Homosexualität und Fussball
von Kusanowsky
Der Fußballer Thomas Hitzlsperger bezeichnet sich als homosexuell. Man nennt sowas Coming Out, aber niemand weiß genau, warum diese Mitteilung von Bedeutung ist. Handelte es sich um eine Kontaktanzeige, wüsste man, wen und warum das interessieren könnte. Aber darum geht es wohl er nicht. Nun, es ist klar, es geht um das Gespräch.
Der normale Weitergang der Dinge ist, ein solches Outing gut oder schlecht zu finden. Eine ganz andere Frage ist die nach der Herkunft des Problems. Denn das Problem ist ja nicht Homosexualität, sondern das Gespräch darüber. Und die Frage, warum das Gespräch darüber ein Problem ist, ist nicht so einfach zu beantworten, jedenfalls nicht so einfach, wie dies vom einem naiven Standpunkt aus erscheint. Denn man könnte einfach behaupten, dass es ausreicht, wenn jeder seine Meinung zum Gesprächsthema äußert und, nachdem das geschehen ist, äußert jede seine Meinung über das Themengespräch. Der Normalverlauf ist dann der, dass man Vorurteile feststellt, um dann darüber zu reden, wer welche hat und warum. Und diese Frage wird umgehend beantwortet. Die Meinung beruht auf Vorurteilen von Menschen. Das ist sehr naiv.
Naiv ist es die Herkunft des Problems auf Vorurteile, auf wert- und geringschätzige Meinungen von Menschen über andere Menschen zurück zu führen und im defizitären Charakter der Meinungen der anderen die letzte aller ausprechbaren Wahrheiten zu finden. Die Dinge sind ein bißchen komplizierter und möglicherweise sind sie aus diesem Grund wenig attraktiv, weil das Nachdenken darüber von Minenfeldern umgegeben ist, die ganz strenge Ge- und Verbote des Sprechens und Schreibens verlangen, bei deren Übertretung oder Missachtung ganz strenge Sanktionen folgen können, die sich ganz unterschiedlich rechtfertigen lassen.
In diesem zu betrachtenden Fall liegen die Schwierigkeiten darin, dass ein Gespräch über Sexualität und Sport zwei Themenkomplexe verknüpft, die in ihrer Kommunikabilität asymmetrisch gelagert sind und nicht zusammen gehören : Über Sport zu sprechen ist sehr leicht und muss der leicht sein was für Sexualität nicht gilt. Denn Sport hat mit Sex etwas wichtiges gemeinsam: beides geschieht sehr körperbetont und beides kann seine Kommunikabilität nur unter der Voraussetzungen geltend machen, dass die Grenzen entsprechender sozialer Systeme nicht durcheinander geraten, weil sonst nicht erkennbar ist, ob noch von Sportlichkeit oder von Sexualität gesprochen wird. Aber die Einhaltung der Grenze ist für beide Komponenten der Themenwahl sehr wichtig.
Die Kombination von Fußball und Sexualität ist ein sehr gutes Beispiel, mit dem man zeigen kann, warum die Grenzziehungen nicht so leicht übertreten werden können. Darin besteht nämlich der Grund für die zu beurteilende Schwierigkeit, Sexualität und Fußball mit einander zu verknüpfen. Es geht nämlich darum, dass niemand über eine souveräne Urteilskompetenz verfügt; und nur naive Beobachter können sich eine solche Souveränität selbst zurechnen, weshalb sie in der Folge kaum etwas anderes tun, als ihr fortwährendes Scheitern in dieser Sache zu rechtfertigen.
Sportlichkeit zeichnet sich durch eine beinahe vollständige Verhaltenskontrolle aus, die ihren Ursprung in der Nichtnotwendigkeit der Einhaltung von Erwartungsregeln findet. Das Ergebnis ist Fairness, die ohne Zwang entsteht und die darum bei allen beliebt ist, obwohl jeder die Frage, was Fairness bedeutet, nur schwach beantworten kann. Wie auch immer sie beantwortet wird, in jedem Fall muss sich Kommunikation von Sportlichkeit und Sexualität streng trennen lassen, damit man weiß, worum es noch geht.
