Bedingung für die Möglichkeit von Theorievermeidung? @gorgonobserver
von Kusanowsky
Der Beobachter der Moderne hat ein Zitat des Ethnologen Bronislaw Malinowski herausgesucht. In dem Textauschnitt geht es darum, dass die Unterscheidung von Beschreibung und Erklärung nicht haltbar sei, dass alle Wissenschaft nicht auf Theorie verzichten könne, dass alle Beobachtung theoriegeleitet sei. Und er kommentiert, dass diese Textstelle zeigt, „warum es ohne Theorie nicht geht.“
All dem muss nicht widersprochen werden. Aber mir fällt speziell zu diesem Punkt eine Frage ein:
Der Glaube es ginge ohne Theorie ist bloß eine Abwehrreaktion auf die Notwendigkeit die Grundlagen seines eigenen Wissens offenzulegen. Die relativ verbreitete Theorieaversion in den Sozialwissenschaften sollte man daher mit einiger Skepsis betrachten. Mit dem ostentativen Verzicht auf Theorie erweckt man leicht den, von Malinowski beschrieben, Eindruck sein Wissen durch eine gleichsam göttliche Eingebung empfangen zu haben. Personen, die so vorgehen, sind weniger an wissenschaftlicher Wahrheit interessiert, sondern versuchen sich auf diese Weise bloß interessant zu machen. Es geht also um Aufmerksamkeit, die allerdings nicht mit den anerkannten Mitteln der Wissenschaft, sondern durch persönliche Eigenschaften gesucht wird.
Diese Art des Vermutens, Unterstellens und Zuschreibens möchte ich zurück weisen. Ein Wissenschaftler kann über die Bedingung der Möglichkeit von Theorie nicht nach eigenem Belieben verfügen. So wenig die die Urteilsbildung unter bestimmten Bedingungen nicht auf Theorie verzichten kann, so wenig kann sie unter anderen Bedingungen auf Theorievermeidung verzichten. Denn auch der Theorievermeidung gelingt nicht ohne Theorie. Beides unterliegt unverfügbaren Bedingungen, die sich ändern können. Es geht dabei um einen Prozess des Werdens und der Veränderung von Ausgangsbedingungen, die nicht selbstverständlich sind.
Meine Frage lautet: wie kann man die Bedingung der Möglichkeit von Theorievermeidung fassen? Wie kann man sie erklären, erläutern, beschreiben, darstellen, illustrieren, plausibel machen? Denn der Theoretiker als Umweltbedingung einer Kommunikation von Theorie ist nicht über sich selbst im Irrtum. Er ist nicht der Theoretiker, der sich irrt. Nur sozial produzierte Systeme, die sich über Theorie irritieren, sind über sich selbst selbst irritiert, nicht ihre Umwelt. Entsprechend ist beides ein Erfahrungsproblem. Sowohl die Akzeptanz wie die Ablehnung von Theorie als Voraussetzung für alles Urteilen muss in Erfahrung gebracht werden, muss durch soziale Evolution empirisch werden, empirisch gemacht werden.
Wie kann man die Bedingungen für die Möglichkeit von Theorievermeidung theoretisch fassen? Diese Frage bezieht insbesondere auf die performative Herstellung des Problems.
„Dass sich Kusanowsky durch meinen Post angesprochen fühlt und meine Vermutung, dass es bei Theorievermeidung um die Suche nach persönlicher Anerkennung geht und nicht wissenschaftliche Reputation, für sich zurückweist, legt den Verdacht nahe, dass er sich selbst, obwohl er diese Vorstellung kritisiert, trotzdem für ein faustisches Genie hält und sich genau durch diesen Eindruck interessant machen möchte.“
Der Beobachter der Moderne (und vielleicht der zitierte Bronislaw Malinowski) und Klaus Kusanowsky haben offensichtlich ein gemeinsames Gefühl dafür, was sie als Theorie bezeichnen. Und sie haben überdies das Gefühl, dass ihr Gefühl autorisiert oder gottgegeben sei – und eben nicht einer Theorie geschuldet, die sie benennen müssten.
„eine, die sie benennen müssten.“
Die Benennung einer Theorie ist nicht das Problem. Das Problem besteht in ihrer Beobachtbarkeit. Die Frage, die weder Luhmann noch seine Schüler gut beantworten lautet, mit welcher Unterscheidung Theorie (und nicht speziell ein bestimmte, sondern nur irgendeine) unterscheidbar wird. Deshalb schlage ich dir vor, mir einen solchen Vorwurf zu machen, denn tatsächlich kann ich auch keine gute Unterscheidung angeben.
