Post-Privacy ist ein unverzichtbares Übertreibungsphänomen @gorgonobserver @kadekmedien
von Kusanowsky
Wer sich für die Funktionsweise von sozialen Systemen interessiert kann es nicht einfach dabei belassen, ihnen und den von ihnen eingefangenen Menschen Verrücktheit zu attestieren. Denn was wäre für den Fall, dass man zwar die Verrücktheit, den Wahn, die Abseitigkeit sachlich und überzeugend dargelegt hat; es schließlich – wie @gorgonobserver in dem angezeigten Arikel dies tut – auch nicht versäumt hat, gut gemeinte und verständige Vermeidungsratschläge zu erteilen und dennoch feststellen muss, dass sich an diesen Verrücktheiten gar nichts ändert? Das lässt den Schluss zu, dass entweder die Verrücktheit gar nicht zutreffend beschrieben wurde oder, dass die Verrücktheit zwar treffend beschrieben wurde, sie aber ihrerseits auf eine andere Verrücktheit trifft, nämlich auf die Verrücktheit derjenigen, die meinen, sie könnten über die Verrücktheiten anderer besser und zuverlässiger informiert sein als diese über sich selbst.
Eben dies ist der Denksport-Fehler von @gorgonobserver. Er weiß es nur besser, aber eine bessere Position der Urteilsbildung hat er nicht, da er nicht bemerkt, dass diese ganze Post-Privacy-Diskussion auch nur eine ganz normale Besserwisserei ist. Es geht dabei nur um die Rechtfertigung für eine Position des besseren Wissens und dies unter der Voraussetzung, dass gerade aufgrund der in dieser Diskusssion zirkulierenden Differenzen eine bessere Position gar nicht mehr reflektierbar ist. Ein bessere Postion, die also Privilegien des Exkludierens unerwünschter, weil nicht passender Beiträge in Anspruch nehmen kann – eine Position, die also in eigener Sache zu ihrem Vorteil richten könnte, ist ja nicht mehr möglich. Alle publizieren alles und keiner kann das verhindern und keiner will das.
Die gegenteilige Möglichkeit bestimmte im Prototyp des faustischen Gelehrten die Differenzierung eines Systems der Wissensproduktion. Der faustische Gelehrte sah sich selbst das exklusionsfähige- und exklusionsberechtigte Genie, das eigenmächtig und autonom darüber befinden könnte, was der Gewinnung einer Disziplin zuträglich ist und was nicht. Der Differenzierungsprozess hat diese Imagination von Genalität nun gar nicht abgeschafft, sondern trivialsiert, sie auf alle Beteiligten mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit sozial gleich verteilt. Moderne Systeme der Wissensproduktion haben diese faustische Genialität kolossal trivialisert und an sich gebunden und sorgen nun dafür, dass Trivialgenies auf Trivialgenies treffen, von denen jeder eine eigene, eine bessere, eine exklusive Urteilsposition behaupten kann. Und da dies jeder kann, geht es nicht mehr.
Also müsste man doch die Beobachtungsperspektive ändern und fragen, warum es trotzdem weiter geht, wenn es nicht mehr weiter geht? Der Grund scheint mir zu sein, dass erstens auf diese Weise überhaupt erst dieser historische Differnzierungsprozess für die ganze Gesellschaft in Erfahrung gebracht wird, dass also erst so gelernt wird, worin eigentlich Problem besteht; und dass zweitens, was speziell für den Fall dieser intellektuell mageren post-privacy-Diskussion gelten mag, das Problem auf dem Umweg der anfänglichen Akzeptanz von Unmöglichkeiten seine möglichen Lösungen sucht.
Denn wenn auch @gorgonobserver Recht haben mag mit dem Argument,
dass niemand anderes in den eigenen Kopf hineinschauen kann, selbst wenn man von anderen beobachtet wird. Es gibt also immer noch einen Bereich uneingeschränkter Privatheit. Den entdeckt man aber erst, wann man auch mal sich selbst beobachtet. Dann entdeckt man auch, dass die Öffentlichkeit nicht ganz so total ist, wie man vielleicht glaubt.
so erklärt das eben nicht den Widerwillen, solche Argumente ernst zu nehmen. Da nun allein die Systeme, sofern sie Kommunikation erzeugen, über sich selbst irrtiert sind und nicht alles andere, muss gefragt werden, warum Unmögliches als Möglichkeit für die Kommunkation irritabel wird.
