sie sind, wie sie sind, nur dann anders möglich sein könnten, wenn man auch etwas anderes anfängt, dann könnte man, wenn entsprechende Anfangsschwierigkeiten als wenig überzeugend auffällig werden, dies als Versuch auffassen, sich auf einen Lernprozess einzulassen, was freilich nicht so einfach ist, nicht so einfach unternommen werden kann, da etwas anderes sich nicht darin erschöpft, eine Meinung, eine Betrachtungsweise, eine Überlegung, eine These oder gar eine Lehre oder ähnliches niederzuschreiben und zu verbreiten. Denn sowas ist etwas sehr Gewöhnliches und hat längst den Status der Trivialität auch da erreicht, wo sich Abschottungen strukturieren, die eine elaborierte Distinktion kultivieren; und zwar deshalb, weil auch dies nicht mehr selten vorkommt.
Der Elfenbeinturm, die weltfremde Eigenbrötelei und idiosynkratische Widerspenstigkeit ist die gewöhnlichste Sache der modernen Welt geworden. Der Ausstieg aus dem Elfenbeintum ist dadurch gelungen, dass jeder woanders in einem anderen Elfenbeinturm eingesperrt ist, ob beruflich, in der Freizeit, in der Familie oder Nachbarschaft, ob als Globetrotter oder Stubenhocker, ob als Eckenpisser oder Papst, Nischen wurde viele aufgetan, besetzt und genutzt. In der soziologischen Theorie nennt man diesen Prozess funktionale Differenzierung, oder, will man den Versuch wagen, etwas anderes zu zeigen: soziale Selbstentfaltung von Strukturen transzendentaler Subjektivität. Darüber ist noch nicht viel gesagt worden, was aber auch nicht Not tut. Vielleicht mag die erläuternde Formel reichen, die besagt, dass die soziale Evolution der modernen Gesellschaft in ihrer Menschumwelt unwiderrufliche Spuren hinterlassen hat, die sich in der Erweiterung „epistemischer Fähigkeiten“ dieser Umwelt niederschlägt.

Dieser Ansatz greift den, spätestens seit Foucault bekannten Ansatz auf, dass das moderne Subjekt etwas Gewordenes ist, das keine Selbstverständlichkeit hat, das in seiner Entwicklung auf Verwicklung in die Strukturen dieses Prozesses angewiesen war und das, wie alles andere auch, wenn es als etwas Gewordenes verstehbar wird, auch als Vergängliches betrachtet werden kann. (Angespielt sei damit auf die bis heute wenig verstanden Überlegungen von Oswald Spengler: Untergang des Abendlandes.) Vergänglich sind jedoch nur die sozialen Strukturen, die die epistemischen Fähigkeiten von Menschen durch ein Trainingsprogramm hevorgebracht haben und die gleichsam aufgehoben werden können, sobald sich die Funktion ihrer Reproduktion mit Notwendigkeit ergibt; das soll heißen: sobald irreversible Automationsprozesse angstoßen wurden, die ganz notwendig auf die Kritikfähigkeit von Menschen bereits angepasst und angewiesen sind. Wo sich dies zeigt, wird das entsprechende Übungsprogramm trivial, dumm, banal, um so mehr, wenn im gleichen Zuge nicht von der Hand zu weisenden Konzepte auftauchen, die es möglich machen, dass auch die Antwort- und Mitteilungsfähigkeit von Automaten bis zu Ununterscheidbarkeit von Menschen immer besser werden.
In dem Augenblick zeigt sich, was zurück liegend passiert ist: Gesellschaft wird erkennbar als ein evolutionär gesteuertes Trainingsprogramm.

Fortsetzung

 

 

Advertisements