Vortrag: Wie das Internet unsere Paranoia verändert #gpn14
von Kusanowsky
Wie das Internet unsere Paranoia verändert. Ein Vortrag zum Thema Privatheit und Öffentlichkeit bei der #gpn14 in Karlsruhe
Die Paranoia gehört nun zum normalen Leben. Das war zwar schon immer so, konnte aber nicht immer stress- oder störungsfrei diskutiert werden. Seitdem bekannt wurde, dass Datenschutzvorkehrungen immer schwerer bis unmöglich werden, scheint es an der Zeit zu sein, die Betrachtung umzukehren. Die Frage ist nicht mehr, wie man die Paranoia vermeidet, sondern eher wie man lernt mit ihr umzugehen.
Bei den #Datenspuren September 2013 in Dresden habe ich einen Vortrag gehalten zum Thema: „Ist Öffentlichkeit selbstverständlich?“
Da das Thema Privatheit und Öffentlichkeit sehr komplex ist, kann man in einem Vortrag immer nur sehr wenig berücksichtigen. Darum habe ich mir überlegt, bei passender Gelegenheit einen Anschlussvortrag vorzuschlagen. Dabei geht es um die Umkehrung einer Betrachtungspersktive. Gewöhnlich werden Beiträge über die Entwicklungen im Internetbereich mit der Überlegung betitelt „Wie das Internet unser Leben verändert“. Ich denke stattdessen darüber nach, wie das Internet unsere Paranoia verändert. Denn jetzt – infolge der Überwachung und der Probleme mit dem Datenschutz – stellt sich etwas heraus, das vor dem Internet immer bekannt war, aber immer beiseite geschoben wurde, nämlich die Frage: Wie vermeidest du eine Paranoia ?
Diese Frage verändert sich, wenn wir feststellen, dass die Paranoia zum normalen Bestandteil des Lebens wird.
Die Aufzeichnung des Vortrags findet man unter diesem Link
letzter Vortrag zum gleichen Thema: Datenschutz und Datenklau – die Exklusivität sozialer Strukturen
https://twitter.com/kusanowsky/status/462878254761013248
Ein parasozialer Begriff von Gesellschaft geht von der Annahme aus, dass Subjekte aufgrund ihrer Absichten Handlungen vollziehen, die schließlich Kommunikation verursachen. Begründet werden kann diese Annahme aufgrund von sozialen Strukturen, die eine andere Betrachtungsweise mit organisationalem Aufwand exkludieren. Handlung sei immer intentional.
Tatsächlich ist Intentionalität auch nur ein Ergebnis sozialer Selektionen.
Wollte man Handlung lediglich allein als intentional gefasste Form der Beobachtung behandeln, könnte ein Polizist niemals einen Kriminellen fassen. Denn wollte man ihn allein auf der Basis seiner Absichten verfolgen, wird man nur feststellen, was man feststellen kann: der Kriminelle hat mit Absicht gehandelt. Aber seine Absichten geben keine Auskunft über ihn.
Darum werden gerade die nicht beabsichtigten Spuren für die Polizei interessant.
Für den Künstler oder den Hacker gilt etwas ähnliches. Der Küntler weiß, dass er Spuren unabsichtlich hinterlassen hat, die als Informationen anfallen und die Auskunft über ihn geben könnten, aber anders als der Kriminelle will sich der Künstler der Zuordnung von unabsichtlich hinterlassenen Spuren auf seine Person nicht entziehen. Im Gegenteil: er erwartet, ja wünscht eine Zuordnung, denn nur so kommt er ins Gespräch.
-> Kommunikation und Persuasion, Verantwortlichkeit und Regelkenntnis
https://twitter.com/kusanowsky/status/470841097904996352
Hacker als Begriff in den 1990er
Für die späten 1990er Jahre diagnostizierte Claus Pias eine vermehrte Verwendung des Begriffs, sei es „[…] als manifesthafte Begründung von Polit-Aktionen oder im Rahmen eines ‚Information Warfare‘ vom computerbestückten Schreibtisch aus, sei es als Terror-Szenario militärnaher Beraterorganisationen oder als Konzeptkunst-Strategie, sei es als Metapher eines real existierenden Dekonstruktivismus oder als Hoffnung eines digitalen Neo-Situationismus, sei es als amtliche Praxis von Geheimdiensten oder nur als globale Liebeserklärung durch einen Virus.”
Pias, Claus: Der Hacker. In: Horn, Eva; Bröckling, Ulrich (Hg.): Grenzverletzer. Figuren politischer Subversion, Berlin 2002, S. 248 – 270. Online verfügbar unter pdfhttp://www.uni-due.de/ (letzter Abruf: 22. Dezember 2011)
Dazu außerdem: Baecker, Dirk: Nie wieder Vernunft. Kleinere Beiträge zur Sozialkunde, Heidelberg 2008, S. 80.
https://twitter.com/kusanowsky/status/470837451511332864
Das gewöhnliche Verständnis von Paranoia besagt, dass es sich bei Paranoia um eine subjektive Wahnvorstellung aufgrund von Angst und Misstrauen handelt und welche pathologischer Herkunft ist.
http://de.wikipedia.org/wiki/Paranoia
Der Vorwurf der Paranoia bedeutete immer, sich seines Verstandes und seiner Vernunft nicht vollständig bedient zu haben, womit dieser Appell immer zugleich auch die Aufforderung darstellte, die subjektiven Fähigkeiten zu Steigerung der kritischen Urteilsfähigkeit zu steigern. Entsprechend wurde alles, was man unter Paranoia subsumierte, in eine Vermeidungssemantik eingelassen.
