Sexuelle Toleranz, Fairness und Physik
von Kusanowsky
In der Physik gilt das Prinzip, dass, nachdem festgestellt wurde, dass das Gespräch über Hypothesen beliebig weiter gehen kann, man ein Experiment macht um zu testen, ob irgendetwas überraschendes als Ergebnis heraus kommt, dem man nicht widersprechen kann. Auch wenn die Hypothesenbildung keineswegs einfach ist, auch wenn die Ergebnisse von Experimenten nur selten Unwidersprechbares liefern, so gilt dennoch die Maxime, dass die Komplexität an hypothetischen Einwendungsmöglichkeiten durch irgendetwas reduziert werden muss, damit irgendwelche Sicherheiten die weitere Beobachtung und Urteilsbildung dirgieren können.
Der Grund dafür ist – das gilt in der Physik genauso wie in allen anderen Bereichen – dass Meinungen über Sachverhalte in Regel schwache Meinungen sind. Es ist kaum möglich, eine Meinung zu formulieren, der man nicht oder nur schwer widersprechen kann. Daher kommt es auch, dass Meinungen sehr schnell durch einander gehen und sich mitunter als vollständig unvereinbar erweisen.
Die Kurzerklärung dafür liegt nicht etwa in der Unvollkommenheit subjektiven Urteilsvermögens, das sich einer vollständigen objektiven Realität in Form von Sachverhalten ausgesetzt sieht. Denn Sachverhalte sind nicht einfach gegeben, vorhanden oder liegen irgendwie abholt bereit vor, sondern müssen selbst als Beobachtungskonstrukte erzeugt werden. Das geschieht durch Selektion von Information und ist, das kann man ganz illusionslos sagen, sehr anstrengend und dauert sehr lange. So liegt es nahe, sich ab einem bestimmten Zeitpunkt doch der Trägheit zu überlassen und Regeln und Verfahren zu akzeptieren, die mehr Haltbarkeit in Aussicht stellen als zurück liegend ermittelt wurde. In der Physik macht man dann ein Experiment.
Etwas ähnliches gilt im Sport. Wir haben alle nur sehr schwache Meinungen darüber, was Fairness bedeutet. Man kann dazu sehr viel sagen und darüber sehr lange reden. Das Gespräch wird irgendwann ermüdend aus den oben genannten Gründen. Denn Fairness als Sachverhalt ist keineswegs selbstverständlich. Will man nun über Fairness etwas Haltbares heraus finden, so muss man irgendwann das Gespräch unterbrechen und ein Spiel beginnen. Das Spiel ist, ähnlich wie in der Physik das Experiment, ein Arrangement von Regeln und Verfahren, ein Dispositiv um zu testen, welcher der Beteiligten im Spiel zur Übernahme von Verantwortung für Unfairness bereit ist. Entsprechend geht es beim Spielen darum herauszufinden, wer sich für den Vorwurf der Unfairness unadresssierbar machen möchte. Das geht, indem man sich um Fairnesss bemüht. Denn aus der Beobachtung von Fairness lässt sich im Spiel kein Problem machen. Entsprechend versuchen die Spieler sich gegenseitig zur Unfairness zu verführen, was dazu führt, dass, will man sich einer solchen Manipulation entziehen, jeder einem solchen Versuch zuvorkommt und entsprechend Fairness zeigt.
Fairness ist das Ergebnis einer Versuchsanordnung, in der es erlaubt wird, das unfaire Verhalten anderer provokativ beobachtbar zu machen, was sehr schwer ist, weil jeder zugleich versuchen muss, sich der Adressierbarkeit des eigenen unfairen Verhalten zu entziehen. Wie soll Unfairness entstehen, wenn sich jeder fair verhält? Ein ähnliches Problem stellt sich auch andersherum.
Wie auch immer man nun das Zustandekommen von Fairness beschreiben und beurteilen wollte, immer gilt die Annahme, dass alles auf schwachen Meinungen beruht, was allerdings nicht bedeutet, dass man Fariness nicht feststellen kann. Es geht, aber es ist sehr, sehr schwer und geht nur dann, wenn man sich auf ein Spiel einlässt.
Im Fall von „sexueller Toleranz“ könnte das nun genau so sein. Jedenfalls liegt der Gedanke zunächst nahe.
Die Menge der Meinungen darüber, was sexuelle Tolreanz ist, was erträglich, was unerträglich, was wie gemeint und beabsichtigt ist oder sein könnte kennt kaum eine Grenze, weil alles was man dazu sagen kann, auf schwacher Meinung beruht. Und auch hier gilt, dass es nur ein Verfahren gibt, das es ermöglicht, darüber weniger, aber Zuverlässiges zu ermitteln. Nämlich: Geschlechtsverkehr. Das bedeutet, sich auf sexuelle Kommunikation einzulassen. Und wenn man wissen will, wohin das führt, dann muss man sich nur den eigenen Alltag anschauen.
