Apokalyptik der Privatheit
von Kusanowsky
Durch das Internet als Medium der Kommunikation wird eine Struktur differenziert, der ich eine apokalyptische Funktion zuordne. Die Apokalyptik besteht darin, Inkommunikabilitäten – also latent strukturiertes Wissen, das in der modernen Gesellschaft vertstreut in verschiedenen System inkludiert war – aufzudecken. Das Aufdecken und Enthüllen, Vorzeigen und Offenbaren, Entdecken und Veröffentlichen von bekannten, aber verstreuten Annahmen, Einsichten, Gewissheiten, Regeln, allgemein: alles latent Wissbare, das in der modernen Gesellschaft nicht oder nur sehr, sehr schwer unter Einhaltung von hoch komplizierten Vermeidungsregeln kommunzierbar wurde, geschieht durch das Internet deshalb, weil die esoterischen Exklusionsregeln der funktionalen Differenzierung nun um eine exoterische Strukturalternative erweitert werden.
Jetzt steigert sich eine enorme Entropie, weil die Leitdifferenzen durcheinander geraten. Das Internet ist ein Verbreitungsmedium für Verbreitungsmedien, das durch die Transaktionskosteneinsparung etwas leistet, das vorher kaum zu bewältigen war, nämlich: das Durcheinander der Gesellschaft durcheinander zu bringen. Eine erste Reaktion darauf ist die Verteidigung von Vermeidungsstrukturen zur Rechtferfertigung von Exklusionsregeln, die nun aber nicht mehr funktionieren, jedenfalls nicht auf einer digitalen Operationsbasis der Kommunikation.
Ein Beispiel dafür ist das Urheberrecht. Die juristisch durchgesetzte Annahme, es gäbe einen beobachtungsunabhängigen Verursacher, bzw. Verfasser von Dokumenten. Schon vor dem Internet konnte gewusst werden, dass so etwas gar nicht geht. Kein Schreiber ohne einen Leser. Aber diese Argumente konnten juristisch nicht überzeugen, weil Vermeidungsstrukturen funktional eingerichtet waren, die dafür sorgten, das solche Überlegungen in der Rechtspraxis exkludiert wurden. Jetzt geschieht durch das Internet, dass diese Rechtspraxis gleichsam mit einer sozialen Dämonie überzogen wird. Was durch Argumente nicht plausibel werden konnte, wird jetzt durch die dämonische Wirkungen der digitalen Technik erledigt.
Etwas Vergleichbares gilt für die Praxis von Geheimdiensten. Oder auch die Praxis der Privatheit. Dass hier eine apokalyptische Funktion beobachtbar ist, kann man an diesen post-privacy-Diskussionen ablesen, die auf diese Dämonie reagieren, indem Vermeidungsstrukturen ideologisch abgelehnt werden, ohne zu verstehen, dass die Ideologie durch Reaktionsmuster auf etwas ist, das sich schon immer zeigte, das aber nicht oder nur sehr schwer argumentierbar war. In vielen Wiederholungsschleifen wird nunmehr die Apokalyptik des Geschehens ventiliert, z.B. bei diesem jüngsten Kommentarwechsel:
Mspro: Post-Privacy heißt eben nicht Public-By Default, sondern nur, dass du nicht mehr in der Lage bist zu entscheiden, wer welches Wissen über dich hat und wer nicht. Informationielle Selbstbestimmung – der juristische Begriff trifft es eher – ist zunehmend eine Illusion.
Kadekmedien: Deine Definition, Post-Privacy heiße, »nicht mehr in der Lage [zu sein] zu entscheiden, wer welches Wissen über [einen] hat und wer nicht« ist doch dahin gehend Humbug, dass das doch schon immer so war. Begibt man sich in eine Beobachtungssituation, gibt man mindestens teilweise seine Privatsphäre auf. Das ist nicht kontrollierbar, weshalb ich nicht weiß, wer mich dauerhaft und/oder so intensiv beobachtet, dass er sich einbildet etwas über mich zu wissen oder nicht; ob das dann tatsächlich so ist, steht ohnehin auf einem ganz anderen Blatt.
