Was macht Technik?
von Kusanowsky
(Herkunft: Wikipedia)
Was macht Technik? Technik macht, dass das, was auf struktureller Ebene der Verständigung nicht oder nur schwer kommunikabel ist, auf operativer Ebene dämonisch durchgesetzt und dann dennoch akzteptabel wird. Diese Schwierigkeiten der Kommunikabilität entstehen deshalb, weil eine funktionierende Kommunikation aufgrund erfolgreicher Strukturen die Bedingungen ihres Funktionierens verdeckt und dadurch ihre schwer zu umgehende Empirizität erzeugt. Man könnte sagen: Kommunikation neigt zu Sturheit, sobald sie bestimmte Strukturen ihres wiederholbaren Gelingens entwickelt hat.
Technik ist in diesem Zusammenhang die erfolgreiche Einrichtung eines spezifischen Arrangements auf struktureller Ebene, bezeichnet als Dispositiv (hier verkürzt als „Experiment“), mit dessen Hilfe die Irritabilität der Kommunikation auf eine Weise verfremdet wird, die schließlich die Heteroclitizität ihres Funktionierens auf der operativen Ebene offenbart und damit einen weiteren Bereich ihrer normalen Kontingenz aufschließt. Systemtheoretisch kann man das so auffassen, dass das, was durch Verständigung nicht oder fast nicht geht, nur durch Verstehen geht, aber nicht sehr leicht.
Dieses Bild oben macht das deutlich.
Schon immer, seit es Menschen gibt, haben sie miteinander gesprochen. Es gab in den letzten ca. 10.000 Jahren kaum genügend Gründe die Vorgänge des Gesprächs merkwürdig zu finden. Denn schließlich ist es normal, dass Menschen miteinander sprechen. Warum darüber theoretisch komplizierter nachdenken, wenn das Gespräch doch einwandfrei funktioniert? Denn die Normalität des Gesprächs schließt ein, dass es nicht immer zur Zufriedenheit aller Gesprächspartner funkioniert. Es funktioniert eben und sei es, dass es jemanden verdrossen macht. Wen sollte das stören? Und wenn sich jemand darüber beschweren mag, wie teilt man diese Störung mit, wenn das normale Gespräch nicht notwendigerweise Störungen vermeiden muss um zu funktionieren? Eigentlich geht es nicht, es sei denn es finden sich geeignete und gewiss voraussetzungsvolle Umstände, die es ermöglichen, den Störungscharakter operativ kommunikabel zu machen.
Dieses Bild oben zeigt, dass es geht, indem eine Komplikation, eine Störung eingeführt wird um ein Gespräch zu führen, dass auch ohne diese Komplikation durchgeführt werden könnte. Aber ohne sie könnte man nicht über die Komplikation des Gespräches reden. Es wird also durch das Dispositiv eine Schwierigkeit eingeführt um irritabel zu machen, dass das Gespräch Schwierigkeiten – also den Normalfall – impliziert. Das Dispositiv hat eine apokalyptische Funktion: es offenbart etwas, das ohne diese Offenbarung nicht verborgen, sondern durch anderweitige Empirie nur verdeckt, aber nicht unsichtbar war.
Bei diesem Beispiel, das den Fall der gegenseitigen Rücksichtnahme betrifft, soll gezeigt werden, dass Kommunikation mit einem Dosentelefon als ein Arrangement zwischen Sender und Empfänger funktioniert. Man sollte einmal etwas gründlicher darüber nachdenken, bevor man so mir-nichts-dir-nichts dieses Kommunikationsmodell ablehnt, wofür es gleichwohl gute Argumente gibt. Dennoch stellt sich Frage: wie konnte es prominent und empirisch werden? Das Sender-Empfänger-Modell kann nur plausibel werden, wenn ein Sprecher, der sich als Sender beschreibt, das kausale Geschehen der Übertragung deutlich machen will, aber dafür im normalen Gespräch keine ausreichenden empirischen Anhaltspunkte findet, weil nämlich die Kommunikation – aufgrund der Anwesenheit des Partners – immer auch anderes möglich macht: Ausweichung, Ablehnung, Ablenkung, Zwischenfälle, Blockierung, Ängstigung, Peinlichkeiten, Wahrnehmungsirritationen und Affektbewegungen aller Art, die für das Gespräch ebenfalls jederzeit relevant werden können. So geht es also nicht, oder eben nur sehr schwer.
Also wird ein Dispositiv eingeführt, durch das eben nur dies und nichts anderes kommunikabel wird. Zwischen zwei Dosen wird eine Schnur gespannt. Auf jeder Seite wird die Dose entweder nur zum Sprechen oder nur zum Hören verwendet, zum Senden und Empfangen, weil beides gleichzeitig auf jeder Seite nicht geht.
So kann ein Nacheinander von Sprechen und Hören durch empirisch sichtbare, weil mit Handgriffen verbundene, also komplizierte Handlungen erscheinen, die man dann als Senden durch Sprechen und Empfängen durch Hören ordnen kann. So kann ein kausales Geschehen gezeigt werden, ein Nacheinander von Handlungen, die außerhalb dieses Dispositivs nur gleichzeitig empirisch möglich und damit ungeeignet sind, um zu zeigen, dass es sich um kausales Geschehen der Ungleichzeitigkeit handelt.
Darum geht es: das Dispositiv macht etwas sichtbar, empirisch und akzeptabel, das nur auf dem Umweg der Verkomplizierung gewohnter und normaler Handlungen erkennbar werden kann. Und insofern ein solches Dispostiv zuerst dämonisch operativ und in der Folge strukturell regulativ diese ganze Gesellschaft überformt, indem das Dispositiv seine eigenen empirischen komplexen Voraussetzung nachträglich berücksichtigt, ist fast nicht mehr (oder nur sehr schwer) auf dieser strukturellen Ebene möglich, den Irrtum dieses Kommunikationsmodells zu zeigen.
Darum wird, bei geeigneten Bedingungen, ein anderes Dispositiv gebraucht, durch das auf das aufmerksam gemacht werden kann, was durch das Dosentelefon-Modell ausgeschlossen wird, dass nämlich Kommunikation nicht auf Kausalität beruht.
Aber gewiss ist das nicht so einfach zu erklären. Also muss sich auf operativer Ebene das Dispositiv dämonisch durchsetzen. Für uns ist dies das Internet.
Nicht dämonisch; seelenerweiternd.
Es gibt das gefügelte Wort, wer immer es gesagt hat, Lesen sei Denken mit einem anderem Kopf. Damit ist zweierlei bezeichnet: Zum einen das Problem, wie denn ein Kopf mit einem anderen denken können soll, zum anderen das größte Rätsel bei der ganzen Geschichte, ich würde fast sagen Wunder, wie sich denn verschiedene Gehirne synchronisieren, also einen Bewusstseinsinhalt gemeinsam haben können.
