Computerliebe, parasoziale Kommunikation
von Kusanowsky
Das Irritation und Ärger auslösende Stören der sogenannten Internet-Trolle besteht nur darin, daß sie sich dem Diskurs entziehen, indem sie die an dem Ort des Diskurses geltenden Kommunikationsregeln mißachten und ganz eigenen Regeln und Logiken folgen. Sie brüskieren die an sie geſtellten Erwartungen der Kommunikationsweise, indem sie nicht ihnen, sondern stattdessen gar nicht vorhandenen, eigenen Erwartungen entsprechen.
Das ist das gleiche Prinzip wie bei der neutestamentarischen performierten Nächstenliebe, und darum ist genau wie jene das Troll-Phänomen mit dem sich für fortschrittlich haltenden, speziellen Kommunikationsbegriff luhmannscher Ausprägung ebenfalls nicht zu erfassen.
http://www.latent.de/Notizen/index.html#12-03-2014
Siehe dazu auch diesen erläuternden Text: Jesus und Luhmann. Wie die neutestamentliche Feindesliebe mit Hilfe von Luhmanns Kommunikationstheorie zwar beschrieben, aber zugleich nicht erklärt werden kann. Von Stephan S. W. Müller
http://www.latent.de/Wissenschaft/Jesus-und-Luhmann.pdf
„Sie (die Trolle) brüskieren die an sie gestellten Erwartungen der Kommunikationsweise, indem sie nicht ihnen, sondern stattdessen gar nicht vorhandenen, eigenen Erwartungen entsprechen.“
Mir scheint, dass diese Erklärung zwar etwas Wichtiges anfasst, aber nicht konsequent durcharbeitet, weil nämlich nicht vorhandene und eigene Erwartungen für die Kommunikation der Trollerei selbst keine Rolle spielen.
Es ist nicht so einfach, diesen ganzen Zusammenhang in einem Schritt vollständig zu verdeutlichen. Deshalb will ich es zunächst bei der Überlegung belassen, dass Trolle keine Akteure, keine handelnden Personen und schon gar nicht denkende Subjekte sind, sondern als paranoische Phänomene lediglich Epiphänomene sind, die als Problem dann auffallen, wenn nicht auffällt, dass durch Internet der parasoziale Ausnahmefall von Kommunikation, die (noch) keine ist, zur normalen Voraussetzung aller gelingenden Kommunikation wird. Du hast in dem oben verlinkten PDF-Text sehr gut die Dreifachselektion von Kommunikation (Information – Mitteilung – Verstehen) zusammengefasst. Kommunikation ist demzufolge die Einheit dieser Selektionen, die sich zirkulär gegenseitig zur Voraussetzung haben, damit Kommunikation von Selektionen gelingt. Der parasoziale Ausnahmefall ereignet sich, wenn dieser Zirkel der Selektionen nicht zustande kommen kann, was zur Konsequenz hat, dass nicht kommuniziert werden kann, dass keine Kommunikation stattfindet.
Diese zunächst banale Tautologie spielt bei gelingender Kommunikation keine Rolle, weil bei gelingender Kommunkation alles mögliche kommunizierbar wird, auch die Möglichkeit, dass keine Kommunikation stattfindet. Mag es sich dabei auch um eine Paradoxie handeln, so ist diese Paradoxie für die Kommmunikation gar keine Hindernis, sondern ein Anstoß zur Findung einer Auflösung durch Wahl einer anderweitigen Unterscheidung. So kann auch bei gelingender Kommunikation anschlusssicher kommuniziert werden, dass keine Kommunikation stattfindet, was immer sich ein Mensch dabei denken mag, wenn er die Kommunikation fortsetzt mit dem Satz: „Es findet gar keine Kommunkation zwischen uns statt!“
Parasoziale Beobachtungssituationen waren bislang zwar bekannt, aber wenig problematisch, weil sie entweder für die Kommunikaion immer unbeobachtbar blieben, oder, wenn sie doch vermieden werden konnten, so geschah dies auf der Basis von Strukturen wechselseitiger Erreichbarkeit, größtenteils garantiert durch Interaktionen in Organisationen. Denn das wichtige an Interaktion in Organisation ist Adressablität, wodurch fast immer genügend Möglichkeiten angeliefert werden, um Gründe für Handeln zu vermuten, zu nennen, zu untersuchen, zu besprechen, zu bestätigen oder zu leugnen. (Das gilt z.B. auch für Gründe, Selbstgespräche zu führen und sei es, dass so etwas pathologisiert wird.) Das wichtigste Strukturelement von Interaktion in Organisation ist die Verknappung von Ressourcen durch Konkurrenz, die Entscheidungen erzwingt und Zeitdruck erhöht, was Handlung irgendwann notwendig macht. Es ist diese Notwendigkeit, die auf Intentionalität zurück schließen lässt und aufgrund ubiquitärer Adressablität aller Beteiligten eine soziale Normalität herstellt, die vieles glaubwürdig (oder unglaubwürdig) macht, mindestens aber immer die Zumutung von Handlungsgründen erbringen kann und muss, welche Idiotien auch immer (man denke z.B. an Mobbing) daraus resultieren. Entscheidend ist: durch Interaktion in Organisation fällt es sehr leicht, Gründe zu finden, zu kennen und sogar Handlungsgründe als notwendig zu erachten.