Denn bei sexueller Kommunikation gibt es keine Fairness, ja, Fairness kann es bei sexueller Kommunikaiton von gar nicht geben und kann trotzdem zufriedenstellend gelingen, denn Fairness verlangt immer auch Verzicht, Entsagung, Nachgiebigkeit, Chancenteilung, Geduld und die Bereitschaft auf berechtigte Begünstigung, auf Rechte gelegentlich zu verzichten.
So etwas gibt es bei sexueller kommunikation nicht, jedenfalls lässt sich das nicht so einfach sozial herstellen. Sexuelle Kommunikation ist gleichsam das genaue Gegenteil von Fairness und ist gerade darum so schwierig wie interessant. Sexuelle Kommunikation geht nicht ohne Gier, ohne Verlangen und Begehren. Sexuelle Kommunikation ist ja gerade der Versuch, sich jeder Verhaltenskontrolle zu entziehen und trotzdem noch Kommunikation zu ermöglichen. Deshalb liegt man nicht ganz falsch, wenn man Sexualität als irgendetwas Tierisches beschreibt, wohingegen sportliche Fairness der Gipfel aller zivilisierten Verlässlichkeit ist.
Bei Fußballspielen unterliegen nun alle Beteiligten einer strengen Beobachtung durch andere, welche die Voraussetzung für eine optimale Verhaltenskontrolle ist: die Spieler auf dem Platz, die Schiedsrichter, Trainer, der ganze Betreuungsstab, die Organisatoren, aber auch die Zuschauer, die Reporter. Sogar Fernsehzuschauer ziehen es vor, Fußballspiele in Gruppen anzuschauen, in Kneipen oder sonst wo. Wenn beobachtbar wird, dass ein Spieler einen anderen anrempelt, foult, ihn mehr oder weniger verletzt, dann muss in jedem Augenblick erkennbar sein, dass es um Sport geht und nicht um etwas anderes wie z.B. eine agressive Handlung zur Abweisung des sexuellen Anliegens eines anderen. Das gleiche gilt für den Fall, dass sich Spieler anfassen, umarmen, küssen, sich beglückwünschen. Auch in solchen Fällen muss immer erkennbar sein, dass es sich nicht um sexuelle Kommunikation handelt.
Und solange Sport und Sexualtität von einander getrennt werden können, ist immer nur die Sportlichkeit des Kommunizierten erkennbar. Die umarmen sich nicht, weil sie sich begehren und sie treten sich nicht, weil sie sich hassen. Wenn aber sexuelle Kommunikation in einem solchen Kontext auch beobachtet werden kann, dann kann es mitunter schwer fallen, die Trennung von Sportlichkeit und Fairness zu vollziehen. Und um dieses Problem abzuwenden, erscheint es besser, gerade weil niemand eine souveräne Urteilskomptenz besitzt, diese Vermischung nicht vorzunehmen.
Jeder unterliegt der Beobachtung durch andere und niemand kann einseitig die Regeln festlegen, an die sich die Beobachtung zu richten hätte, was umso weniger geht, da die Aufdringlichkeit des körperbetonten Geschehens nicht beiseite geschoben werden kann.
Daher kommen diese Schwierigkeiten. Diese Schwierigkeiten liegen begründet in der erfolgreichen Kommunikation von Sportlichkeit, die auf strenge Vermeidungsstrukturen angewiesen ist, damit sich erwartbar funktioniert. Und wenn solche Vermeidungsstrukturen dennoch vermieden werden können, dann nur unter ganz vielen Vorbehalten, die der Fußballer Hitzlsperger berücksichtigt. Erst nach Beendigung seiner Karriere kann ein solches Outing leichter fallen, aber auch dann noch ist das Irritationspotenzial nicht sehr gering.
Wer diese Schwierigkeiten nicht ernst nimmt, versteht weder etwas von Sportlichkeit noch von Sexualität.
https://twitter.com/kusanowsky/status/420961537981812736
Heißt das, dass jede Art von körperlicher Zuwendung oder Ablehung zumindest latent sexuell ist? So hört sich das für mich zumindest an.
Tja, wie kann man das umarmen und in die Eier greifen, anders, als eine sexuelle Praxis begreifen, das war übrigens unter Männern immer schon so, das anfassen der Testikel – ich lache, wer bei so einem Verhalten neutral und emotionslos bleibt. Das ganze ist doch ein einziges Spiel. Beim Fussball geht es um Sex, wer würde sonst so blöd sein und hinter einer Kugel her rennen, wenn er sich nicht am Ende um die Arme fallen darf.
