Dissertationsprojekt: Das Modell Anonymous
von Kusanowsky
Gilles Deleuze und Félix Guattari als Theoretiker des digitalen Aktivismus
von Kai Denker
Hacker, Anons oder Trolle sind nicht bloß das nächste Kapitel in einer Geschichte sozialer oder politischer Bewegungen, sondern das Paradebeispiel für im Netz stattfindender Selbstorganisationsprozesse, die nicht nur ohne eine zentrale Steuerung de facto auskommen, sondern auch auf prästabilisierte Rationalitäten, Praktiken oder Codes de jure auskommen. Das Dissertationsprojekt unternimmt den Versuch, entlang mathematischer Bezüge bei Gilles Deleuze und Félix Guattari deren Theorie von Selbstorganisationsprozessen systematisch zu rekonstruieren und im Hinblick auf netzspezifische Phänomene zu aktualisieren.
Herkunft: http://denker.net/projekte/das-modell-anonymous-dissertationsprojekt/
Dieser Theorieversuch ist sehr interessant, und ich wäre sehr neugierig zu wissen, welche Ergebnisse dabei heraus kommen, weil ich tatsächlich auch glaube, dass dieses Thema wichtig ist. Möglicherweise ist es wichtiger als der Forscher selbst glauben kann.
Aber ich bin zugleich auch etwas skeptisch, weil mir scheint, dass man es hier mit einem typischen Fall von Bürokratie-Wissenschaft zu tun hat, die es vermeiden möchte, neue Chancen der Wissensproduktion zu nutzen.
Wenn sich etwas Neues zeigt, das man verstehen lernen will, muss man erstmal in alt bekannten Katalogen genehmigter und geprüfter Schriften nachschauen, um erklären zu können, was noch der Prüfung und der Genehmigung auf dem selben Wege bedarf, durch den dieser Katalog zustande kam. Man müsste doch in alten Schriften bereits etwas finden, die das Neue ankündigen, andeuten würden, wenn auch verrätselt und verborgen, aber dem kritischen Verstand doch zugänglich, deutbar, erkennbar.
Man möchte sich leicht verführt fühlen, darin die Praxis eines Priestertums wiederzuerkennen, dass die Zeichen einer Wende des göttlichen Willens erkennt und nun irritativ alte Schriften dahin gehend absucht, ob die Propheten alter Zeit schon davon gekündet haben. Auf diese Weise gelingt es dem Priestertum seine Tempel zu verteidigen, indem sie glaubhaft machen – und zwar zuerst sich selbst – dass alles der Vorsehung unterliegt.
Dass aber die chaotische, sich selbst organisierende Netzwerkkommunikation selbst das bessere Hindernis ist, an dessen Überwindung sich brauchbares Wissen über sie selbst zu erhärten und zu bewähren hätte, kommt auf diese Weise gar nicht in Frage. So muss das Neue um weiteres Mal auch dann unverstanden bleiben, wenn es Gegenstand der Forschung wird, weil die Forschung nicht auf neue Weise geschieht. Das Neue erscheint als Unbekannt und Rätselhaft, aber die Wissenschaft, die solches untersucht, überführt, weil sie sich selbst nicht auf gleiche Weise als unbekannt und rätselhaft beschreibt, das Rätselhafte in Normalität; und zwar in ihre eigene Normalität.
Aber all das ist natürlich völlig abwegig spekuliert. Man weiß ja noch nicht, was dabei heraus kommt. Die Bürokratien müssen genauso wie die Tempel alter Zeiten ihre Haltbarkeit verteidigen solange es nur geht, weil ja keiner weiß und wissen kann wie es sonst gehen könnte.
Und wenn sich in der Folge zeigt, dass die Bollwerke nicht dauern werden, so wird auf diese Weise dann in Erfahrung gebracht, wie rätselhaft und absonderlich diese Wissenschaft eigentlich ist.