Eine Möglichkeit besteht darin, den Diskurs über „sexuelle Toleranz“, „Sexismus“ und „Homophobie“ zu genießen. Dieser Diskurs ist nämlich gleichermaßen eine Maßnahme zur Abwehr sexueller Kommunikation wie ein Selektionsverfahren, um den Kreis möglicher Interessenten zum Test gegenseitiger Verstöpselung einzugrenzen. Aber in beiden Fällen gilt die klare und eindeutige Meinung, dass sexuelle Toleranz ganz großer Quatsch ist, weil kein Dispositiv gefunden werden kann, durch das haltbare Bestätigungen gefunden werden könnten. Das gilt insbesondere auch im Zusammenhang einer monogamen Intimbeziehung, in der sexuelle Toleranz eines der größten Probleme überhaupt ist. Die Intimbeziehung ist daher kein brauchbares Dispositiv, um sexuelle Tolranz zu testen. Sie ist eher im Gegenteil ein Versuch, sich eines solchen Dispositivs zu entziehen.
Aus diesem Grund ist der Meinungskampf zu sexuelle Kommunikation sehr beliebt: gerade weil er immer weiter gehen kann, immer nur Unhaltbarkeiten erzeugt, erzeugt er immer auch Verlässlichkeiten hinsichtlich einer Risikoverminderung. Das Gespräch zu diesem Thema könnte verhindern, dass falsche Hände über schöne Kniee rutschen.
„Denn Sachverhalte sind nicht einfach gegeben, vorhanden oder liegen irgendwie abholt bereit vor, sondern müssen selbst als Beobachtungskonstrukte erzeugt werden. Das geschieht durch Selektion von Information […]“
Das interessiert mich. Ist „Selektion von Informationen“ nicht selbst ein Beobachtungskonstrukt? Falls nein, gibt es dann eine Ebene von irreduziblen Informationen („Rohdaten“), aus denen konstruiert werden kann? Oder falls ja, inwiefern ist das dann die obige Aussage keine uninformative Tautologie?
Selbstverständlich ist auch „Selektion von Informationen“ ein Beobachtungskonstrukt, ein an einer Wahl von Unterscheidungen kondensiertes Sinngebilde, das ohne seine Beobachtung keine Realität hätte. Aber auch dann stellt sich die Anschlussfrage, die du gestellt hast, weil man ja für eine Theorie einen autoreferenziellen Verweisungszirkel unterbrechen muss, um Tautologien auf dem Wege ihrer Nichtvermeidung zu entfalten, ihnen dadurch, will man es nicht bei Trivialität belassen, zu entkommen.
„gibt es dann eine Ebene von irreduziblen Informationen (“Rohdaten”)“ – für einen Beobachter, der sinnverstehende Systeme beobachtet und beschreibt, bilden Informationen die letzten, nicht dekomponierebaren Letztelemente, aus denen sich Ketten von Operationen ergeben. Informationen sind dabei rein operativ gesteuerte Ereignisse, die mit ihrer Erscheinung wieder verschwinden und einen veränderten Systemzustand hinterlassen. („Informationen existieren nicht“) Nicht weiter dekomponierbar sind Informationen deshalb, weil auch die Beantwortung der Frage, wie man Ereignisse beschreibt, nicht ohne weitere Informationen zustande kommt.
So kommt man zu einem Feld von Beschreibungsmöglichkeiten, das Sinn – Information – Ereignis – Beobachtung umfasst das ergänzt werden müsste mit Begriffen der Referenzalität, der Verkoppelung, Erwartungsbildung und schließlich: Ordnungsfindung. Und wenn man auch noch das Problem der Anfangssetzung aller Ordnungsfindung hinzunimmt, landet man bei einem Konzept der Autopoiesis.