Wenn du eine hast, dann würde ich mich dafür sehr interessieren.
Ich verstehe das Problem wohl nicht: die Unterscheidung ist Theorie/nichttheorie, weil Theorie für die markierte Seite steht. Die Unterscheidung ist also Tat(sächlich) gemacht. Als Theorie bezeichne ich das Bezeichnen (oder Benennen) der gemachten Unterscheidung(en).
Mir begegnet oft eine ganz andere Verwendung des Ausdruckes „Theorie“, in welcher Theorie für irgendwelche „Inhalte“ steht, wie das etwa in Hypothesen der Fall ist (also eine idiotische Gleichsetzung von Theorie und Hypothese).
G. Spencer-Brown gibt mit seinem Kalkül eine mögliche Form, in welcher Theorie explizit gemacht werden kann: Bezeichne den Raum, die Trennlinie und die beiden Seiten, die durch Deine Unterscheidung eingeführt wird. So kann man es beispielsweise tun (zur Tat machen). I(auch meine)m Konstruktivismus wird dabei eine Beobachtung eingeführt
Gut. Dann ist die Seite, von der aus Theorie beobachtbar wird, Nichttheorie, das Fehlen einer Theorie. Theorielosigkeit wäre der blinde Fleckk von dem aus Theorie unterschieden und bezeichnet wird. Die geeignete Paradoxie wäre entsprechend die theorielose Theorie als Einheit der Unterscheidung. Aber damit ist nicht viel gesagt. Es müsste ein Bedingungen angegeben werden, unter der die Unterbrechung eines Zirkel für eine theorielose Theorie einigermaßen intelligent gelingt. Hast du einen Vorschlag?
ich verstehe Deinen Umgang mit der Sache nicht, weil Du Dich rausnimmst. Ich spreche nicht über eine Sache jenseits von mir, sondern über Beobachtungen, die ich tatsächlich mache. Ich spreche über MEINE Unterscheidungen, nicht über Unterscheidungen an sich, die von niemandem sind.
Wo keine Beobachtungen gemacht werden, kann ich keine Beobachtungen beobachten. Aber jede gemachte Beobachtung kann ich reflektieren, also in einer Theorie bezeichnen. Dazu gibt es keinen allgemeinen Fall, weil jede Beobachtung eine Beobachtung ist.
Ich verstehe nicht, wozu ein Zirkel unterbrochen werden sollte – das scheint mir Selbstmord zu sein.
Ein Vorschlag – aber eben nicht ein allgemeiner oder ein ent-zirkelter – lautet: Ich unterscheide ein System von seiner Umwelt. Ein anderer Vorschlag ist: Ich unterscheide eine Abbildung von deren Referenzobjekt. Ich habe viele Unterscheidungen, „intelligent“ ist für mich kein Kriterium. Ich mache die Unterscheidung oder eben nicht.
ähhh … Nachsatz: und wenn ich meine Unterscheidung explizit mache, mache ich Theorie, und sonst eben nicht.
Und im engeren Sinne spreche ich von Theorie, wenn ich Unterscheidungen bezeichne, die ich nicht nur mal ad hoc mache, sondern immer wieder, so dass ich der Theorie einen Eigennamen geben kann, der dann auf ein von mir verwendetes Beobachtungs-Verfahren zeigt: Abbildtheorie oder Systemtheorie oder Behaviorismus oder …
„Der Glaube es ginge ohne Theorie ist bloß eine Abwehrreaktion auf die Notwendigkeit die Grundlagen seines eigenen Wissens offenzulegen … Mit dem ostentativen Verzicht auf Theorie erweckt man leicht den, von Malinowski beschrieben, Eindruck sein Wissen durch eine gleichsam göttliche Eingebung empfangen zu haben.“
Wäre es nicht clever oder gar klug, diesen Eindruck nicht nur unbeabsichtigt zu erwecken, sondern absichtsvoll als Möglichkeit in Erwägung zu ziehen? Ich vermute nämlich, dass „es“ eher ohne Theorie geht als ohne göttliche Eingebung. Denn wie kann ein Einfall, eine Inspiration, eine Idee besser verstanden werden denn als ein Art „göttlicher Eingebung“? Oder anders gefragt: Woher soll das denn sonst kommen? „Es ereignet sich aber das Wahre“ schreibt Hölderlin und „Das Wort ward Fleisch“ der Evangelist Johannes, und sie weisen damit einen Weg der Erkenntnis, der unter Umständen fruchtbarer und in jedem Fall wirkungsmächtiger ist als die dem jeweiligen Modetrend gemäss periodisch wechselnden postmodernen Theoriekonstruktionen, in denen es, so mein Verdacht, nicht im Entferntesten um Erkenntnis geht, geschweige denn um Wahrheit.
