Differentia

Monat: Juni, 2014

Etwas über Ideologie und Theorie 1

Der Ideologie entkommt nur, wer keine Chance hat, sie durchzusetzen. (Herkunft)

Das Spiel von Kritik und These, Argument, Gegenargument, Gegenthese und Fortsetzung der Kritik durch Erweiterung der selben Routine um eine Differenz ist ein bekanntes und erprobtes Spiel, das für seine erfolgreiche Durchführung auf sehr bestimmte Voraussetzungen angewiesen ist, damit die Routine inklusive ihrer mitunter sehr differenzierten Variationsmöglichkeiten erwartungsgemäß ablaufen kann. Das Spiel der Kritik unterliegt der Determination spezifischer Strukturen, die durch Kritik selbst wiederum reproduziert werden. Und das Spiel ist sehr voraussetzungsreich.  Eine wichtige, nicht die einzige und nicht die wichtigste, aber eine doch sehr entscheidende Voraussetzung für das Spiel der Kritik ist ein doppelt kontingent strukturiertes Beobachtungsschema, das darauf eingerichtet ist, die verstehbare und erklärbare Welt als eine zu sehen, die von referenzierbaren Gründen determiniert ist. Kritik, wie immer man sie transzendentaltheoretisch fundiert, hat sich durch einen Essentialismus erhärtet, der die doppelte kontingent verteilte Möglichkeit der Ermittlung und Zurechung von verschiedensten Gründen auf etwas Wesenhaftes des zu Bestimmenden und Kritisierenden herunter bricht. So gibt es Essentialismen aller Art, Wesen, Wesenhaftes oder Wesentlichkeiten, Gründe, Urgründe, Sachen und Ursachen, Sein und Seiendes, die als Rechtfertigung dienen, um den Anfang eines Durchlaufs der Kritikoperation zu legitimieren.
Die Voraussetzung dafür findet sich in der funktionalen Ausdifferenzierung von modernen Organisationssystemen, die als Sozialisations- und Vergesellschaftungsinstanz sehr entscheidend dazu beitragen, durch ihre komplexen Regelwerke die Beobachtung des Zufalls wenn nicht zu unterdrücken, so doch als Rechtfertigungsgrund für das Zustandekommen sowohl des Zirkels der Kritik als auch für das Zustandekommen von Organisationen auszuschließen. Aber warum wird Rechtfertigung von Meinung, Handlung und Entscheidung so bedeutend? Und wie entsteht die Notwendigkeit, für alles und jedes Gründe zu finden, ja, wie kommt die Selbstverständlichkeit zustande, es müsse für alles einen Grund geben, und wie kann ernsthaft glaubhaft gemacht werden, dass alles Mögliche auch begründbar sei?

Diese Fähigkeit zur Verplausibilisierung der durch die Systeme selbst hergestellt Notwendigkeiten, die selbst nicht auf Notwendigkeiten beruhen können, weil ja die Kenntnis von der Veränderung gesellschaftlicher Strukturdifferenzierung zur Basiseinsicht einer jeden Soziologie gehört, gelingt in Organsationen dehalb, da sie als Machtapparate den Zugriff auf Ressourcen gestatten und durch diesen Zugriff eine Knappheit dieser Ressourcen erzeugen. Knappheit heißt für moderne Verhältnisse, dass zwar diese Ressourcen im Prinzip allen offen stehen, aber nicht alle Zugang finden können. Das heißt es müssen Vorkehrungen für Exkludierung getroffen werden, um die Verteilung der Ressourcen gegen Widrigkeiten sicher zu schützen. Das geht im Fall der modernen Gesellschaft durch Inanspruchnahme von Recht und seiner Durchsetzung. Diese Durchsetzung legitimiert sich wiederum dadurch, dass Recht allen offen steht und dass es für jede Missachtung von Recht eine Ansprechinstanz geben muss, um entsprechende Kritik adressabel zu machen. Und wo solche Ansprechinstanzen nicht zustande kommen, wird dies wiederum durch Kritik gerechtfertigt oder, andersherum: es wird durch Kritik eine weitere Ansprechinstanz geschaffen, wobei nicht ausgeschlossen ist, dass dies auch durch Gewalt geschehen kann und erfahrungsgemäß auch nicht selten geschieht.

So – wenn auch verkürzt betrachtet – differenziert sich eine soziale Welt, eine Welt erschaffen durch Organisationssysteme, in der es für alles Gründe gibt, weil Gründe – erst recht, wenn diese Strukturen erfolgreich trivialsiert wurden – überall mitgeteilt und sehr leicht zu finden und zu formulieren sind. Und wo dies geschieht, muss sich ein Selektionsdruck verstärken, der Revlativierung, Beliebigkeit, Indifferenz und Willkür als Rechtfertigungsmöglichkeiten verhindert, erschwert oder unterdrückt. Dieser Selektionsdruck schlägt sich auch nieder in Ideologien, Kritik dieser Ideologien und darin, dass dieser Selektionsdruck im Prinzip seinen eigenen Widerstand mit erzeugt und diesen differenziert, was auch bedeutet: jede Sichtweise, jede Meinung, jede Handlung, jede Entscheidung und sei es mit noch so großem Propagandaaufwand rechtfertigen zu können. Am Ende entsteht ein Welt, in der der Krümmungsgrad von Bananen genaso gerechtfertigt werden kann wie Massenmord.