Was du mit deinem Beispiel der Nächstenliebe meinst, scheint mir zu sein, dass „Grundlosigkeiten“ (unbekannte, unerwartete Erwartungen) in der Interaktion für bekannte Strukturen irritabel werden. Was den Punkt der Internettrollerei angeht, so scheint es sich um den Punkt zu handeln, dass aufgrund häufig vorkommender parasozialer Beobachtungssituationen (für die es keine sozialen Strukturen geben kann) nunmehr etwas auffällt, dass durch die Garantiestrukturen von Interaktion in Organisation unterdrückt wird, nämlich: die Beobachtung der grundlosen Zufälligkeit aller Kommunikation, wodurch es für die Kommunikation schwer wird, die Anschlussfindung zu sichern. Das erklärt, weshalb die Zumutungen gesteigert werden um dennoch Anschlusshandeln (vornehmlich als Immunreaktion auf dieses Handeln selbst) zu provozieren und um trotzdem Handlungsgründe kommunizierbar zu machen, was dazu beiträgt, Strukturen zu normalisieren, indem etwa darüber spekuliert werden kann, was die Trolle eigentlich machen oder wollen usw. Es wird versucht, Normalität zu retten.
Diese parasozialen Beobachtungssituationen des Internets, die, wenn sie in Kommunikation umschlagen, ermöglichen damit nur, dass der bislang bekannte Ausnahmefall selbst als normale Voraussetzung aller Kommunikation erkennbar wird, indem die Unterdrückung der Beobachtung von Zufälligkeit aller Kommunikationen jetzt nicht mehr gelingt. Aber weil darüber kaum irritative Strukturen entstehen, weil auf Normalität bestanden wird, kann dies nicht so einfach erklärt werden. Viel einfacher ist es, Luhmann zu zitieren und sich nicht zu wundern.
So möchte ich dir widersprechen: Nicht, dass man diese Trollerei mit dem Luhmannschen Kommunikationsbegriff nicht erklären kann, sondern, dass mit dem Internet die Bedingungen sich ändern, durch die der Kommunikationsbegriff noch kommunikabel ist, scheint mir der entscheidende Punkt zu sein.
Die Kommunikablität der Luhmannschen Theorie ist in ihrer Kohärenz auf geeignete soziale Bedingungen in Organistionen angewiesen. Internetkommunikation ist nicht sehr gut geeignet, um den Erfordernissen professoralen Gelehrtums zu entsprechen.
Ein Grundsatz der Luhmannschen Systemtheorie lautet: „kein System ohne eine geeignete Umwelt“. Ein soziales System kann sich nicht unter jeder beliebigen Bedingung reproduzieren. Akademische Theorien der Soziologie sind auf funktionierende Machtapparate angewiesen, die es wahrscheinlich werden lassen, dass Unerwartetes unerwartbar bleibt. Das ist wäre die Bedingung, für die sich auch der Luhmannsche Kommunikationsbegriff eignet.
Eine ungeeignete Ausgangssituation ist aber der Kommunikablität des Luhmannschen Kommunikationsbegriffes nicht zuträglich, weshalb sich die Luhmannschüler lediglich darum bemühen, die geeigneten Normalbedingungen zu erfassen und alles andere ist das nicht anschlussfähgie wirre Zeug der anderen, das für die Theorie keine besondere Rolle spielt, weil die ungeeigneten Bedingunen der Internetkommunikation nicht geeignet sind, die Normalität der Kommunikation zu garantieren.
Ich ahne zu verstehen, was Du mit der Parasozialität meinst. Die Hardcore-Luhmannianer würden vermutlich da nicht mitgehen wollen, weil sie so ein halbes oder Mittelding genausowenig akzeptieren wie meine ihnen bestimmt metaphysisch anmutenden, nicht vorhandenen, aber erfüllten Erwartungen. Der Spruch, daß nicht nicht kommuniziert werden kann, zeugt von deren Entweder-oder-Haltung: Entweder es findet Kommunikation statt oder nicht, und wenn sie stattfindet, dann nur nach Schema L.
Daß Organisationen eine Art Stabilisierungsfunktion haben und unter schwach strukturierten Internetbedingungen eine nicht funktionierende bzw. nicht zustande kommende Kommunikation (weil ihre 3-fach-Selektion nicht vollständig ist) in Form eines nur beobachtbaren parasozialen Vorgangs dann hervorbrechen kann, klingt nachvollziehbar.
