Lernen gilt nicht! #enzensberger

von Kusanowsky

Der Schlaf der Vernunft wird bis zu dem Tag anhalten, an dem eine Mehrheit der Einwohner unseres Landes am eigenen Leib erfährt, was ihnen widerfahren ist. Vielleicht werden sie sich dann die Augen reiben und fragen, warum sie die Zeit, zu der Gegenwehr noch möglich gewesen wäre, verschlafen haben.
http://www.faz.net/frankfurter-allgemeine-zeitung/enzensbergers-regeln-fuer-die-digitale-welt-wehrt-euch-12826195.html  – so Hans Magnus Enzensberger in der FAZ

Eine Zeit der Veränderung eröffnet mehr als nur zwei, aber mindestens diese zwei Optionen: Lernen oder Protestieren. Beides versteht sich nicht von selbst, beides muss gelernt werden und kann nur unter bestimmten Bedingungen gerlernt werden. Das Protestieren kann gelernt werden, wenn es streng verboten ist. Und je strenger es verboten wird umso mehr tut es not. Das ändert sich in dem Augenblick, wo dem Protestieren keinerlei Hindernisse oder Widerstand mehr entgegen gebracht wird, nicht nur, weil Protestieren dann erlaubt, sondern längst schon ein Geschäft geworden ist, das von Versuchen lebt, Protest durch Meinungskampf zu organisieren. In dem Fall gilt: Protest kann man machen, bringt aber nichts.
Also müsste man zur anderen Option greifen: Lernen. Aber auch in dem Fall gilt, dass alles erst gelernt werden muss: das zu Lernende vor allem, weil es nicht selbstverständlich ist, muss zuerst und vordringlich gelernt werden. Aber was tun, wenn es dafür keine Lehrer, kein Lehrbücher, keine erprobten Methode, keine Sprache, keine speziellen Schulen gibt, wenn es noch keine Erfahrung und alles mögliche mehr gibt, das man haben müsste um lernen zu können? So kommt man zu der Einsicht, dass Lernen zwar etwas bringt, aber nicht so einfach geht, weil eine Vielzahl von Voraussetzungen nicht erfüllt sind um es zu können. (Es sei denn, man belässt es bei der naiven Einsicht, dem erstbesten Interneterklärer hinterher zu laufen. Warum ausgerechnet der Erstbeste klüger sein sollte als alle anderen kann der auch nicht erklären.)

Daraus folgt die Überlegung, dass das Lernen deshalb nicht so gut geht, weil ihm noch zu viele Hindernisse, Protest, Einwände, Verbote, Vermeidungsstrategien entgegen stehen. Dabei handelt es sich um Immunreaktionen gegen einen sich abzeichnenden Lernprozess. Aber: diese Immunreaktionen sind keineswegs die Behinderung des Prozesses, sondern der entscheidende Faktor, um den Prozess frei zu machen. Denn jeder stärker sich die Immunreaktion, je stärker sich die Abwehr, die Gegenwehr, die Vermeidung des Lernpozesses ausbildet, um so dringlicher und ertragreicher kann ein Lernprogramm entwickelt werden. Insofern ist der Leserbrief von Enzensberger ein Brief an seine zukünftigen Leser, die dann gelernt haben werden, dass es nur geht, wenn man nicht nur fest gestellt hat, wie es nicht geht, sondern auch nur dann, wenn sonst nichts mehr geht.

 

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