(Herkunft)
Was mspro nur meinen kann ist, dass die Vermeidungsstrukturen, die Privatheit garantierten, nur garantierten, dass die Illusion einer informationellen Selbstbestimmung durchgesetzt werden konnte. Diese Illusion wird jetzt durch die dämonische Gewalt des Internets erschütttert. Erschüttert wird nicht die Möglichkeit, Privatheit zu garantieren, sondern nur die Illusion. Weshalb Kadekmedien folgerichtig sagt, dass das immer schon so war, womit er Recht hat. Es zeigt sich jetzt ganz offen, was niemals unbekannt war.
Ergo: es ist alles in Ordnung. Aber was soll die Diskussion noch erbringen? Diese Diskussion versucht, eine kritische Urteilsbildung durchzuhalten, und es wird nicht erkannt, dass auch die kritische Diskussion in eine Vermeidungsstruktur eingelassen ist, die so nicht mehr funktioniert. Vor dem Internet hätten sich die Diskutanten in verschiedenen Systemen einsortiert und wären sich dadurch aus dem Wege gegangen. Aber gerade weil sie sich jetzt nicht mehr aus dem Wege gehen, entsteht ein Diskussionsproblem, das nichts weiter erbringt, als dass es mitgeteilt wird. Aber keiner der Beteiligten wird mehr exkludiert. Es folgt nichts weiter als die konsequenzenlose Fortsetzung dieser Diskussion.
Genau. Das ist das Thema für die Kopfschmerzen von morgen. 😉
„Aber gerade weil sie sich jetzt nicht mehr aus dem Wege gehen, entsteht ein Diskussionsproblem, das nichts weiter erbringt, als dass es mitgeteilt wird. Aber keiner der Beteiligten wird mehr exkludiert. Es folgert nichts weiter als die konsequenzenlose Fortsetzung dieser Diskussion.“
Ich verstehe Entropie. Aber Apokalyptik?
Herr Kakemediens Argument mag nicht falsch sein, gründet sich aber auf einer gewissen Paranoia:
» …dass das doch schon immer so war. (…) Das ist nicht kontrollierbar, weshalb ich nicht weiß, wer mich dauerhaft und/oder so intensiv beobachtet«
Das trifft sich mit Herrn Kusanowskys »Illusion einer informationellen Selbstbestimmung«, die sich auch nur auf Grundlage einer Paranoia oder zumindest einer mißtrauensförmigen Vorstufe begründen läßt.
Interessant wäre zu untersuchen, wie eine vormalige Paranoia einiger sich nun in einem „Wissen“ (jedenfalls mehr als Verdacht) vieler umformt.
Und was machen die Paranoiker nun?
Entweder sind nun alle welche oder es gibt (bzgl. dieses Themas) keine mehr.
Darum schlägt Herr Latent jetzt den Begriff „Post-Paranoia“ vor.
@Victor Onrust
„Aber Apokalyptik?“
Mit dieser Wortwahl versuche ich Ablehnung zu provozieren. Wer einverstanden ist mit dem Argument, aber nicht mit der Wortwahl, der soll einfach ein anderes Wort, eine andere Bezeichnung wählen. Ich wäre mit einer anderen Bezeichnung jederzeit einverstanden, wenn das Argument akzeptiert würde. Sollte sich jemand aber dazu verleiten lassen, die Wortwahl anstelle des Arguments zu kritisieren, ist die Trollerei schon im Gang. Und ich werde sie dann fortsetzen. Versprochen!
„Und was machen die Paranoiker nun?“ – sie müssten jetzt auf Überzeugungen verzichten. Tun sie es nicht, dann hat das Publikum entweder sehr viel zu lachen oder sehr viel zu fürchten.
Das kriegen die Paranoiker nicht hin. Meine Prognose: Der einst unbelegbare Wahn, überwacht zu werden wird sich umkehren in den unbelegbaren Wahn, nicht überwacht (also „behütet“) zu werden.
Aber davon bist du nicht wirklich überzeugt. Deshalb finde ich dein Argument sehr passend gewählt.