Was für ein Hype, hat die Welt aktuell keine anderen Probleme. Der Hitzelsberger ist mir für sein soziales Engagement in Südafrika bekannt, Wieso jetzt dieser Hype und was wird hier eigentlich verkauft? Selbst die kränkelnde Kanzlerin äußert sich, beachtenswert. Brechen wir Tabus? Ich lach mich kaputt! Guardian und Zeit sind die neuen Protagonisten der Freiheit. Ich gestehe ich hab Angst, Angst vor Bürgermeistern, vor Außenministern, ach eigentlich vor allen, die ihre Sexualität zum Thema machen. Das ist aufdringlich. Über Sexualität reden heißt für mich auch, das es Räume gibt, wo Sexualität nicht hingehört. Z.B. im Berufsleben.
Meine Sexualität geht niemanden etwas an, ich will darüber nicht definiert werden, weder als Homo noch als Hetro und ich will darüber ganz bestimmt nicht in aller Öffentlichkeit reden. Mir stinkt die allgegenwärtige Sexualisierung unseres Alltagslebens, bis hin in die Nachrichten. Fair ist, wenn ich niemanden mit meiner sexuelle Orientierung
ungefragt konfrontiere, denn es geht nur mich und meine Partner etwas an, Es fehlt noch, dass wir demnächst unsere sexuelle Ausrichtung in Bewerbungsschreiben bekennen müssen.
Hier sage ich nur MYOB. Und wer jetzt so tut, als ob Hitzelsbergers Outing ein Quantensprung ist, der heuchelt. Jedem einigermaßen mit klarem Verstand ausgestatteten Beobachter müsste klar sein, dass was auf dem Fussballplätzen der Welt geschieht, hat sehr viel mehr mit Homophilie zu tun, als Landläufig eingestanden wird, Es wird halt lieber geheuchelt,, getrickst, getäuscht und verleugnet. Fair wäre, wenn dieses heucheln aufhört.
Hat dies auf LOB's Metier rebloggt.
Bei Fußball, bei Sport allgemein, geht es eben nicht um Sex. Fußball ist völlig keusch. Daher kommen die Beobachtungs- und Unterscheidungsprobleme, wenn man die Keuschheit aus dem Sport entfernt. Sexualität kennt keine Sportlichkeit.
Die Beobachtung und Beschreibung der Systemgrenzen ist der zentrale Punkt Deines Blogposts. Beim Thema Sexualität überlagern so viele Assotiationen das Vorstellungsvermögen, dass ein Diskurs, der sich auf die Sache konzentriert, schwierig erscheint.
Die Theorie kann man m.E. auch auf andere Bereiche übertragen. Beispiel: Alkohol. Konkrete Situation: Weihnachtsfeier in der Firma. Warum fällt es schwer Codes und Grenzen zu beachten? Das System Firma setzt auf Distanz, weil Ordnungsstrukturen das erfordern. Das System Weihnachtsfeier setzt auf Nähe und Vertrautheit etc.
Nur so ein Gedanke – vielleicht sagt Dir das was.
ja, das ist ein gutes Beispiel, das die Sache sehr gut ergänzt.
Ja, das hab ich mir auch so gedacht. Aber, ganz ehrlich, das Gegenteil ist viel wahrscheinlicher. Und da will ich jetzt nicht all zu sehr psychoanalysieren. Fußball und keusch, das ist, wie wenn man Schokolade frist, um fit zu bleiben. Ja, so sind die Phantasien, aber die Realität ist doch eine andere, in meiner Wahrnehmung. Sport ist Körperkult und wer dem Keuschheit unterstellt, der glaubt auch noch an den Weihnachtsmann.
Kompliment für die Eröffnung dieser Diskussion, Ihr Beitrag ist Exzellent, sagen wir brillant!
Übrigens, ich bin Anarchist und mir geht die Anarchophobie und Diskriminierung von Anarchisten im politischen Kontext so auf den Keks. Bin ich jetzt auch mutig? Lobt mich jetzt auch der Regierungssprecher?