Tatsächlich ist Paranoia nur ein soziales Resonanz-Phänomen, das infolge von Nichtinformiertheit entsteht, wodurch sich Strukturen der kommunikativen Anschlussfindung, sofern sie Referenzierbarkeit betreffen, in Latenz auflösen und auf einer weiteren Beobachtungsebene hinsichtlich Referenzierbarkeit reaktualisieren, in dem auf dem Wege der kritischen Behandlung des zu Vermeidenden die Referenzierbarkeit gerettet wird.
So hat der Vorwurf, die Denunziation die Funktion eines Strukturschutzes.
Paranoia verweist auf Probleme der Referenzierbarkeit und damit auf mangelnde Chancen der Gewinnung von Urteilssicherheit.
Siehe dazu „paranoides und paranoisches Beobachten“ https://differentia.wordpress.com/2013/09/04/paranoides-und-paranoisches-beobachten/
https://twitter.com/kusanowsky/status/471219300549001216
Paranoia, das Beobachtetwerden
Das kritische Beobachten setzt eine Identitätsannahme zwischen dem was jemand mitgeteilt hat und wie er es meint voraus. (Identität von Mitteilung und Information) Alle Kritik geht von dieser Annahme aus und scheitert mehr oder weniger schnell, weil die Differenz nicht zum Anlass genommen wird, die Beobachtungsebene zu wechseln, sondern um das Nichtwechseln zu rechtfertigen.
Die Beharrung entsteht dadurch, dass Mitteilungshandlungen auf Strukturen der Verantwortlichkeit angepasst sind, die sanktionierbar sind. Wenn Kritik immer auch Rechtfertigung für Sanktion ist, dann kann eine Differenz zwischen Mitteilung und ihrer Information nicht so einfach zugestanden werden.
Interessant ist der Fall, dass nunmehr Paranoia nur noch schwer als psycho-pathologisches Defizit von Menschen erscheint. Damit wird die Paranoia entpathologisiert.
Entsprechend könnte man Paranoia verstehen als einen Versuch, diese Weigerung zu umgehen, indem sie alle Versuche der Gewinnung von Urteilssicherheit unterläuft und sabotiert.
https://twitter.com/kusanowsky/status/470841097904996352
-> Verantwortlichkeit und Handlung
Datenschutz entsteht als Problem nicht aus Gründen der Geheimhaltung. Nicht, weil wir, auch wenn wir nichts zu verbergen hätten, Geheimhaltung wünschen, sondern weil wir nicht informiert sind, wenn ein exklusives Recht auf Bestimmung und Zuordnung von Datensätzen vergeben, bzw. wie im Fall von Google und Facebook erworben wurde.
Nicht weil meine persönlichen Daten etwas über mich aussagen oder aussagen könnten, sondern: weil ich nicht weiß, was mir jemand aufgrund exklusiver Verhältnisse als persönliche Daten zurechnet oder zuordnet. Darum entsteht eine Paranoia. Die Paranoia ist nicht zuerst subjektive Angst oder Misstrauen, sondern entsteht durch eine soziale Ordnung des Nichtinformiertseins oder Nichtinformietwerdens. Und diese gleiche Ordnung gilt auch für die Polizei oder Geheimdienste, die dann ebenfalls einer Paranoia unterliegen, was auch für Datensammler gilt, denn jeder Datensammler hat einen Konkurrenten. Und auch Konkurrenz erzeugt Nichtwissen.
So könnte man die Forderung nach Datenschutz verstehen als eine Forderung, über die Verwendung von Daten informiert zu werden. Da diese Informationen nicht geliefert werden (und auch nicht geliefert werden können, weil die Verwendung für noch zukünftige Fälle von Interesse sind) entsteht eine Ordnung des Nichtwissens/des Nichtinformiertseins.
Unter dieser Voraussetzung kann eine Verantwortung für Handlungen, die andere mir irgendwann zurechnen nicht übernommen werden. Denn die Akzpetanz von Veranwortung erfordert, über die Regeln informiert zu sein, bzw. sich über Regeln informieren zu können. Aber eben dies geht nicht.
Beispiel: Straßenverkehr …
https://twitter.com/kusanowsky/status/473745306430242816
Theodor W. Adorno: Kulturkritik und Gesellschaft. In: Prismen, Frankfurt am Main 1976 (zur Praxis der Kritik siehe dort, S. 23).
Carl von Bormann (G. Tonelli): Kritik. I. Die Geschichte des K.-Begriffs von den Griechen bis Kant. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie 4 (1976), Sp. 1249–1267.
Judith Butler: Was ist Kritik? Ein Essay über Foucaults Tugend. transform.epicp.net, Mai 2001. (Online. Abgerufen am 8. Juni 2010)
Michel Foucault: Was ist Kritik? Berlin 1982.
Helmut Holzhey: Kritik. II. Der Begriff der K. von Kant bis zur Gegenwart. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie 4 (1976), Sp. 1267–1282
Rahel Jaeggi/Tilo Wesche (Hg.): Was ist Kritik?, Frankfurt am Main 2009
Dieter Prokop: Das fast unmögliche Kunststück der Kritik. Erkenntnistheoretische Probleme beim kritischen Umgang mit Kulturindustrie. Tectum Verlag, Marburg 2007
Kurt Röttgers: Kritik. In: Geschichtliche Grundbegriffe: Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Band 3. Hrsg. von Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck. Klett, Stuttgart 1982, S. 651–675
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Thomas Zinsmaier / Red. / Gert Ueding: Kritik. In: Gert Ueding (Hg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Darmstadt: 1992ff., Bd. 10 (2011), Sp. 530–545.