Differentia

Monat: August, 2013

Trolle und Dunkeltrolle

Bei Anatol Stefanowitsch findet sich eine Liste von Vermeidungsratschlägen, die zur Beachtung empfohlen werden, aber eingestandenermaßen ungeeignet sind, um die Trolle wieder los zu werden, die man sich gar nicht erst einfangen würde, würde man sie sich gar nicht erst einfangen:

Leider habe ich auch keinen Ausweg, aber folgende Verhaltensweisen haben mir selbst in der Vergangenheit geholfen

Ihm selbst haben seine Ratschläge also geholfen. Das ist sehr überzeugend. Als ich mir neulich selbst einen Ratschlag gegeben habe, hat er auch ganz vortrefflich geholfen, weshalb ich diesen Ratschlag allen weiter geben möchte, obwohl ich natürlich auch keinen Ausweg kenne. Der Ratschlag lautet: wenn du die Trolle nicht vermeiden kannst, versuche dir darüber klar zu werden, dass die Trolle dich auch nicht vermeiden können. Denn: auch die Trolle kennen keinen Ausweg.
Wer einwenden wollte, dass das den Trollen egal sein könnte, weil sie apriori immer auf der schlechten Seite der Moral stünden und keinen Ausweg finden wollen; die ehrlichen und anständigen Anatols dieser Welt aber immer auf der besseren Seite der Moral stehen und darum immer im Nachteil sind, weil nichts so schwach ist wie die Stärke einer anständigen und ehrlichen Moral, die nichts so sehr begehrt wie einen Ausweg, sollte sich fragen, auf welcher dunklen Seite der Welt solche Einwände überzeugen könnten?

Ist denn nicht die ehrlichste und anständigste Moral schon immer der geeignete Ausweg, weil sie aufgrund ihrer Superiorität so begehrt ist? Und wenn nicht, was soll der Quatsch? Ich vermute, dass dieser Quatsch eine Art Provokation darstellt, die dazu verführen soll, zwischen Anatol und Dunkelanatol begrifflich zu unterscheiden. Das ist zwar auch kein Ausweg, könnte aber helfen, in dem selbst gewählten Gefängnis etwas mehr Heiterkeit zu verbreiten.

Denn es ist manchmal nicht nur notwendig, die anderen los zu werden, sondern auch sich selbst. Dafür gibt es zwei geeignete Reaktionen: die Empörung und das Gelächter. Und wer gelernt hat, über sich selbst zu lachen, kann auch lernen, sich über sich selbst zu empören.

Ich habe von diesem Ausweg schon mehrere Male Gebrauch gemacht, kann ihn aber nicht weiter empfehlen. Die Ergebnisse sind nur auf dunklen Seite der Welt zu ertragen.

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Lustig: „Ihr gehört nur mal ordentlich durchgevögelt“ #om13 #aufschrei

Auf der #om13 gab es einen Vortrag von Jasna Strick über Hasskommentare anlässlich des sogenannten Twitter-Aufschreis. Ab Minute 4.42 zeigt das Video wie die Rednerin genüsslich Hasskommentare präsentiert, die zwar vom Publikum mit Gelächter goutiert werden, aber dem Kontext nach die Bedeutung des Degoutierens haben. Das Gelächter signalisiert Ablehnung und Abscheu.
Das Publikum bleibt von der Kamera ausgeblendet. Man kann nur die erregte und belustige Stimme der Rederin und ihr Gesicht sehen, aber nicht die Freude auf den Gesichtern des sonst schweigenden Publikums.
Die Kommentare der Rednerin sprechen von der Intention, die Unhaltbarkeit, die Abwegigkeit, die Scheußlichkeit dieser präsentierten Kommentare zu betonen und man kann ihr leicht jedes Wort glauben. Denn das, was sie sagt und das, was sie präsentiert, lässt wenig Spielraum für anderweitige Spekulationen hinsichtlich des intentionalen Gehalts der Rede.

Was ich mich aber frage ist, welchen trifftigen Grund diese Ausführlichkeit der Präsentation hat. Schon der zweite, dritte Beispielkommentar lässt gar keinen Zweifel mehr an der Abscheulichkeit und keinen Zweifel an der aufrichtigen Empörung der Rednerin zu, aber es folgen sehr viele weitere Beispiele, die für einen weiteren Erkenntnisgewinn in dieser Sache gar nichts beitragen. Die Show hätte, weil bei solchen Vortragsgelegenheiten ohnehin immer nur sehr wenig Zeit ist, um etwas wichtiges zur Sprache zu bringen, genauso gut auf ein oder zwei Minuten beschränkt werden können.
Das lässt die Vermutung zu, dass es um eine andere Sache geht. Aber um welche?

Kann man vielleicht argumentieren, dass es sich bei dieser Art der Vorführung, die eine Belustigung als Abscheu aufführt, gar nicht darum geht, die Unrechtserfahrung durch sexistische Kommunikation zur Sprache zu bringen, sondern – gerade weil der Wahrnehmung völlig widersprüchliche Signale übergeben werden, indem Abscheu durch freudiges Gelächter kundgetan wird, und die Wahrnehmung nur mit viel Konzentration und Aufmerksamkeit einigermaßen treffsicher die Intention des Mittgeteilten verfolgen kann, ohne auf einen anderen Gedanken zu kommen – es eher darum geht, die Unhaltbarkeit dieser Szenerie durch ihre Aufführung vorzuführen.
Der gemeinten Sache nach ist die Vielzahl der präsentierten Hasskommentare nicht dazu geeignet, einen anderen Erkenntnisgewinn herzustellen als einen, der sich schon nach sehr wenigen Beispielkommentaren einstellt. Auf der Ebene des Kommentierens der Kommentare wird die Unhaltbarkeit des Kommentierten mitgeteilt und es wird dabei übersehen, dass die beinahe unzumutbare Dauer der Präsentation darauf aufmerksam macht, dass sie selbst unhaltbar ist. Die Länge lässt einen ganz anderen Gedanken Aufkommen, der dann aber nicht mehr der Absicht des Mitgeteilten entspricht.

Wenn es der Sache nach um Unrechtserfahrung durch sexistische Kommunikation ginge, dann wäre es doch naheliegend, die psychischen Auswirkungen im Detail zu analysieren, also die emotionalen Schockwirkungen und widersprüchlichen Empfindungen, die Erfahrung der Angst, der Bedrängung, der Verstrickung in undurchaubare Gefühlssituationen.
Stattdessen werden in der Präsentation die Anlässse für solche Unrechtserfahrungen vorgeführt und der gemeinschaftlichen Abscheuempfindung überlassen.
Obendrein kommt hinzu, dass diese Vorführung keinen Aufklärungscharakter hat, sondern nur eine Unterhaltungswirkung entfaltet, indem die eigene Empörung zur Schau gestellt wird. In dieser Hinsicht ist sie genauso abscheulich wie das, was präsentiert wird, weil sie mit dafür sorgt, dass diese Hasskommunikation einfach immer weiter geht. Sie sorgt dafür, weil sie keine andere Unterscheidung vorschlägt als diejenige, durch die diese Hasskommunikation codiert wird.

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