Interessant, wenigstens in diesem Zusammenhang, scheint jedoch zu sein, dass autopoietische Systeme in gleicher Weise Ordnung zulassen, erwartbar machen und festigen, wie sie diese zerstören oder vermeiden können. Allerdings können sie dies nicht beliebig, sie können dies zwar nur selbst, nur nach eigener Eigenmächtigkeit, nicht aber bedingungs- und voraussetzungslos. Was müsste, so könnte man fragen, mindestens voraus gesetzt sein, wenn so etwas wie „Sachverhalte“ erwart- und haltbar, also regel- und ordnungsfähig kommuniziert werden können, wenn gleichsam so viel Anschlusssicherheit besteht, dass naive Annahmen über ihre Selbstverständlichkeit jederzeit akzeptabel sind. Denn es reicht ja nicht, wie in Sachen Fairness beispielsweise, Naivität zu unterstellen oder sie als solche zu denunzieren, sondern es muss konseqeunterweise auch gefragt werden dürfen, wie diese Naivität zustande kommt, wie und wodurch sie erfolgreich wird und warum sie, wenn sie anschlussfähig ist, immer wieder die gleichen blinden Flecke der Beobachtung konditioniert. Diese Überlegung könnte man dann mit der vordergründig banalen Frage zusammenfassen: wie kommen Sachverhalte als Ordnungsmuster durch Selektion (und Sortierung) von Information zustande?
Sachverhalte als elementare Sinndimension sind nämlich eigentlich ein minder komplexes und wenig informatives Beobachtungskonstrukt, das leicht dazu tendiert, die Fortsetzung der Diskussion durch Verminderung ihres irritativen Gehaltes zu erschweren. Die Akzeptanz von Sachverhalten neigt dazu, Klarheit zu verschaffen, weil die mit Legitimität anheim gestellt werden kann mit der Folge, dass Kommunikation aufgrund mangelnder Irritation von ihrer Unwahrscheinlichkeit in ihre Unmöglichkeit überführt wird. Denn eine überkomplexe soziale Beobachtungssituation, die auch noch auf der untersten Stufe einer jeden möglichen Reduktion die gleiche Überkomplexität erzeugen könnte, bewirkt das größte Maß an Klarheit, Übersichtlichkeit und Logizität des kommunizierten Sinns mit der Folge, dass Kommunikation ihre Anschlussfähigkeit verliert und damit verschwindet. Alle Kommunikation braucht aber eine geeignete Ornamentik, Auswege, Ausflüchte, eine Mindestelastizität von Anschlussunsicherheit, also das Verfehlen von Sachverhalten. Gemeint ist damit ein geeignetes Maß an Unsicherheit ohne welche Klarheit nicht katalysierbar wäre. Wo sich jedoch ein relativ hohes Maß an Ornamentfreiheit durchsetzen würde, apostrophiert als Luzidität der Kommunikation, werden Sachverhalte als Beobachtungskonstrukt wahrscheinlich und steigern Entropie, wenn man zusätzlich Ermüdungstendenzen der Umwelt in Rechnung stellt, weil die Umwelt, hier: psychische Systeme, ja auch noch auf etwas anderes Rücksicht nehmen müssen als auf Sinn. Nämlich z.B. auf Müdigkeit, Durst oder Erektionen.
So sind Sachverhalte das, was dann die Kommunkation durch Hinnahme erzeugt, weil alles andere, das keinen Sinn macht, auch noch wichtig ist oder jederzeit werden könnte.
@Ourobor
Ein Kommunikationsssystem, das Sachverhalte durch ihre Reproduktion produziert und damit zugleich das Beobachtungsschema einer referenzierbaren Identität von Beobachtung erzeugt, kann den jeweiligen Sinn unmöglich so zurück lassen, dass es an an die Welt des Präsignativen, welche eine unverzichtbare Bedingung seiner Möglichkeit ist, herankäme. Die Operativität, die die nächste Kommunikationsoperation erzeugt, ist nicht zugänglich. Das könnte auch heißen, dass sich ein solches System stets und dies immer wieder aufs Neue erreichen muss, damit es weiter gehen kann.
Insofern könnte man autopoietische Sinnsysteme als Lösungen des Problems gedeutet werden können, wie und dass es weitergeht. Solche Systeme reproduzieren sich als ‘Produkt aus Produkten’, also immer wieder neu, aber niemals vollkommen neu; und dies immer in einer Strukturalität/Prozessualität, durch die es möglich wird, das vollkommen Neue, das ganz Andere, das normalerweise Merkwüridge – i.e. ein Sachverhalt – gerade noch zu diskriminieren. Kommunikationssysteme sind Systeme, die zur Erschöpfung ihrer Umwelt neigen.
Wie unterscheidet ein System, das als Beobachtungssystem sich selbst beobachten kann, seine Differenz zur Umwelt von seiner Differenz zu sich selbst? Möglicherweise geschieht dies über den Aus- und Umweg von Identitätskonstruktionen als Sachverhalte, um Langsamkeit zu erzeugen, um Zeitverzug zu garantieren und um die Wiederansteuerbarkeit dessen, was das System als seine Identität aufzufassen beginnt, verlässlich zu gestalten.
