Ein Wunderwerk des Zufalls #selfie
von Kusanowsky
(Herkunft: https://twitter.com/JanvomThal, siehe dazu auch den Text: Logos und Ludus. Eine Meditation über Narrenfreiheit und Internetkommunikation
(Herkunft: https://twitter.com/JanvomThal, siehe dazu auch den Text: Logos und Ludus. Eine Meditation über Narrenfreiheit und Internetkommunikation
Bildbeschreibung:
Zum Hintergrund: der Farb- und Helligkeitsverlauf führt von unten (dunkel) nach oben (hell) und diagonal von oben links unten rechts. So wird so Bild durch zwei Achsen gegliedert: ein diagonale Achse und eine waagerechte Mittelachse. Der Blitz liegt genau oben rechts auf der Diagonalen. Die Markierungen, die durch die flächigen Lichtreflexe entstehen, schichten das Bild in einen sichbaren, farbigen Hintergrund auf und einer transparente Fläche des Vordergrunds, durch die die Paradoxie der sichtbaren Unsichtbarkeit illuminiert wird.
Zur Figur: die Figur ist auf einer Längsachse abgebildet. Ihr Blick fällt auf das Gerät, das Gesicht wirkt konzentriert, aber gestört, verwirrt, zugleich abwesend, sie verharrt in einer Pose des Stillstands, den rechten Arm gesenkt, in der Linken der Gegenstand der Irritation. Das Kleidungsstück ist ein Kapuzenpulli, eine Kukulle mit abgestreifter Kapuze. Das Kleidungsstück wurde in früheren Zeiten oft von Mönchen und Narren bevorzugt getragen. Es diente zur Gesichtsabschirmung, zur Maskierung. Das Gesicht der Figur kann Ähnlichkeiten zur der Figur des Novizen Adson von Melk in dem Film „Der Name der Rose“ auffweisen.
Die Fabwahl und die Lichtverteilung deutet einen Heiligenschein an
Interessant sind darum auch nichtpassende ikonologischen Elemente der Bildgestaltung dieses Selfies: es wird die linke Hand zur Segnung gehoben, nicht die rechte. Der Blick der Erlösers, der auf den Auslöser gerichtet ist, richtet sich nicht auf den Betrachter, ignoriert ihn.
Allerdings hat dieses Selfies einen Bezug zu religiösen Heilsgeschehen. Der Erlöser tritt zunächst durch den Auslöser in Erscheinung, kann es dabei aber nicht belassen. Das Bild muss mit der gleichen Zufälligkeit weiter retweetet werden, mit der es in seiner kompositorischen Komplexität entstanden ist. So ist jeder Retweet ein weiteres Auslösen der Erscheinung, die Weiter-Verbreitung durch das Netz, die kein einzelner herstellen kann, wiederholt dann das, was auf der Bildebene erzählt wird: hier bin ich nicht, nicht hier, nicht da, weil immer schon woanders, also hier und immer auch woanders. Das Heilsgeschehen ist die Selbsterlösung durch Beobachtung einer fortlaufenden Selbstauslösung, weshalb konsequenterweise die letzte aller möglichen Botschaften die Selbstauflösung einer jeden Botschaft ist: es geht um nichts weiter und das, was geschieht, wenn das geschieht, was geschieht.
Die gute Botschaft lautet: Egal. Es geht. Und es geht von selbst.
Eine gewaltige Interpretation: Wie religiös muss ein Erklärer sein, um solch eine Erklärung des Zufälligen abzuliefrn?