Mein Argument »das war doch schon immer so …« mag sich ja auf Paranoia begründen, allerdings führte diese Art Ursachenforschung vom Diskussionsgegenstand weg. Was ich in der Hauptsache zum Ausdruck bringen wollte ist doch, dass das Internet – in Bezug auf Privatsphäre – die Quantität dessen, was von jemand gewusst werden kann, nicht in ausreichendem Maß potenziert, um in eine neue Qualität umzuschlagen. Ganz im Gegenteil erzeugt doch die pure Masse an Informationshäppchen eher ein Hintergrundrauschen, in dem denkbar viel untergeht, während Beobachter für sich gleichzeitig die Illusion erzeugen, sie wüssten etwas über jemand (oder könnten es zumindest, so sie es wollten).
Bei beidem – Privatsphäre und Öffentlichkeit – handelt es um sich von einander abgrenzende und doch gegenseitig nährende Illusionen. Und darum ist es müßig und redundant, etwas zu thematisieren, das im Grunde gar keine Änderung erfährt. Es ist alles wie es war. Den von Herrn Latent vorgeschlagenen Begriff »Post-Paranoia« halte ich daher für sehr geeignet, um zum nächsten, vielleicht wichtigeren Thema überzugehen.
Die “ kritische Diskussion“ funktioniert vielleicht nicht mehr (sonderlich gut) als Mittel oder Plattform zur Durchsetzung (vernünftiger?) Meinungen oder Ideen im politischen Entscheidungsfindungsprozess.
Aber immerhin funktioniert (auch) in der „kritischen Diskussion“ — wie in jeder Kommunikation, die nicht ideologisch oder dogmatisch sanktioniert wird — ein Prozess der „Bewusstwerdung“ über die Umstände in denen wir existieren und interagieren.
Also ist das, was da diskutiert wird bestimmt nicht irrelevant.
Nicht für diejenigen, die sich an der Diskussion beteiligen und darin lernen, worum es eigentlich geht.
„[Es] entsteht ein Diskussionsproblem, das nichts weiter erbringt, als dass es mitgeteilt wird.“
Wenn man das so sieht, dann ignoriert man doch den individuellen Lernprozess der Diskutanten und -Onkels, der tatsächlich stattfindet und auch tatsächlich mit Konsequenzen verbunden sein kann… zumindest dann, wenn sich konkrete Ideen, Einfälle, Einsichten und Ansichten verbreiten und in einem entsprechenden Kontext Anwendung finden.
Dass das passiert oder passieren kann ist doch nicht von der Hand zu weisen, oder?
Und wenn ein kritischer Einwand für eine kritische Masse relevant erscheint, dann können doch auch in nationalem oder globalem Umfang Ideen und Meinungen, die über das Internet verbreitet werden zu konkreten Lösungsansätzen oder konkreten politischen Entscheidungen führen.
@kadekmedien
„Ganz im Gegenteil erzeugt doch die pure Masse an Informationshäppchen eher ein Hintergrundrauschen, in dem denkbar viel untergeht“
Ein Gegenargument könnte lauten, dass mit den selben technischen Möglichkeiten, mit denen die Informationsmenge enorm gesteigert werden kann, auch Möglichkeiten der Reduktion dieser Komplexität geliefert werden, in dem Fall: bigdata. Bigdata ermöglicht es gigantische Datenmengen zu reduzieren.
„während Beobachter für sich gleichzeitig die Illusion erzeugen, sie wüssten etwas über jemand (oder könnten es zumindest, so sie es wollten).“
Das würde ich auch so sehen, aber der Punkt ist ein anderer. Es geht um Zuordnungen, Zurechnungen, Zuschreibungen, die nur dann eine Zumutung sind, wenn sie in Anführungsstrichen einer Wahrheit gesetzt werden. Solange dies geglaubt wird, solange Rechtfertigungen für solche Zuordnungen mit Gewalt durchgeführt und legitimniert werden, solange z.B. geglaubt wird, dass die von dir aufgerufenen Internet-Seiten etwas über dich aussagten, diese Aussagen auf dich zugerechnet würden und für dich Konsequenzen haben, denen du dich nicht mehr entziehen kannst, hätte die Preisgabe einer Privatssphäre höchst fatale Konsequenzen. Aus diesem Grund ist der Datenschutz als Vermeidungsstruktur in Funktion gesetzt worden. Und aus diesem Grunde wird gegen jede empirische Evidenz an einem Datenschutz festgehalten. Aber diese soziale Hartnäckigkeit ist nur einem sozialen Ordnungsfindungsprogramm geschuldet: Schutz vor Willkür, weil Willkür nicht nur möglich ist, sondern weil die Legitimierung von Gewalt ebenfalls erwartet und kontingent ist.