„Sport ist Körperkult und wer dem Keuschheit unterstellt, der glaubt auch noch an den Weihnachtsmann.“
Das ist der Grund, weshalb der Sportler nur schlecht über Sexualität sprechen kann. Der Sportler ist an Fairness interessiert und fürchtet sich vor der Unfairness des Publikums, denn seiner Unfairness ist er hilflos ausgesetzt. Das hängt damit zusammen, dass man Fairness nicht durchsetzen kann. Fairness entsteht nicht durch Kampf, sondern wird grundlos geschenkt und sie wird genauso grundlos versagt. Darum spricht er nicht über Sexualität, weil gerade die Sexualität Fairness weder schenkt noch raubt. Sexaultität ist nicht zivilisierbare Gier, Fairness ist dagegen Realutopie aller Zivilisierung.
Wow, noch ein Idealist. Fairness im Sport ist ein Mythos. Lance Amstrongs 7 Siege sind ein wunderbares Beispiel dafür. Ich weiß nicht mit welchen Sportlern Sie zu tun haben, aber neugierig wäre ich schon, wer im Sport hinter so klugen Ansichten steht. Die Sportler, die ich kennen gelernt habe, z.B. im Zusammnenhang mit der Deutschen Sporthilfe, haben das so nie thematisiert.
Fairness beginnt für mich da, wo wir konkurrenzlos einander begegnen, wie beim Sex, wer will da schon Sieger sein?
Ob es Hitzelsberger um Fairness ging? Vielleicht!
Fair wäre, wenn über Regeln und nicht in Hinterzimmern abgestimmt wird. Fairness hat für mich sehr viel mit Partizipation zu tun und wer bestimmt die Regeln im Fussball? Wieso darf nicht mit zwei Bällen gespielt werden, und wieso nicht gemischten Mannschaften? Ach, weil die Männer stärker sind, das ist doch auch nur eine kulturelle Illusion – fair ist es nicht!
Nochmals brillante These, die Verbindung von beiden ist was für den Intellekt, lecker.
Was man nicht vergessen sollte sind die unterschiedlichen Konnotationen die zum einen die aktiv beteiligten Sportler dem Sport gegenüber haben und welche das Publikum, das dem Spektakel beiwohnt, hat. Als Beobachter einem (American) Football Spiel (z.B.) den Stempel homophil zu geben ist wahrscheinlich eine gute Beobachtung und wahrscheinlich nicht wirklich falsch aber ich denke nicht, dass das der Footballspieler selbst (im Spiel) auch so sieht. Bei Football und Fußball ist diese Assoziation (wahrscheinlich aufgrund des direkten Körperkontaktes) leicht hergestellt aber wie sieht’s z.B. beim Baseball oder Curling aus?
„Fairness hat für mich sehr viel mit Partizipation zu tun und wer bestimmt die Regeln im Fussball? …“
Über Fairness haben wir alle nur eine sehr schwache Meinung, was nicht verhindert, Fairness trotzdem zutreffend zu erkennen. Das funktioniert umso besser je weniger notwendig die Bestimmung von Fairness ist.
„Wenn man akzeptiert, dass die Dassheit der Wahrheit [bzw. der Fairness] der relevante Punkt ist, nicht ihre Washeit, dann ist es prinzipiell egal um was es geht, wenn soziale Systeme sich um die Erkennbarkeit der Wahrheit bemühen. Die Attraktivität der Wahrheit, also die Erkennbarkeit ihrer Dassheit, ist umso größer, wenn es dabei eigentlich um gar nichts mehr geht. Denn, ich wiederhole: Das Wahrheitsfindungsprogramm läuft entlang der Unterscheidung von richtig und falsch, und dieses Programm ist durch die Evolution nur in seiner Dringlichkeit für epistemologische Angelegenheit trivial geworden, nicht in Hinsicht darauf, dass es sozial immer noch funktionieren kann.
Dafür hat die moderne Gesellschaft eine Funktionsnische gefunden und operativ eingerichtet, nämlich im Sport.
