Differentia

Monat: Januar, 2014

Transzendentaler Vermeidungsirrtum (nach Auskunft von Arthur Schopenhauer)

https://twitter.com/frachtschaden/status/425921847104774144

Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich an einem kalten Winterrage recht nah zusammen, um sich durch die gegenseitige Wärme vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln, welches sie dann wieder von einander entfernte. Wann nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher zusammenbrachte, wiederholte sich jenes zweite Übel, so daß sie zwischen beiden Leiden hin und her geworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung voneinander herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten.
So treibt das Bedürfnis der Gesellschaft, aus der Leere und Monotonie des eigenen Innern entsprungen, die Menschen zueinander; aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler stoßen sie wieder voneinander ab. Die mittlere Entfernung, die sie endlich herausfinden, und bei welcher ein Beisammensein bestehen kann, ist die Höflichkeit und feine Sitte. Dem, der sich nicht in dieser Entfernung hält, ruft man in England zu: keep your distance! – Vermöge derselben wird zwar das Bedürfnis gegenseitiger Erwärmung nur unvollkommen befriedigt, dafür aber der Stich der Stacheln nicht empfunden.
Wer jedoch viel eigene, innere Wärme hat, bleibt lieber aus der Gesellschaft weg, um keine Beschwerde zu geben, noch zu empfangen.

Dieses Gleichnis stammt von Arthur Schopenhauer.
Das Problem, um das es hier geht, nenne ich den transzendentalen, bzw. faustischen Vermeidungsirrtum. Das Problem der Findung einer sog. mittleren Distanz entsteht als Lösung, wenn Menschen und Menschenvermögen als Beobachtungs- und Zurechnungsinstanz von Handlung für Handlung, also als Koordination von Koordination, entstehen. Das Lösungproblem wird als Bewältigung einer double-bind-Verwicklung verstanden, weil sowohl Nähe als auch Distanz vermieden werden müssen. Aber wie soll das gehen? Denn wer Nähe vermeidet gewinnt Distanz, und wer Distanz vermeidet gewinnt Nähe. So herum oder andersherum, in beiden Fällen entsteht das Risiko des Scheiterns, ein Risiko, das kein Menschen bewältigen kann, es sei denn, soziale Systeme liefern die geeigneten Voraussetzungen, das heißt: wenn Bedingungen vorliegen, die als Apriori die Lösung des Problems schon angeliefert haben damit Menschen sie nutzen, bzw. lernen können sie zu nutzen.

Eine andere Fassung des transzendentalen Vermeidungsirrtums ergibt sich aus der Prominenz der Kritik als Diszplin zur Steigerung des Vertrauens in Menschenvermögen. Auch Kritik verlangt die Behandlung eines double-binds. Einerseits verlangt die Vertrauensgewinnung in Menschenvermögen sich auf andere Welten, Betrachtungsweisen, auf Lehren, auf Sichtweisen, auf Meinungen, Bilder, Erfahrungen und Erlebenswelten einzulassen, sich beeindrucken und begeistern, sich führen zu lassen und andererseits wird mit gleicher Notwendigkeit verlangt, alldem mit Zweifel und Skepsis, mit Ablehnung und eigenmächtigem Widerstand zu begegnen. Informiere dich, aber glaube nicht alles, was man dir erzählt.
Die einigermaßen souveräne Behandlung dieses double-binds steigert Kritikfähgkeit und Vertrauen in Menschenvermögen.

Was wäre, wenn Neues entsteht? 1 #internet #ökonomie #wissen

Wir haben [das Internet noch] nicht erfunden, wir haben es nur geliehen. Zu Bedingungen anderer. Das Internet muss erst noch erfunden werden. (Herkunft)

