Die heile Welt ist nicht zu retten #marxismus

von Kusanowsky

Unter dem Titel „Fetisch Soziale Netzwerke“ findet man einen Artikel von Armin Medosch aus dem Jahre 2009. In diesen Artikel wird die These ausgeführt, dass diese sog. „sozialen Netzwerke“ des Internets die höchst entwickelte Form des Warenfetischismus seien, der im 19. Jahrundert von Karl Marx beschrieben wurde. Ausgehend von der Marxschen Unterscheidung von Arbeit und Kapital versucht der Autor zu zeigen, dass diese „sozialen Netzwerke“ nur die Fortsetzung der Entfremdung von Menschen durch die industralisierte Produktion sind. Werden durch die industrialisierte Produktion die Menschen in ihren sozialen Beziehungen auseinander gerissen und von sich selbst entfremdet, so wird ihnen die Behebung dieses Mangels nun durch die „sozialen Netzwerke“ als Lösung angeboten, ohne ihnen aber eine Lösung zu liefern. Vielmehr würden die so angebotenen sozialen Beziehungen nach Maßgabe des Warenfetischismus nur wieder fetischisiert, womit die Entfremdung Spitze getrieben würde:

Als „Teilnehmer“ in Sozialen Netzwerken entledigen wir uns eines der wertvollsten Güter, das direkt aus unserem Menschsein erwächst, der Möglichkeit zur Freundschaft und der daraus erwachsenden Großzügigkeit, die über Kosten-Nutzen-Kalkulationen hinausgeht, der Möglichkeit zum solidarischen Handeln im kleinen und größeren Kreis, der freien Assoziation zwischen Fremden auf der Basis gemeinsamer ethischer Werte und vieler anderer Optionen mehr.

Man kann sich die Mühe sparen, alldem zu widersprechen. Dies nicht etwa, weil die angestellten Überlegungen besonders überzeugend sind, sondern weil der Ausgangspunkt einer heilen Welt des Menschseins, die durch die Industrialisierung zerbrochen würde und in die Entfremdung führe, ideologischer Art ist, die historisch aus der Industrialisierung selbst hervor gegangen ist. Ein jeder, auch zukünftige Marxismus wird immer von der ideologischen Konstruktion eines wahren Menschseins und seiner wahren Bedürfnisse ausgehen, ohne sich auch nur im Geringsten darüber zu irritieren wie es nur sein kann, dass erstens ausgerechnet eine handvoll Marxisten über das wahre Menschsein und seine wahren Bedürfnisse besser informiert sind als alle anderen Menschen; und zweitens werden Marxisten niemals die Bereitschaft haben, die sozial epistemologischen Voraussetzungen ihrer Urteilsfähigkeit zu überprüfen. Übrigens ist das ein Vorwurf, den man den Schriften von Marx und Engels nicht entgegen bringen kann, da gerade die Analyse sozial-epistemologischer Voraussetzungen das bemerkenswerte Fundament ihrer Theorie bildete. Was Marxisten niemals akzeptieren werden ist, dass sich die Voraussetzungen ändern, sobald ihre Struktur durch Beobachtung aufgedeckt wird. So leben heutige Marxisten immer noch im 19. Jahrundert ohne gleichwohl die Problemlage zu verstehen, die zu dieser Zeit die Verhältnisse bestimmte. Sie wissen von alldem nur wenig, was sie nicht daran hindert, ganz genau zu wissen, was Sache ist.

Und da man Ideologie nicht widerlegen kann, muss sie durch die Entwicklungen selbst gebrochen werden.

Aus diesem Grund kann man es sich sparen, der „Heilen-Welt-Ideologie“ eines weltfremden Marximsus zu widersprechen. Das interessantere Manöver wäre, der marxistischen Beurteilung Recht zu geben: „Als „Teilnehmer“ in Sozialen Netzwerken entledigen wir uns eines der wertvollsten Güter, das direkt aus unserem Menschsein erwächst …“

Genau so ist es. Die heile Welt ist nicht zu retten, auch nicht die des Marxismus.

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