Differentia

Monat: Mai, 2014

Die Immunreaktion der Lernverweigerung (Fortsetzung)

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Das interessante Innovationspotenzial dieser ganzen social media-Sache ergibt sich daraus, dass das alles grundlos entsteht und ziemlich nutzlos und zwecklos ist, mit einem Wort: das ist alles sehr überflüssig. Es ist gerade diese Überflüssigkeit, die diese Kommunikationen via Internet zur neuen Formenbildung freistellt, weil sie noch nirgendwo anders in Notwendigkeiten eingelassen sind. Die Innovation besteht in den noch weitgehend unbekannten Möglichkeiten, die gerade dadurch in ihrer Erfahrbarkeit enorm limitiert sind.

Die kritische Disziplin hat bestimmte Routinen hervor gebracht, die in der Beobachtung von Lehrern, Beratern, von Experten aller Art besteht. Die Anweisung lautete immer: beobachte den Experten, von welchen man annehmen konnte, dass er über irgendetwas besser informiert ist als man selbst. Bislang haben wir gelernt, alle Lernerfahrung durch ein Beobachtungsschema von besser/schlechter informiert zu reflektieren, mit allem was an Zurechnungen und Zumutungen über Glaubwürdigkeit, Kompetenz und Fragwürdigkeit dazugehört. Irgendjemand – und davon gibt es immer mehr – ist immer besser über das informiert, über das ich besser informiert sein müsste. Und da dies für beinahe jeden gilt, gibt es keinen mehr, der schlecht informiert wäre. Man kann das leugnen, aber nur dann, wenn man noch glaubhaft machen kann, besser informiert zu sein.
Diese Art der Lernerfahrungen – das sind Erfahrungen darüber, wie man lernt – haben sich so hartnäckig in die Strukturen der Systeme eingebrannt, sind so beständig geworden, dass, sollte jemand einen Vortrag halten (wie ich es mal gemacht hatte), von welchem das Publikum hinter nicht genau ermitteln konnte, was damit im Ganzen eigentlich gesagt sein sollte, so wird das erstaunte Kopfschütteln des Publikums ob solcher Ungewissheit dem Redner als ein noch größeres Defizit angerechnet als aller sonstiger Unsinn, den er hätte reden können. Die Frage: „Was willst du damit sagen?“ will, dass Botschaften festgeklopft und dann irgendwie pro und contra diskutiert werden. Wollte man sich dem entziehen, dürfte das als ein noch größer Affront gewertet werden. Zwar darf man alles sagen, aber das Rede- und Schreibtraining, das wir durchlaufen haben, erfordert , dass die Rede oder dein Text irgendwie als „anstößig“ beobachtbar werden muss, irgendwie ein Skandalon erzeugen sollte, das Erregung rechtfertigt. Und kommt es schließlich zur erwarteten Erregung, so ist sie im Ergebnis das, was die nächste nach sich ziehen muss: die Erregung über die Erregung, inkl. aller Strategien, durch die am Ende Auswege ermittelt werden müssen, wie etwa das Herunterspielen, Nachhaken, Bagatellisieren, Vereinfachen oder auch Verkomplizieren, Relativieren, Ausflüchtefinden usw.
Im Ganzen könnte man also sagen, dass wir gelernt haben, durch Kritik das Lernen der anderen zu blockieren. Und wenn das jeder tut, so können wir nur lernen, die Lernblockaden als Blockadestrategien der anderen zu beurteilen, wohingegen das eigene Lernen nicht reflektiert werden kann, weil wir eben dies nicht Teil des Lernprogramms ist. So lernen wir, uns gegenseitig am Lernen zu hindern, statt uns gegenseitig beim Lernen zu beobachten. Und alle ausgedachten Strategien wie etwa Supervision und klientenzentrierte Gesprächsführung, die das auf einer zweiten Beobachtungsebene problematisieren, können daran im Prinzip nichts ändern, weil auch diese Techniken von besser informierten Experten gelehrt werden.

