Differentia

Monat: Juni, 2014

Etwas über Ideologie und Theorie 3 @herr_monk

zurück / Fortsetzung: Alle Ideologie und ihre Kritik, sowohl ihre Ablehnung als auch ihre Akzeptanz, sowohl ihre Verurteilung als auch gesteigerte Erwartungen an ihre Legitimität, unterlagen im Evolutionsprozess der modernen Gesellschaft den Bedingungen der Rechtfertigung von Exkludierung. Es ging, kurz gesagt, darum, innerhalb unauflösbarer und unvermeidbarer Verhältnisse der Konkurrenz, Rechtfertigung für Meinungen, Entscheidungen und Handlungen zu formulieren. Die Konkurrenz bildete dabei den blinden Fleck, das heißt, sie wurde zugleich als Instanz für Rechtfertigung verwendet wie sie aber auch innerhalb dieser Konkurrenzverhältnisse abgelehnt wurde. Auch die Ablehnung der Konkurrenz um die Beanspruchung knapper Ressourcen unterlag selbstähnlichen Strukturen der Rechtfertigung von Konkurrenz. Und daran wird sich innerhalb stabiler Organisationen auch nicht viel ändern, sofern und solange Organisationen als Machtapparate zuverlässig den Zugriff auf Ressourcen gestatten und entsprechend Exkludierung vornehmen müssen.
Aber das schließt eben nicht mehr aus, dass alle Ressourcen durch Machtapparate der bekannten Art verfügbar gemacht werden müssen. Das geht, wenn die Verfügung ganz anderer Ressourcen durch andere Strukturen voraussetzungsreich entwickelt wird.

Mein Argument lautet, dass solche Strukturentwicklungsprozesse durch die Digitalisierung angestoßen werden, Prozesse, die gleichwohl in ihrer Bedeutsamkeit, in ihrer Durchsetzungsfähigkeit, in ihrer Attraktivität und in ihrer Möglichkeit, strenge Formen auszubilden, noch nicht sehr gut beurteilbar sind.
Aus diesem Grund kann man zurecht – und ganz leicht – eine Beobachtung dieser Prozesse ablehnen, aber aus dem selben Grunde kann man sich darauf einlassen. Beides ist gar nicht rechtfertgungsbedürftig, da nicht erkennbar ist, welcher spezifische Ressourcenzugriff dadurch entsteht und wodurch entsprechend Legitimierungsbedarf zustande käme. Wo aber dennoch Rechtfertigungen formuliert, vorgetragen und verbreitet werden, Rechtfertigungen, die angesichts der Unüberschaubarkeit der Verhältnisse, genauso unterbleiben könnten, offenbart sich nur, dass sich eine Struktur trivialisiert, nämlich die Erwartung auf Rechtfertigung, welche ob ihres funktional komplett entwickelten Status Quo kaum noch Begrenzungen zulässt. Man erkennt da, wo Rechtfertigung ohne Notwendigkeit vorgetragen werden, die aber der Selbstauskunft nach Notwendigkeit behaupten, ein Manöver der Lernunwilligkeit zur Fortsetzung, zur Beharrung auf Normailtäten, Selbstverständlichkeiten, Gewohnheiten, Regeln und Erwartungen, die aufgrund der Umgehung knapper Ressourcen aber eigentlich nur mit dazu beitragen, eine Strukturalternative zu erschaffen. Sich mit anschließenden Rechtfertigungen dieser Beobachtung entgegen zu stellen, heißt hier: ideologische Beharrung zu betreiben, auf Lernunwilligkeit zu bestehen, welche, wenn zwar auch ein Hindernis, aber ein unvermeidbares Hindernis sind, um Strukturalternativen, die die Inkommunikabilitäten funktionaler Differenzierung aufdecken könnten, zu befördern.

Ideologie wäre in dem Zusammenhang der Verzicht auf eine Theorie zur Beobachtung unbekannter Möglichkeiten, als ein kostengünstiges, weil ungehindertes Recht, Meinung zu äußern, welches solche Indifferenz zulässig macht. Ideologie wäre in dem Fall: trivial-transzendentaltheoretische Rechtfertigung für Subjektivität – Ideologie deshalb, weil solchen Rechtfertigungen der Widerstand verloren geht, durch den transzendentaltheoretische Begründungen Überzeugtheiten herstellen können.

