Über die moderne Form der Empirie 5

von Kusanowsky

zurück /Fortsetzung: Dirk Baecker liefert in seinen Überlegungen recht interessante Anregungen, in denen die Problemsituation sehr gut eingefangen wird. Wie schon erwähnt hatte hat Baecker darauf aufmerksam gemacht, dass neu auftretende Verbreitungsmedien ein Problem im Umgang mit Kommunikation erschaffen, das die Gesellschaft lösen muss, soll sie nicht an der Einführung dieser Verbreitungsmedien scheitern. Dass dies gelingen kann, hängt damit zusammen, dass die neue Erfahrungssituation sehr voraussetzungsvoll entsteht und damit selbst immer kontingent in Erscheinung tritt. Zwar ist  alles, was zukünftig passieren wird, völlig unbekannt, insofern aber fast alles auch wieder zurückführbar ist auf bereits entwickelte Erfahrungszusammenhänge, ist eine Gesellschaft auch nicht völlig unvorbereitet.
Man kann das an der Entwicklung der Verbreitungsmedien sehr gut nachvollziehen. Im Medium der Schrift, das Wahrheit nur als einseitig verwendbare Form verwendet, als Monumente, ist die analphabete Welt des Rituals immer noch enthalten, nur wird mit der Schrift die Ritual-Welt an etwas anderem gemessen und durch etwas anderes kontrolliert, das eine Gesellschaft, die sich lediglich nur des Rituals bedient, schon kennt, aber nicht anders lösen kann, als die Verbreitung von Menschenkörpern und ihre tribal gebundene Verteilung im Raum.
Das Medium Schrift kann, sobald diese Differenzierungsprozesse, die streng genommen Problemvermeidungsprozesse sind, an ihre Kapazitätsgrenzen kommen, nun diese entstandenen Distanzen überbrücken und fällt damit dämoisch über die Gesellschaften her, indem sie einem oral basierten Weltverstehen eine Alphabetisierungsleistung aufdrängt,  durch welche Rituale nicht verschwinden, sondern welche unter diesen Bedingungen ihre Wahrheit kenntlich macht.

Eine sich so vollziehende Metanoia kann sehr gut an der Verbreitung der evangelischen Erzählung ablesen. Die in der antiken Welt bereits entwickelten Aufschreibeverfahren waren schon länger nicht mehr nur zu Memorierungszwecken dienlich, sondern hatten schon längst – wie in der hellenistischen Welt – weltdeutenden Charakter angegenommen, aber sie mussten zugleich noch den Erzählcharakter selbst integrieren können um damit die Erzählung als Deutung in Hinsicht auf ihren Wahrheitsgehalt erkennbar zu machen. Mein Vermutung ist, dass das Beharren auf Schrift Auskunft gibt über den Gewinn von Vertrauen in diese Zeichen, womit zugleich alle anderen sichtbaren Zeichen, wenn sie zwar nicht grundsätzlich abgelehnt wurde, so doch ob ihrer Wahrheitswerte mit Skepsis als heidnisch abgetan wurden.
Das Ergebnis dieses Prozess dürfte man in der Verbreitung der Evangelien und der Koransuren ablesen könne. Die antike Idee des Telos, dass alles seinen Platz und seine Zweck hat, konnte durch die Alphabetisierung gebändigt und damit als Lösung genommen werden, die für den europäischen und vorderasiatischen Raum die Wahrheitsidee als Wahrheit der Schrift durchsetzte, die aber – der Möglichkeit der Vergleichbarkeit von Schriftzeugnissen entsprechend – Abweichung immer als Problem behandeln musste.

Im Medium des Buchdrucks wird dann diese Möglichkeit des kritischen Vergleichs massenhaft verfügbar und kann nur dadurch aufgefangen werden, dass Abweichung von der Wahrheit nicht mehr als Problem behandelt wird, sondern als Lösung. So kann man die Ausdifferenzierung verschiedener Funktionsbereiche der Gesellschaft erklären, die dadurch autonom gesetzt werden, um sie zu befähigen, mit ihrer eigenen Unruhe fertig zu werden. Aber auch hier findet man wieder, dass Differenzierungsprozesse Problemvermeidungs- bzw. Problemverschiebungsprozesse sind. Denn mit der Abweichung als Lösung wird Manipulation zu einem Problem, wenn eine sich so ausdifferenzierende Gesellschaft an allen Stellen durch eine Empirieform erforscht und beschrieben wird, die auf ihre Funktionsbedingungen als sich wechselseitig stützende Voraussetzungen angewiesen ist.

Fortsetzung

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