Offenkundig scheint, dass sprachliche Kommunikation immer höchstens abstrakt stattfindet, das heißt: „Ich fühle mich glücklich“ teilt mir eine Aussage mit, dass es dir offenbar gerade ganz gut geht, aber nichts von der erlebten Erfahrung. Aber auch dass wir nur abstrakt miteinander reden, scheint nicht zu stimmen, wie man inzwischen weiß. Worte und non-verbale Kommunikate (z.B. ein Lächeln in allen Formen, sogar offenbar als Smiley in einer SMS) können ansteckend sein, also beim Hörenden Gefühle auslösen, oft auch ganz andere, als eventuell intendiert waren (z.B. die „Neideffekte“, die auf Facebook das Verbreiten guter Stimmung auslösen kann, auch Shlager leben davon, dass die immer wieder gleichen Worte jenseits aller Bedeutung etwas „triggern“).
Das „Nacheinander von Sprechen und Hören“, das man ja auch sehr schön im Briefwechsel hat, löst daher sicherlich nicht das Problem, dass alle Kommunikation prinzipiell zu einer Mischung aus Chaos, Missverständnis und Gelingen neigt. Der Vorteil ist lediglich die erzwungene *gedankliche* Konzentration. Das Problem bleibt aber, dass es „Empfangen durch Hören“ gar nicht gibt, sondern nur zu geben scheint. Denn: Hören ist Wahrnehmung, das heißt eine aktive Tätigkeit des eigenen Kopfes. Still sein und auf jedes Wort lauschen kann unter Umständen das Misslingen der Kommunikation genauso auslösen wie ständiges Dazwischenquatschen.
Eine Anekdote dazu: Im vergangenen Oktober hatte ich an einem Sonntag Morgen, witzigerweise etwa um diese Zeit, zum ersten Mal jemanden am Telefon, den ich 12 Stunden vorher noch gar nicht kannte. Dieser Mensch sprach vom Handy mit relativ schlechter Verbindung („Dosen-Qualität“), und nicht nur das, er sprach auch noch so irrsinnig schnell, wie ich noch jemanden vorher gehört habe. Ich konnte ihn buchständlich kaum „verstehen“. Mit „Zuhören“ ist da gar nichts zu machen. Vielmehr musst du aus den wenigen Worten, die du verarbeiten kannst, dir deinen eigenen Vers machen und dann darauf hoffen, dass deine Gedanken in die richtige Richtung gehen. Was dabei hilfreich ist, ist die Frage. Ich habe also ein paar mal zurückgefragt (auch mehrmals „wie bitte?“), bis dann bei mir der Groschen fiel. (Später sagte die Person mir, sie wäre ganz erstaunt gewsen, weil sie bis dahin noch nie jemanden getroffen habe, der so schnell verstanden hätte, was sie da eigentlich vorhabe 😉 )
Die Geschichte ist interessant, weil sie zeigt, dass auch die sprachliche Kommunikation eher einer Bildbetrachtung ähnelt als dem Teacher-Learner-Modell. Das heißt, es ist eine Bewegung von der rein sensorischen Wahrnehmung („Hören“) über das Herumirren in den eigenen Interpretationsangeboten hin zu einer schlüssigen „Erklärung“, was uns das Bild/das Gesagte wohl mitteilen will. Das Ergebnis, zu dem ich komme, kann immer gleichermaßen stimmig wie unstimmig sein, ganz egal wie lange und genau ich „höre“ und das Bild anschaue. Bei Bildern wissen wir, dass sie vieldeutig sind, in der Sprache glauben wir, eine Kommunikationsform zu haben, die weniger vieldeutig sei. Das Missverständnis liegt nahe, weil es unzählige Dinge gibt, wo Sprache extrem klar und eindeutig funktioniert (vor allem wenn Zahlen ins Spiel kommen – z.B. „nach hundert Meter links gehen“ funktioniert viel besser als „irgendwann muss du links gehen“).
Wenn man den Kern der Kommunikation in der Wahrnehmung sieht, sieht man relativ klar, dass im Sender-Empfänger-Modell eigentlich der Empfänger derjenige ist, der das Geschehen bestimmt. Am besten wird dies deutlich bei dem, was in der Frage passiert. Mit der Frage beginnt nämlich der Empfängerkopf am deutlichsten zuzugreifen auf den Senderkopf, er übernimmt quasi die Steuerung („Wer fragt, der führt“, sagen die Rhetoriker).
Man versteht dann außerdem, wie der Mensch mit allem kommunizieren kann, auch mit den Dingen und Geschehnissen, die gar nicht zu ihm reden. Der Mensch kann kaum anders, als hinter jeder Ecke eine Bedeutung zu entdecken – im Blick des Hundes, im Rascheln der Blättern, in den Formen der Wolken, wie sich eine Frau mit einer Hand durchs Haar streicht, im Geflimmer der Sterne etc. Wir sind geradezu unfähig, die Dinge so kalt und klar zu sehen, wie sie sind. Allein auf dieser Funktion beruht der Spracherwerb – das Baby macht sich aktiv seinen Reim auf die Laute, die es hört. Später unterliegt alles immer mehr einem Gewirr an Mustererkennungen, Vorbedeutungen, Erinnerungen, Beziehungen, Gefühlen usw. usf., bis wir ab einem gewissen Alter immer mehr eingeschlossen sind in unserer Borniertheit, wir können dann nur noch denken und begreifen, was wir immer schon gedacht und begriffen haben.
Ob das Internet der bislang stärkste jemals erfundene Motor für „gestörte“ Kommunikation ist, weil wir uns hier ständig in der Illusion wähnen, gehört zu werden bzw. uns Gehör verschaffen zu können, mag allerdings sein. Können wir aber nur sehr begrenzt. Was wir können, ist Bedeutung finden. Das ist der Grund, warum das Internet funktioniert, auch wenn niemand irgendjemandem wirklich zuzuhören scheint. Denn für Kommunikation wird Zuhören überschätzt. Die Frage ist immer nur, wie weit jemand gedanklich eigenaktiv ist, wenn er das Netz nutzt.