Die Antwort könnte lauten: diese post-privacy-Diskusison ist die Lösung für das Problem der Rechtfertigung einer Publikationspraxis unter der Voraussetzung der Internetkommunikation, die es möglich macht, dass Öffentlichkeit immer schwerer herzustellen ist, wenn niemand mehr daran gehindert werden kann, sich an ihrer Herstellung zu beteiligen. Denn diese Art der Kommunikation potenziert die Aufmerksamkeitsdefizite massenmedialer Kommunikation ins Unvorstellbare. Und damit dennoch Anschlussfindung geschieht müssen geeignete Übertreibungsphänomene konstruriert werden, die im Selektionsgeschehen von Informationsverarbeitungsprozessen immer noch Focussierung, Themenfindung, Personenbeteiligung, Thesen, Argumente und eventuell Kompetenz hervorbringen, weil in solchen Fällen Öffentlichkeit vielleicht noch gefunden werden könnte. Jedenfalls muss es ausprobiert werden um zu testen, ob es geht. Es geht gleichsam um eine Art „Marktschreier-Effekt“, mit dem die Aufmerksamkeitsdefizite der massenmedialen Sinnproduktion überbrückt werden.Verständige Argumente, die empfehlen, darauf zu verzichten, nutzen, wenn sie sich als anschlussfähig erweisen, entsprechend nur parasitär die Verminderung von Aufmerksamkeitsdefiziten, weil sie selbst dazu nur wenig beitragen können.
Andere solche Übertreibungsphänomene sind: Massenabmahnungen, Totalüberwachung, Internetrollerei u.a.
Die Utopie von post-privacy wird sich nicht erfüllen. Ganz im Gegenteil, denn der Raum des Unzugänglichen weitet sich immer mehr aus. Wie man weiß hat die moderne Gesellschaft den privaten Raum als Imagination von Freiheit erfunden, als ein Raum, in dem man sich alles Störende vom Hals halten kann. So wie die ersten Mauern, die zwar älter sind als die moderne Gesellschaft, regelmäßig primär mit einer Schutzfunktion vor Wetter, Tieren, Dieben, Feinden (“Burg” und “Nest”) verbunden waren. Der private Raum scheint zudem ursprünglich mit “ich” und Sexualität verbunden zu sein und hat ansonsten nur diverse historische und kulturelle Stufen durchlaufen. Selbst in stark kollektivistischen Gesellschaften findet sich immer auch die “Imagination der Privatheit”, am doktrinärsten ist diese Privatheit in streng islamischen Gesellschaften ausgeprägt, wenn Frauen sogar in der Öffentlichkeit von Sichtschutz ummantelt sein müssen (da hat man auch den Hauptgrund für das Bedürfnis nach Privatisierung der Sexualität bzw. von Familien). Die neuere und sehr europäische Auffassung von Privatheit als Platz für Selbstbestimmung (“mein Zimmer”) hat dann etwas mit dem Aufstieg der Imagination der “Autonomie des Subjekts” zu tun, wofür die Künstler quasi die Avantgarde und Explorer waren, die Besitzenden kamen dann hinterdrein. Der zweite archaische Strang für den Bau von Mauern war der Schutz von Macht und geplante Außenwirkung. Vermögende Bürger haben deswegen immer fleißig den Imperialstil der Paläste im Kleingartenformat nachgebaut, sogar mit Türmchen und antiken Säulen – es ging um Repräsentativität, das heißt gerade nicht um Abschottung, sondern um außen sichtbar zu machen, was sich drinnen abspielt. Dabei ware gerade den Bürgern klar, dass nicht Mauern frei machen, sondern nur das Geld in den Mauern, darüber haben sich höchtens ein paar Dichter getäuscht.