https://twitter.com/kusanowsky/status/423036692933521408

Die Unterscheidung von Angebot und Nachfrage gilt in der Ökonomie deshalb als sakrosankt, weil die Ökonomie auf der Basis ihrer Erfahrungen nicht begründen kann, warum Menschen auf Märkten zu Zwecken des Tauschens zu einander finden, wenn keiner die Möglichkeit hat, andere dazu zu zwingen sich am Tauschvorgang zu beteiligen. Weder der Anbieter noch der Nachfrager kann die notwendigen Bedingungen herstellen, durch die der Tausch zustande kommt. Wenn der Tausch aber trotzdem zustande kommt, dann bleibt für die Ökonomie nur die Möglichkeit übrig, dass der Tauschvorgang auf Freiwilligkeit beruhen müsse, das heißt, dass er auch jederzeit ausbleiben könnte.
Das klassische Konzept, durch das die Ökonomie bis heute traumatisiert ist, hat die Konsequenz, dass die Handelnden als Instanzen der Zuschreibung selbstverantworteter Folgen dieses Geschehen erscheinen, weil die Ökonomie auf der Basis der Unterscheidung von Angebot und Nachfrage die notwendige Bedingung für das Marktgeschehen nicht ermitteln kann. Sie erscheinen als selbstverantwortlich, obgleich sie nichts Entscheidendes dazu beitragen können, dass ein Markt entsteht. Zwar hat sich der Ökonomie mit jeder Gelehrtengeneration eine Wissenserweiterung des Voraussetzungsreichtums für das Zustandekommen eines Marktes entwickelt, aber alle Differenzierung hat die Unterscheidung von Angebot und Nachfrage in ihrer Anwendbarkeit niemals außer Kraft gesetzt, sondern hat nur ihre Reliablität aufgrund enormer Kapazitäten der Differenzierbarkeit, aufgrund ihrer hohen Wahrscheinlichkeit auf Anschlussfähigkeit immer nur erhärtet.

Dass die für eine Ökonomie nicht ermittelbaren kontingenten Bedingungen des Zustandekommen eines Marktes in der Unverfügbarkeit gesellschaftlicher Komplexität und daraus abgeleiteten Notwendigkeiten besteht, die der sozialen Emergenz unterliegen, kann sie mit ihren Erhebungen, Berechnungen, Modellen und Analysen nicht bestätigen, um so weniger, da das soziale System der ökonomischen Wissensproduktion selbst keine Notwendigkeit hat. Es vermag, die Bedingungen der Beobachtbarkeit seiner eigenen sozialen Notwendigkeit jederzeit kontingent zu setzen. Das bedeutet, dass die Ökonomie ihren blinden Fleck jederzeit als unereichbar akzeptieren kann, weil ohnehin keine Notwendigkeit besteht, etwas anderes zu versuchen. Die Unterscheidung von Angebot und Nachfrage kann in der Ökonomie deshalb nicht ersetzt werden, weil keine andere Unterscheidung eine solchen Komplexitätsgrad und verlässsliche Anschlusserwartungen mitbringen könnte. Wo soll neue Erfahrung herkommen, erst recht, wenn der gewonnene Voraussetzungsreichtum des Wissens selbst eine Akzeptanzbedingung geworden ist? Wie soll neue neue Erfahrung  entstehen, wenn die Bedingungen ihrer Beurteilbarkeit bis an die Grenze ihrer Unmöglichkeit entwickelt sind, wenn gleichsam ausgeschlosssen ist, dass aufgrund einer Selbstimmunisierung eine andere Unterscheidung überhaupt eingeführt oder ausprobiert werden könnte.
So gerät das System der ökonomischen Wissensproduktion in die Gefangenschaft des eigenen Erfolgs. Wo sich Strukturen solchermaßen erhärten, können sie nicht mehr erklärt, sondern können aufgrund ihres Erfolgs nur gerechtfertigt werden, was um so leichter fällt je schwieriger es wird zu zeigen, dass die Unterscheidung von Angebot und Nachfrage gar kein so unumstößlicher Ausgangspunkt ist.

Und weil das so ist, weil also die wissenschaftliche Ökonomie nicht so leicht belehrbar ist, muss sich die Notwendigkeit zum Lernen aus unverfügbaren sozialen Strukturen der Gesellschaft selbst ergeben. Bislang hat die Ökonmie nur gelernt, den Voraussetzungsreichtum ihrer Ausgangsunterscheidung zu entwickeln, weshalb für die ökonomische Wissenschaft als „Wirtschaft“ nur etwas in Frage kommt, dass man mit der Unterscheidung von Angebot und Nachfrage beschreiben kann. Alles andere gibt es zwar auch, mag auch wichtig sein, ist aber in ökonomischer Hinsicht nicht vordringlich. Alles andere ist irrelevant oder besteht aus Nebenbedingungen im Voraussetzungsreichtum des Marktgeschehens.

Fortsetzung folgt