Wir sind da wohl gar nicht so weit auseinander, wobei für mich meine Sicht der Dinge die schlankere Erklärung ist, die aber nur möglich wird, weil ich die Akteure wieder zurückzuhole und ihr intentionales Handeln betone. Denn einserseits kann ich dann das, was beim Trollen oder anderen/ähnlichen Vorgängen passiert immer noch als, sagen wir mal allgemeiner: Interaktionsvorgang fassen und andererseits fallen dann all die Annahmen, Vermutungen, Konstruktionen und Spekulationen von Individuen nicht unter den Tisch, von denen ich glaube, daß sie im Sozialen eine in ihrer Wichtigkeit unterschätzte Rolle spielen. Ungesicherte Vermutungen über den Anderen und über zukünftiges Geschehen bestimmen (nicht nur soziales) Handeln, auch wenn sie kein Stück beobachtbar sind und es auf den ersten Blick gewiefter erscheint, sich nur an dem festzuhalten, auf was anhand erfolgter Anschlußkommunikationen zurückgeschlossen werden kann.
@latent_de
„nicht vorhandenen, aber erfüllten Erwartungen“ – das ist eigentlich bereits in der Luhmannschen Theorie enthaltenn, insofern sie sich nicht auf eine zweitwertige Logik verlassen kann, sondern Polxkontexturalität einrechnet.
“ auch wenn sie kein Stück beobachtbar“ dann würde mich diese Überlegung etwas ausführlicher interessieren.
@latent_de “ …. nicht vorhandenen, aber erfüllten Erwartungen …“
Diese Formlierung oben ist nicht ganz passend, denn Erwartungen sind nicht nicht vorhanden, sondern entstehen oder entstehen nicht, werden für die Kommunikation zur Strukturbildung verwendet oder nicht; Erwartungen können mehr oder weniger Anschlusshandeln eingrenzen, sind spezifizierbar und spezifizieren oder auch nicht. Was du mit „nicht vorhandenen, aber erfüllten Erwartungen“ meinst, scheint mir nur eine unglückliche Formulierung für ein komplexeres Problem zu sein, nämlich für die Frage wie Neues entsteht. Banal geantwortet: durch Überraschung, Serendipität, die nicht nur psychisch wirksam ist, sondern auch sozial funktioniert, bezeichnet durch die Paradoxie des notwendigen, bzw. unvermeidbaren Zufalls.
Bei Interesse:
„Aufklärer und Betrüger maskieren sich, aber anders als der Betrüger rechnet der Aufklärer nicht damit, dass er dauerhaft unerkannt bleiben könnte, weshalb er im Voraus die Bereitschaft zeigt, sich selbst einen möglichen Schaden zuzurechnen. Wenn nun im Fall der Aufklärung bemerkbar wird, dass kein Schaden entstanden ist, bleibt nur der folgenlose Irrtum als Möglichkeit der Irritation und damit eröffnet sich ganz automatisch ein Horizont des Nachdenkens über die Bedingungen der Möglichkeit des Irrtums …“
Nee, das ginge an meinem Punkt vorbei.
Daß ich mich mit meiner Verwendung des Erwartungsbegriff von der Logik (und, man kann es ruhig sagen: schlüssigen Durchdachtheit) des luhmannschen Kommunikationskonzeptes entferne, ist mir klar und das mache ich auch ganz bewußt. Denn es kommt mir gerade darauf an zu zeigen, daß man den „Witz“ an der Sache gerade nicht erfassen kann, wenn man Erwartungen nur als Strukturbildner betrachtet.
Die Entstehung von Neuem wäre ein allgemeineres Problem, an dem ja seit Menon herumgeknabbert wird. Zumindest bei meiner Nächstenliebe-Trick-Rekonstruktion geht’s aber um mehr als nur Neues und Unerwartetes, denn ginge es nur darum, wäre Serendipidität eine ausreichende Erklärung. Ist es aber nicht, denn das so tun als ob es Erwartungen gäbe, denen man entspricht, ist ja der ganze Trick. Und der Trick funktioniert eben genau darum, weil der/die be-trick-te dieses Als Ob versteht. Genau das fiele unter den Tisch, wenn man nur davon ausginge, daß Erwartungen entstehen oder nicht entstehen. Imaginäre Erwartungen – die meinetwegen gerade nicht „entstehen“ und darum nur imaginär sind – sind sozial wirksam, indem ihnen entsprochen wird, obwohlsie nicht entstanden.
Weitergedacht (und luhmannianisch bleibend) könnte man jetzt sagen: „Na, hör mal, daß Erwartungen vorhanden waren, zeigt sich ja sowieso erst, wenn ihnen entsprochen wird, als waren welche vorhanden.“ Dann muß man aber entgegnen: „Ja, nö, da waren aber andere vorhanden.“ usw. usf. hin und her.
Man sieht also: Die Genialität der Theorieperspektive über erst in der Anschlußkommunikation rückwirkend beobachtbare Erwartungen wird hier genau zum Haken und macht diese Perspektive in einer Weise positivistisch, daß sie eben übersehen muß, was sie vorher ausblendete: Das nicht Existente, das nur Imaginierte. Aber wie wir Soziologen ja gelernt haben: Was sozial wirksam ist, existiert auch.