Differentia

Monat: September, 2013

Welches Problem kann mit Urheberschaft noch hergestellt werden?

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Bei der Vorstellung von Urheberschaft handelt es sich um eine sozial standardisierte Fiktion, deren Realität zustande kommen kann, wenn die Beanspruchung von Urheberschaft nicht nur gefordert, sondern auch zugestanden und nicht mehr bezweifelt wird. Das heißt, dass nicht etwa Urheberschaft Voraussetzung für eine solche soziale Standardisierung ist. Vielmehr verhält es sich andersherum. Sobald aufgrund zirkulierender Schriften Unklarheiten darüber entstehen, welchem Schreiber was zuzurechnen ist, wird Urheberschaft zu einem Problem, das durch weitere Verbreitung von Schriften gelöst wird und wodurch sich nach einigen Durchläufen eine Standardisierung ergibt, Wobei eine solche Standardisierung nur zustande kommen kann, wenn die Problemstruktur durch die Lösung aufgrund einer Diversität von Verbreitungsmöglichkeiten selbst differenziert wird.

Warum ist diese standardisierte Fiktion aber so hartnäckig? Da mag daran liegen, dass dieser Standard im Laufe der letzten 200 Jahre soziale Routinen ausgebildet hat, durch die erfolgreich verdrängt wurde, dass es zuvor ca. 200 gedauert hat, um einen solchen Standard überhaupt sozial zu erlernen. Das heißt, grob gerechnet, gibt es ein 400 Jahre währendes Erfahrungsprogramm, das man genau so grob in drei Phasen einteilen könnte:

1. bis 1600 Herausbildung, Differenzierung des Problems; 2. 1600 bis 1800 Erfahrungsbildung und Standardisierung; 1800 – 2000 Differenzierung der Lösung.

Nicht zufällig fällt die letzte Phase in die Zeit der Industrialisierung. Und die durch das Internet nun aufkommenden Störungen fallen zusammen mit der fortschreitenden Deindustrialisierung und den sich jetzt zeigenden Aufdeckungen dessen, was vorher erfolgreich durch die Routinen als Problem aufgeschoben wurde, nämlich, dass die Wissensproduktion eine soziale Funktion ist und keine Aufgabe von einzelnen Menschen. Dass man das Gegenteil glauben möchte, hängt mit den Verdrängungen zusammen, die durch diese standardisierte Fiktion von Urheberschaft zustande kamen. Will man nämlich glauben, es seien einzelne Menschen Produzenten und Träger des Wissens, so könnte fragen: wer denn? Wenn die Antwort lautet: Ich! – dann kann man fragen, wen das etwas angeht. Und wenn dich diese Antwort etwas angeht, könntest du diese Antwort bezweifeln oder bestätigen. Beide Entgegnungen tragen zur Differenzierung des Problems bei, welche im Laufe der Zeit eine Intransparenz des Problems erzeugt. Und irgendwann schlägt diese Intransparenz in die Lösung um, die nur besagt, dass niemand Urheberschaft bezweifelt. (Grund für die Lösung: auch der Zweifler will seinen Zweifel öffentlich bekannt geben und ihn begründen!) Für die Lösung gilt dann aber, sobald sie gefunden ist, das selbe. Wird sie differenziert, steigert sich ihre Intransparenz und das Problem bricht erneut auf. Dann aber unter gänzlich veränderten Bedingungen. Einzelne Menschen können solche Wissens- und Erfahrungsbildungsprozesse weder einfach herstellen noch beenden.

Im alten und ursprünglichen Sinne des Wortes hat das Internet daher eine apokalyptische Funktion. Es deckt auf, enthüllt, offenbart, es zeigt, was als Lösung nicht mehr taugt und zeigt zugleich, was als neues Problem anfällt. Die Frage lautet nicht mehr, wer der Urheber ist, sondern wie die soziale Wissensproduktion funktioniert.

An der aktuellen Diskussion kann man bemerken, dass niemand die Fiktion der Urheberschaft bestreitet. Diese soziale Standardisierung wird von kaum jemandem geleugnet, auch nicht von Internetpiraten. Dass aber eine Lösung für das jetzt anfallende Problem nur schwer gefunden werden kann, hängt vielleicht damit zusammen, dass für dieses jetzt aufkommende Problem keine selbstreferenzielle Rekursion vorgenommen wird. Geschähe dies nämlich, könnte man schnell zur Sache kommen:

Die Internetpiraten und Filesharer verlagen prinzipielle Freiheit des Netzes, womit gesagt sein soll, dass niemand die Regeln der Kommunikation einseitig und allein durchsetzen kann. Dies gelte für alle Nutzer des Internets, auch für solche, die keine Piraten sind. Was müssten die Eigner von Urheberrechtsansprüchen entsprechend tun? Sie könnten mit Piratenmethoden den Piratenprotest unterwandern. Aber das ist nicht einfach und verlangt künstlerische Intelligenz, die nicht leicht zu  finden ist.

Einfach ist das deshalb nicht, da – wie im vorhergehenden Artikel beschrieben – nunmehr nur langsam die Einsicht dämmert, dass nicht nur das Lesen von Texten etwas kostet, sondern auch das Schreiben. Beides ist nun aber keineswegs selbstverständlich. Und darum ist nicht so leicht zu erkennen, wie es weiter gehen könnte, weshalb der Protest, wenn er zwar nichts bringt, so doch immerhin etwas ist, das man machen kann, was nur daran liegt, dass hartnäckig gemeint wird, man müsse etwas machen.

Aber was wäre, wenn man das leugnet?

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„Dass Lesen Geld kostet, ist ein Übel …“ #urberheber #literatur #massenmedien

Dass Lesen Geld kostet, ist ein Übel, dessen Notwendigkeit es immer neu zu beweisen gilt.

