Die Immunreaktion der Lernverweigerung (Fortsetzung)

von Kusanowsky

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Das interessante Innovationspotenzial dieser ganzen social media-Sache ergibt sich daraus, dass das alles grundlos entsteht und ziemlich nutzlos und zwecklos ist, mit einem Wort: das ist alles sehr überflüssig. Es ist gerade diese Überflüssigkeit, die diese Kommunikationen via Internet zur neuen Formenbildung freistellt, weil sie noch nirgendwo anders in Notwendigkeiten eingelassen sind. Die Innovation besteht in den noch weitgehend unbekannten Möglichkeiten, die gerade dadurch in ihrer Erfahrbarkeit enorm limitiert sind.

Die kritische Disziplin hat bestimmte Routinen hervor gebracht, die in der Beobachtung von Lehrern, Beratern, von Experten aller Art besteht. Die Anweisung lautete immer: beobachte den Experten, von welchen man annehmen konnte, dass er über irgendetwas besser informiert ist als man selbst. Bislang haben wir gelernt, alle Lernerfahrung durch ein Beobachtungsschema von besser/schlechter informiert zu reflektieren, mit allem was an Zurechnungen und Zumutungen über Glaubwürdigkeit, Kompetenz und Fragwürdigkeit dazugehört. Irgendjemand – und davon gibt es immer mehr – ist immer besser über das informiert, über das ich besser informiert sein müsste. Und da dies für beinahe jeden gilt, gibt es keinen mehr, der schlecht informiert wäre. Man kann das leugnen, aber nur dann, wenn man noch glaubhaft machen kann, besser informiert zu sein.
Diese Art der Lernerfahrungen – das sind Erfahrungen darüber, wie man lernt – haben sich so hartnäckig in die Strukturen der Systeme eingebrannt, sind so beständig geworden, dass, sollte jemand einen Vortrag halten (wie ich es mal gemacht hatte), von welchem das Publikum hinter nicht genau ermitteln konnte, was damit im Ganzen eigentlich gesagt sein sollte, so wird das erstaunte Kopfschütteln des Publikums ob solcher Ungewissheit dem Redner als ein noch größeres Defizit angerechnet als aller sonstiger Unsinn, den er hätte reden können. Die Frage: „Was willst du damit sagen?“ will, dass Botschaften festgeklopft und dann irgendwie pro und contra diskutiert werden. Wollte man sich dem entziehen, dürfte das als ein noch größer Affront gewertet werden. Zwar darf man alles sagen, aber das Rede- und Schreibtraining, das wir durchlaufen haben, erfordert , dass die Rede oder dein Text irgendwie als „anstößig“ beobachtbar werden muss, irgendwie ein Skandalon erzeugen sollte, das Erregung rechtfertigt. Und kommt es schließlich zur erwarteten Erregung, so ist sie im Ergebnis das, was die nächste nach sich ziehen muss: die Erregung über die Erregung, inkl. aller Strategien, durch die am Ende Auswege ermittelt werden müssen, wie etwa das Herunterspielen, Nachhaken, Bagatellisieren, Vereinfachen oder auch Verkomplizieren, Relativieren, Ausflüchtefinden usw.
Im Ganzen könnte man also sagen, dass wir gelernt haben, durch Kritik das Lernen der anderen zu blockieren. Und wenn das jeder tut, so können wir nur lernen, die Lernblockaden als Blockadestrategien der anderen zu beurteilen, wohingegen das eigene Lernen nicht reflektiert werden kann, weil wir eben dies nicht Teil des Lernprogramms ist. So lernen wir, uns gegenseitig am Lernen zu hindern, statt uns gegenseitig beim Lernen zu beobachten. Und alle ausgedachten Strategien wie etwa Supervision und klientenzentrierte Gesprächsführung, die das auf einer zweiten Beobachtungsebene problematisieren, können daran im Prinzip nichts ändern, weil auch diese Techniken von besser informierten Experten gelehrt werden.

Und wenn die Welt nun mal so ist wie sie erscheint, so kann nur schwer vorstellbar werden, dass sie sich in jedem Augenblick ändert, wenn irgendetwas gelernt wurde, und sei es, dass man lernt, das Lernen der anderen (also immer auch das eigene Lernen) zu sabotieren.
Das Internet macht nun deutlich, in welche Sackgasse dieses Training führt.
Man denke dabei an die vielen Beispiele von Rednern, die mit Kompetenz ausgestattet vor ein Publikum treten, wobei diese Szenen durch kostengünstige Aufzeichnungsverfahren im Internet schnell abrufbar und für ein virtuelles Publikum kommentierbar werden. Und schon geht das weiter, was schon immer im Gange war. Nennen wir es: Kritik von Kompetenz- und Zuständigkeitsgerangel, so wenig das den Fall auch vollständig beschreiben kann.
Wie könnte in diesem Fall ein „Paradigmenwechsel“ vollzogen werden, wenn gerade dieses Arrangement eine Änderung der Lernsituation verhindert? Es wurde nie gelernt das Schreiben, Reden, Vortragen, Diskutieren als Lernprozesse zu beobachten, sondern als fertig ausgelieferte Produkte, ähnlich wie Waren, die auch anders hätten ausfallen könen.

Was wäre also, wenn die eingeübten Blockadestrategien durch andere Beobachtungsverfahren unterlaufen würden? Denn das Internet macht, dass man praktisch für jeden kommunikativ erreichbar wird, sobald eine Adresse etabliert ist. Und man stelle sich vor, was geschehen könnte, wenn sich langsam – wie das immer bei Lernprozessen geschieht – bemerkt macht, dass andere Strategien benutzt werden, um sich dem Irsinn der anderen, der ja immer mit dem eigenen einher geht, zu entziehen. Wenn also Erregung auf Erregung trifft und bald die Frage immer ernhafter erwogen wird: Worum geht es eigentlich noch? Wenn man bald feststellt, dass man nicht mehr sagen kann, was eigentlich noch gesagt werden sollte, obwohl immer noch Diskussionsbedarf besteht, aber jeder Erregungsgrund weg fällt?
Gewiss, die Komplexität des Netztes lässt es zu, Diskussionen aus dem Wege zu gehen. Was wäre aber, wenn die Diskussion sich nicht mehr selbst aus dem Wege gehen kann? Wenn Diskussionen nicht mehr nach bekannten rational reglementierten Verfahrensweisen der Kritik führbar sind, sondern sich nach Regeln einer „erratischen Memetik“ entfalten? Kurz: wenn die Spinnerei jeden Halt verliert, sie als solche nicht mehr denunziert werden kann, weil die Kommunikation auf diese Weise vollständig in Kontingenz zerfällt?

Was dann?

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