Sport ist zivilisierte Religion – daraus erklärt sich auch seine unglaubliche Faszination, da sportliche Fairness gerade dasjenige Faszinosum ist, durch das die Erfüllung einer sozialen Utopie empirisch wird.“
das fehlt noch, dass wir Menschen, wie die Yogurthproduktion standardisiert werden .. Nähe geht nie ohne körperlichen Kontakt und dem körperlichen Kontakt keine Nähe zu unterstellen, sondern – ja, was denn dann, ist schon ein echter Gedankenknoten. Wenn ich jemanden an den Arsch greife, vor, während und nach dem Spiel, auf einer Weihnachtsfeier oder am Kopierer – das alles hat doch mit Sex zu tun, weil wir unser Stammhirn eben nicht ausschalten können. Und ehrlich gesagt die Homophobie hat viel damit zu tun, das die Masse nicht wissen will, wer wen in den Arsch fickt und das es dabei eigentlich um Freundschaft, Zuneigung, Geborgenheit und Fürsorge geht – das sind die Themen die tabuisiert werden, das Männer zu Männern fürsorglich und zärtlich sind.
Und ich würde gerne wissen, auf welcher Basis Sie die wirklich spannende These belegen können, es ginge Sportlern darum vom Publikum fair behandelt zu werden – gibt es da eine Umfrage, wäre echt interessant? Sportler wollen angehimmelt und bejubelt werden und dafür tun sie alles, sie wollen über ihren Körper gefallen, reißen sich die T-shirts vom Leib und protzen was das Zeug hält mit ihren durchtrainierten Leibern. Wir sind noch nicht so lange der Savanne entkommen –
Meines Erachtens geht es nicht um die Fairness, sondern um das Wissen, sie wollen nicht wissen, sie können es tolerieren, aber sie wollen es verleugnen dürfen. Es geht um die Grenze zwischen privat und öffentlich.
Und diese Grenze wird immer mehr verschoben zu Ungunsten des Privaten. Ich will nicht wissen, ob die Kanzlerin masturbiert, sich in den Arsch ficken läßt oder bi ist und das hat nichts mit Intoleranz zu tun, sondern mit MYOB.
„Die Attraktivität der Wahrheit, also die Erkennbarkeit ihrer Dassheit, ist umso größer, wenn es dabei eigentlich um gar nichts mehr geht.“
Wow, was ein Satz und das Wahrheitsfindungsprogramm, (gibt es das auch schon als Plug in?) läuft entlang der Lügen von richtig und falsch, also von moralischen Vorstellungen.
Und Sport ist unsere wöchentliche religiöse Affirmation – jetzt weiß ich, wieso ich bei der Sportschau immer umschalte. Gut bei den Griechen war ja alles was im Tempel praktiziert wurde religiös, auch das Rechnen. Sind wir nicht weiter, sind die neuen Tempel die Allianz Arena und das Waldstadion? Wieso muss ich dabei an Leni Riefenstahl denken? Ich würde statt die moderne Gesellschaft. der Faschismus eine Funktionsniesche gefunden, sagen – das wäre meine Analyse.
Ob Sport zivilisierte Religion ist, das bezweifele ich, erscheint mir sehr überbewertet und ob sich die Faszination daraus erklären läßt, nein. So lange sind wir noch nicht der Savanne entkommen, das hat weniger mit Kultur zu tun, als mit Hormonen – es ist die Projektion des Spermarennens ins Äußere, was ich da beobachte.
Aber ich werde mich an diesen Dialog erinnern und Fairness demnächst mit diesen Ausführungen verbinden, überzeugt bin ich nicht.
Sehr ambivalent die jüngsten Äußerungen von Arne Friedrich:
„Ich hoffe, dass Thomas mit seiner Offenheit dazu beiträgt, dass die Sexualität, egal ob Hetero- oder Homosexualität, eines Menschen im Fußball etwas ganz Normales, nicht Erwähnenswertes wird. […]
Aber in den Vereinen, in denen ich spielte, wurde Homosexualität nie thematisiert, weder positiv noch negativ. Deshalb kenne ich tatsächlich keine homosexuellen ehemaligen Mitspieler. Auch von Thomas habe ich es erst vor sechs oder sieben Wochen erfahren, als er sich mir anvertraute. Innerhalb der Mannschaft und in der Kabine wird über so etwas nicht gesprochen. Über Frauen wird dagegen oft geredet – weil jeder davon ausgeht, dass alle heterosexuell sind.
ZEIT ONLINE: Wenn ein Spieler mit dem Trainer über seine Sexualität sprechen möchte – ist da erst mal ein Hemmnis?