Diesen Satz findet man nicht etwa beim Postillion geschrieben, sondern in der Deklaration einer Gruppe deutschsprachiger Schriftsteller, die darin ihre Übellegungen zur Rettung ihres literarischen Schaffens angesichts der Textflut des Internets zum Ausdruck bringen. Diese Deklaration kann man in einer „einerseits-andererseits“- These zusammen fassen: einerseits haben nun auch die Schriftsteller herausgefunden, dass nicht nur die Menge verfügbarer und lesbarer Texte gestiegen ist, sondern auch die Menge möglicher Leser und dass es daher keinen Grund gäbe sich, sich der Verbreitung digital vefügbarer Texte weiterhin entgegen zu stellen. Andererseits aber wollen diese Schrifsteller nicht ihre Bemühungen aufgeben, von ihren Lesern einen Obolus einzunehmen, weil das Lesen nämlich Geld koste und damit ein unverzichtbares Übel sei, dass immer wieder hergestellt werden müsse, damit die Schriftsteller von irgendwas leben können.

In dieser Widerspenstigkeit zeigt sich genau das Schicksal einer trivial gewordenen faustischen Genialität. Das Zustande kommen des modernen Geniekonzepts zeichnete sich dadurch aus, dass es ein Ersatz für das Fehlen einer Erklärung hinsichtlich einer sozial er- und vermittelten Beobachtbarkeit von Schriftstellern darstellte. Weil der soziale Zusammenhang der Literaturproduktion, der insbesondere im Zugang zu Massenmedien durch Verlage lag, nicht reflektiert wurde, entstand die Annahme  einer persönlichen Genialität, die es vermöge, die Werke aus sich selbst heraus heraus zu erschaffen. Denn die Schreiber waren über Verlage organisiert und damit auf einem Markt adressierbar, die Leser jedoch nicht, woraus sich eine Struktur ergab, die auf das Schreiben und das Lesen notwendig angewiesen war, die aber nur das Schreiben – die gebündelte Hinterlassung Schriftzeichen auf Papier – als zurechenbare Operation berücksichtigte, wohingegen das Lesen, das genauso unverzichtbar ist, nirgendwo zugerechnet werden konnte. Das hatte zur Folge, dass der Schreiber als Genie in Erscheinung trat, weil die Struktur es nicht zuließ, den sozialen Produktionsprozess doppelseitig zu reflektieren. Irgendwelche Leser waren zwar irgendwie notwendig und mussten immer schon irgednwo vorhanden sein, damit herausgefunden werden konnte, wer was geschrieben hatte. Aber Leser waren nicht erreichbar und darum auch nicht honorierbar, weshalb nicht erkennbar wurde, dass die Leser einen ganz erheblichen Teil der Prominenzsteigerung von Schreibern erbrachten. Daher das Genie. Es musste offensichtlich ein Zauberkünstler sein, der es Kraft seiner Genialität vermochte, die Menschheit mit großartigen Werken zu beglücken. Die Zauberkunst bestand darin, die sozialen Erfolgsbedingungen des Zustandekommens zu ignorieren und ihre Bedeutsamkeit für die Erklärung des Zustandekommens von Literatur zu vermeiden. Literatur wird sozial produziert. Die Einsamkeit des Schreibers ist keine soziale Situation, auch nicht die Einsamkeit eines Verlagsbüros, die Einsamkeit einer Buchhandlung oder die Einsamkeit eines Lesers. Erst ein soziales Geschehen verbindet diese Einsamkeiten zirkulär und macht sie auf diese Weise relevant.

Der Glaube an ein Genie war nur die Möglichkeit, diesem Zirkelgeschehen in der Reflexion auszuweichen, was übrigens eine Bedingung dafür war, dass der Zirkel überhaupt zustande kommen konnte. Er musste an dieser Stelle wie an jeder anderen angefangen werden, damit er sich schließen konnte. Der Zirkel musste gleichzeitig von vielen Stellen begonnen werden. Das bedeutet, dass er immer schon geschlossen war, wenn damit angefangen wurde. Denn wie sonst hätte jedes notwendige Elemente mit jedem anderen in Verbindung treten können, wäre Unerreichbarkeit die Voraussetzung gewesen?  Weil aber Erreichbarkeit immer schon voraus gesetzt war, konnte der Zirkel einerseits geschlossen und andererseits von jeder Stelle aus ignoriert werden.
Wenn überhaupt etwas zaubern kann, dann ist das die soziale Alchemie der Kommunikation. Das Geniekonzept ist aber asozialer Herkunft. Besser gesagt: seine Herkunft war die sozial akzeptierte Rechtfertigung seines asozialen Ursprungs.

Aus der oben genannten Deklaration geht nun hervor was passiert, wenn diese soziale Vermeidungsstrategie nicht mehr durchhaltbar ist. Es wird behaupet: „Dass Lesen Geld kostet, ist ein Übel, dessen Notwendigkeit es immer neu zu beweisen gilt“ – womit noch einmal der Versuch gewagt wird, die Vermeidungsstrategie zu rechtfertigen, und dies, obwohl die Erfolgsbedingungen für eine gelingende Rechtfertigung nach eigener Auskunft gar nicht mehr gegeben sind. Denn was diese Deklaration zwar andeutet, aber nicht gründlich durchdenkt ist, dass die Unterscheidung zwischen Lesern und Schreibern ihre Relevanz verloren hat. Jeder schreibt, der schreiben will und schreiben kann, was für den Leser genauso gilt.

Und das heißt, dass nicht nur Lesen etwas kostet, sondern auch das Schreiben. Aber beides ist gar kein Übel, sondern ist eine Notwendigkeit, die sich immer wieder einstellt, wenn Literatur produziert wird.

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