Und wenn die Welt nun mal so ist wie sie erscheint, so kann nur schwer vorstellbar werden, dass sie sich in jedem Augenblick ändert, wenn irgendetwas gelernt wurde, und sei es, dass man lernt, das Lernen der anderen (also immer auch das eigene Lernen) zu sabotieren.
Das Internet macht nun deutlich, in welche Sackgasse dieses Training führt.
Man denke dabei an die vielen Beispiele von Rednern, die mit Kompetenz ausgestattet vor ein Publikum treten, wobei diese Szenen durch kostengünstige Aufzeichnungsverfahren im Internet schnell abrufbar und für ein virtuelles Publikum kommentierbar werden. Und schon geht das weiter, was schon immer im Gange war. Nennen wir es: Kritik von Kompetenz- und Zuständigkeitsgerangel, so wenig das den Fall auch vollständig beschreiben kann.
Wie könnte in diesem Fall ein „Paradigmenwechsel“ vollzogen werden, wenn gerade dieses Arrangement eine Änderung der Lernsituation verhindert? Es wurde nie gelernt das Schreiben, Reden, Vortragen, Diskutieren als Lernprozesse zu beobachten, sondern als fertig ausgelieferte Produkte, ähnlich wie Waren, die auch anders hätten ausfallen könen.

Was wäre also, wenn die eingeübten Blockadestrategien durch andere Beobachtungsverfahren unterlaufen würden? Denn das Internet macht, dass man praktisch für jeden kommunikativ erreichbar wird, sobald eine Adresse etabliert ist. Und man stelle sich vor, was geschehen könnte, wenn sich langsam – wie das immer bei Lernprozessen geschieht – bemerkt macht, dass andere Strategien benutzt werden, um sich dem Irsinn der anderen, der ja immer mit dem eigenen einher geht, zu entziehen. Wenn also Erregung auf Erregung trifft und bald die Frage immer ernhafter erwogen wird: Worum geht es eigentlich noch? Wenn man bald feststellt, dass man nicht mehr sagen kann, was eigentlich noch gesagt werden sollte, obwohl immer noch Diskussionsbedarf besteht, aber jeder Erregungsgrund weg fällt?
Gewiss, die Komplexität des Netztes lässt es zu, Diskussionen aus dem Wege zu gehen. Was wäre aber, wenn die Diskussion sich nicht mehr selbst aus dem Wege gehen kann? Wenn Diskussionen nicht mehr nach bekannten rational reglementierten Verfahrensweisen der Kritik führbar sind, sondern sich nach Regeln einer „erratischen Memetik“ entfalten? Kurz: wenn die Spinnerei jeden Halt verliert, sie als solche nicht mehr denunziert werden kann, weil die Kommunikation auf diese Weise vollständig in Kontingenz zerfällt?

Was dann?

Organisation und Selbstorganisation

Durch Organisationen geraten moderne Menschen in Gesellschaft. Organisationen leisten Vergesellschaftung. Personen wie etwa Obdachlose, entlassene Häftlinge, alleinlebende Kranke oder Flüchtlinge, die durch keine Organisation inkludiert werden, verlieren leicht jeden Anschluss an Gesellschaft, weil Inklusion immer auch Referenzen voraussetzt, die sich kein Mensch selbst beschaffen kann. Inklusion erfordert Fremdreferenz.

Das beginnt mit der Geburt und dem Eintrag beim Standesamt. Dort erhält ein neugeborener Menschen den Personenstatus durch Aushändigung einer Geburtsurkunde, welche die Voraussetzung für den Eintritt in eine Schule ist. In der Schule erhält die Person dann Zeugnisse, also weitere Referenzen, die für den Eintritt in Ausbildungsberufe wichtig sind. Auf diese Weise geht das ein ganzes Leben lang weiter. Bei diesen Referenzen handelt es sich um „Ausweise“ aller Art: Personalausweis, Führerschein, Krankenkassekarte, Gewerbeschein, aber auch andere Referenzen, die durch den Lebenslauf selbst entstehen wie ehemalige Arbeitsstellen, Publikationen, Kontakte in Karrierenetzwerken, Nachbarschaften usw. Wird dieser Referenzzirkel an entscheidender Stelle unterbrochen, kann Vergesellschaftung nicht mehr so leicht geschehen.