(Jetzt hört mir bestimmt wieder keiner zu, ist mir aber egal 😉 Beim Schreiben und Reden versteht man sich ja auch manchmal auch selbst besser, womit man beim Schreiben immer mindestens 1 echt guten Zuhörer hat, nämlich ich selbst …. )
@Fritz (unter uns Fritzen), das ist eine interessante Geschichte, mir ist sofort aufgefallen, dass ich nur einen „für mich deutbaren Teil“ der Geschichte wahrgenommen habe – und den Rest … na man weiss ja nie, vielleicht sehe ich später den Zusammenhang, den ich gar nicht brauchte
In diesem Video wird der parasoziologische, bzw. subjektphilosophische Kommunikationsbegriff erläutert. Das parasoziologische Erklärungsprogramm reduziert Kommunikation auf Mitteilungshandeln und auf eine wechselseitige Dualbeziehung zwischen den Gesprächsbeteiligten. Gemäß dieses Kommunikationsbegriffs wird nur ein Hin- und Her von Mitteilungen erklärbar, entsprechend erscheint die Kommunikation als ein Austausch von Information, die sich hinsichtlich einer Mitteilung indifferent verhält. Entsprechend erscheinen Menschen, wenn auch als recht komplexe, kausale determinierte Maschinen, die sich gegenseitig mit Input versorgen.
Dieses Kommunikationsmodell umfasst nur eine parasoziologische Dimension, welche die Identität von Mitteilung und Information unterstellt und alle Irritationen, die empirisch darüber Auskunft geben, dass diese Identität nur der Ausnahmefall, die Differenz dagegen der normale Fall ist, wird mit „Missverständnis“ apostrophiert und normativ als Fehlleistung, die vermieden werden sollte, benannt.
Parasoziologisch ist dieses Kommunikationmodell deshalb, weil es nicht von sozialen Bedingungen – also von der immer schon vollzogenen Kommunikation – ausgeht, sondern davon, dass am Anfang der Kommunikation nicht Kommunikaiton stünde, sondern ein Gedanke, ein Absicht, eine Handlung, eine nicht-soziale Ursache des Geschehens. Das Modell illustriert gleichsam einen linearen Kausalzusammenhang, der Verständigung herstellt. Tatsächlich aber kann durch Handlung Kommunikation nicht verursacht werden. Vielmehr muss schon eine soziale Beobachtungssituation eingereichtet sein, die Handlung als Selektion beobachtbar macht, was eben bedeutet, dass diese Beobachtung von Handlung keine Notwendigkeit hat, weil auch anderes beobachtet werden könnte, und damit keineswegs eine Ursache ist.
.@frachtschaden @benbarks @latent_de worüber ich nachdenke: wie ändert sich eine Informationssituation, wenn ein parasozialer Kommunikationsbegriff (Identität von Mitteilung & Information / mindestens zwei Selektionsinstanzen / kausal determiniert / Kausalität von Handlung und Kommunikation/ Sender-Empfänger-Model / Übertragung / ) durch einen sozialen Kommunikationsbegriff (Einheit dreier Selektionen von Mitteilung, Information und Verstehen [nach Luhmann]) ersetzt wird?
Ein sozialer Kommunikationsbegriff wird erklärt als ein Zirkel von drei Selektionen, die sich gegenseitig zur Voraussetzung haben. Dieser Zirkel funktioniert nur bei selbstreferenzieller Schließung (hat sich selbst zur Voraussetzung) und stellt eine hinreichende Bedingung für das Funktionieren (heißt auch: für den Fortgang) der Kommunikation dar.
Schreibt man den Zirkel in eine Zeile sieht er so aus:
Mitteilung – Information – Verstehen (ist selbst eine Mitteilung) – Information – Verstehen usw.
Das Verstehen, die dritte Selektion, ist als Anschlussselektion dasjenige Ereignis, durch das sich der Zirkel schließt und durch die kontrolliert wird, dass einer Mitteilung eine Information zugeordnet wurde. Entsprechend lautet die Information der Verstehensselektion, dass verstanden wurde. Und da diese Information auch anders zugeordnet werden kann, da sie kontingent ist, ist das Missverständnis für die Operation der Kommunikation kein Problem. Denn auch Missverständnis ist eine Verstehensleistung.
Soweit so gut.
Was ändert sich aber, wenn dieser Kommunikationsbegriff nun selbst mitgeteilt ist und verstanden wurde? Denn auch in diesem Fall gilt eine Differenz von Mitteilung und Information. Welche kontingente Information könnte man der Mitteilung (heißt: Erklärung, Erläuterung, Darlegung usw.) eines sozialen Kommunikationsbegriffs zuordnen? Denn die Verstehensleistung, die besagt: „Ich verstehe diesen Kommunikationsbegriff“ spricht ja nicht dafür, dass nun wieder eine Identität von Mitteilung von Information entstanden ist. Eine Differenz bleibt immer noch. Aber welche?
Welche Folgerungen, die für eine Beschäftigung mit der Frage nach einer theoretischen Befassung mit parasozialen Kommunikationssituationen relevant sind, ergeben sich, wenn man der Mitteilung dieses Kommunikationsbegriffs die Information zuordnet, dass entweder die Kommunikation weiter geht oder nicht. Auf was liefe es hinaus, wenn das wiederum verstanden wird?
Wenn sich nichts ändern sollte, dann ist eine Identität von Mitteilung und Information entstanden. Und wenn nicht, dann lautet Frage: welche Differenz denn noch?
Der Begriff Mitteilung ist bei Luhmann missverständlich dargestellt. Mitteilung bedeutet die Aufhebung der Unterscheidung von Umwelt und System. Mitteilung ist eigentlich universelle Umwelt zu jedem (denkbaren) Punkt in der Welt. Letztere Unterscheidung ist wichtig, da sonst Welt und Mitteilung nicht mehr unterscheidbar wären. Daraus entsteht ein Dilemma. Sobald es zwei Kristallisationspunkte für Systeme gibt, muss man sich mit Relationen herumschlagen. Darum bedarf es für Kommunkation zusätzlich weiterer Merkmale, nämlich Information und Verstehen. Entfernungen zwischen zwei Punkten werden im Begriff Information dargestellt. Unter Verstehen kann so etwas wie Anziehung/Abstoßung der Systempunkte verstanden werden.
„Was ändert sich aber, wenn dieser Kommunikationsbegriff nun selbst mitgeteilt ist und verstanden wurde?“ – „Ich verstehe diesen Kommunikationsbegriff.“
Ändern würde sich aus diesem Blickwinkel mindestens das Verstehen.
Das Sender-Empfänger-Modell ist schon eine Reaktion auf die Hilflosigkeit mit der man einerseits der permanenten Kontingenz oder zumindest Kontingenzbedrohung jedes Kommunikationsvorganges und andererseits dem Zuviel der gar nicht vollständig analysierbaren Seitenvorgänge jedes Kommunikationsvorganges begegnet. Damit wird sie erst faßbar, wissenschaftlich und alltagsverständlich (wobei letzeres wichtig ist, wenn wiederum in Kommunikation darauf referenziert wird).