Der “ausreichende Lebensraum” genießt in Europa schon beinahe Menschenrecht und wird auch von Post-Privacy-Herolden nicht aufgegeben. Statistisch gesehen weitet sich der Platz sogar immer mehr aus. Das Recht auf den “eigenen Bildschirm” dürfte auch bald als “unverzichtbarer Bestandteil der eigenen Lebensführung” Verfassungsrang bekommen, obwohl der Screen heute schon fast regelmäßig eine Kamera auf den Betrachter richtet und damit die ehedem blickdichte Privatsphäre rund um die eigene Lebensführung zum Sieb macht. Die “Imagination der Freiheit” dauert an, weitet sich sogar aus – ganz egal ob die sogenannte “Privacy” freiwillig aufgegeben oder technisch aufgelöst wird bzw. sich als Ideologie, ein ganz eigener “einmaliger” Mensch zu sein, selbst enthüllt.
Ich denke auch, des Jammerns sollte es nun bald einmal ein (gutes) Ende haben:
Wir leben nun einmal alle nicht mehr in einem bornierten und adelsbetonten GESTERN ! Und das ist auch gut so !
Wir modernen Internetmenschen, wir wollen uns von nun niemandem mehr irgend etwas vorschreiben odet auch nur vordenken lassen. Wenn es irgendwo und irgendwann etwas neu zu regeln gibt oder eben geben sollte, dann seid nicht alle so verzagt, denn: WIR WERDEN UNS SCHON RECHTZEITIG & und vor allem Pragmatisch ETWAS EINFALLEN LASSEN !
Davon dürft ihr nun alle schlicht und ergreifend überzeugt sein !
@martin – Das Problem des Datenschutzes ist die private Freiheit der Verkapitalisierung des Internets. Es wird kaum im Interessensbereich der Datenschützer oder Diebe liegen diese Illusion anzuerkennen. Wäre es als Illusion erkannt, entuppte sich auch die Überbewertung der Daten, folgenreich natürlich für einige. Ein kleines bisschen technisches Know-How würde sicherlich einige dieser Dämonen vertreiben können und den Schrecken vor Datenmissbrauch entschärfen.Vor allem wenn man anerkennt, dass die eigenen Daten nicht allzu wichtig sind, da das Internet eine freiheitliche Plattform bleiben wird, jeder also im eigenen Ermessen und auf eigene Gefahr darin handelt. Mit den Smartphones hat sich der Datenschwerpunkt etwas verlagert, so dass der Fokus eher auf Daten dieser Nutzer ist. Dort tendiert ja sowieso alles in eine kommerzielle Richtung mit gewissem Einverständnis des Nutzers. Wenn das so ist, stellt sich die Frage nach den Durchsetzungschancen, die eine kapitalistische Verwertungswirtschaft noch hat, wenn es ihr immer schlechter gelingt, den Ausnahmefall von Tauschbeziehungen (Ware gegen Geld) als allgemeinen Fall zu behandeln. Schon Dienstleistungen gegen Geld anzubieten wird immer schwieriger, weil Dienstleister keine pfändbaren Güter produzieren, damit auch keine Sicherheiten für Kredite herstellen. Der Kapitalismus ist aber auch Wachstum angeweisen, was immer auch heißt: Kreditwachstum. Kredit vergeben heißt Sicherheiten hinterlassen. Sicherheiten hinterlassen heißt, etwas hergeben, über das andere verfügen dürfen.
Nur mal so zum Drübernachdenken.
Ach was. Deine These findet in der Realität derartig viele Gegenargumente, dass man kaum weiß wo man anfangen soll. Fast alle entwickelten Länder haben längst auf Dienstleistung umgestellt. Bestes Beispiel: Atomenergie – abgesehen davon, dass es bekanntlich einigen Industrieländern auch ohne Kernernergie ganz gut geht, ist ja das in BIP gemessene Wachstum immer weniger mit Industrieproduktion gleichzusetzen. Wer arbeitet denn noch in der Fertigungsindustrie? In den USA sind es kaum noch 11 % der Arbeitnehmer, bei uns auch schon unter 20%. Natürlich brauchen moderne Gesellschaften reichlich Energie, aber offenkundig nicht so viel, wie sie verbrauchen. Das kommt vom Dienstleisungsgewerbe. Alle arbeiten daran, weniger Strom zu verbrauchen – mit der Ausnahme von 2 Partizipanten: Stromkonzerne und die Mehrheit der Endverbraucher sträuben sich.
