Differentia

Monat: Mai, 2014

Einwände gegen die Eisenbahn im 19. Jahrhundert

In einer Aufzeichnung von Joseph Maria von Radowitz, ein preußischer Politiker des 19. Jahrhunderts, findet man eine interessante Stelle, in welcher zu einem frühen Zeitpunkt, als die Eisenbahn auch in Deutschland eingeführt wurde, Einwände gegen ihren Gebrauch formuliert werden. Die Einwände beziehen sich darauf, dass die Eisenbahn die Menschen der Wahlfreiheit beraube. Und zwar:

1. hinsichtlich des Momentes der Abreise; man muß sich an die festgestellten Stunden binden, 2. hinsichtlich des Weges; man konnte sonst langsamer oder schneller reisen, je nach dem man es wünschte oder bedurfte, 3. hinsichtlich der Art der Reise; man konnte sonst gehen, reiten, fahren auf zehn verschiedene Weise, jetzt immer nur in der selben Manier, 4. hinsichtlich der Gesellschaft; man suchte sonst die Reisegesellschaft wie man wollte, jetzt wird man unwandelbar an diejenigen gebunden, die man findet. Die Eisenbahnen vernichten also das eigentliche Reisen, das nicht bloss das Erreichen eines bestimmten Zieles, sondern den Weg selbst zum Zwecke hatte. Und auch die blosse Zurücklegung dieses Weges verwandelt sich aus einem freie Acte in eine sklavische Leistung. Man hört für die Dauer eines solchen Trasports auf Person zu sein und wird Sache, Frachtgut.“

Quelle: Radowitz, J.v.: Gesammelte Schriften, Bd. V, 1853, S.339f.

Es gibt nun wenig überzeugende Gründe, diese Einwände zu belächeln oder mit Geringschätzung zu betrachten, würden wir doch gegen diese Einwände davon ausgehen, dass mit der steigenden Mobilität die Wahlfreiheit gestiegen ist. Wir würden selbstverständlich meinen, die Wahlfreiheit habe zu- und nicht abgenommen.
Tatsächlich geben diese Einwände jedoch Auskunft über einen bestimmten sozialen Erfahrungszusammenhang, der nicht zuerst über die subjektive Geringschätzung der Eisenbahn Auskunft gibt, sondern über eine soziale Struktur, die sich im selben Augenblick zeigt, die erkennbar und offenbar wird, in dem sie sich ändert. Nachdem erkennbar wird, dass das Reisen als Transport aufgefasst werden kann, als ein zweckrationaler Vorgang der Erledigungen einer Aufgabe,  wird nun auf ein Verhälntis von Mittel und Zweck rekurriert, das mit dieser Selbstverständlichkeit zuvor gar nicht bemerkt wurde. Denn dass Reisen ein Selbstzweck sei, dem eine größere Wertschätzung zuteil werden sollte, wird erst in dem Augenblick erkennbar, in dem sich zeigt, dass die Verkehrung des Zweck-Mittelverhältnisses genauso gut für die Eisenbahnfahrt gelten könnte.
Erst in dem Augenblick, in dem der Reisende zwischen dem Transport mit der Eisenbahn und der Reise mit der Kutsche unterscheidet, wird ihm deutlich, dass damit seine Wahlfreiheit vermindert würde, da ihm zugleich einleuchtet, dass der Transport  gegenüber der Reise einen Kosten- und Geschwindigkeitsvorteil hat, der zuvor, da es keine Eisenbahn gab, nicht auffallen konnte. Und dieser Vorteil wird nun mit einem Nachteil verrechnet, der angeblich durch den Verlust der Wahlfreiheit entstünde, welcher zuvor allerdings nicht beobachtbar war. So ist auch der Transport mit der Eisenbahn genauso zwecklos wie die Reise mit der Kutsche.
Wovon spricht also dieser Einwand? Er zeigt wie ein Beobachter sich seiner Selbstbeobachtung entzieht, indem er auf dem Wege des Einwandes einen unvermeidlichen Lernprozess reflektiert. Auf der Ebene der Analyse und des Argument formuliert der Beobachter Gründe für Wert- oder Geringschätzung, aber auf operativer Ebene erkennt man deutlich den Beobachtungsvorgang durch die Wahl der Unterscheidung von Transport und Reise. Es ist diese Unterscheidung, und nicht die subjekive Wert- oder Geringschätzung, die zeigt, worum es geht. Reise sei Selbstzweck, Transport sei nur Mittel. Und wird diese Unterscheidung auf diese Weise entfaltet, wird zugleich ausgeblendet, dass man für den Transport einen solchen Selbstzweck ebenfalls annehmen könnte. Dass es sich aber so verhält kann erst deutlich werden, wenn die Menge der wählbaren Transportmittel zunimmt, worüber der Schreiber dieser Einwände jedoch keine Kenntnisse haben konnte.
Daraus kann man den Schluss, dass diese Einwände gar nicht so abwegig sind.

Vortrag: Wie das Internet unsere Paranoia verändert #gpn14

Wie das Internet unsere Paranoia verändert. Ein Vortrag zum Thema Privatheit und Öffentlichkeit bei der #gpn14 in Karlsruhe

Die Paranoia gehört nun zum normalen Leben. Das war zwar schon immer so, konnte aber nicht immer stress- oder störungsfrei diskutiert werden. Seitdem bekannt wurde, dass Datenschutzvorkehrungen immer schwerer bis unmöglich werden, scheint es an der Zeit zu sein, die Betrachtung umzukehren. Die Frage ist nicht mehr, wie man die Paranoia vermeidet, sondern eher wie man lernt mit ihr umzugehen.

Bei den #Datenspuren September 2013 in Dresden habe ich einen Vortrag gehalten zum Thema: „Ist Öffentlichkeit selbstverständlich?“
Da das Thema Privatheit und Öffentlichkeit sehr komplex ist, kann man in einem Vortrag immer nur sehr wenig berücksichtigen. Darum habe ich mir überlegt, bei passender Gelegenheit einen Anschlussvortrag vorzuschlagen. Dabei geht es um die Umkehrung einer Betrachtungspersktive. Gewöhnlich werden Beiträge über die Entwicklungen im Internetbereich mit der Überlegung betitelt „Wie das Internet unser Leben verändert“. Ich denke stattdessen darüber nach, wie das Internet unsere Paranoia verändert. Denn jetzt – infolge der Überwachung und der Probleme mit dem Datenschutz – stellt sich etwas heraus, das vor dem Internet immer bekannt war, aber immer beiseite geschoben wurde, nämlich die Frage: Wie vermeidest du eine Paranoia ?
Diese Frage verändert sich, wenn wir feststellen, dass die Paranoia zum normalen Bestandteil des Lebens wird.

Die Aufzeichnung des Vortrags findet man unter diesem Link

letzter Vortrag zum gleichen Thema: Datenschutz und Datenklau – die Exklusivität sozialer Strukturen

 

 

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