Wo sich nun zeigt, dass Vergesellschaftung, also Inklusion, aus diesem Grunde hoch geschätzt wird, zeigt sich auch, dass alle Organisationen einen enormen Regelungsbedarf haben. Regelungen ziehen Entscheidungen nach sich; und Entscheidungen bedürfen der Begründung. So vollzieht sich die Ausdifferenzierung eines globalen Netzwerks von Organisationen durch die Unterscheidung von Entscheidung und Begründung.
Organisationen zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie als Machtapparate etwas leisten, das Menschen unmöglich selbst herstellen können, indem sie nämlich Menschen, die für einander unbekannt sind, zusammenführen, ohne, dass sie deshalb ihre Distanz zueinander verlieren. Organisationen leisten Vergesellschaftung durch die Paradoxie der distanzlosen Distanz. Distanzlose Distanz bedeutet, dass Menschen als Personen für einander selektiv erreichbar sind; das heißt, dass Personen für einander jeweils immer nur einen Ausschnitt aus ihrem Lebensalltag anderen als Information überlassen, was der Voraussetzung unterliegt, dass jede Person in der Organisation mit Rechten aller Art ausgestattet wird.
Diese distanzlose Distanz funktioniert deshalb, weil Personen übereinander nur sehr selektiv informiert sind, was sich z.B. in dem Zustandekommen von Rollen, Regeln, Erwartungen, Kompetenzen und Mustern niederschlägt. Diese ausschnitthafte Wissen um die Anwesenheit und Handlungen anderer erfordert vor allen Dingen Kommunikation über Gründe für Handlungen, weil nur auf der Basis von Gründen Entscheidungen getroffen oder bezweifelt werden können.

So erzeugen Organisationen auf der Basis ihres eigenen operativen Vollzugs von Kommunikationen eine spezifische Empirie, nämlich eine Empirie, die für alles, was geschieht, Gründe ermittelt. Und je erfolgreicher, je komplexer und je verlässlicher Organisationen trotz ihrer Intransparenz wirken, um so plausibler wird, dass alles, was in der Welt geschieht, Gründe haben müsse, die auf handelnde Subjekt als Ursache zurück geführt werden. Das Subjekt, so das Schema dieser Art der Empirie, verursacht Kommunikation durch begründetes Handeln. Und wird dieses Schema der Empirie rekursiv wirksam, das heißt, dass der Vollzug von Inklusion über Begründung und Entscheidung durch Begründung und Entscheidung selbst wiederum beobachbar wird, kann man fast nicht mehr erklären, dass es für Gründe keine Gründe gibt.

Eben dieses Schema der Empirie gilt auch in der Wissenschaft. Will empirische Forschung Gesellschaft beschreiben, dann kann sie die Beobachtung Grundlosigkeit von Gesellschaft nicht teilen. Wenigstens wird es sehr, sehr schwer verständlich zu machen, dass Vergesellschaft sich zwar durch die soziale Erzeugung und Zurechnung von Gründen vollzieht, dafür müssen aber keine Gründe voraussgesetzt sein. Die Grundlosigkeit der erlebbaren Welt wird für diese Art der Empirie beinahe inkommunikabel.

Aus diesem Grunde kann die Wissenschaft nur sehr schwer Selbstorganisationsprozesse beobachten. Denn Selbstorganisation entsteht nicht durch handelnde Subjekte, die Gründe mit Überzeugtheit vortragen. Vielmehr entsteht Selbstorganisation als emergentes Phänomen, dessen Herkunft und Zustandekommen keine Notwendigkeit hat.

An diesem Beispiel  zeigt sich wie schlecht die empirische Sozialforschung ihr Schema der Empirie verlassen kann. In dem verlinkten Artikel geht es um ein Forschungsprojekt, mit dem Forscher versuchten die Gründe heraus zu finden, die Twitternutzer dazu veranlassen, den Favorisierungs-Klick zu hinterlassen. Für die Forscher sind die Beobachtung handelnder Subjekt und ihre Gründe die einzige Möglichkeit, wie sie die Kommunikation via Twitter erklären können, weil diese Forschung die Normalität ihres Beobachtungsschemas als blinden Fleck benutzt.

Daraus leite ich die Überlegung ab, dass auf der Basis dieser Social-Media-Netzwerke die Normalität von Selbstorganisationsprozessen sehr viel einfacher erklärbar ist, weil für diese Art der Kommunikation nicht die gleichen Bedingungen der Vergesellschaftung gegeben sind, auf die Organisationen angepasst sind.

Die Twitternutzung hatt keine Notwendigkeit, ihre Vergesellschaftungswirkung ist sehr gering, sie ist völlig überflüssig und ersetzt die Paradoxie der distanzlosen Distanz durch die Paradoxie der erreichbaren Unerreichbarkeit. Selbstverständlich dürfte damit auch eine andere Art der Empirie einhergehen, die allerdings nicht so einfach beschreibbar ist.

 

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