Luhmann formuliert: „Ein Bedarf dafür (für Selbst-Identifikation) tritt erst auf, wenn ein System in den eigenen Prozessen Zeit verwendet und dabei nicht laufend alles zugleich variieren kann. Sie ist anders gesagt, eine Nebenfolge von Langsamkeit, ein Zeitvertreib.” (Identitätsgebrauch in selbstsubstitutiven Ordnungen, besonders Gesellschaften, in: Marquard, O./Stierle, K. (Hrsg.), Identität. Poetik und Hermeneutik VIII, München 1979, S. 315-345, S.317, auch abgedruckt in ders., Soziologische Aufklärung 3, Soziale Systeme, Gesellschaft, Organisation, Opladen 1981(4), S.228-261.
Das Sinnfeld heisst also Sexualität und das dazu passende Experiment zur Ermittlung von Haltbarkeiten heisst sinnvoll und ergänzend dazu: Geschlechtsverkehr. Das leuchtet mir ein – und vor allem gefällt es mir persönlich:
Geschlechtsverkehr als symbolisierendes „Fussballspiel“, um zu testen, wo die Fairness aufhört und die persönliche gemeinheit beginnt: als Sadismus, als verdeckte oder offenbarte Untreue, (sc. als einen Akt des „Abseits“), und als Möglichkeit, Vergewaltigung zu testen: wieviel Brutaltät geht durch? und letztlich dann der Exzess: MORD!
Das alles aber kann mensch nur erkennen, wenn er mitmacht: so wie mensch eben in einem Spiel mitmachen muss, um zu testen und zu überprüfen, ob mensch die sozialisiert festgeschriebenen Standards erfüllt, und ob er geeignet ist, die ungeregelt geregelten Regeln dieses Spiel durch Beachten und Einhalten kontextuell und semantisch zu verändern durch Variation, Selktion und (Re)Stabilisierung.
Das alles gilt gleichermaßen für die Spielfelder Wissenschaft, Fussball, Geschlechtsverkehr, Politik, Kunst, Erziehung usw., wie allen bekannt als Funktiobssysteme, als Organisationen, als Interaktionen – als Systeme eben.
Denn nur wer sich dem Kontingenzfeld der Überraschungsmöglichkeiten spielend selbst aussetzt, hat als sich selbst und die anderen beobachtender Beobachter von Beobachtern die Chance, am guten Ende zu validierbaren Aussagen zu gelangen, (Daten – zur Konstruktion von Informationen, die Man mitteilen kann – aber nur, wenn sie intrinsich homogen und anschlussfähig sind, weil sie – im Ablauf des jeweiligen Experimentes köhärent, konsitent und konkludent „konstruiert“ – als „passend“ gemacht wurden).
Rudi Karl Sander als dieterbohrer aka @rudolfanders, der das, was er will und denkt ausprobiert unter:
http://www.rudi-sander.de
http://www.textsteller.de
http://www.sinnweltentheorie.de
http://supersozius.wordpress.com
http://Berlinerschnauze – Berlinerstolz.blogspot.com
„weil man ja für eine Theorie einen autoreferenziellen Verweisungszirkel unterbrechen muss, um Tautologien auf dem Wege ihrer Nichtvermeidung zu entfalten, ihnen dadurch, will man es nicht bei Trivialität belassen, zu entkommen.“
Das ist generell der Punkt, der mich interessiert. Inwieweit ist die Unterbrechung des Zirkels keine Vermeidung? Die einzige Möglichkeit der Trivialität zu entkommen, die ich sehe, ist, das begriffliche Netzwerk so groß werden zu lassen, dass man es zu keinem Zeitpunkt vollständig überblicken kann. Der Teil, der sich gerade nicht im Gesichtsfeld befindet, muss vergessen werden können. Das Netzwerk ist dann zwar als ganzes trivial, aber für den jeweils ins Auge genommenen Teil, der scharf erkennbar ist, kann die Trivialität nicht gesehen werden, da die betrachteten Teile auf etwas außerhalb des scharf erkennbaren Bereichs verweisen und der selbstreferentielle Zirkel daher nicht geschlossen werden kann. Das wäre analog zur Erde als Kugel, die aufgrund ihres im Verhältnis zur menschlichen Körpergröße riesigen Umfangs lokal aber immer als flach gesehen wird (Skalenseparation). Daher die frühere Vorstellung von der Erde als Scheibe. Man könnte auch spekulieren, inwiefern man so schlecht verständliche Begriffe wie Bewusstsein und Introspektion mit Nicht-Trivialität verknüpfen kann durch das Unvermögen sich selbst einzuholen.