Differentia

Monat: Dezember, 2013

Normale Merkwürdigkeiten

Die Quelle dieser Mitteilung ist eindeutig zu verstehen. Es geht darum, sich den Selbstverständlichkeiten des Alltags zu verweigern. Man könnte so etwas als harmlose Marginalität, als phathische Kommunikation abtun, indem man so etwas als Gerade und Geschreibe apostrophiert, das die Funktion erfüllt, nur das Gerede und Geschreibe besinnungslos fortzusetzen. Zweifellos dürfte der größte Teil all dessen, was bei Twitter zur Kommunikation vorgeschlagen wird, die Funktion der phatischen Kommunikation erfüllen. Man twittert irgendwas um zu schauen, ob dann irgend etwas weiteres passiert, das genauso belanglos ist. Twitter ist weitgehend Kommunikation von Prokrastination, oder jedenfalls ist es Versuch, solches zu kommunizieren.

Tatsächlich handelt es sich bei der Mitteilung aber um einen Kommunikationsvorschlag, der etwas anderes zur Beobachtung freigibt. Es geht nämlich darum, einen Standpunkt zu finden, von dem aus gesehen etwas, das man jederzeit und überall feststellen kann, gar nicht mehr so normal erscheint, wenn man etwas Normales von seiner Möglichkeit subtrahiert, normal zu bleiben, wenn man es nicht mehr als normal betrachten will.

Natürlich weiß der Aufschreiber dieser Mitteilung, warum manche Menschen immer ein Fahrrad dabei haben, wenn sie den Bus besteigen. Der Grund dafür dürfte kein anderer sein als der, den andere Menschen haben, wenn sie einen Raum verlassen und Licht ausmachen. Wer sollte einen Grund haben, das Licht anzumachen, wenn es keiner ausmacht? Wie könnte man eine Vorrichtung erfinden, um Licht zu erzeugen, wenn es irgendwo dunkel ist? Die Welt an sich ist weder hell noch dunkel, sondern muss sowohl hell als auch dunkel gemacht werden können, damit man auf die Idee kommen kann, das Licht ein- oder auszuschalten. Es ist ja nicht normal Licht zu benutzen. Normal ist das nur dann, wenn man meint, es ginge nicht anders.
Aber natürlich geht es auch anders, indem man beispielsweise den Hund füttert oder schlafen geht oder Wasser kocht.
Entsprechendes gilt auch für die Fahrradmitnahme im Bus. Denn erst, wenn man so etwas versucht, könnte man auch versuchen, einen Kinderwagen mit in den Bus zu nehmen oder einen Koffer. Manche kommen sogar auf die Idee, völlig bekleidet in den Bus zu steigen, obgleich das gar nicht Not tut. Es geht auch nackt. Der Einwand, dass es im Bus kalt sei, weshalb Kleidung vonnöten sei, ist unvöllig unplausibel. Beispiel: Nordpol! Da geht normalerweise keiner hin, weil es kalt ist und nicht, weil dort kein Bus fährt, in den man, um ihn zu benutzen, bekleidet einsteigen müsste.
Nicht weil es am Norpol kalt ist, gehen dort die Menschen bekleidet hin. Denn bekleidet kann man überall hingehen, z.B. in die Sauna: die Menschen gehen doch nicht in die Sauna, um sich auszuziehen, sondern um zu schwitzen, weshalb sie ihre Kleidung genauso anbehalten könnten. Denn auch bekleidet kann man in der Sauna tüchtig schwitzen, weshalb man die Kleidung logischerweise im Bus genauso gut ausziehen könnte. Denn den Bus besteigt man normalerweise nicht um zu schwitzen, wie man ja auch das Fahrrad zuhause lassen könnte oder einen Koffer oder einen Elefanten. Was die meisten übrigens auch tun: selten sieht man Leute, die ihren Elefanten mit in den Bus nehmen.

So stellt sich also die Frage, ob all die anderen Leute, die kein Fahrrad mit in den Bus nehmen möglicherweise dies aus dem gleichen Grunde tun wie diejenigen, die ihren Elefanten zuhause lassen. Sie tun dies, weil sie nicht so gern schwitzen.

