Schwache Meinungen, Konkurrenz und Kontrolle 1

von Kusanowsky

Meinungskonflikte, gleich welcher Art und ganz unabhängig vom gewählten Thema, können einen Beobachter, der daraus klug werden will, nicht zu der Frage veranlassen, welche der vorgetragenen Meinungen die bessere ist. Denn wer so fragt und entsprechend antwortet, kann den Meinungskonflikt nur fortsetzen, weil nämlich keine der vorgetragenen Meinungen ihre eigene Dummheit oder Schlechtigkeit kommuniziert. Der Meinungskonflikt entsteht, weil sich die Beteiligten auf die Klugheit der eigenen und auf den den defizitären Charakter der anderen Meinung festlegen lassen. Machen die Beteiligen von diesem Beobachtungsschema Gebrauch, indem sie sich wechselseitig die Differenz zwischen guter Meinung und schlechter Meinung überhändigen und entgegen nehmen, strukturiert sich der Meinungskonflikt entlang dessen, was er zu vermeiden vorgibt: die Suche nach dem besseren Argument, die auf der anderen Seite die Vermeidung schlechter Argumente in Aussicht stellt, provoziert immer nur weitere schlechte Argumente, die wechselseitig als Vorwürfe mitgeteilt werden und damit den Anspruch erneuern, das bessere Argument zu bevorzugen, ohne diesen Anspruch gleichwohl zu erfüllen. Vielmehr zeigt sich, dass es nur darum geht, diesen Anspruch zu äußern, denn da, wo er erfüllt wird, gibt es für einen Meinungskonflikt keine geeigente Ausgangssituation und kann nicht fort geführt werden. Denn sollte ein besseres Argument gegen alle Wahrscheinlichkeit dennoch gefunden werden, so wird man kaum jemanden finden, den das besonders interessiert, weil damit ja keineswegs alle Widerspruchsmöglichkeiten ausgeräumt wären.

Auf diese Weise kontrolliert sich die Kommunikation selbst, behält sich unter Selbstkontrolle und erzeugt einen passenden Konformitätsdruck, solange nur immer Bereitschaft erwartbar wird, dass sich genügend Beteiligte diesem Konformatitätsdruck nicht entziehen.

Warum geschieht das eigentlich? Was bewirkt die Wertschätzung von Meinungskonflikten? Warum hören die Beteiligten nicht damit auf, wenn nach Ablauf von etwas Zeit absehbar wird, dass diese Konflikte keine logische Grenze finden, durch die sie ihre Haltbarkeit verlieren? Die Antwort lautet, dass die Haltbarkeit solcher Konflikte gerade darum gelingt, weil sie keine Logik haben, jedenfalls keine zweiwertige Logik, aber Zweiwertigkeit als Konfliktlösung in Aussicht stellen, obgleich Erwartungen auf Zweiwertigkeit diese Konflikte anfeuern und nachhaltig fortsetzen. Es gibt sogar Meinungskonflikte, die sich über Generationen hinweg erstrecken und trotzdem noch auf Erwartungen der Fortsetzbarkeit treffen. Ein Beispiel dafür wäre der Antisemitismus-Streit, der in seiner heutigen Dareichungsform auf das Jahr 1879 datiert. Damals ereignete sich der sog. Berliner Antisemitismusstreit, der gleichsam die Blaupause für alle folgenden Etappen in diesem Konfliktgeschehen bildete.

Fortsetzung folgt.

 

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