Die Exaptation des Internets
von Kusanowsky
Vom Wert des (scheinbar) Funktionslosen – Exaptation
Von Ralf Keuper (Herkunft)
In der Evolutionstheorie herrschte lange Zeit die Ansicht, dass Lebewesen und Organismen nur dann auf Dauer überleben können, wenn sie sich möglichst perfekt an ihre Umgebung anpassen. Häufig wird dafür der Begriff der Adaptation verwendet. Vor einigen Jahren warfen Stephen Jay Gould und Elisabeth Vrba den Begriff der Exaptation in die Diskussion. Damit ist gemeint, dass es in der Evolution Funktionen gibt, für die vordergründig kein Bedarf besteht, für die sich aber im Laufe der Zeit neue, unvorhergesehene Verwendungsmöglichkeiten finden, die wiederum die Überlebensfähigkeit einer Spezies erhöhen. Hätte man sie, salopp formuliert, von Anfang an aus dem Programm entfernt, hätte diese Spezies keine Möglichkeit gehabt, auf gravierende Veränderungen in der Umwelt zu reagieren. Dazu ist ein gewisses Maß an Redundanz im Sinne von Gregory Bateson nötig. Adolf Portmann hob in seinem Buch An den Grenzen des Wissens – Vom Beitrag der Biologie zu einem neuen Weltbild den Wert des Funktionslosen hervor. Darin sprach er von dem Spielraum des Offenen, der zu Varianten führt, für die das funktionale Denken keine Erklärung hat. Das reine Funktionieren kann daher nicht das alleinige Lebensziel sein. Fortschritt benötigt ein gewisses Maß an Über-das-Ziel-Hinausschießen.
Der (fast) immer weise Volksmund weiss es doch schon sehr lange, wenn er altklug sagt: Man weiss ja nie, WOZU etwas auch gut sein kann !
@dieterbohrer 27. September 2013 um 09:58
sagt:
„Der (fast) immer weise Volksmund weiss es doch schon sehr lange, wenn er altklug sagt: Man weiss ja nie, WOZU etwas auch gut sein kann !“
Das scheint (!) passend zu klingen, ist es aber dennoch mindestens eben seit Bateson wohl eher nicht, denn der weiß sehr wohl zumindest daß „es“ zu etwas gut sein kann, könnte, ja sollte, oder noch besser ist, wenn OFFENHEIT und MindestREDUNDANZ erhalten wird, wie das nur offene Systeme schaffen.
Wenn du, verehrter Dieterbohrer, hier den Volksmund (der sich eigentlich darum im allgemeinen nicht kümmert) oder altvordere Weise zu diesem Problem „sprechen“ lassen möchtest, dann versuch es doch mal hiermit:
„in allem, was du tust, laß einen REST …!
(„gewisses Maß an Redundanz im Sinne von Gregory Bateson“)
auch
„Gelingt Dir etwas, treib es nicht zu weit …“
(Adolf Portmann / Wert des Funktionslosen)
oder
„Was du liebst, laß frei, so kommt es zu dir zurück…“
(Adolf Portmann /Spielraum des Offenen)
Ja, der freie (!) Rest – wie Redundanz, die frei herumlungernde weil funktionsfreie BereitschaftsReserve der Evolution als deren Künstlerisches Potenzial …
Allerdings macht nicht Volksweisheit das so, die ist nur das Beobachtungsresultat von evolutionärem – und damit bestaunbarem Leben.
Nur erschließt sich mit Ralf Keupers dankenswertem Text nicht, wieso diese schöne und sicher enorm einflußreiche Tücke der Evolution, die Exaptation, als Argument gegen das Prinzip der Adaption, nach dem „Lebewesen und Organismen nur dann auf Dauer überleben können, wenn sie sich möglichst perfekt an ihre Umgebung anpassen“, sprechen sollte, denn Exaptation ist doch nur eine weitere Quelle dafür, diese bestmöglichste Umweltanpassung zu erweitern und zu vergrößern und nicht für das Gegenteil.
Auch in diesen Theorien der Adaption und Exaptation sollten Volksmund wie Bateson und Portmann evolutionaristisch stets frei und offen präsent sein:
In allem was du tust (und denkst?!), laß einen Rest Redundanz, DEN Spielraum des Offenen
z.B. den des OFFENEN INTERNETS