Der Grund, warum manche Menschen ihr Fahrrad mit in den Bus nehmen hängt wahrscheinlich mit Norpol, Sauna und Elefanten zusammen. Man muss nur darauf kommen, was so einfach nicht ist, solange alles mit allem zusammenhängt.

 

Das enigmatische Spiel der #Wissenschaft 4 #intelligenz #ki

zurück / Fortsetzung:  Der springende Punkt im Verhältnis von Denkbarem und Machbarem ist die Frage, auf welcher Seite dieser Gegenüberstellung ein mehr oder weniger an Komplexität möglich ist. Begonnen hatte die Forschung mit der Annahme, dass der Bereich des Denkbaren immer größer sei als der Bereich des Machbaren, woraus sich die Vorgabe abgeleitet hatte, dass nur Machbares verlässlicherweise darüber Auskunft gibt, womit man in der Wissenschaft zu rechnen hätte. Die Vermutung bestand immer darin, dass die hypothetische Rede einfacher ist als davon unterscheidbares Handeln, nämlich Werk-Handeln (Basteln, Werkeln) im Unterschied zum Rede-Handeln; entsprechend wurde die Priorität auf das Machbare gesetzt: als empirisch wird das bezeichnet, was machbar ist und zwar deshalb, weil dies als unwahrscheinlicher, als schwieriger betrachtet wurde.

Für den Fall der KI-Forschung, insbesondere für den Fall hoffnungsgestüzter Antriebe zur Forsetzung der Forschung, scheint mir inzwischen aber umgekehrte Fall vorzuliegen, dass sich nämlich durch die Komplexität der Forschung und durch den Fortschritt ihrer Ergebnisse längst herausgestellt hat, dass der Möglichkeitsraum, der sich aus dem Machbaren ergibt, größer eingeschätzt wird als derjenige, der sich aus dem Denkbaren ableiten könnte. Das kommt einerseits daher, dass der Bereich des Denkbaren so weit ausgedehnt wurde, dass besonders interessante, waghalsige oder skurrile Visionen kaum noch ins Gewicht fallen, andererseits aber deshalb, da die Rede vom vollzogenen Fortschritt die Möglickeit nahelegt, dass vieles von dem was ehedem in Science-Fiction ersonnen wurde, tatsächlich machbar geworden ist, woraus sich ganz kinderleicht folgen lässt, dass vieles andere genauso gut machbar sein müsste.
Müsste daraus nicht eigentlich folgen, dass sich nun das Machbare dem Denkbaren unterzuordnen hätte? Weil der Bereich des Denkbaren derjenige geworden ist, der weniger Möglichkeiten zulässsig macht und darum schwieriger und unwahrscheinlicher geworden ist. Aber warum wird nun das Denkbare nicht dem Machbaren untergeordnet?

Vordergründig könnte das damit zusammen hängen, dass dies mit der Systemreferenz „Technik“ nicht zu vereinbaren ist. Aller Technikgebrauch verlangt immer kapitalintensive Investitionen, die eine nachhaltige Betreuung erfordern. Die entsprechenden Anlagen, Einrichtungen, Werkstätten und Laboratorien lassen es nicht zu, ihren Gebrauchswert geringer zu schätzen, wenn die Anzahl möglicher Erfindungen rasant anwächst.

Vielleicht liegt aber auch eher die Vermutung nahe, dass der Bereich des Denkbaren, anders als ich zuvor behauptet hatte, tatsächlich immer schon der Schwierigere gewesen ist. Die hypothetische Rede ist tatsächlich sehr viel anstrengender als das Werk-Handeln und aus diesem Grunde wird in der KI-Forschung eine Erwägung epistemologischer Konsequenzen vermieden. Ähnliches gilt vielleicht auch für die Hirnforschung. Durch Rede (was vielleicht auch für das Schreiben gilt) kann das Scheitern von Argumenten angeblich leichter verschleiert werden, aber gerade weil das so ist, ist das hypothetische Reden deshalb schwerer, wenn die Selektion brauchbarer und testbare Hypothesen unter die Bedingungen von sozial gestreuter Entropie gerät.
Viel einfacher scheint es in der Wissenschaft daher zu sein, die epistemologischen Konsequenzen zu vermeiden, weil epistemologische Einwände, da sie niemals ohne Selbstreferenz auskommen, das Werk-Handeln erschweren.

Fortsetzung folgt.

%d Bloggern gefällt das: