Homosexualität und Fussball

von Kusanowsky

Der Fußballer Thomas Hitzlsperger bezeichnet sich als homosexuell. Man nennt sowas Coming Out, aber niemand weiß genau, warum diese Mitteilung von Bedeutung ist. Handelte es sich um eine Kontaktanzeige, wüsste man, wen und warum das interessieren könnte. Aber darum geht es wohl er nicht. Nun, es ist klar, es geht um das Gespräch.

Der normale Weitergang der Dinge ist, ein solches Outing gut oder schlecht zu finden. Eine ganz andere Frage ist die nach der Herkunft des Problems. Denn das Problem ist ja nicht Homosexualität, sondern das Gespräch darüber. Und die Frage, warum das Gespräch darüber ein Problem ist,  ist nicht so einfach zu beantworten, jedenfalls nicht so einfach, wie dies vom einem naiven Standpunkt aus erscheint. Denn man könnte einfach behaupten, dass es ausreicht, wenn jeder seine Meinung zum Gesprächsthema äußert und, nachdem das geschehen ist, äußert jede seine Meinung über das Themengespräch. Der Normalverlauf ist dann der, dass man Vorurteile feststellt, um dann darüber zu reden, wer welche hat und warum. Und diese Frage wird umgehend beantwortet. Die Meinung beruht auf Vorurteilen von Menschen. Das ist sehr naiv.

Naiv ist es die Herkunft des Problems auf Vorurteile, auf wert- und geringschätzige Meinungen von Menschen über andere Menschen zurück zu führen und im defizitären Charakter der Meinungen der anderen die letzte aller ausprechbaren Wahrheiten zu finden. Die Dinge sind ein bißchen komplizierter und möglicherweise sind sie aus diesem Grund wenig attraktiv, weil das Nachdenken darüber von Minenfeldern umgegeben ist, die ganz strenge Ge- und Verbote des Sprechens und Schreibens verlangen, bei deren Übertretung oder Missachtung ganz strenge Sanktionen folgen können, die sich ganz unterschiedlich rechtfertigen lassen.
In diesem zu betrachtenden Fall liegen die Schwierigkeiten darin, dass ein Gespräch über Sexualität und Sport zwei Themenkomplexe verknüpft, die in ihrer Kommunikabilität asymmetrisch gelagert sind und nicht zusammen gehören : Über Sport zu sprechen ist sehr leicht und muss der leicht sein was für Sexualität nicht gilt. Denn Sport hat mit Sex etwas wichtiges gemeinsam: beides geschieht sehr körperbetont und beides kann seine Kommunikabilität nur unter der Voraussetzungen geltend machen, dass die Grenzen entsprechender sozialer Systeme nicht durcheinander geraten, weil sonst nicht erkennbar ist, ob noch von Sportlichkeit oder von Sexualität gesprochen wird. Aber die Einhaltung der Grenze ist für beide Komponenten der Themenwahl sehr wichtig.

Die Kombination von Fußball und Sexualität ist ein sehr gutes Beispiel, mit dem man zeigen kann, warum die Grenzziehungen nicht so leicht übertreten werden können. Darin besteht nämlich der Grund für die zu beurteilende Schwierigkeit, Sexualität und Fußball mit einander zu verknüpfen. Es geht nämlich darum, dass niemand über eine souveräne Urteilskompetenz verfügt; und nur naive Beobachter können sich eine solche Souveränität selbst zurechnen, weshalb sie in der Folge kaum etwas anderes tun, als ihr fortwährendes Scheitern in dieser Sache zu rechtfertigen.