Etwas über Ideologie und Theorie 2

zurück / Fortsetzung

Und wo sich schließlich eine Welt ergibt, die nur so und kaum anders erwartbare Strukturen erzeugt, werden diese Strukturen zum blinden Fleck ihrer eigenen Möglichkeiten. Denn mag sich zwar auch die Einsicht ergeben, dass alles auch ganz anders sein könnte, so zeigt sich aufgrund der Empirizität dieser Strukturen, dass etwas anderes nur beobachtbar werden kann, wenn es gemäß selbstähnlicher Strukturen und entlang ihrer operationalisierbaren Differenzen als nicht ganz anders erfassbar ist. So wird Kontingenz auf struktureller Ebene, weil die Strukturen ihre eigene Kontingenz miteinschließen, zwar jederzeit erfahrbar, aber operativ gibt es keine Ausweichmöglichkeiten. Operativ gilt: nur so und nicht anders. Mag zwar Anderes prinzipiell nicht ausgeschlossen sein, so ist es doch beinahe unmöglich, etwas ganz anderes zu machen.
Das erklärt die sonderbare Überzeugungskraft von Faktizitäten, die eigentlich nichts anderes sind als soziale Ordnungsresultate, welche aufgrund ihrer mitunter sehr schwierigen, aber erfolgreichen Ausdifferenzierung für Anschlussfindungsoperationen, die sich dieser Ordnung zu widersetzen versuchen, eine beinahe unüberwindbares Hindernis darstellen. Fakzitäten sind nichts anderes als harte, weil komplexe Formen, die aufgrund ihres Erfolgs die Bedingungen ihres Erfolgreichwerdens verschleiern und ihre Kontingenz auf operativer Ebene gleichsam inkommunikabel machen. Wo von Faktizitäten leicht und schnell die Rede ist, kann über ihre Kontingenz – zumal das Ordnungsresultat nur möglich ist durch eine komplexe Vielzahl an Möglichkeiten der Referenzierbarkeit – fast nicht mehr gesprochen werden.

Interessanterweise führt dies nicht dazu, den Tempel für abgebrannt zu halten, vielmehr wird in der Regel nur auf Ideologie abgestellt und entsprechende Vorwürfe geäußert um sich aus der Inkommunikablität zu befreien. Tatsächlich wird sie damit immer nur verstärkt, weil ja, wie oben beschrieben, alle Ideologiekritik den Bedingungen und Strukturen von Organisationssystemen unterliegt; folglich führt dies innerhalb eines schmalen Selektionsraumes, durch knappe Ressourcen und unter Berücksichtigung komplexer Regelwerke nur dazu, diese Regelwerke um eine weitere Schleife zu bereichern. Ergebnis: Ideologie und Ideologiekritik sind in diesen Verhältnissen nur Selektionen zur Erschwerung und Radikalisierung von Rechtfertigung, ohne, dass sich strukturell genauso wie operativ irgendetwas ändern könnte. Daran hat sich alle Ideologiekritik totgelaufen.

Interessant wird dieser Fall erst dann wieder, wenn sich Strukturalternativen zeigen, die sehr wohl eine Aussicht darauf ermöglichen, dass die selbsterzeugten Notwendigkeiten von Organisationssystemen keine Notwendigkeiten haben. Das geht, wenn nicht nur anders möglich ist, sondern wenn Anderes auch geschieht, weil es wählbar geworden ist. Gemeint sich damit Unerfahrenheiten, die sich durch Internetkommunikationen ergeben.
In dem Fall heißt das, dass Ideologie die Rechtfertigung dafür darstellt, eine empirisch mögliche Alternative nicht zu testen, nicht zu prüfen, nicht in Anspruch zu nehmen und sie entsprechend nicht zu wählen. Indem Fall ist Ideologie nur Rechtfertigung für Lernverweigerung, welche sich gleichwohl sehr gut rechtfertigen lässt.
Tatsächlich ist diese Rechtfertigung aber gar nicht von entscheidender Bedeutung, sie ist redundant wie übrigens das Internet überhaupt.

Fortsetzung folgt.

 

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