Fortsetzung

Der Turing-Test als Glasperlenspiel

https://twitter.com/kusanowsky/status/475939760834609153

In dem verlinkten Artikel heißt es:

Computerprogramm „Eugene“ besteht Turing-Test. Bei einer Veranstaltung der University of Reading hat ein Computer den berühmten Turing-Test bestanden. Er machte menschlichen Schiedsrichtern in einem Chat glaubhaft, dass er ein 13-jähriger Junge sei.

Berichtet wird, dass die Mitteilungsfähigkeit eines Computerprogramms unter bestimmten Bedingungen nicht von der eines 13 jährigen Kindes unterschieden werden kann. Folglich habe das Computerprogramm den Turing-Test bestanden. Daraus kann man berechtigterweise den Schluss ziehen, dass, wenn wenig geht, auch mehr möglich ist, sofern Fortschritt funktioniert. Und dass er nicht funktioniert, kann niemand so einfach erklären.

Entsprechend könnte dieser Bericht eine kleine Sensation sein. Künstliche Intelligenz ist von natürlicher Intelligenz nicht zu unterscheiden. Aber was heißt das schon? Jeder, der einen Nachbarn hat wie ich einen habe, weiß, dass es natürliche Intelligenz gar nicht gibt. (Und wenn du keinen Nachbarn hast wie ich, dann bestimmt einen Kollegen oder Chef, für den das selbe gilt.) Was wäre also von künstlicher Intelligenz zu erwarten, wenn, wie in diesem Experiment, der Beobachtung zur Fähigkeit unterstellbarer Selbstreferenz große Hindernisse entgegen gebracht werden? Denn in diesem Experiment wird nur das Hinundher schriftlicher Mitteilungen einer Bewertung unterzogen, lächeln, lachen, anschreien, treten, schlagen, prügeln, also das ganze Programm von Mitteilungshandlungen, lässt sich auf diese Weise nicht als Mitteilungsversuche testen.

Ob man nun Intelligenz zurechnen möchte oder nicht – davon ist nicht abhängig, ob sich Kommunikation ereignet oder nicht. Eine noch so große meßbare Intelligenz stellt nicht sicher, dass Kommunikation weiter geht.  Intelligenz ist – entgegen sämtlicher Science-Fiction-Visionen – kein magisches Vermögen, das Macht über Menschen gewinnt. Intelligenz, wie immer konzeptioniert und messbar, ist keine Zauberkraft, Intelligenz entfaltet weder auf natürliche noch auf künstliche Weise irgendeine Wirkungsmacht. Intelligenz ist nur etwas, dann man definieren und messen kann und dies nur unter Voraussetzung, dass es immer auch anders geht. Aber damit sind keine ausreichenden Bedingungen dafür gefunden, ob Kommunikation abläuft. (Beweis: der Kundenservice der deutschen Telekom zum Beispiel. Fraglos bist du intelligenter als ein dämliches Computermenue, aber das heißt nicht, dass du die Macht hättest, die Probleme zu lösen. Du kannst es nicht.)

Trotzdem aber ist dieses Experiment sehr aufschlussreich. Denn es zeigt die Kontingenz der Problemerfahrung. Es zeigt, dass Kommunikation eine soziale Operation und nicht identisch mit Humanvermögen ist. Mögen Menschen auch eine sehr differenziert ausgebildete Mitteilungsfähigkeit entwickelt haben und mag es sein, dass auch die Mitteilungsfähigkeit von Computerprogrammen zunimmt und weiter gesteigert werden kann. Das entscheidet noch nichts. Entscheidend ist ob die Kommunikation auch unter kompliziertesten Bedingungen noch möglich ist, wobei die Bewältigung von Komplikationen zwar nicht ohne Intelligenz geschehen kann und auch nicht ohne Maschinenintelligenz. Aber, wie oben bereits gesagt: Intelligenz entfaltet keine dämonisch-magische Wirkungsmacht. Das gilt für Menschenintelligenz genauso wie für Maschinenintelligenz. Beides ist nur Ergebnis sozialer Zurechnung, die immer auch anders ausfallen kann (Beispiel: Nachbarn, Arbeitskollegen). Kommunikation testet fortlaufend, ob die geeigneten Bedingungen zu ihrer Fortsetzung noch erfüllt sind. Kommunikation erschöpft sich nicht darin, Befehle zu geben oder ihnen zu folgen. Kommunikation ist nicht allein ein Hinundher von Mitteilungen. Kommunikation ist fortlaufendes Abtasten ausreichender Bedingungen ihrer Fortsetzbarkeit. Deshalb gilt der Grundsatz: wenn du nicht weißt ob Kommunikation stattfindet oder nicht, weil allein irgendwelche Mitteilungen nicht ausrreichend sind, um ihren Ablauf erschließen zu können, steigere die Bedingungen und teste ob sie kommunizierbar sind. Das zu unterlassen heißt, sich als Laborratte zur Verfügung zu stellen. Denn Laborratten stellen keine Bedingungen.
Stelle Bedingungen auch dann, wenn ihre Nichterfüllung zu deinem Nachteil sein kann. Erst das lässt Vermutungen darüber zu, ob Kommunikation stattfindet oder nicht.

So lernen die Entwickler von solcher Chat-Software etwas, das auch Soziologen und Psychologen nur mit großen Schwierigkeiten und Einwänden lernen können: sie bringen Kommunikation als Realität in Erfahrung, die sich nicht in Menschen- oder Maschinenfähigkeit erschöpft. Aus diesem Grund kann man sich von weiteren Fortschritten in dieser Sache sehr viel versprechen.