Friedrich: Ich gehe davon aus, dass jeder Trainer der Bundesliga oder Nationalelf das verstehen würde und den Spieler gegebenenfalls schützen würde. Jeden meiner Trainer, von Joachim Löw bis Felix Magath, schätze ich so ein. Ich hoffe, dass ich mich nicht irre. Sexualität hat mit dem Fußball nix zu tun. […]
Dass meine Freundin oder ich damit immer wieder konfrontiert wurden, war ab und zu auch nervig. Jeder Fußballer ist doch auch Privatperson. Ich bin heterosexuell.“
Er drückt darin jeweils mehrfach aus:
a) Sexualität hat mit Fußball nichts zu tun.
b) Sexualität spielt im Fußball eine große Rolle.
Beides ist richtig, aber in welcher Hinsicht?
„Beides ist richtig, aber in welcher Hinsicht?“
Die Frage ist darum berechtigt, weil sie zeigt, dass das Problem komplizierter ist, sehr viel komplizierter jedenfalss als z.B: @LOB es sich vorstellen kann. Vielleicht sollte man das Nachdenken über das Problem auf die Ebene von Verdacht und Erwartung bringen und fragen, unter welcher Bedingungen Verdacht und Erwartung für die gegenseitige Beobachtung prekär wird. Dies passiert dann, wenn kommunikativ Unkontrollierbares für die Kommunikation relevant wird. Dies geschieht, wenn Körper, deren Eigenwilligkeit keine soziale Dimension hat, auf einander treffen und für die Orientierung innerhalb sozialer Sachverhalte relevant werden. So etwas gilt im Straßenverkehr beispielsweise, in allen Fällen, wo Sicherheit durch Körpereigenwilligkeit nicht oder nur schwer gewährleistet werden kann. Sicherheit spielt auch im Bereich der Sexualität eine ganz große Rolle. Wenn daraus resultierende Probleme in sozialen Kontexten auftauchen, die aufgrund ihrer Anforderungen an sozialer Selbstregulierung wiederum stabil sind, so erzeugt das ganz schnell eine Beobachtungsunsicherheit, die man nicht einfach mit Meinung und Gegenmeinung kontrollieren kann.
Fairness ist das einzige, was Sport interesssant und relevant macht. Aus diesem Grund ist die Regelverletzung im Sport so wichtig. Sie wird gebraucht, um die Regeln in Erinnerung zu bringen und um zu testen, ob trotzdem noch Nachgiebigkeit, Vertrauen, Verlässlichkeit, Sicherheit oder dergleichen erwartbar ist. Ereignet sich solches, so hat man es mit Fairness zu tun. Fariness wäre ein sozialer Mechanismus des Vergebens und Verzeihens. Um zu testen, ob Fairness funktioniert werden Regel und Regelverletzung gebraucht. Damit aber die Zugehörigkeit des Verhaltens – und damit auch die Kontrolle der Verhaltenskontrolle – zuverlässig funktioniert, ist eine Eindeutigkeit der Zuordnung von Handlungsabsichten wichtig. Die Eindeutigkeit ergibt sich daraus, dass nur Sportlichkeit die Handlung, auch wenn es sich ein Foulspiel war, motivierte und nichts anderes. Im Fuball gehört das Treten, Schubsen, Grapschen dann dazu, wenn auf nichts anderes zugerechnet werden kann denn auf Sport.
Aus diesem Grunde verbietet es sich übrigens, dass Männer und Frauen in der selben Mannschaft spielen, wenn es um Sportarten mit intensivem Körperkontakten geht. Bei Volleyball ist das weniger prekär, noch weniger bei Tennis, weil sich in diesen Fällen sowohl Mitspieler als auch Gegenspieler aus dem Wege gehen müssen, um den Ball zu spielen. Bei Fußball, Handball ist das ganz anders. In diesem Fällen ist die Aggressivität gegen die Körper von anderen Spielern unverzichtbar, was nur geht, wenn auch immer die Fairness erkennbar ist und bleibt. Aggressivität unter Bedingungen von Fairness ist völlig harmlos, ja sogar sehr beeindruckend, weil ja die Regel gilt: wer austeilt muss auch einstecken können. Und solange eine Beobachtungssicherheit gegeben ist, ist auch eine Härte des Spiels nicht weiter problematisch, weil ja auch die gegnerische Mannschaft zum Mittel der Härte greifen darf.