Was wäre aber nun, wenn alle – auch Staatsdiener und Politiker, auch Bank-Manager, auch Kapitalbesitzer, bzw. Konzerne diesen Schutz vor Willkür verlieren? Es spricht sich dann herum, dass es sich um kontingente Zurordnungen handelt, die keine letzte Evidenz haben. Und insofern bleibt ein privater Bereich immer erhalten.
Eine ganz andere Frage – und das sehen wir beide möglicherweise ähnlich – ist, wie sich eine soziale Kybernetik der Regelfindung einspielt.
»… solange z.B. geglaubt wird, dass die von dir aufgerufenen Internet-Seiten etwas über dich aussagten, diese Aussagen auf dich zugerechnet würden und für dich Konsequenzen haben, denen du dich nicht mehr entziehen kannst, hätte die Preisgabe einer Privatssphäre höchst fatale Konsequenzen.«
Da stimme ich Dir zu, gehe aber gleich zu der Frage über, ob das denn (mal abgesehen von einem geheimdienstlichen Kontext, dem es immer irgendwie möglich wäre, »Kompromate« zu erzeugen) tatsächlich so ist. Die »großen Kraken« der Werbeindustrie jedenfalls tappen meiner Erfahrung nach noch genauso im Dunkeln wie vor 15 Jahren; ganz davon abgesehen, dass ja auch hier »Möglichkeiten der Reduktion dieser Komplexität geliefert werden«, sprich Werbeblocker, Targeting-Filter usw.
Einzelfälle bezeugen natürlich immer Ausnahmen, aber die gibt es in Richtung beider Extreme, ob nun 5.000 FB-Fans ungeladen auf einer Geburtstagsparty auftauchen oder jemand über Wochen hinweg die Planung, Mittelbeschaffung und Durchführung seines Suizids minutiös an ein großes (Schein-)Publikum vertwittert (so geschehen in 2009).
Was hingegen die »soziale Kybernetik der Regelfindung« angeht, halte ich das für die spannenderen, um nicht zu sagen realeren Fragestellungen, die das Internet eröffnet. Auf welche Weise verändert der Online-Handel die Innenstädte und überhaupt urbanes Zusammenleben? Wie verändert die dramatischen Änderungen unterworfene Arbeitsorganisation die Gesellschaft? Wird erkannt, dass durch fortgesetzte massenhafte Kommunikation Unbekannter mit Unbekannten Kommunikationsmuster und -strukturen entstehen, auf deren Grundlage sich neue, andere soziale Beziehungen entwickeln können?
„auf deren Grundlage sich neue, andere soziale Beziehungen entwickeln können?“
Worüber ich in diesem Zusammenhang nachdenke ist der noch immer sehr verschwommene Gedanke, dass ein Vertrauen in anonymer Kommunikation, wenn auch gegenwärtig noch mit Vermeidungsvorbehalten verschiedener Art versehen, so doch selbst eine Verlässlichkeit und Vertraulichkeit erzeugen könnte, die mehr und besseres liefert das, was die Kommunikation mit Bekannten über Bekanntes erzeugt.
Ich denke dabei prototypisch an die kommunikative Situation von Taxifahrern, die ja immer auch Seelsorger sind. Ihnen erzählen die Fahrgäste die seltsamsten Dinge, die sie niemals ihren engsten Bekannten und Vertrauten erzählen würden. Der Grund ist ja, dass Anonymität die beste Schutzmauer ist um erstens überhaupt sprechen zu können und zweitens, dass soziale Urteilsbildung dennoch möglich wird, weil die Anonymität nicht verhindert, dass trotzdem weiter erzählt, analysiert, beurteilt, gewertet oder eben auch gefiltert wird. Insofern hat mspro gar nicht so Unrecht, wenn er irgendwann über diese „Filtersouveränität“ geschrieben hat. Aber er verbleibt eben nur auf der Ebene des utopischen Daherredens, was übrigens in der Strukturentwicklung der Massenmedien selbst die Vermeidungsfunktion hat, massenmediale Stimmung zu erzeugen, um die Dassheit der Kommunikation und ihrer Aussichtslosigkeit zu entkommen.