Die Unternehmen sind beinahe panisch dabei, den Stromverbrauch zu senken – gehe und guck einfach mal rein in die Umweltberichte – während sie wachsen und teilweise auch um überhaupt wachsen zu können. Stromsparen setzt benötigtes Kapital frei.
Seit der Privatisierung der Stromkonzerne gibt es “Player” im Markt, deren Existenzziel für sich als Unternehmen im Wachstum des Stromverbrauchs liegt: Die Stromzentralen wollen immer mehr Strom verkaufen. Wofür ist eigentlich egal – Elektrofahrrad, Wäschetrockner, Stand-by-Quatsch, elektrische Garagentore, elektrische Jalousien etc ad infinitum mit dem Elektroauto als die derzeitige Lieblingsutopie der Konzerne. Dem entsprechend sind sie um ihren Schlaf gebracht, wo immer über die Dezentralisierung der Stromproduktion nachgedacht wird (zurück zu den Anfängen, denn ursprünglich hatte jede Straße sein kleines Kraftwerk).
Bei der Dezentralisierung tut sich aber immer mehr. Jetzt kommen z.B.: Intelligent zusammengeschaltete Notstromaggregate der Krankenhäuser, Solarmodule die direkt für den Eigenverbrauch produzieren, Kraftwärmekopplungsmodule für den Heizungskeller auf Basis von Gas oder sogar Wasserstoff etc. Da ist sehr viel unterwegs und da wird übrigens auch kräftig Kreditgeld investiert.
Zurück zum Thema, weil ich etwas fragen und ergänzen will. Ein privates Geheimnis gilt als geheim ab welchem Zeitpunkt, unter welchen Prämissen? Ich, als Normalbürgerin, würde sagen, das meine privaten Angelegenheiten so geheim sind, dass davon vielleicht sogar nur eine Person weiß. Nun dürfte es schwer sein, zu verifizieren, ob das Geheimnis aber auch eines ist, das stimmt.
Denn Geheimnisse auch erfunden. In den Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes gibt es viele geheime Informationen, die einfach erfunden sind. Und welche, die es nicht sind?
Noch eine Frage: Manchmal vergesse ich zum Beispiel meine Passworte, die sind so geheim, dass sie nur in meinem Kopf gespeichert sind. Und ich wünschte, ich hätte dann ein persönliches wikileaks.
Außerdem interessieren mich so viele Details und Geheimnisse persönlich nicht. Die meisten Geheimnisse, mit denen ich konfrontiert werden könnte, müsste ich mir erst durch Vertrauensaufbau zu bestimmten Personen zugänglich machen. Dass das mit Technik viel einfacher gehen soll, bezweifle ich mal.
Gruß Thea
@Thea Schulze
Ich nehme an, dass alle Wahrnehmung, wenn auch als Voraussetzung notwendig, für alle Kommunikation unerreichbar ist. Das ist eine Grundaussage des Konstruktivismus. Vielen wird nicht bewusst sein, dass ihre private Wahrnehmung keiner allgemeingültigen Wirklichkeit entsprechen kann und dass technische Abbilder nicht die Wirklichkeit wiedergeben können. Sinnesorgane (oder Technik und Algorithmen) und Interpretation stehen dem im Weg. Die Schlussfolgerung daraus, dass niemand je sein wahres Gesicht sehen kann, ist für viele sicherlich unangenehm und die Forderung nach einer Theorie, die die Verwechslung von Abbild, eigener Wahrnehmung und Wirklichkeit sauber darlegt, müsste sich irgendwann mal verbreiten. Dass der Begriff “Gesichtserkennung” demnach auch nicht der richtige für eine Ansammlung von Algorithmen sein kann, folgt unmittelbar daraus, denn das wahre Gesicht, bleibt man bei einem konstruktivistischen Standpunkt, ist niemals erkennbar. Die eigene Privatheit auch nicht.
