Über die moderne Form der Empirie 3

von Kusanowsky

zurück / Fortsetzung: Die Erbschaft der modernen Geselschaft bestand darin, den Problemüberhang der alten Gesellschaft unter neuen Bedingungen abzuarbeiten. Was leider viel zu selten gesehen wird ist, welche enormen Leistungen durch den islamischen und christlichen Religionsimperialismus erbracht wurden. Bekannt und populär geworden sind nur die traumatischen Unzumutbarkeiten, die sich aus der alternativlosen, aber latenten Problemlagen der alten Gesellschaft ergaben, die aus sich selbst heraus jedoch auch die Möglichkeiten hervorbrachte, um mit diesen Traumata fertig zu werden. Die Vereinheitlichungen und Standardisierung durch einen Monotheismus hatten dazu beigetragen, die Erfahrungsgrundlage der Gesellschaft so zu verändern, dass nicht nur eine absolute Wahrheit der Autorität, der Tradition, der Schriften und des Wort Gottes einen Zivilisationsstolz prägten, sondern zugleich auch Voraussetzung dafür werden konnten, dass sich ein davon verschiedener Zivilisationsstolz in der Moderne ausbildete.
Die wichtigten Startpunkte für die Ausdifferenzierung der modernen Gesellschaft bestanden infrastrukturell im spätmittelalterlichen Bau von Städten, Kathedralen und Universitäten, administrativ in der Herausbildung einer Verwaltungsorganisation und epistemologisch in der Inqusition und der Scholastik. Damit wurden neuartige Verfahren der Untersuchung und des Beweises eingeführt; und erst später, nach der Reformation, entwickelten sich die Verfahren der Vernunftkritik und der Transzendentalphilosphie. All dies schlug sich nieder in dem, was ich die Erfahrungsform der modernen Gesellschaft nenne, die ihre Wahrheitswerte über vernünftig begründete Urteile herstellte und alle festellbaren Defizite auf die Zukunft verschob und damit eine Steigerung der kritischen Urteilsfähigkeit ihrer Menschenumwelt trainierte, zuzüglich eines Vertrauensbildungsprozesses in das Vermögen dieser Menschenumwelt.
Den Ausdifferenzierungsprozess der funktionalen Differenzierung kann man auch als gesellschaftliche Selbstverwirklichung transzendentaler Subjektivität auffassen, sofern die Effekte der Erfahrungsumbildung auf die Umwelt der Gesellschaft zuzurechnen sind. Der Höhepunkt dieses Erfahrungsprozesses schlägt sich nieder in dem Satz, dass all dies von „dem Menschen“ gemacht sei, woraus dann die irritierende Frage resultiert, was denn an „dem Menschen“ dran sei, dass er all dies vermag. Ein Rätsel, ein Wunder – man kann es gar nicht glauben, weshalb es Zeit wird zu fragen, ob sich nicht längst Tendenzen zeigen, durch die deutlich wird, dass die Erfahrungsform der modernen Gesellschaft ihrerseits dazu geführt hat, ihre Erfahrungsumwelt so zu ändern, dass auf die bekannte Erfahrungsform kein ausreichender Verlass mehr ist.

Fortsetzung

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