Geheimdienst-GAU
von Kusanowsky
Günter Hack hat unter dem Titel Sterbende Götter: Die Geheimdienst-Theodizee einen sehr wichtigen Punkt thematisiert. Dabei geht es um die Möglichkeit eines Geheimdienst-GAUs. Was wäre, wenn sich nach dem nächsten Terroranschlag heraus stellt, dass die vorbereitenden Planungen von den Geheimdiensten gar nicht entdeckt wurden, und dies womöglich auch noch, obwohl die Terroristen sich gar nicht darum kümmerten, ihre Planungen verschlüsselt zu kommunizieren? Günter Hack verknüpft diese Überlegung mit der Theodizee-Problematik der alten Theologie (ein Gedanke, der mir 2011 im Zusammenhang mit der Fukushima-Katastrophe gekommen war):
Das Ende einer Machtmechanik – Die Machtmechanik funktionierte bisher so: Jeden neuen Anschlag oder Anschlagsversuch irgendwo auf der Welt nutzten die Dienste und ihre Verbündeten in der Politik dazu, ihre Befugnisse auszuweiten. Nun ist das System aber überdreht. Alle Regeln der parlamentarischen Demokratie, sämtliche Gesetze und Verfassungsbestimmungen scheinen gebrochen und ignoriert, sämtliche Datenbanken und Betriebssysteme geknackt. Die NSA ist offenbar überall.
Aber: Mehr geht nicht. Wenn die NSA in den westlichen Industriestaaten tatsächlich an die Stelle der Figur des monotheistischen Gottes, des allwissenden und gütigen Beschützers, der Ur-Vaterfigur, getreten ist, dann wird sie auch deren historisches Schicksal erleiden. Neue Anschläge werden seit den Snowden-Enthüllungen nun nicht mehr zu automatischem Machtzuwachs führen, sondern zu unbequemen Fragen. „Wenn ihr schon alles dürft und alles könnt und alles wisst“, so wird es heißen, „Warum habt ihr den Anschlag dann nicht verhindert?“ Die Geheimdienste werden es also mit der Theodizee-Frage zu tun bekommen.
Vielleicht wird sich dann auch heraustellen, was schon die alten Theologen nur mit höchster Not erkannten, aber nicht bekennen konnten, nämlich den logischen Gedanken, dass, wenn Gott die Welt geschaffen hat, er auch das Böse geschaffen haben muss. Wer kann glauben, dass die Sicherheitsbehörden nicht mit V-Leuten in diesen Terrornetzwerken verwickelt sind?
Aber es ist schon vorhersehbar was geschehen wird, wenn sich ein solcher Geheimdienst-GAU ereignen sollte: nichts. Es wird einfach weiter gehen, sobald alle relevatenten Irritationen abgehakt wurden.
Hehe, tja, wenn Gott alles weiß und alles kann … aber das erwartet ja keiner. Es genügt ja für die „Gottesrechtfertigung“ z.B. zu verlautbaren, der HErr habe in den letzten 5 Jahren 40 Anschläge (oder so) vereitelt. Dieser „Allsehende“ müsste sogar gelegentlich etwas durchlassen, weil seine Rechtfertigung nicht in seiner Hirtenfunktion liegt, sondern sich seine Existenz durch die Angst vor den Wölfen gerechtfertigt.
Und ansonsten bedarf es für seine Existenz keines Beweises. Es reicht, an die Angst zu glauben, also an den Satan. Und das fällt ja vorläufig nicht schwer, obschon bereits Fragen aufkamen, wie viele Menschen denn dieser „Gott“ vor dem frühzeitigen Tod bewahrt effektiv habe, während er Hunderte von Milliarden Dollar verschlungen hat … und wie viel mehr Menschen erhielten keinen Schutz und wurden abgeknallt, erst gestern wieder war man in Washington erschüttert? Dies ist ein Gott, der eher einem Schutzengel gleicht … so dass man fragen müsste: Wenn genau beschützt er denn nun und wen nicht?
Lassen wir den „lieben Gott“ außen vor. In Abwandlung eines Marx-Zitates würde ich behaupten: „Der Geheimdienst ist ein Machtinstrument der herrschenden Klasse.“ Somit ändert sich der Geheimdienst nur, wenn sich die herrschende Klasse ändert. Dem Metier wohnt aber unabhängig von der Gesellschaftsordnung inne, dass es nachgerade zum Mißbrauch einlädt. Ob sich das irgendwie abstellen lässt? Ich weiß es nicht…