Bei der Gesichtserkennung mag man den Algorithmen von Facebook und Google mehr zugestehen, als sie tatsächlich vollbringen können. Dennoch nehmen Menschen (Ab)Bilder als Teil ihrer eigenen Wirklichkeit wahr und verknüpfen sie mit Personen. Zwar mag das Abbild nicht das wahre Gesicht zeigen, dennoch interpretiert jeder eine weitere Bedeutung hinzu, nämlich, dass das Gesicht (ohne den Anspruch auf Wahrheit) einer Person gezeigt wird, die dem Bild nach subjektiver Wahrnehmung ähnelt. Es entstehen Verknüpfungen und Überschneidungen in den Wirklichkeiten verschiedener Menschen. Und ob wahr, wirklich oder subjektiv: Digitale Abbilder werden mit realen Personen in Verbindung gebracht, jenseits von konstruktivistischer Wahrheit, sondern in einer für viele sehr realen sozialen Wirklichkeit.
Als creepy wird hier nicht die Irritation darüber empfunden, was zwischen Abbild und eigener Wahrnehmung noch Wirklichkeit ist. Gruselig ist die Tatsache, dass das technische Verfahren nur das Problem löst, das durch ein anderes technisches Verfahren hergestellt wird, dass man nämlich Bilder erzeugen kann, die Wahrnehmung kommunizieren, ohne, dass diese Kommunikation wahrgenommen werden könnte. Die kommunikative Dimension von Bildern wird durch Gesichtserkennungsverfahren auf ein bisher nicht dagewesenes Maß verstärkt. Und dass diese Kommunikation durch getaggte Bilder die Kommunikation der getaggten Person übertönen könnte, dass sich andere eine Vorstellung meiner selbst konstruieren, auf die ich noch weniger Einfluss als bisher hatte – das ist, was an Gesichtserkennung als gruselig empfunden wird. Aus konstruktivistischer Sicht vernachlässigbar – denn danach gibt es ohnehin keine allgemeingültige Wirklichkeit. Die Vorstellung, dass kein Bild jemals mein wahres Gesicht zeigt, mag vielleicht sogar tröstlich sein. Die alltäglichen Konsequenzen, die sich daraus ergeben können, lassen das aber schnell wieder vergessen.
Alle Mutmaßungen über die Konsequenzen stehen daher generell unter der Voaussetzung, dass all das gruselig ist, wenn sonst alles so bleibt wie es ist. Aber daran könnte man zweifeln, indem man sagt: eine Konsequenz solcher Verfahren ist, dass ihre Konsequenzen nicht absehbar sind. Wenn sich etwas Entscheidendes ändert, ändert sich alles. Ändert sich aber kaum etwas hat man es auch nicht mit etwas Entscheidendem zutun.
„denn das wahre Gesicht, bleibt man bei einem konstruktivistischen Standpunkt, ist niemals erkennbar.“
Die größte Schwierigkeit des Konstruktivismus scheint mir zu sein, du sagst es selbst, dass es kaum möglich dünkt, „bei seinem Standpunkt zu bleiben“, und die Pluralität der Standpunkte, die er selber verheißt, in den Wind zu schlagen, indem man trotz allem an ihm festhält. Denn er steht ständig in der Versuchung, über sich selbst hinaus zu treiben oder hinter sich zurück zu fallen.
Das Wahre ist niemals erkennbar, so bleibt zweifelhaft, ob das Wahre wahrlich niemals erkennbar ist und ob die Unerkenntbarkeit des Wahren wirklich wahr ist. Wer wollte es erkannt haben?
Diese Unentscheidbarkeit kann nicht ausgehalten werden, darum weiß der Konstruktivist, dass Stabilität und letztinstanzliche Beobachtungssouveränität verlangen, daraus eine neue Gewißtheit zu schmieden, die klar und deutlich Evidenz und Letztplausibilität vorgaukelt.
„bleibt man beim konstruvistischen Stanpunkt“, hat man ihn schon verraten.