Technikvermittelte Kommunikation ist immer in irgendeiner Weise kastrierte Kommunikation, denn schon durchs Dosentelefon sieht man den anderen nicht lächeln oder mit den Augen rollen oder rot werden. Und selbst Skype, das durch ein Livebild verspricht, einer face-to-face-Kommunikation näher zu sein als andere Medien bleibt dabei einschränkend, solange man den Mundgeruch des anderen nicht spürt. (Dabei liefert es jedem Teilnehmer noch ein Extra-Bild, in dem er sich selbst sehen kann und gaukelt ihm vor, als „Sender“ sehen zu können, was beim „Empfänger“ ankommt – wobei es, um Irritationen (!) zu vermeiden, ihm das Bild von sich selbst spiegelverkehrt darstellt…)
Die Anziehung, die technikvermittelte Kommunikation für alllerlei Drübernachdenker ausstrahlt, ist, daß sie durch ihre Beschränkung des gegenseitig Wahrnehmbaren sich dem Sender-Empfänger-Modell wiederum annähert. Nirgendwo wird so viel über Kommunikation kommuniziert wie im Internet. Besonders schön ist dann die verängstigte Beschreibung der sich daraus ergebenden Phänomene (Shitstorm, Empöreria, virtuelle Lynchmeute, Trolle, Hater, etc.), wobei die Verängstigkeit eine Folge der irrigen Annahme ist, daß es sich hier um „normale“ Kommunikation handelt: Die sich daraus ergebenden „unnormalen“ Phänomene sind dann stark erklärungsbedürftig.
Wenn nun eine sozialer Kommunikationsbegriff nach Luhmann kommuniziert wird, ändert sich für den Vorgang dieses Kommunizieren erstmal gar nichts. Man kann Luhmann lesen und meinen, daß man ein Empfänger der Gedanken dieses Toten ist. Man kann aber auch dabei die innere Stimme seines Soziologieprofs hören (der Systemtheorieverächter war und dessen ironischer Unterton dabei mitschwingt), Luhmann darum nicht ernst nehmen und sich des ganzen sogar bewußt sein. Und man kann, wie praktisch jeder, versuchen, Luhmann „richtig“ zu verstehen, zu verstehen, was er eigentlich meinte, darüber unzählige Artikel schreiben und sich mit sonst nichts im Leben beschäftigen.
„Denn die Verstehensleistung, die besagt: “Ich verstehe diesen Kommunikationsbegriff” spricht ja nicht dafür, dass nun wieder eine Identität von Mitteilung von Information entstanden ist. Eine Differenz bleibt immer noch. Aber welche?“
Ich verstehe schon nicht, was diesen Fall von anderen unterscheidet.
Wie würde so eine Differenz in dem Fall spezifiziert werden, in dem sie klar ist und warum ließe sich so nicht auch eine Differenz für den besagten Kommunikationsbegriff spezifizieren?
„Ich verstehe schon nicht, was diesen Fall von anderen unterscheidet.“ – Nun, die Frage ist leicht zu beantworten: Dass eine Identität von Mitteilung und Information kommunikabel wird, hat keine Selbstverständlichkeit, sondern erfordert eine spezifische und angebbare Bedingung dafür, dass die Kommunikation über die Identität gelingt, übrigens auch dann, wenn die Kommunikation auf struktureller Ebene diese Identitäsannahme ständig scheitern lässt. Diese angebbare Bedingung lautet: wenn nämlich das Scheitern der Identitätsannahme nicht zur Beendigung der Kommunikation führt, sondern wenn stattdessen viele Möglichkeiten der Kapazitätsfreigabe ermöglicht werden, so dass Differenzierung nach Maßgabe der selben Annahme geschieht, womit auch die Kapazitäten differenziert werden. Dies gilt insbesondere für Differenzierung von Humankapazitäten zur Steigerung der Mitteilungsfähigkeit: Sprachdifferenzierung, Gedächtniserweiterung, Affektkontrolle, Geschwindigkeitsreflexion, Wahrnehmungsdifferenzierung allgemein, Erweiterung psychischer Selbstreflexivität, Verhaltenkontrolle und mehr. Wenn dadurch Mitteilungsfähigkeit gesteigert werden kann, dann wird einerseits immer plaubsibler, dass eine Mitteilung identisch ist mit ihrer Information und zugleich erweitert sich der Kontingenzspielraum für diese Zuordnung, wodurch sie fraglich wird. Und solange immer weitere Kapazitäten in Erfahrung gebracht, differenziert, freigegeben und genutzt werden können, solange gilt diese Annahme, auch dann, wenn ihr Scheitern wahrscheinlicher wird als ihre Verifikation.
Dass Scheitern der Identitätsannahme ist also der provokative „Differenzierungsmotor“ zur Entfaltung sozialer und funktionierender Strukturen transzendentaler Subjektivität.
Wenn ausgehend von voll entfalteten Strukturen transzendentaler Subjektivität diese Identitätsannahme nicht mehr fraglich wird um sie zu reprodzieren, sondern ersetzt wird durch die Annahme einer Differenz, dann stellt sich die Frage, was im Fall der Kommunikablität eben dieser Differenz noch differenziell bemerkbar wird.
Oder so: wenn eine Differenz, dann hat sie keine oder nur schlechte Möglichkeiten Klarheiten zu ermöglichen. Sie muss selbst kontingent sein. Und dann kann man fragen: Was soll es denn noch?
Und womit hat man es zu tun, wenn es dennoch weiter geht? Und meine Vermutung, für die ich keinen Schwur leiste, lautet: Kommunikation kann nicht mehr begriffen werden, auch dann nicht, wenn sie weiter geht.
Ich weiß es nicht.
„Ich kenne jetzt zwei Definitionen von parasozialer Kommunikation, von denen ich die Verbindung nicht sehe.1. Nicht-Kommunikabilität, dass keine Kommunikation stattfindet 2. Identität von Mitteilung und Information. Wie hängen die zusammen?“
Die moderne Wissenschaft, sofern sie sich mit Kommunikationstheorie befasst (das ist der Fächerkreis um Soziologie, Psychologie, Linguistik, Publizistik, Medienwissenschaft usw.) reduziert Kommunikation in der Regel auf Mitteilungshandeln.
Paradigmatisch dafür steht dieses Video ein paar Kommentare höher:
Dieses Kommunikationsmodelle gehen immer davon aus, dass wenn zwei Personen mit einander sprechen, lediglich zwei Selektionsinstanzen für Information vorkommen, nämlich diese beiden bestimmten Personen, die durch intentionales Handeln Kommunikation verursachen und die alle daraus resultierenden Störungen als zu vermeidende Ergebnisse in Erfahrung bringen (nämlich: Missverständnisse, Aneinandervorbeireden, sinnhafte Widersprüche, Konflikte, Irrtümer, mangelnde Deutlichkeit usw.)