Sportlichkeit zeichnet sich durch eine beinahe vollständige Verhaltenskontrolle aus, die ihren Ursprung in der Nichtnotwendigkeit der Einhaltung von Erwartungsregeln findet. Das Ergebnis ist Fairness, die ohne Zwang entsteht und die darum bei allen beliebt ist, obwohl jeder die Frage, was Fairness bedeutet, nur schwach beantworten kann. Wie auch immer sie beantwortet wird, in jedem Fall muss sich Kommunikation von Sportlichkeit und Sexualität streng trennen lassen, damit man weiß, worum es noch geht.
Denn bei sexueller Kommunikation gibt es keine Fairness, ja, Fairness kann es bei sexueller Kommunikaiton von gar nicht geben und kann trotzdem zufriedenstellend gelingen, denn Fairness verlangt immer auch Verzicht, Entsagung, Nachgiebigkeit, Chancenteilung, Geduld und die Bereitschaft auf berechtigte Begünstigung, auf Rechte gelegentlich zu verzichten.

So etwas gibt es bei sexueller kommunikation nicht, jedenfalls lässt sich das nicht so einfach sozial herstellen. Sexuelle Kommunikation ist gleichsam das genaue Gegenteil von Fairness und ist gerade darum so schwierig wie interessant. Sexuelle Kommunikation geht nicht ohne Gier, ohne Verlangen und Begehren. Sexuelle Kommunikation ist ja gerade der Versuch, sich jeder Verhaltenskontrolle zu entziehen und trotzdem noch Kommunikation zu ermöglichen. Deshalb liegt man nicht ganz falsch, wenn man Sexualität als irgendetwas Tierisches beschreibt, wohingegen sportliche Fairness der Gipfel aller zivilisierten Verlässlichkeit ist.

Bei Fußballspielen unterliegen nun alle Beteiligten einer strengen Beobachtung durch andere, welche die Voraussetzung für eine optimale Verhaltenskontrolle ist: die Spieler auf dem Platz, die Schiedsrichter, Trainer, der ganze Betreuungsstab, die Organisatoren, aber auch die Zuschauer, die Reporter. Sogar Fernsehzuschauer ziehen es vor, Fußballspiele in Gruppen anzuschauen, in Kneipen oder sonst wo. Wenn beobachtbar wird, dass ein Spieler einen anderen anrempelt, foult, ihn mehr oder weniger verletzt, dann muss in jedem Augenblick erkennbar sein, dass es um Sport geht und nicht um etwas anderes wie z.B. eine agressive Handlung zur Abweisung des sexuellen Anliegens eines anderen. Das gleiche gilt für den Fall, dass sich Spieler anfassen, umarmen, küssen, sich beglückwünschen. Auch in solchen Fällen muss immer erkennbar sein, dass es sich nicht um sexuelle Kommunikation handelt.
Und solange Sport und Sexualtität von einander getrennt werden können, ist immer nur die Sportlichkeit des Kommunizierten erkennbar. Die umarmen sich nicht, weil sie sich begehren und sie treten sich nicht, weil sie sich hassen. Wenn aber sexuelle Kommunikation in einem solchen Kontext auch beobachtet werden kann, dann kann es mitunter schwer fallen, die Trennung von Sportlichkeit und Fairness zu vollziehen. Und um dieses Problem abzuwenden, erscheint es besser, gerade weil niemand eine souveräne Urteilskomptenz besitzt, diese Vermischung nicht vorzunehmen.

Jeder unterliegt der Beobachtung durch andere und niemand kann einseitig die Regeln festlegen, an die sich die Beobachtung zu richten hätte, was umso weniger geht, da die Aufdringlichkeit des körperbetonten Geschehens nicht beiseite geschoben werden kann.
Daher kommen diese Schwierigkeiten.  Diese Schwierigkeiten liegen begründet in der erfolgreichen Kommunikation von Sportlichkeit, die auf strenge Vermeidungsstrukturen angewiesen ist, damit sich erwartbar funktioniert. Und wenn solche Vermeidungsstrukturen dennoch vermieden werden können, dann nur unter ganz vielen Vorbehalten, die der Fußballer Hitzlsperger berücksichtigt. Erst nach Beendigung seiner Karriere kann ein solches Outing leichter fallen, aber auch dann noch ist das Irritationspotenzial nicht sehr gering.

Wer diese Schwierigkeiten nicht ernst nimmt, versteht weder etwas von Sportlichkeit noch von Sexualität.