@dasrettende
Wahrheit ist gar nicht das Entscheidende und Wichtige. Es geht eher um die Frage: Wie ist das möglich? (und nicht, was ist die Wahrhei?t). Die alte Theologie hatt auf diese Frage eine Antwort versucht und gefunden, Augustinus genauso wie Luther. Aber die Bedingungen haben sich geändert und denen diese Frage wieder interessant und relevant ist.
@dasrettende
Gute Gedanken (was heissen soll: sie passen mir gut ;-). Vielleicht sollte ich sagen, dass „es“ von Gott oder als göttliche Eingabe kommt und dass ich der göttlichen Eingabe durch die Wahl der Worte eine Form gebe, die ich dann einer bestimmten Theorie (oder allenfalls verschiedenen Theorien) zurechnen kann – zb indem ich die gemachten Unterscheidungen reflektiere.
Das hätte dann nichts mit Wahrheit und auch nichts mit irgendwelchen Bedingungen jenseits von mir zu tun.
Im Beispiel: die göttliche Eingabe, dass es göttliche Eingaben gibt, was ich dann in der Form äussere: Es gibt göttliche Eingaben. Zu der geäusserten Form kann ich mir Unterscheidungen bewusst machen: etwa nichtgöttliche Eingaben usw.
@Kusanowsky
Die Frage nach der Bedingung von Erkenntnis beantwortet das Christentum mit der Liebe als derjenigen Kraft, die den Menschen sehend macht. René Girard spricht von einer „Epistemologie der Liebe“ im Neuen Testament und zitiert aus dem Ersten Brief des Johannes:
„Wer seinen Bruder liebt, bleibt im Licht, und nichts Anstößiges ist in ihm. Wer aber seinen Bruder hasst, ist in der Finsternis und wandelt in der Finsternis und weiß nicht, wohin er geht, weil die Finsternis seine Augen verblendet hat.“
Die Liebe ist der Schlüssel zur Erkenntnis. Daher auch die Vorstellung aus dem „Kleinen Prinzen“ von Saint-Exupéry, man sehe nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche sei für die Augen unsichtbar.
Das Motiv der sehenden bzw. nicht sehenden Augen im Zusammenhang mit Erkenntnis beschäftigte einem schon älteren Artikel von Michael Mayer zufolge auch Jacques Derrida. Demnach ermöglichen die den Blick verhüllenden Tränen der Trauer um den anderen (auch das ein Ausdruck der Liebe) paradoxerweise ein neues „Sehen“:
„Vielleicht beruhte die „Wahrheit der Augen“, ihre höchste Bestimmung, nicht im Vermögen des Blicks, der Vision, der Logik der Sichtbarkeit, sondern in jenem Ereignis, das mich anzugehen beginnt, indem die Sicht sich eintrübt. Denn die von Tränen verschleierten Augen, die nichts mehr sehen, beginnen zu vernehmen oder zu empfangen, vielleicht könnte man sogar sagen, sie hören.“
http://www.berliner-zeitung.de/archiv/humanismus-die-achtung-des-anderen-ist-ein-zentrales-motiv-im-denken-jacques-derridas–dazu-gehoert-vor-allem-die-achtung-der-toten–was-bedeutet-es–dass-der-mensch-weint-,10810590,9886038.html
@Rolf Todesco
Die Bedingungen der Erkenntnis liegen demnach tatsächlich nicht jenseits von mir, sondern in mir selbst.
ich bin nicht sehr bibelkundig, aber da steht irgendwo Adam ERKANNTE Eva und sie gebar ihm einen Sohn. Dieses Erkennen wird heute noch oft mit Liebe verbunden, sogar mit einer Liebe, die blind macht.
In meinem Konstruktivismus verwende ich „erkennen“ – bibelhaft – für das Hervorbringen von Fakten (=Gemachtem). Das hat weder mit Wahrheit noch mit irgendwelchen Bedingungen zu tun, die nicht in mir schon gegeben sind.