Alle diese Begriffe fasse ich zusammen als parasoziale Begriffe von Kommunikation. Alle diese Begriffe gehen davon aus, dass zwischen zwei Selektionsinstanzen eine Identität von Mitteilung und Information vorliegt, die durch die ablaufende Kommunikation als „Soll-Wert“ entsteht.
Entstanden ist diese parasoziale Auffassung von Kommunikation unter gesellschaftlichen Bedingungen der Entfaltung transzendentaler Subjektivtität und Strukturen der Vermeidung all dessen, was einem Vertrauensbildungsprozess in Menschenvermögen behindern könnte.
Unter Bedingungen dieses Vertrauensbildungsprozesses – den ich, anders als Norbert Elias – den Zivilisationsprozess nenne, entstand irgendwann auch die Irritabilität über etwas, das seit Menschen sprechen können, völlig normal ist, nämlich: das Sprechen selbst, was dazu führte, dass Kommunikation über Kommunikation verwissenschaftlicht wurde. Der Grund für die Verwissenschaftlichung ist ein gesamtgesellschaftlicher Prozess, der Kommunikation als Schwierigkeit, als Problem, als Auffälligkeit, die keine Normalität haben muss, in Erfahrung bringt; mithin: etwas, das seit tausenden von Jahren völlig normal war, wird nun seltsam.
Warum?
Das liegt daran, dass zwischen Mitteilung und Information gar keine Identität vorliegt, sondern eine Differenz, die die kontingente Zuordnung ermöglicht. Entsprechend zeigt sich, dass alle Kommunikation durch die Identitätsannahme nicht scheitert, sondern sich auf der Basis dieser Annahme differenziert, spezifiziert, sich komplexer und voraussetzngsreicher gestaltet und damit immer schwieriger, aufwändiger wird. (Dazu kommt auch, dass die Umweltverhältnisse immer mehr dazu tendieren, Kommunikation zu erschweren, durch Lärm, Licht, durch Geschwindigkeit, Mobilität, durch Ablenkung aller Art usw.)
Das bedeutet, dass durch Differenzierung der Kontingenzspielraum der Kommunikation für die Zurodnung von Mitteilung und Information immer größer wird. Die moderne Gesellschaft kam damit solange noch zurecht, solange sie Vergesellschaftung durch Organisation (durch Machtapparate) einerseits und Ausfächerung einer Weltkontingenz durch Massenmedien anderseits verschränkte und auf diese Weise noch eine Ordnung möglich machte, sofern eben nur funktionale Trennung, Absonderung, Fragmentierung und Konnektivitätsunterbrechung durch Strukturen garantiert war. (Diese Garantiestrukturen entsprechen den sozialen Vermeidungsstrukturen transzendentaler Subjektivität als Bedingung für den Prozess ihrer Entfaltung.)
Worüber ich nachdenke ist nun, dass wenn durch Internet, durch erleichterte Möglichkeiten der Beobachtung von Prozessen der Selbstsorgansation nun dieser Kontinzenspielraum der Zuordnung von Mitteilung und Information so groß wird, dass Kommunikation unter diesen Bedingungen gar nicht mehr funktionieren kann, parasoziale Beobachtungszusammenhänge entmarginalisiert werden. Kommunikation könnte zustande kommen, wird aber sehr, sehr fraglich.
Das heißt: die Kommunikation via Internet zerfällt in parasoziale Beobachtungszusammenhänge, weil die Verschränkungswirkung von Organisaitonen und Massenmedien wegfällt.
Eine Zuordnung gelingt eigentlich gar nicht mehr, weil die Vermeidungsstrukturen der Gesellschaft durch diese Art der Kommunikation selbst vermieden werden.
Alle Versuche, eine Identität von Mitteilung und Information glaubhaft zu machen, werden dann so schwer, dass es andersherum immer einfacher wird, von drei Selektionsinstanzen auszugehen: Die Kommunikation erzeugt Person A, Person B (als Handelnde) und sich selbst als darüber informierende Instanz.
Schluss: unter der Bedingung parasozialer Beobachtungszusammehänge der Internekommunikation fällt es leichter, einen parasozialen Begriff von Kommunikaiton durch einen sozialen zu ersetzen. Die Preis dafür ist: Es nützt nichts.
Durch das fortgesetzte Scheitern der Identitätsannahme ist die Mitteilungsfähigkeit von Menschen enorm verbessert worden. Das Scheitern der Identitätsannahme erzeugte eine fortwährende Störkommunikation, weil all das, was durch einen parasoziologischen Begriff von Kommunikation als etwas zu Vermeidendes beobachtet wurde, meistens gar nicht dazu führte, dass die Kommunikation abbrach, sondern sich differenzierte. Dieser Differenzierungsprozess entspricht dem Entwicklungsprozess der funktional differenzierten Gesellschaft.
Die Verbesserung der Mitteilungsfähigkeit durch Kritik zeigt sich in folgenden Merkmalen:
# Standardisierung von Sprache (z.B. Hochdeutsch), ohne auf Dialektsprache zu verzichten
# Alphabetisierung und Literalisierung aller Bevölkerungsschichten
# vermehrte Fremdsprachenkenntnisse, dazu zählen auch Fach- und Spezialsprachen
# Fortsetzung der Kommunikationsbereitschaft auch unter schwersten Bedingungen wie z.B. bei Lärm im Straßenverkehr, Ablenkungen und Verwirrungen aller Art
# Kenntnisreichtum von Themen aller Art durch Massenmedien
# schnelle Bekanntschaft mit Unbekannten
# Steigerung der Sprechgeschwindigkeiten aufgrund allgemeiner Beschleunigung des Lebens
# steigende Selbstdisziplinierung
# Individualisierung
# Steigerung der Selbstreflexivität, womit auch die immer bessere Fähigkeit verbunden ist, über sich selbst und das eigene Leben nicht nur nachzudenken, sondern auch zu sprechen (oder andere darüber sprechen zu lassen)
# aber auch: gestiegener Bedarf an Psychotherapie. Denn diese Bedarssteigerung zeugt ja auch davon, dass Menschen vermehrt die Bereitschaft dazu haben mit „unabhängigen Experten“ über sich selbst zu sprechen
Diese Verbessserung der Mitteilungsfähigkeit konnte nur durch Kritik gelingen, die notwendig wurde, weil aufgrund der Vergesellschaftung durch Organisation ein beständiges Scheitern von Information über Mitteilung verbreitet wurde, wodurch sich Rechtfertigungsfähigkeiten jeder Art trainierten.
Solange Machtapparate als unverzichtbare Möglichkeit der Vergesellschaftung die geeigneten Hindernisse herstellten, um all dies zu befördern, konnte keine Strukturalternative für die Kommunikation entwickelt werden.
Durch Internet zeigt sich nur aber eine Strukturalternative, die ganz andere Hindernisse schafft als solche, wie sie in Organisationen üblich sind.