„Als Privatsphäre bezeichne ich das Milieu (Um-Welt) einer Person, das dadurch bestimmt ist, dass dessen Grenze verletzt wird, wo andere Personen innerhalb dieses Milieus “Daten erheben”, die sie auf Anfrage nichtprivatsphaere bekommen würden.“
Als Privatsphäre würde ich die Grenze der Preisgabe von Informationen bezeichnen, die gezogen wird, sobald ein Beobachter die Preisgabe aller Informationen über ihn für einen anderen Beobachter in Aussicht stellt, wenn die Bedingung erfüllt wird, dass der andere mitteilt, wer er ist und warum er die Preisgabe fordert. Wird in einem bestimmten Fall diese Antwort verweigert, aber trotzdem Auskunft begehrt und erlangt, so handelt es sich um eine Verletzung der Privatsphäre desjenigen, der wissen will mit wem er es zu tun hat ohne darüber Auskunft zu erhalten. Die Verweigerung der Auskunft über die Gründe für die Neugier bei gleichzeitiger Befriedigung derselben ist ohne Gewalt nicht möglich.
Privatsphäre ist nicht irgendwas, worüber in einem Lexikon etwas geschrieben steht, sondern ist ein Beobachtungsverhältnis der Behandelbarkeit von Informatonspreisgabe bzw. Informationszurückhaltung. Privat ist nicht das, worüber eine individuelle Meinung vorliegt, sondern etwas, das geschützt zu werden verlangt, sobald sich ein Informationsnachfrager schützen will, weil er nicht zur Auskunft gibt, wer er ist und warum er dieses oder jenes wissen will.
Privatsphäre wird erst im Augenblick ihrer Verletzung als etwas zu Schützendes offenbar. Die Verletzung besteht darin, eine Asymmetrie des gegenseitigen Informiertseins zu erhalten, zu bewahren und wenn es sein muss diese mit Gewalt zu verteidigen.
Die Verletzung besteht nicht darin, etwas Geheimes zu offenbaren, sondern darin, bei Offenbarung von Information eine weiter (oder andere) zu unterdrücken, nämlich die Information über den Grund für diese Offenbarung.
Privatheit hat deshalb nicht zuerst etwas mit Geheimnissen zu tun, sondern mit Verdacht: was willst du von mir wissen, wer bist du und warum willst du mir diese Fragen nicht beantworten bevor du wissen kannst was du wissen willst?
Mag sein, dass ich das nicht recht verstanden habe, entweder habe ich nicht verstanden, was gemeint ist, oder ich versteh das Gemeinte nicht. Am Beispiel: Es kommt ein (echter, ausweisbewehrter) Polizist an meine Haustür und sagt ganz genau, wer er ist, und dass er mein Schlafzimmer durchsuchen will. Er sagt auch, warum, beispielsweise dass er dort ein Maschinengewehr zu finden glaubt.
Das sehe ich als Angriff auf meine Privatsphäre, mein Schlafzimmer geht ihn gar nichts an. Mir ist einerlei, ob er sich jetzt mit Gewalt Zutritt verschafft oder ob er am nächsten Tag eine von mir nicht bemerkte, heimliche Spionage macht.
Wer immer ohne meine Einwilligung mein Schlafzimmer betritt, verletzt meine Privatsphäre.
Ja. Und weiter?
es geht hier nicht weiter, sondern zurück zu Deinem
„Privatheit hat deshalb nicht zuerst etwas mit Geheimnissen zu tun, sondern mit Verdacht: was willst du von mir wissen, wer bist du und warum willst du mir diese Fragen nicht beantworten bevor du wissen kannst was du wissen willst?“
Eben. Um diesen Punkt geht es. Nicht die Bewahrung eines Geheimnisses ist das was dich dazu bringt, den Eintritt lieber zu verwehren. Warum solltest du nicht die Bereitschaft haben, jemandem Eintritt in dein Schlafzimmer zu gewähren? Es geht nicht um die Sache, sondern um die Bedingungen.
ahh … dann ist mein Beispiel doch schlecht (für mich), weil ich daran den von Dir gemachten Unterschied nicht erkennen kann: Ich will nicht, dass jemand (ob bekannt oder nicht) „Daten in meinem Schlafzimmer erhebt“ (Augenschein nimmt). Jedes Datum dort ist „privatsphärisches“ Geheimnis.