Solange also immer damit gerechnet werden kann, dass ein Anfassen, eine Umarmung, ein Kuss, ein Treten oder Grapschen keiner Fairnessbereitschaft zuwider läuft, solang ist das alles sehr keusch und beinahe steril und ganz, ganz harmlos. Das würde sich aber sofort ändern, wenn eine solche Zuordnungssicherheit nicht mehr gegeben wäre.
Sexualität spielt im Fußball dann eine Rolle, wenn ihre Relevanz gering ist. Ihre Rolle ist dann etwas, worüber man auch sprechen kann, aber nicht muss, weshalb das Sprechen darüber leicht fällt. Wird aber die Relevanz von Sexualtität verstärkt, dann entsteht die Erwartung, zu diesem Thema nicht mehr schweigen zu können, womit etwas eingebracht wird, das die Beobachtungs- und Zuordnungssicherheit veringern kann. Und weil das so ist, fällt dann das Sprechen über Sexualität schwer.
https://twitter.com/kusanowsky/status/421297900237225984
[…] “Das ist der Grund, weshalb der Sportler nur schlecht über Sexualität sprechen kann. Der Sportler ist an Fairness interessiert und fürchtet sich vor der Unfairness des Publikums, denn seiner Unfairness ist er hilflos ausgesetzt. Das hängt damit zusammen, dass man Fairness nicht durchsetzen kann. Fairness entsteht nicht durch Kampf, sondern wird grundlos geschenkt und sie wird genauso grundlos versagt. Darum spricht er nicht über Sexualität, weil gerade die Sexualität Fairness weder schenkt noch raubt. Sexaultität ist nicht zivilisierbare Gier, Fairness ist dagegen Realutopie aller Zivilisierung.” via @KlausKusanowsky […]
Lieber Klaus Kusanowsky, sehr reflektiert und kompliziert – ich werde das mal am Wochenende ’nem Fan vorlesen. Und es ist richtig, ich stelle mir das gar nicht so kompliziert vor, weil es auch nicht so kompliziert ist. Über Sex reden ist weit aus weniger kompliziert, als angenommen. Was hier Angst vor Ablehnung ist, ist dort Scham, beides wird dann als Überforderung empfunden. Wenn es hier nicht um Gefühle geht, dann reden wir einander vorbei, denn es geht um Interpretationen von eigenen Gefühlen und nicht um irgend eine höhere Wahrheit, die auch nur eine Erfindung ist. Je schlüssiger das Konzept, desto prominenter die Erfindung.
Und Gefühle machen befangen und sprachlos und nicht Normen und Werte, oder die Glaubenssätze. Fairness ist kein Gefühl oder doch? Es bleibt eine Hitzelsberger’sche Kommunikationsstörung und diese wird verallgemeinert, schon ein wenig dreist und gewagt. Das ganze ist eine prächtige Medienkampagne und hat mit Fairness leider ganz wenig zu tun und leider mit Sex noch viel weniger. Denn es ist nicht geil, sondern langweilig.
Und Ihr Postulat, es sei leichter über Sport zu reden, als über Sex finde ich noch nicht belegt. Illusion und Projektion, Was ist daran schwer über Sex zu reden? Sex ist Kommunikation. Sport auch, oder? Und Regeln müssen in beiden Welten eingehalten werden und in beiden kann man sie brechen, weil einem die Gier, die Wollust, der Eifer und die Habsucht einen Streich spielen.
Was war das zwischen Zidane & Materazzi? http://youtu.be/LQEO6akCoEI
Einen Sportler habe ich noch nie so über Fairness reden hören. Nicht, das ich Ihnen nicht zustimmen könnte, aber mir fehlt der Bezug zur Praxis. Und kompliziert ist, weil es kompliziert gemacht wird, sind Zusammenhänge aus sich heraus kompliziert? Es ist auch nur eine Projektion!
Ich, für meinen Teil, bin nicht bereit mich in das Hitzelsberger’sche Drama verwickeln zu lassen, es ist seine Kommunikationsstörung und nicht unser aller. Fair wäre, wenn er seine Projektionen bei sich sein läßt, aber wir haben ja Sotchi vor der Tür und die Diskussion ist Interessen bestimmt.