Die Mitteilungsfähigkeit, die Kritikfähigkeit der Menschen hat sich enorm hoch entwickelt. Allerdings offenbaren sich diese Komptenzen als genauso überflüssig wie die Kommunikaiton via Internet selbst.
Und ich vermute, dass diese Überflüssigkeit die Innovation ist und nicht das technische Verbreitungsverfahren des Internets.
Der Unterschied zwischen einem Paradigma der InformationsVerarbeitung und dem der InformationsErarbeitung
“Wie kommt die Annahme zustande Gesellschaft würde von Menschen gemacht?”
http://beliebig.blogspot.de/2014/05/der-unterschied-zwischen-einem.html
http://www.planet-schule.de/wissenspool/meilensteine-der-naturwissenschaft-und-technik/inhalt/hintergrund/das-universum/newton-und-die-gravitation.html
Diese Anekdote aus der Biographie Isaac Newtons ist sehr bekannt. Es kommt nicht darauf, dass diese Geschichte eine nachträgliche Fiktion ist. Mag es auch so sein, wenigstens ist sie gut erfunden, denn sie macht auf eine wichtige und – wie ich meine – entscheidende Bedingung der Möglichkeit von Wissenschaft aufmerksam. Eine solche Bedingung kommt zustande, wenn Vertraues, Normales, Bekanntes, Gewohntes, Dinge, von denn man sagen kann, dass sie so sind, wie sie sind; wie sie sich immer schon ereignet haben, Dinge, die noch nie anders betrachtet werden konnten, plötzlich als nicht notwendig, als nur möglich erscheinen, weil sie fremd, merkwürdig und darum auffällig werden.
In dieser Anekdote geht es darum, dass ein Apfel vom Baum fällt. Na und? Was ist daran merkwürdig, seltsam, ungewohnt, bemerkenswert, wenn dies noch nie anders war? Äpfel sind schon immer vom Baum gefallen! Aus welchem Grunde sollte man auf die Idee kommen, dass es merkwürdig ist, dass der Apfel auf die Erde fällt, aber nicht der Mond? Ist doch eigentlich lächerlich, oder?
Die Antwort ist als Unterrichtsstoff bekannt. Aber was nicht in der Schule unterrichtet wird, sind die Voraussetzungen, die zusammenkommen müssen, damit etwas, das so ist wie es ist und noch nie anders war, auf einmal auch anders und darum merkwürdig erscheint. Newton war die Heliozentrik bereits ganz vertraut und konnte dies – wie auch die Astronomen vor ihm – akzeptieren, obwohl entscheidende Folgerungen noch nicht geklärt waren, weil ihm immer noch klar war, dass Gott die Welt geschaffen hatte. Deshalb konnte Newton sich über sein Nichtwissen um Gravitation irritieren, weil einerseits noch immer etwas klar war, nämlich die göttliche Schöpfung und ein Vertrauen auf Gott und sein Wirken in der Welt, andererseits aber wurden jetzt die Zusammenhänge der Himmelsmechanik unklar. Das führte dazu, dass bald auch die Gravitation erklärt werden konnte, mit der Folge, dass bald auch die Annahme einer göttlichen Schöpfung ebenfalls fallen konnte, weil dann aussichtsreich akzeptabel wurde, dass viele andere ungeklärte Sachen auch erklärbar werden, ohne an einen Gott glauben zu müssen. Kurz forumliert: Newton konnte die Heliozentrik deshalb als wissenschaftlich behandeln, weil die Voraussetzungen ihrer Akezptanz religiös, nicht wissenschaftlich waren. Die Heliozentrik hatte keine wissenschaftlichen Akzeptanzbedingungen. Denn tatsächlich wäre sie als wissenschaftliche Aussage gar nicht akzeptierbar gewesen, weil sie ja erst noch bewiesen werden musste. Die Helozentrik war völlig unwissenschaftlich, war ein religiöses, wenn auch schon nicht mehr traditionell-religiöses Hirngespinst. Die Helozentrik war eine völlig unbewiesene parawissenschaftliche Spekulation
Wissenschaft beginnt also nicht mit Beweisen, allgemeiner: mit Referenzen aller Art und entsprechender Empirizität. Vielmehr hört sie damit auf. Sie beginnt, wenn Normalität entnaivisiert wird. Eben dies galt für das 17. und 18. Jahrhundert. Die moderne Gesellschaft hatte schon ein andere Empirizität erzeugt, die mindestens leistete, dass die erfahrbare Welt nicht mehr normal war. Sie war heteroclitisch geworden. Daher die Irritation Newtons.
Fortsetzung folgt.
http://dasnuf.de/wunderbare-technikwelt/gegen-die-hilflosigkeit/
Aus der Biographie von Isaac Newton weiß man, dass er eine, für unsere Vorstellung beinahe psychiotische Persönlichkeitsstörung hatte. Mindestens muss Newton, was seinen Zeitgenossen nicht verborgen geblieben war, ein sehr schwieriger Mensch gewesen sein. Glauben kann man das, aber das hat für die erklärungsbedürftigen Zusammehänge keinerlei Relevanz. Wie auch immer man darüber weiter fantasieren möchte: eine seltsam gewordene Welt bringt auch seltsame Menschen hervor. Und wir sind es normalerweise gewohnt, alle wie auch immer beobachtbaren Seltsamkeiten auf Menschen zurück zu führen.
Liest man das oben angeführte Zitat, fällt es sehr leicht, mangelnde Verstandesfähigkeit eines Menschen als Ursache für den in diesem Text zum Ausdruck kommenden Irrsinn zu betrachten. Ganz offensichtlich scheint es doch so zu sein, dass die Verfasserin des Textes den Unterschied zwischen Menschen und Bildern von Menschen nicht begreift, obwohl doch dieser Unterschied kinderleicht zu verstehen ist: Kein Mensch ist mit dem Bild eines Autos zufrieden, wenn man bei einem Verkäufer ein Auto bestellt hat. Keiner glaubt, einen Menschen in der Hand zu halten, wenn man ein Bild von einem Menschen in der Hand hält. Ich glaube doch nicht, dass mein Hund noch lebt, wenn ich ein Bild von ihm sehe. Kleinen Kindern kann man das mit wenig Worten ganz einfach erklären. Besondere Intelligenz, besonderes Vermögen oder eine seltene Genialität ist dafür nicht erforderlich.