Natürlich darf meine Frau ins Schlafzimmer, weil sie dort „Daten erheben darf“. Die Bedingung ist bei jedem Geheimnis, wer darf es wissen.
genau. Deshalb hatte ich ja geschrieben: „Als Privatsphäre würde ich die Grenze der Preisgabe von Informationen bezeichnen, die gezogen wird, sobald ein Beobachter die Preisgabe aller Informationen über ihn für einen anderen Beobachter in Aussicht stellt, wenn die Bedingung erfüllt wird, dass der andere mitteilt, wer er ist und warum er die Preisgabe fordert. Wird in einem bestimmten Fall diese Antwort verweigert, aber trotzdem Auskunft begehrt und erlangt, so handelt es sich um eine Verletzung der Privatsphäre desjenigen, der wissen will mit wem er es zu tun hat ohne darüber Auskunft zu erhalten.“
Ich würde noch mal anders so formulieren: selbstverständlich bist du bereit jeden in dein Schlafzimmer zu lassen, aber nicht unter jeder Bedingung. Das Charakteristikum der Polzei ist, dass sie die Bedingung stellt, die du zu erfüllen hast und nicht so einfach bereit ist, Bedingungen, die du stellst, zu erfüllen. Und erst dann, wenn das geschieht, ereignet sich Privatsphäre. Privatsphäre ist nicht einfach etwas schlechthin Gegebenes, Seinendes, Vorhandenes, Gewärhleistetes, sondern etwas Hergestelltes, das eine reale Bestimmbarkeit dadurch gewinnt, dass es verletzt, ignoriert, verhindert und vermieden wird. Auf Verhinderung wird dann mit Verhinderung reagiert, weil immer auch Gefahr im Spiel ist. Deshalb entsteht Privatsphäre als eine Vermeidungsstruktur, die keine Selbstverständlichkeit hat.
ööhh … ich glaube, wir sehen das sehr ähnlich, ich find nur Deine Formulierungen etwas umständlicher als meine (was ja auch nicht sehr erstaunlich ist 🙂
Hast Du bei mir etwas anderes gelesen? Ich schreib doch auch, dass ein anderer Daten wollen muss, damit die Privatsphäre entsteht …
In Deinem:
„Wird in einem bestimmten Fall diese Antwort verweigert, aber trotzdem Auskunft begehrt und erlangt, so handelt es sich um eine Verletzung der Privatsphäre desjenigen, der wissen will mit wem er es zu tun hat ohne darüber Auskunft zu erhalten“
scheint mir aber etwas schief. Der Polizist sagt mir ja, wer er ist und warum er in mein Schlafzimmer will und ich will ihn trotzdem nicht reinlassen.
„Der Polizist sagt mir ja, wer er ist und warum er in mein Schlafzimmer will und ich will ihn trotzdem nicht reinlassen.“
Das liegt daran, dass du einen Grund zum Verdacht hast. Dein Verdacht ist: du bist unvollständig informiert, jedenfalls weißt du nicht, ob du vollständig informierst bist und hast kein Recht auf Gewalt. Die Polizei mag auch unvollständig informiert sein, aber darf zu Gewaltmaßnahmen greifen. Das ist der Grund. Du bist unvollständig informiert und kannst unter der Bedingung einer Asymmetrie der Verfügung über die Legitimität von Gewalt nicht so einfach Vertrauen fassen. Aus diesem Grund verlangt die Polzei auch kein Vertrauen, sondern verschafft sich einfach Zutritt, weil sie die Verhandlung über die Bedingung allein unter ihre Bedingungen stellt.
Die schädlichen Folgen dafür liegen meistens allein auf deiner Seite. Die Polizeit hat viel bessere Möglichkeiten sich den konsequenzen ihres uneechtmäßigen Handelns zu entziehen.
Das liefert uns das Recht, gegen die Polizei misstrauisch zu sein, was übrigens die Polizei nicht stört.
ok, Deine Erwägungen über meine Verdächtigungen und über mein nicht genügendes Informiertsein stören mich auch nicht sonderlich, ich find sie einfach überflüssig und in meinem Fall nicht zutrefend. Ich lasse fremde Leute, ob sie Polizisten sind oder nicht, einfach nicht in mein Schlafzimmer. Ich brauche dafür keine Gründe – oder um im Spiel zu bleiben, meine Gründe sind privatsphärisch.