Der Turing-Test als Glasperlenspiel

von Kusanowsky

In dem verlinkten Artikel heißt es:

Computerprogramm „Eugene“ besteht Turing-Test. Bei einer Veranstaltung der University of Reading hat ein Computer den berühmten Turing-Test bestanden. Er machte menschlichen Schiedsrichtern in einem Chat glaubhaft, dass er ein 13-jähriger Junge sei.

Berichtet wird, dass die Mitteilungsfähigkeit eines Computerprogramms unter bestimmten Bedingungen nicht von der eines 13 jährigen Kindes unterschieden werden kann. Folglich habe das Computerprogramm den Turing-Test bestanden. Daraus kann man berechtigterweise den Schluss ziehen, dass, wenn wenig geht, auch mehr möglich ist, sofern Fortschritt funktioniert. Und dass er nicht funktioniert, kann niemand so einfach erklären.

Entsprechend könnte dieser Bericht eine kleine Sensation sein. Künstliche Intelligenz ist von natürlicher Intelligenz nicht zu unterscheiden. Aber was heißt das schon? Jeder, der einen Nachbarn hat wie ich einen habe, weiß, dass es natürliche Intelligenz gar nicht gibt. (Und wenn du keinen Nachbarn hast wie ich, dann bestimmt einen Kollegen oder Chef, für den das selbe gilt.) Was wäre also von künstlicher Intelligenz zu erwarten, wenn, wie in diesem Experiment, der Beobachtung zur Fähigkeit unterstellbarer Selbstreferenz große Hindernisse entgegen gebracht werden? Denn in diesem Experiment wird nur das Hinundher schriftlicher Mitteilungen einer Bewertung unterzogen, lächeln, lachen, anschreien, treten, schlagen, prügeln, also das ganze Programm von Mitteilungshandlungen, lässt sich auf diese Weise nicht als Mitteilungsversuche testen.

Ob man nun Intelligenz zurechnen möchte oder nicht – davon ist nicht abhängig, ob sich Kommunikation ereignet oder nicht. Eine noch so große meßbare Intelligenz stellt nicht sicher, dass Kommunikation weiter geht.  Intelligenz ist – entgegen sämtlicher Science-Fiction-Visionen – kein magisches Vermögen, das Macht über Menschen gewinnt. Intelligenz, wie immer konzeptioniert und messbar, ist keine Zauberkraft, Intelligenz entfaltet weder auf natürliche noch auf künstliche Weise irgendeine Wirkungsmacht. Intelligenz ist nur etwas, dann man definieren und messen kann und dies nur unter Voraussetzung, dass es immer auch anders geht. Aber damit sind keine ausreichenden Bedingungen dafür gefunden, ob Kommunikation abläuft. (Beweis: der Kundenservice der deutschen Telekom zum Beispiel. Fraglos bist du intelligenter als ein dämliches Computermenue, aber das heißt nicht, dass du die Macht hättest, die Probleme zu lösen. Du kannst es nicht.)

Trotzdem aber ist dieses Experiment sehr aufschlussreich. Denn es zeigt die Kontingenz der Problemerfahrung. Es zeigt, dass Kommunikation eine soziale Operation und nicht identisch mit Humanvermögen ist. Mögen Menschen auch eine sehr differenziert ausgebildete Mitteilungsfähigkeit entwickelt haben und mag es sein, dass auch die Mitteilungsfähigkeit von Computerprogrammen zunimmt und weiter gesteigert werden kann. Das entscheidet noch nichts. Entscheidend ist ob die Kommunikation auch unter kompliziertesten Bedingungen noch möglich ist, wobei die Bewältigung von Komplikationen zwar nicht ohne Intelligenz geschehen kann und auch nicht ohne Maschinenintelligenz. Aber, wie oben bereits gesagt: Intelligenz entfaltet keine dämonisch-magische Wirkungsmacht. Das gilt für Menschenintelligenz genauso wie für Maschinenintelligenz. Beides ist nur Ergebnis sozialer Zurechnung, die immer auch anders ausfallen kann (Beispiel: Nachbarn, Arbeitskollegen). Kommunikation testet fortlaufend, ob die geeigneten Bedingungen zu ihrer Fortsetzung noch erfüllt sind. Kommunikation erschöpft sich nicht darin, Befehle zu geben oder ihnen zu folgen. Kommunikation ist nicht allein ein Hinundher von Mitteilungen. Kommunikation ist fortlaufendes Abtasten ausreichender Bedingungen ihrer Fortsetzbarkeit. Deshalb gilt der Grundsatz: wenn du nicht weißt ob Kommunikation stattfindet oder nicht, weil allein irgendwelche Mitteilungen nicht ausrreichend sind, um ihren Ablauf erschließen zu können, steigere die Bedingungen und teste ob sie kommunizierbar sind. Das zu unterlassen heißt, sich als Laborratte zur Verfügung zu stellen. Denn Laborratten stellen keine Bedingungen.
Stelle Bedingungen auch dann, wenn ihre Nichterfüllung zu deinem Nachteil sein kann. Erst das lässt Vermutungen darüber zu, ob Kommunikation stattfindet oder nicht.

So lernen die Entwickler von solcher Chat-Software etwas, das auch Soziologen und Psychologen nur mit großen Schwierigkeiten und Einwänden lernen können: sie bringen Kommunikation als Realität in Erfahrung, die sich nicht in Menschen- oder Maschinenfähigkeit erschöpft. Aus diesem Grund kann man sich von weiteren Fortschritten in dieser Sache sehr viel versprechen.