Wenn also die Verfasserin dieses Textes diesen Unterschied nicht kapiert, dann liegt bei ihr ganz offensichtlich eine mangelnde Verstandesfähigkeit vor. Ganz klar kann man sagen: wer den Unterschied zwischen Menschen und Bildern von Menschen nicht kapiert, hat Nachholbedarf, ist nicht gut belehrt, ist von defizitärem Verstand, der mit kritischen Mittel aufgeklärt werden müsse. Wer urteilt so? Der Aufklärer, der unabhängige Experte, derjenige, der das besser weiß, der Besserinformierte, der Bessergebildete, also derjenige, dessen Verstandesfähigkeit um mindestens eine Differenz weniger defiztär ist als die der anderen. Wie viele gibt es von solchen Leute? Wenige oder viele? Solange es nur wenige gäbe, könnte man vermuten, dass es schwer ist, Verstandesfähigkeit, Vernunft und Verstand zu trainieren, um solche Unterschiede zu erkennen. Aber bitte, wollen wir doch sachlich bleiben. Unabhängige Experten, die besser bei Verstand sind als alle anderen unabhängigen Experten gibt es massenweise.
Übrigens: gerade die Tatsache, dass der bezeichnete Unterschied zwischen Menschen und Bilder von Menschen ziemlich einfach zu verstehen ist, müsste doch gerade darauf aufmerksam machen, dass, kann die Unterscheidung nicht vollzogen werden, irgendwas nicht stimmt. Natürlich kann man sich auf die Position beziehen, dass das am Verstand anderer Menschen liegt, weil es normal das zu tun. Das ist naiv, weil ganz einfach, oft geübt und niemanden stört das wirklich. Così fan tutte.
Aber: muss das so sein? Geht das nicht anders?
Kann es sein, dass das Zitat davon spricht, dass einige Normalitäten der späten Moderne gar nicht mehr haltbar sind, sobald das Internet für alle in Gebrauch kommt?
Das Internet macht die moderne Welt in ihrer Heteroclitizität erfahrbar.
Fortsetzung folgt.
Es ist sehr leicht zwischen Menschen und Bildern von Menschen zu unterscheiden. Wie ist es nun möglich, dass diese Unterscheidung, so einfach sie zu erklären, so banal ihre Bedeutung, so einfach sie zu erfassen ist, unter bestimmten Bedingungen nicht mehr so einfach vollzogen werden kann? „Das Internet sind Menschen. Echte Menschen.“ – Was be- oder verhindert, was erschwert, was verkompliziert die Beobachtung, dass es so nicht ist? Und wie kann andersherum durch Internetkommunikation sowas anschlussfähig und dadurch womöglich auch bewusstseinsmäßig geglaubt werden?
Moderne Verfahren der Kritik zerfallen in Naivität, wenn sie hartnäckig und unbeirrbar darauf bestehen, dass erstens mangelnde Verstandesfähigkeit von Menschen und zweitens daraus abgeleitetes Handeln die Ursache für all den Qutasch liefern, mit dem man es zu tun hat. Denn: mag es auch Quatsch und Irrsinn sein, bleibt immer noch die Frage übrig: wie ist das möglich? Wie kommt es denn zustande? Was sind die Bedingungen dieser Möglichkeit?
Meine Vermutung geht in die Richtung, dass infolge einer Bildschirmfesselung Immersion entsteht, die nicht nur für das Bewusstsein die Beboachtung der Wahrnehmung verändert, sondern auch die sozial konditionierte Beobachtung dieser Beobachtung von Wahrnehmung. Der Code von Systemen, die sich durch Operationen zur Entfaltung transzendentaler Subjektivität schließen, die also auf Menschenwille, Menschenabsicht, Menschenvermögen, Menschenrecht, Menschenwahrheit und dergleichen abstellen, sind darauf angewiesen, dass für sie Widerstände der Beobachtung geliefert werden, deren Zustandekommen für diese Systeme nicht innerhalb systemeigener Strukturen gefunden werden kann; Widerstände, die von diesen Systemen nur zu Zwecken der ontologischen Selbstprogrammierung erfasst und durch Fremdreferenzierung abgearbeitet werden. Damit ist die für diese Systeme „gegebene“ Welt da da draußen gemeint, die innerhalb der netzwerkartigen Verzweigungen von Kommunikationen wahlweise als Natur, als Objekt, als Materie, als Sein, als Realität oder was immer in Erscheinung treten und welche als Störfaktoren die Operativität der Systeme zu behindern drohen, ohne das dies gleichwohl geschieht. Denn die so operierenden Systeme funktionieren infolge ihrer Selbstbedrohung ungestört, aber das Irritationspotenzial wird immer wieder durch ontologische Differenz entladen, wodurch für diese Systeme die eigene Operativität empirisch und darum normal wird. Diese Systeme machen ihre soziale Stabilität dadurch möglich, dass sie alle Kontingenz als Umweltkompetenz oder Umweltdefizit behandeln. Und solange dies geschieht, können sich diese Systeme durchaus komplex, reizvoll und interessant ausbilden, zuzüglich erkenntnisreicher Reflexionen, sei es zu Aspekten der Zeit, der Struktur, ja, sogar die Ablehnung eines dualistischen Erkenntnismodells kann noch dualistisch durchgehalten werden. (1)
Wenn nun für solche Systeme die für sie eigentümliche Widerständigkeit einer fremdreferenzierten Umweltbeeinflussung weg fällt, wenn also die Fremdreferenzierung des Widerstandes beinahe nicht mehr möglich wird, weil diese Operation jederzeit widerstandlos und ungehindert vollzogen werden kann, weil der access, der Zugang zur Anschlussfindung jederzeit und überall gefunden wird, wenn also der Widerstand keinen Widerstand mehr findet, dann erst entsteht für diese Systeme eine enorme Störung, die vielleicht bis zur Selbstblockade führen kann: „Ich bin es so satt mich hilflos und betroffen zu fühlen *“
Statt nun auf Selbstreferenz umzustellen um die Reflexivität zu verstärken, geschieht der Versuch der Beibehaltung unterhaltbarer Fremdreferenzierung, obwohl die Welt da daraußen nichts mehr ist, worauf sich diese Systeme verlassen können. Das gilt im Fall der Bildschirmfesselung. Da ist nichts mehr oder nur sehr wenig noch treffsicher fremdreferenzierbar, aber Selbstbeobachtung ist keine Alternative. Und schon wirft die Semantik Hilflosigkeit, Ratlosigkeit oder Kränkung aus.
Diese Kommunikationen sind ein Resultat von Immersion durch Bildschirmfesselung.
Fortsetzung folgt.