Ich habe gestaunt, wieso du auf Twitter letztens den Affekt als zuverlässiger bezeichnet hast als Sprache. Das hatte ich nämlich erst einmal anders herum gelernt. Und über diesen Text hier kam ich dann auf die Idee, dass das eine Verdrehung von Derridas erster Verdrehung (Schrift/Stimme) sein könnte. Sein Nachweis, die Wahrheitsfähigkeit der Schrift sei in die Stimme hereingezogen worden, eine Privilegierung des Gesprochenen ggü. der Schrift, geht auch so: Was an Affekten kommunikativ ist, wird in das Zeichenhaft-Symbolische geordnet.
Zuverlässigkeit nonverbaler Kommunikation ist erstmal kontraintuitiv, wenn man zB. Luhmann in GdG bedenkt:
Auf nonverbale Aussagen kann sich im Gegensatz zu verbalen nicht bezogen werden.
„Du hast aber gesagt“ funktioniert, nicht aber: „du hast aber geschwitzt“ (man beachte den riesigen Aufwand, zuverlässige Lügendetektoren zu bauen – was seitdem aufgegeben wurde) -> Interesse, das Luhmann hier beschreibt, ist das Absichern einer nonverbalen Aussage, aber auf welche Weise? Verbal!
„muss in jedem Augenblick erkennbar sein, dass es um Sport geht und nicht um etwas anderes wie z.B. eine agressive Handlung zur Abweisung des sexuellen Anliegens eines anderen. Das gleiche gilt für den Fall, dass sich Spieler anfassen, umarmen, küssen, sich beglückwünschen. Auch in solchen Fällen muss immer erkennbar sein, dass es sich nicht um sexuelle Kommunikation handelt.“
Hier ist der Fall erstmal, dass das Spiel funktioniert, weil jede Handlung dem Spiel zugeordnet wird. Was passiert dadurch? Jede Handlung wird eindeutig („Es ist eine Spielhandlung, nicht x“ – selbst bei Regelverstoß, siehe: Foul), und dadurch (!) innerhalb des Spiels mehrdeutig (taktisch). Die besondere Mehrdeutigkeit der körperlichen Kommunikation wird durch eine Symbolordnung (Spiel) verkürzt, um eine Mehrdeutigkeit innerhalb des Spiels aufzuziehen, die sonst gar nicht möglich gewesen wäre.
Der Körper wird bearbeitet, um die symbolische Ordnung zu ermöglichen.
Dementgegen ist das „Tierische“ der Sexualität eingebunden in ein kompliziertes durch Zeichen vermitteltes Verhältnis doppelter Kontingenz. Über Sex lässt sich schließlich Sprechen: Kinks benennen, um Wiederholungen bitten (ich mag, wenn du…), usw., also eine Geschichte dieser Beziehung bilden, deren Kern dann doch Unverständlichkeit bleiben soll.
Das Symbol wird bearbeitet, um die affektive Ordnung zu ermöglichen.
Wenn man bedenkt, dass Schweigen zu organisieren den Kommunikationsaufwand gerade deutlich erhöht, gilt das wohl erst recht für ein Schweigen, das nicht ganz still bleiben will.
Schon beim zweiten Satz gestockt. Jede/r Homosexuelle/r, die/den ich kenne, weiß, warum das von Bedeutung ist.
Und ansonsten: Ist im Frauenfußball, wo offener mit Homoseuxalität umgegangen wird, auch kein Problem, dass man einen Eckball oder ein Foul mit einer Anmache verwechselt, oder?
Ja, danke für diesen Kommentar, der sehr gut ist und der in etwa meinen Überlegungen entspricht, obgleich ich die noch nicht ganz mitgeteilt habe.
Interessant sind deine Überlegungen, wenn man mitberücksichtigt, unter welcher Voraussetzung „Körperzeichen“ für die moderne Gesellschaft relevant wurden und unter welchen Voraussetzungen sie wieder relevant werden, wenn sich in der Gesellschaft durch das Internet die Beobachtungsverhältnisse ändern.
Die Frage, die mich gerade beschäftigt lautet: wie konnte es dazu kommen, dass Körperzeichen als unzuverlässige Zeichen erkennbar wurden? Man mag sagen, das liege an der Entwicklung von Strukturen des rationalen Handelns, bzw. an der Entwicklung von Erwartungen daran. Womit könnte man nun rechnen, wenn sich diese Erwartungen absenken, weil langsam doch dämmert, dass Computer und Algorithmen in Angelegenheiten der Rationalität sehr viel leistungsfähiger und zuverlässiger sind als Menschen?