(1) Das kann man bei Bruno Latour feststellen: ders, Existenzweisen. Frankfurt/M. 2014
„Die Erratik, wunderbare Wissenschaft des Rätselvollen, Verwirrenden, die Lehre von Abweichung, Irrtum und Verirrung, von Forschung, Fehler, Materialbruch, von dynamischer Neubewertung, von Zweifel, Falschheit, Lüge, Täuschung, Abweichung, Überschreitung in ihren jeweiligen Formen, die große fiktionenvergleichende Wissenschaft oder “Mutter aller Verschwörungstheorien”, wie sie einmal genannt wurde, hat eine hohe Zeit, bleibt jedoch eine grausame Geliebte.“
http://www.erratik-institut.de/c_bedeutung/c_bedeutung.html
Das Verhängnisvolle an jeder Wissenschaft ist, das gilt für Soziologie genauso wie für Physik, dass sie durch den erfolgreichen Vollzug ihrer Wissensproduktion ihre verstehbare Welt normalisiert und auf dem Wege der kontingenten Differenzierung dieser Normalisierung ihre verstehbare Welt mit der Zeit heteroclitisch entfaltet. Und da – das gilt insbesondere für solchen Wissensproduktionsverfahren, die an stabilen Machtapparaten gekoppelt sind – mit der Forschung immer auch Imunnsysteme hergestellt werden, kann einerseits alles Fremde, Unvertraute, Unpassende oder all die Seltsamkeiten, die trotzdem auffällig werden exkludiert werden, aber – auch das ist eine Funktion von Immunsystemen – auch die Beschäftigung mit all dem, gerade weil die Immunsysteme verlässlich funkionieren, kann noch zulässig gemacht werden. Immunsysteme schaffen auf dem Wege der Devitation die Detektion des Exkludierten. Man könnte auch sagen: Die Wissenschaft findet auf dem Umwege der Devitation nur heraus, was gar nicht verdeckt war. Sie macht sich nur mit sich selbst bekannt. Sie betreibt ihre eigene Apokalyptik. Aber der Prozess der Selbstbeobachtung hinterlässt in der Umwelt der Systeme bleibende Spuren, die dann als veränderte Bedingungen den Fortgang der Dinge irritabel machen.
Insofern ist das Zitat oben über eine Erratik dummes Zeug. Eine Wissenschaft, die die Befassung mit dem Rätselhaften normalisiert, indem sie noch mehr Rätsel herstellt? Worin unterscheidet sich eine Erratik denn von der Methodik einer jeden anderen Wissenschaft?
Meine Überlegung wäre, dass eine Erratik jeden Normalisierungsversuch sabotiert und die Falle wäre, ob auch so etwas normalisierbar ist?
Technik ist ein Spielzeug zur Bewältigung der Unbestimmtheitserfahrung menschlicher Realität, welche ohne Technik nur eine Peinlichkeit wäre. Denn: wie wollen wir über uns, über dich, über mich, über den Menschen reden? Wie kann aus einer solchen paranoischen Fiktion ein verfolgbares, anschlussfähiges und geordnetes Gespräch entstehen, wenn nicht irgendetwas diese Unbestimmtheit verdecken oder minimieren und zurück- oder beiseite drängen würde?
Die Frage was Technik ist, scheint mir die Neuauflage des Mysteriums des göttlichen Willens zu sein. Die alten Theologen waren in die Peinlichkeit verstrickt, dass der Offenbarungsglaube nur dann plausibel ist, wenn der göttliche Wille auch erkennbar ist. Wird er aber erkannt, dann kann man die Schöpfung kaum begreifen. Denn warum so? Warum nicht anders, weniger leidvoll und entbehrungsreich? Und da jede Erkenntnis immer auch gerade weil sie durch Menschenwort kontaminiert erscheint, bezweifelbar ist, muss der göttliche Wille schließlich als Mysterium behandelt werden: erkennbar, aber fraglich; glaubwürdig, aber seltsam; von Weisheit und Güte sprechend, aber monströs und letztlich undurchschaubar.
Die moderne Gesellschaft hat dieses Mysterium durch das Mysterium der Technik ersetzt, indem Technik zuerst in eine Zweck-Mittel-Relation gesetzt wird, um ihren Gebrauch zu rationalisieren. Werden dann aber die Ergebnisse betrachtet, also nicht nur die erwünschten Zwecke, sondern auch alle Nebeneffekte, Verwicklungen und Grausamkeiten, dann zeigt sich die Welt in ihrer ganzen Dämonie und offenbart die ganze technische Welt in ihrer Schreckgestalt als Unterwerfungs- und Demütigungsverfahren.
Die Lösung scheint mir darin zu liegen, dass Technik überhaupt gar keinen Zweck hat, wenn nicht den, die Peinlichkeit des Erdendaseins aus der Reflexion zu verbannen. Technik macht die Welt kommunikabel und erleichtert den Versuch, das Leben zu objektivieren. Dass diese Versuche vorhersehbar Scheitern, ist gar kein Schaden, sondern ist im Gegenteil der Ausweg. Dass er als Irrweg aufgefasst werden kann, gehört zu diesem zwecklosen Spiel dazu. Denn auch noch die Empörung über die angebliche Antiquiertheit des Menschen gelingt als vortreffliche Selbstbeeindruckung. Auch noch die Scham, von der Günter Anders sprach, ist nicht frei von Vorbehalten gegen die Peinlichkeit des Menschseins. Wie gut also, dass man sich auch noch schämen kann. Auch das ist ein gut funktionierender Ausweg.
»…dass Technik überhaupt gar keinen Zweck hat… .« – Die an technik herangetragenen zwecke vermögen nicht die entwicklung jener zu bestimmen. Ob und welche hoffnungen eine konkrete technik erfüllt, ist vor ihrer erfindung nicht prognostizierbar, da ihre erfolgreiche einführung zugleich die bedingungen ihrer bewertung beeinflußt. Darum scheitert jede auf das bedürfnis verweisende technikkritik . (https://twitter.com/bertrandterrier/status/780112868234715136) So unterstellt diese, technikentwicklung rechtfertige sich durch erreichung ihrer (auf die erfüllung von ›grundbedürfnisse‹ gerichteten) zwecken – und muß dann – ganz verwirrt – techniken ablehnen, die ihre bedürfnisse selbst zu setzen scheinen. Daß wir aber von den bedürfnissen, die erfüllt, und den zwecken, die erreicht werden mögen, zuvor nichts wissen, erklärt sich darin, daß die entwicklung einer technik bereits deren eigenen regeln folgt, wenn die entwickler von diesen noch nichts ahnen.
(Bei der beschreibung von technikentwicklung ist es lohnend, das stichwort »komplexe kompensation« sowie die unter dieser beschreibung formulierbare probleme zu beachten: http://www.reis.space/jekyll/update/2016/06/30/kompensation.html)
Was die technik angeht, gibt es weder garantie auf erfüllung von wünschen, noch auf enttäuschung derselben.
Das würde ich im großen und ganzen genauso betrachten. Trotzdem muss man aber auch noch erklären, warum an Technik, an ihren Gebrauch, an ihrer Wirkung und ihren Effekten solche Erwartungen, insbesondere Erwartungen an Rationalität herangetragen werden auch dann, wenn diese Erwartungen vorhersehbar unerfüllt bleiben.